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Johann Wolfgang Goethe - SULEIKA



In tausend Formen magst du dich verstecken, Doch, Allerliebste, gleich erkenn ich dich; Du magst mit Zauberschleiern dich bedecken, Allgegenwärtige, gleich erkenn ich dich.
      An der Zypresse reinstem, jungem Streben, Allschöngewachs'ne, gleich erkenn' ich dich; In des Kanales reinem Wellenleben, Allschmeichelhafte, wohl erkenn' ich dich.
      Wenn steigend sich der Wasserstrahl entfaltet, Allspielende, wie froh erkenn' ich dich; Wenn Wolke sich gestaltend umgestaltet, Allmannigfalt'ge, dort erkenn ich dich.

      An des geblümten Schleiers Wiesenteppich, Allbuntbesternte, schön erkenn ich dich; Und greift umher ein tausendarm'ger Eppich, O Allumklammernde, da kenn' ich dich.
      Wenn am Gebirg der Morgen sich entzündet, Gleich, Allerheiternde, begrüß' ich dich; Dann über mir der Himmel sich rundet, Allherzerweiternde, dann atm' ich dich.
      Was ich mit äußerm Sinn, mit innerm kenne, Du Allbelehrende, kenn' ich durch dich; Und wenn ich Allah's Namenhundert nenne, Mit jedem klingt ein Name nach für dich.
     
