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Johann Wolfgang Goethe - WILLKOMMEN UND ABSCHIED



Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!

Es war getan fast eh gedacht.
      Der Abend wiegte schon die Erde,

Und an den Bergen hing die Nacht;
Schon stand im Nebelkleid die Eiche,

Ein aufgetürmter Riese, da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche

Mit hundert schwarzen Augen sah.


      Der Mond von einem Wolkenhügel Sah kläglich aus dem Duft hervor, Die Winde schwangen leise Flügel, Umsausten schauerlich mein Ohr; Die Nacht schuf tausend Ungeheuer, Doch frisch und fröhlich war mein Mut: In meinen Adern welches Feuer! In meinem Herzen welche Glut!
Dich sah ich, und die milde Freude Floß von dem süßen Blick auf mich; Ganz war mein Herz an deiner Seite Und jeder Atemzug für dich. Ein rosenfarbnes Frühlingswetter Umgab das liebliche Gesicht, Und Zärtlichkeit für mich — ihr Götter! Ich hofft es, ich verdient es nicht!
Doch ach, schon mit der Morgensonne Verengt der Abschied mir das Herz: In deinen Küssen welche Wonne! In deinem Auge welcher Schmerz! Ich ging, du standst und sahst zur Erden, Und sahst mir nach mit nassem Blick: Und doch, welch Glück, geliebt zu werden! Und lieben, Götter, welch ein Glück!
'Willkommen und Abschied ist wohl ineben Mailied das bekannteste Gedicht aus der sogenannten Sesenheimer Lyrik. Unter dem Einfluß Herders, iden Goethe während seines Straßburger Studienaufenthalts 1770—1771 kennenlernte, überwand er die tändelnd modische Dichtungsweise der Anakreontik, indem er sich am schlichten Ausdruck des Volksliedes schulte, einer Lyrik, die in der Auffassung der Stürmer und Dränger den Geist eines ganzen Volkes auszusprechen und auszudrücken imstande ist. Zu diesem geistigen Erleben kam noch das Liebesverhältnis mit Friederike Brion, der Sesenheimer Pfarrerstochter hinzu, und so fand Goethe erstmalig den unverwechselbar individuellen Ton in seiner Lyrik.
      Die lyrische Situation, die dem Gedicht zugrunde liegt, ist einfach und übersichtlich: der Liebende reitet bei einbrechender Dunkelheit zu seiner Geliebten. Nach der Begegnung der beiden erfolgt sehr bald, bei Tagesanbruch, auch der Abschied. Walter Killy hebt in seinem Buch Wandlungen des lyrischen Bildes bezüglich der Anlage der Goethe-schen Gedichte hervor, daß das Erlebnismäßige, oft biographisch belegbar, den Urgrund der meisten seiner Gedichte bildet.
      Lange Zeit hindurch hat sich die Forschung darin erschöpft, diesen biographischen Anlaß bei jedem Gedicht möglichst einwandfrei festzustellen. Er bildet aber bloß den Ausgangspunkt und muß in seiner Bild- und Gedankenwerdung bei der Auslegung verfolgt werden. Denn Erleben, Bild und Idee bilden in der Lyrik des selbstbewußten bürgerlichen Dichters eine harmonische Einheit, sie gehen ineinander über, das eine wird aus dem anderen; sie sind auch als die drei Hauptkomponenten des lyrischen Gedichtes bei Goethe gleich stark.
      Das Naturbild, das die erste Strophe erfüllt, ist dementsprechend nicht bloß stimmungsmäßiger Eingang. Es wird mehr, es wird erlebte Welt gesehen durch das Prisma des fühlenden Ich. Der Aufbruch geschieht ganz plötzlich und schon sieht sich der Liebende einer gewaltigen Natur gegenüber. Kosmisch sind die Dimensionen dieses Bildes, entsprechend dem alles Irdische übersteigenden Hochgefühl der Erwartung, das an diesem Anfang gestaltet wird. Der Abend wiegte schon die Erde — diese Vorstellung hat trotz ihrer übermenschlichen Ausmaße nichts von anorganischer Kälte an sich, denn sie enthält einen mensch-liehen, ja sogar häuslich-intimen Vorgang. Wenn man auch hier von einer Personifikation sprechen könnte, so erweist sich dieser Begriff für die nächste Zeile als nicht zureichend: Und an den Bergen hing die Nacht. Die Nacht wird durch das Tätigkeitswort hängen in Aktion gesehen und damit konnte die Statik des Bildes aufgehoben werden. Hängen ist nun auch kein menschliches Verhalten, man kann also auch von keiner Personifikation sprechen, trotzdem wird das Naturphänomen durch die spezifische Bildgebung verlebendigt, um nicht zu sagen vergeistigt. Dasselbe läßt sich auch für das nächste Bild anwenden: schon stand im Nebelkleid die Eiche I ein aufgetürmter Riese da,... Diesmal ist allerdings die Personifikation im Nebelkleid versteckt, doch läßt der Vergleich der Eiche mit dem Riesen erst recht deutlich werden, was Goethe gemeint hat. Er gibt dem Baum eine geheimnisvolle Märchengestalt, auch er wird also zu einem Wesen. Selbst die Finsternis, das Undurchschaubare wird zu etwas Lebendigem, das selbst hundert Augen hat. Die kosmische Dimensionierung vom Anfang der Strophe findet in der Hyperbolisierung aufgetürmter Riese und in den hundert schwarzen Augen der Finsternis ihre entprechende Fortführung.
      Personifizierung und Hyperbolisierung sind die Grundfiguren, die dem Naturbild der Eingangsstrophe seine spezifische Prägung verleihen. Dabei wird die Personifikation nicht etwa wie bei Matthias Claudius dazu verwendet, die Natur zu vermenschlichen, vertrauter zu machen, sie ins Alltägliche einzubeziehen, nein, ganz im Gegenteil: Goethe erfährt eine Natur mit Eigenleben. Für den Spinozisten ist sie selbst Geist.
      Wichtig ist also, daß die einzelnen Naturphänomene in ihrer Lebendigkeit erfaßt werden, d.h. in ihrer Wesenhaftigkeit — ihr Wesen bleibt dabei geheimnisvoll. Das ist eine Welt, die dem erwartungsvollen, selbstbewußten Ich gemäß ist, das gleiche Lebensgefühl durchpulst sie beide. Daher kann man im Falle des Gedichtes Willkommen und Abschied nicht in herkömmlichem Sinne von einem Natureingang sprechen. Denn nicht die Natur gibt dem lyrischen Ich die Stimmung ein, sondern sie ist gleichgestellter Partner, ebenso lebendig fühlend wie er selbst. Auf einer ersten Stufe läßt sich demnach diese Kongruenz von Erleben und Bild feststellen — Ich und Natur sind in dieser Strophe wesentlich gleichgestimmt.
      In der zweiten verlieren die Naturgegenstände ihre festen Konturen mehr und mehr. Sie lösen sich ganz in Geheimnis auf, das diesmal eine andere Akzentuierung erhält durch das Beiwort schauerlich und durch das Bild Ungeheuer — erschreckend, grauenerregend erweist sich also dieses Geheimnis in der Natur. Doch kann es das lyrische Ich nicht in seinen Bann ziehen, im Gegenteil, es wirkt geradezu als Herausfor-derung für den erwartungsvoll gespannten Liebenden, sein individuelles Empfinden der Naturstimmung entgegenzuhalten. Deutlicher vielleicht als aus dem anfänglichen Einklang von Ich und Natur geht aus dieser Opposition die Eigenwertigkeit der beiden Partner hervor, vor allem die stolze Behauptung individuellen Fühlens. Die letzten zwei Zeilen dieser Strophe haben darüber hinaus noch die Funktion, den Ãœbergang zu der nächsten zu realisieren, denn hier wird über die Gefühlslage des Ich genaueres ausgesagt, und das ist eine wesentliche Voraussetzung für das Verständnis der Begegnung von Du und Ich.