Die weltbewegenden Ereignisse zu Beginn des 19. Jahrhunderts haben auch auf Goethes Denken und Schaffen ihren Einfluß ausgeübt. Goethe ist von den Ereignissen tief ergriffen und bedrückt. Er gelangt zur Oberzeugung, daß der Einzelne am Laufe der Weltgeschichte nicht viel ändern kann. Deshalb sucht er seinem Wesen entsprechend, antgegen der allgemeinen politischen Verwirrung, bewahrend und fördernd zu wirken. Dem Einzelnen bleibt in solcher Situation — nach Goethe — nichts weiter übrig, als je nach Talent, Neigung und Stellung die Bildung des Volkes zu mehren und zu stärken. Unter diesem Blickwinkel ist Goethes Schaffen auch in dieser Zeitspanne im besten Sinne des Wortes politisch, auch dann, wenn ihm bewußter Abstand zum Zeitgeschehen zum Vorwurf gemacht wird.
      Goethe ist in dieser Zeit politischer Erregung vielseitig dichterisch beschäftigt, um — nach seinen Aussagen — das heilige Feuer, welches die nächste Generation so nötig haben werde, und wäre es unter der Asche, zu erhalten. Er arbeitet an Wilhelm Meisters Wanderjahre, an den Wahlverwandtschaften, an Dichtung und Wahrheit und an Faust. Auch reist Goethe in dieser Zeit viel. Er war davon überzeugt, daß Reisen Bilden heißt, daß die Begegnung mit der Welt, sei es direkt oder durch Bücher, den Dichter neu anreizt und schöpferisch fördert.
      Im Juli 1814 lernt Goethe den Diwan Hafis in der Ãœbersetzung von J. Hammer kennen. Parallel mit dem Studium des Diwan beschäftigt sich Goethe mit anderen Studien über Dichtung, Kultur und Geschichte des Orients.
      Welche Wege führen den Dichter in den Orient? Was erhofft und verspricht er sich von einer neuen Orientrezeption? Goethes Weltoffenheit, sein bürgerlicher Freisinn führt ihn jenen Kulturen zu, die er besonders wertvoll in der Herausbildung seines Menschenideals fand. So wandte er sich der griechischen Antike zu und nahm sie bewußt und aktiv in sein eigenes Sein auf, gab menschlich allgemeingültige Werte unter bürgerlichem Vorzeichen an spätere Generationen weiter. Dasselbe sollte nun auch durch den West- östlichen Diwan bezüglich des Orients geschehen. Goethe findet in der Welt des Orients eine Grundhaltung, die seiner Einstellung zum Leben entspricht. 1820 schreibt er aus Karlsbad: Diese mohammedanische Religion, Mythologie und Sitte geben Raum einer Poesie, wie sie meinem Leben ziemt. Hier findet er nach eigenem Geständnis ein ergebenes Einordnen in die Weltordnung, heiteren Ãœberblick des beweglichen immer kreis- und spiralartig wiederkehrenden Erdentreibens, Liebe und Neigung zwischen zwei Welten schwebend, alles Reale geläutert sich symbolisch auflösend. Aber nicht nur die Harmonie der Welt erlebt er am Beispiel orientalischer Lebensauffassung. Er sieht durch die west—östliche Annäherung auch einen Ausgleich der Kulturen, durch den sich die Völker nähern können, indem sie die geistigen Werte zum gemeinsamen Bildungsgut machen. Gleichzeitig aber sieht Goethe darin eine große Möglichkeit, eigenes Erlebnis in den Weltbildungsprozeß, in eine bereits vorgeformte kulturelle Tradition einfließen zu lassen und somit eigenes und fremdes Kulturgut der Nachwelt zu überliefern und dadurch wieder einmal zu beweisen, daß das Einzelne nur Glied einer Kette, Beispiel des Weltwerdegangs sei.
      1814 bereits begegnet Goethe das eigene, einmalige Erlebnis in dej* Gestalt Marianne Jungs, die Ende desselben Jahres die Frau des Bankiers Willemer wird. Dieser Liebesroman, voller Hoffnung und Entsagung, steht, was konkrete Fakten anbelangt, dem Werthererlebnis in nichts nach. Dank Goethes tiefer Einsicht aber stehen die beiden Liebenden über ihrem Erlebnis. Selbst die Benennung Hatem-Goethe, Suleika-Ma-riahne ist nicht nur bewußte Orientalisierung sondern auch Distanzierung vom eigenen Erlebnis. Nach wiederholten Begegnungen lebt ihre Liebe in Liedern fort, die beide brieflich austauschen und in welchen Suleika — Marianne sich genau so genial wie ihr Partner zeigt.
      Frucht dieser Liebe ist vor allem das Buch Suleika. Das Schlußgedicht dieses Buches In tausend Formen... ist am 16. März 1815 entstanden und erscheint im Juli 1818 zum ersten Mal im Druck. Die zwölf Bücher des Diwans als vollständiges Werk sind 1819 erschienen und bilden aufeinander abgestimmte Meilensteine in Goethes Welt- und Lebensdeutung.
      Während der junge Goethe sich an das Gegenständliche, Einzelne hält, wird dem alten Goethe jedes Einzelne zum Gleichnis. In der Einzelerscheinung sucht Goethe den Typus, das Gesetz, und betrachtet jene als über sich selbst hinausweisendes Symbol. Diese symbolische Weltbetrachtung führt auch zu einem symbolischen Stil. Auch der Diwan ist Zyklusdichtung, Symboldicbtung im wahrsten Sinne des Wortes. Daher ist es erklärlich, warum wir den Eindruck des Fragmentarischen, Lokkern und Unzusammenhängenden empfinden, wenn wir den Diwan nicht als großes belehrendes Gleichnis auffassen, das in seiner Bilderreihe das ganze am Einzelfall exemplarisch gestaltet.
      Bereits in dem Gedicht Nähe des Geliebten finden wir lyrisch vorgeformt, was im Diwan, bzw. im Gedicht In tausend Formen... philosophisch und lyrisch zugleich, klar ausgesagt wird:

NÄHE DES GELIEBTEN
Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
Vom Meere strahlt; Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
In Quellen malt. Ich sehe dich, wenn auf fernem Wege
Der Staub sich hebt; In tiefer Nacht, wenn auf schmalem Stege
Der Wanderer bebt. Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen

Die Welle steigt;