      Das Beieinandersein der Liebenden wird hier zum Bild des Einsseins. Nicht nur werden Blick und Herz getauscht, auch in der sprachlichen Struktur gestaltet der Anfang der dritten Strophe diese innige Verschmelzung: die Personalpronomina ich und du, respektive die Posse-sivpronomina mein und dein werden hier nämlich eigenartig verschränkt:
Dich sah ich, und die milde Freude Floß von dem süßen Blick auf mich; Ganz war mein Herz an deiner Seite Und jeder Atemzug für dich!
Zeile eins und drei enthält sie beide, Zeile drei und vier jeweils eines, also ergibt sich eine Verknüpfung von Ich und Du sowohl innerhalb einer Zeile, als auch zwischen den Zeilen.
      Gestalt und Verhalten der Geliebten wird im weiteren Verlauf der Strophe zugleich ins Bild gebracht.
      Die Attribute rosenfarhen, lieblich lassen im Verein mit Frühlingswetter und Zärtlichkeit die Geliebte als etwas physisch und ethisch Werthaftes, Frisches, Jugendliches erscheinen. Der Höhepunkt der Glücksempfindung ist damit erreicht. Der Dichter kann ihm nur durch den Ausruf Ihr Götter! Ausdruck verleihen. Er ruft damit all die Wesen an, von denen er die Natur belebt empfindet, ihnen fühlt er sich auf der Höhe des Glücks ebenbürtig.
      Auch diesmal wird kompositorisch die Wendung von der dritten Strophe, der Strophe der Liebesbegegnung, zur letzten, der Strophe des Abschieds, wohl vorbereitet. Das rosenfarbne Frühlingswetter, hier noch als Attribut der Geliebten gebraucht, wird aus der Perspektive des Endes zugleich auch zum Morgenrot, zur Ankündigung der Trennung; die letzte Zeile Ich hofft es, ich verdient es nicht! bereitet hingegen die tieferen Ursachen dieser Wendung vor.
      Abgesehen von den Ausrufen In deinen Küssen welche Wonne! I in deinem Auge welcher Schmerz! wird der Abschied sehr verhalten dargestellt, er reduziert sich gleichsam auf die kleine Szene, die sich aus diesem Motiv ergibt. Bemerkenswert ist, daß die einzelnen, insehr kurzen, abgehackten Sätzen wiedergegebenen Handlungen zu einer Distanzierung tendieren; von seelischen Vorgängen wie Verengt der Abschied mir das Herz wird zu äußeren übergegangen: Ich ging, du standst und sahst zur Erden, I und sahst mir nach mit nassem Blick. Meisterhaft wird bei dieser Gelegenheit das schmerzliche Erleben auf das Du übergeleitet.
      Die beiden Ausrufe nur durchbrechen diese Stilhaltung. Sie enthalten einen Gegensatz, einen offenen Widerspruch — Wonne und Schmerz — eine ähnliche Oppostion also, wie sie auch der Titel Willkommen und Abschied enthält. Vom Ende des Gedichtes her läßt sich erst ihre ganze Bedeutung erfassen: denn er bedeutet mehr als nur ein motivisches Anklingen der lyrischen Situation, er enthält zwei Bewegungen, die im wesentlichen den Aufbau des Gedichtes bestimmen. Unter dem Zeichen des Willkommen erhalten die grandiosen Naturbilder in Strophe eins und zwei erst ihren Stellenwert. Die Liebesbegegnung, der Höhepunkt des Glückes in der dritten Strophe, wird schon mit den Tönen des Abschieds untermalt, die dann am Ende mächtig hervorbrechen.
      Willkommen und Abschied, Liebeswonne und Liebesschmerz sind, wie Goethe das in diesem Gedicht zum Ausdruck bringt, zwei Komponenten im Leben des Menschen, die eng miteinender verknüpft sind, die sich gegenseitig bedingen als ewig wirkendes Lebensgesetz. Am Schluß des Gedichtes aber findet Goethe trotz der Erkenntnis dieses Gesetzes oder vielleicht gerade durch sie zu Ausrufen des Glücks. Sprachlich wird durch den Doch-Satz eine ähnliche Opposition erzeugt, wie die zwischen Ich und Natur am Ende der zweiten Strophe. Auch hier trotzt das selbstbewußte Ich, diesmal einem Lebensgesetz. Trotz der Fragwürdigkeit menschlichen Glückempfindens bekennt er sich dazu; Liebe und Schmerz, Willkommen und Abschied sind dessen notwendige innere Gegensätze und das Ich fühlt die Kraft in sich, sie zu versöhnen. Es nimmt die Lebenswidersprüche in sich auf und ringt sich zu deren Bejahung durch. Aufgrund dieser Fähigkeit wird der Mensch gottähnlich, d.h. er wird zu einem höheren, freien Wesen — nichts anderes besagt der Ausruf Götter, der in das lyrische Urteil eingewoben ist.
      Trotz ihrer Gefühlsgeladenheit enthalten die letzten zwei Zeilen des Gedichtes tatsächlich ein Urteil, sie bringen die Aussage des Dichters. Bemerkenswerterweise ändert hier Goethe die Sprechhaltung; von der ichgebundenen findet er zu einer allgemeinen : Und doch, welch Glück, geliebt zu werden I und lieben, Götter, welch ein Glück! Damit rundet sich auch die dichterische Leistung Goethes ab.
      Vom Erleben über das Bild findet er zu dem Lebensgrundsatz am Ende des Gedichtes, der als Feststellung und Aufforderung zugleich für alle Menschen gültig ist. Höchste Lebensbejahung erwächst für denselbstbewußten Stürmer und Dränger aus dem Auf-sich-nehmen der Leid- und Freuderfahrungen, des Schmerzes und der Wonne im Bewußtsein göttlicher Selbsterhöhung des Menschen durch das intensive Erleben.
      Die formale Gestalt das Gedichtes trägt der Verselbständigung individuellen Erlebens Rechnung. Jenseits der regelmäßigen Versstruktur manifestiert sich ein innerer Rhythmus, der das unruhige Auf und Ab von Willkommen und Abschied wirkungsvoll untermalt . Die ersten vier Zeilen mögen als Beispiel dienen:
Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde! Es war getan fast eh gedacht. Der Abend wiegte schon die Erde, Und an den Bergen hing die Nacht;
Die beiden ersten Sätze der Anfangszeile machen einen doppelten Stimmansatz nötig, der zwei Tonhöhen aufweist . Dadurch erscheint die Melodie unruhig, bewegt. Die zweite Zeile wiederholt diese Struktur, weil vor dem fast auch eine Pause entsteht. Demgegenüber bringen Zeile drei und vier ausschwingende Beruhigung, entsprechend dem grandiosen Abendbild.
      Das Gedicht Willkommen und Abschied stellt unter allen Gesichtspunkten ein Produkt eigenwilligen Erlebens dar. Bei all der selbstbewußten Auflehnung in Form und Gehalt darf aber nicht übersehen werden, daß Goethe sich schon mit diesem Jugendgedicht durch den sprachlichen Ausdruck und auch durch seine geistige Haltung einzufügen trachtet in eine Ordnung, also Gegensätze zu versöhnen trachtet, in der Erkenntnis des Gesetzmäßigen. Und darin ist eine Konstante zu sehen, die das gesamte lyrische Schaffen Goethes bestimmt.
     

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