Im stillen Haine geh' ich oft zu lauschen,
Wenn alles schweigt. Ich bin bei dir, du seist auch noch so ferne
Du bist mir nah! Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne.
      O wärst du da!
Hier wie dort, in Nähe des Geliebten bzw. im Suleika-Gedicht In tau-' end Formen... erscheint die persönliche Liebe im Widerschein der vollkommenen Natur. Der Geliebte lebt im Schimmer der Sonne, im Flimmer des Mondes, im Rauschen der Quelle, im stillen Hain, im Leuchten der Sterne. In tausend Formen . .. erkennt Goethe die Geliebte immer wieder An der Zypresse reinstem, jungem Streben, im Wasserstrahl, in der Wolke,, im Morgenrot und im Himmelsblau. Diese Identifikation der Geliebten mit der Natur entspricht Goethes Vorstellung vom Eros, der sich in der Vielfalt des Kosmischen wie Irdischen, des Kleinen wie Großen, Persönlichen wie Unpersönlichen spiegelt.
      Aus dieser philosophischen Einstellung der ewigen Wiederholbarkeit erwächst ein wichtiges Kennzeichen von Goethes Altersstil, uzw. seine" Vorliebe für Formelhaftigkeit und Wiederholung in der sprachlichen Gestaltung.
      Auch hier fällt an beiden Gedichten das Formelhafte auf, die Symmetrie des Aufbaus, die sich durch gleichgestellte, bzw. gesteigerte Wiederholungen und formelhafte Satzkonstruktionen äußert. Die gleichgestellten Anreihungen, die den Inhalt jeder Strophe bilden, sind kein Zufall. Sie unterstreichen das bereits Gesagte, daß der Einzelfall Glied einer Reihe ist, das Einzelne immer wieder Gleichnis, in dem sich Gesetz und Ordnung der Welt kundtut. Das Einmalige im Hier und Jetzt, das Liebeserlebnis Hatem-Goethe — Suleika-Marianne ist ewiges, sich immer wiederholendes Welterlebnis.
      In dem vergleichsweise genannten Gedicht steigert sich die Sehnsucht nach dem allgegenwärtigen Geliebten schrittweise, indem die Liebende mit allen Sinnen von ihm Besitz ergreift: ich denke dein, ich sehe dich, ich höre dich, ich bin bei dir. Im Suleika-Gedicht wird diese Allgegenwart der Geliebten noch bestimmter formuliert und die sprachliche Ausdrucksform auf dieselbe fast unveränderte Wendung erkenn ich dich reduziert. Die verallgemeinernde Kraft der Aussage ist dadurch bedeutend gewachsen, und ein typisches sprachliches Merkmal der Dichtung Hafis' wird dadurch mitübernommen.
      Die Bilderreihe, die Goethe nachahmend und ursprünglich zugleich bringt, stammt aus dem Bereiche der Natur, so wie es dem Sinnenmenschen Goethe entspricht, und ist somit Zeuge seiner Naturauffassung und gleichzeitig Wiederbelebung von Hafis' Natursymbölik und letzten En-
•des orientalische Ornamentik in deutscher Sprachkunst. Orientalisch! jgetarnt erscheint die Geliebte im Zauberschleier, in der emporstrebenden Zypresse. Schleier und Zypresse sind beliebte Symbole der orientalischeü Dichtung; beide schaffen Distanz zu dem persönlichen Erlebnis und ermöglichen eine räumlich und zeitlich unbegrenzte Ausdehnung dieses Liebesgefühls.
      Die Art der genannten Bilder ist beispielgebend für Goethes Glaube an die positive Kraft der Liebe:der Zypresse reinstes, junges Streben, der steigende Wasserstrahl, des geblümten Schleiers Wiesenteppich, der Morgen, der sich am Gebirge entzündet.
      All die Bilder atmen Frische, Neubeginn und Daseinsfreude, alle sind optimistische Lebensbejahung, genau so wie Eros für Goethe gleich Schöpferkraft war. Diese Aufzählung trägt auch s'prachlich den Stempel .der beliebten Ausdrucksformen von Goethes Altersstil, u. zw. sind es die Genitivkonstruktionen mit adjektivischer Funktion:
An des geblümten Schleieres Wiesenteppich, An der Zypresse reinstem, jungen Streben, In des Kanales reinem Wellenleben, Allah's Namenhundertund diese in eigenwilliger und persönlicher Syntax.
      Der Eros erlebt in den Spätwerken Goethes, vor allem in Faust und im Diwan eine positive, weltbejahende, zeugende und schöpferische Interpretation. Er ist sinnlich und geistig in gleichem Maß. Der Diwan zeigt diese Doppelgesichtigkeit philosophischer Anschauung im lyrischen Kleid am klarsten. Zutiefst persönliches Erlebnis sinnlicher Art erweckt geistige Kräfte und macht sie schöpfungsfähig. Das Persönliche dieses Erlebnisses aber wird von Goethe über den Einzelfall hinaus ins Symbolische gesteigert. Die Geliebte selbst ist weder Suleika noch Marianne, in tausend Formen . .. entsteht sie in dem Gedicht neu. Sie wird über ihre eigene Persönlichkeit hinausgehoben und wird von der Allerliebsten zur Allgegenwärtigen, Allschöngewachsenen, Allschmeichelhaften usw. So kühn und neu diese Wortschöpfungen Goethes auch sind, sind sie doch philosophisch begründet in seinem Weltblid. Das konkrete Erlebnis und die einmalige Liebe sind durch sie aufgehoben in der Alliebe und der Allgeliebten — könnten wir in Nachahmung Goethes sagen. Ãœberall dort, wo das Leben in seiner edelsten Erscheinungsform pulst, steht die Geliebte. Auch sie ist Symbol geworden, Symbol des Ewig-Weiblichen,das aufwärts strebt, das Vollkommene anstrebt, und auch hier auf derselben gedanklichen Grundlage fußt, wie die Schlußzeilen aus Goeths Faust. Das Erlebnis des Vollkommenen in der Vielfalt der gegenständlichen Erscheinungsformen wird in der letzten Strophe zurückgenommen, auf das Individuum beschränkt:

Was ich mit äußerm Sinn, mit innerm kenne
Das große All wird in die Gefühlswelt des Dichters einbezogen und der Dichter selbst in das All, das ihm erst durch die Liebe in seiner Vollkommenheit erschlossen wird. Was Goethe hier in Worten gestaltet, ließe sich plastisch durch ein orientalisches Rankengeflecht veranschaulichen:
Und wenn ich Allah's Namenhundert nenne, Mit jedem klingt ein Name nach für dich.
      Die Geliebte und das Göttliche werden hier zumindest gleichgestellt; beide grenzen an das Vollkommene. Der Begriff des Göttlichen ist hier — wie im gesamten Diwan — als Prinzip ständiger, kontinuierlicher Höherentwicklung zu deuten, das in den Einzelerscheinungen Gestalt annimmt. Das Blatt, der Strauch, die Geliebte in ihrer vollkommenen Gestalt, der Dichter in seinem vollendeten Werk sind Erscheinungsformen des Göttlichen, wobei aber der mystische Kern durch eine naturwissenschaftlich begründete Weltschau ersetzt wird. Hier ist keine irrationale Kraft am Werk, sondern ein prozeßhaftes Werden. Wird in diesem Zusammenhang von der Religiosität des Diwans gesprochen, so können wir diese nur als eine sehr freie, weltoffene bezeichnen. Orient und Okzident, Christentum und mohammedanische Religion gehen durch eine betont bürgerlich freie Weltsicht und lassen das Göttliche menschlich und das Menschliche göttlich erscheinen.
     

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