Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Sonstige

Index
» Sonstige
» Johann Wolfgang Goethe - SELIGE SEHNSUCHT

Johann Wolfgang Goethe - SELIGE SEHNSUCHT



Sagt es niemand, nur den Weisen, Weil die Menge gleich verhöhnet: Das Lebendge will ich preisen, Das nach Flammentod sich sehnet.
      In der Liebesnächte Kühlung, Die dich zeugte, wo du zeugtest, Ãœberfällt dich fremde Fühlung, Wenn die stille Kerze leuchtet.
      Nicht mehr bleibest du umfangen In der Finsternis Beschattung, Und dich reißet neu Verlangen Auf zu höherer Begattung.

      Keine Ferne macht dich schwierig, Kommst geflogen und gebannt, Und zuletzt, des Lichts begierig, Bist du, Schmetterling, verbrannt.
      Und solang du das nicht hast, Dieses: Stirb und werde! Bist du nur ein trüber Gast Auf der dunklen Erde.

     
Dieses Gedicht schließt das Buch des Sängers ab, den ersten Teil des West-östlichen Diwans. In der Handschrift hieß es Buch Sad, Gazele I und war Wiesbaden, den 31. Juli 1814 datiert. Im Wiesbadener Register steht es unter Nr. 52 mit dem Titel Selbstopfer. Im Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1817 wurde es als Vollendungveröffentlicht.
      Liebesgedichte, Zeit- und weltanschauliche Gedichte werden in dem lyrischen Werk des reifen Goethe Der west-östliche Diwan auf neuartige Weise zu einer Einheit zerschmolzen. Nicht das ursprüngliche, unbändige Erleben bildet dabei den Ausgangspunkt sondern eine Erkenntnis, eine erlebte Wahrheit.
      Das gilt auch für das Gedicht Selige Sehnsucht. Der lyrische Sprecher weiß sich vom Anfang an im Besitze einer Wahrheit, die er als geistig verantwortungsbewußter Mensch hochhalten muß. Es ist eine Wahrheit, mit der man sehr achtsam umzugehen hat, denn sie ist nicht für jeden handhabbar: Sagt es niemand, nur den Weisen, / weil die Menge gleich verhöhnet. Die Lehre aber, zu der sich der Dichter bekennt: das Lebendge will ich preisen, I das nach Flammentod sich sehnet, stammt aus dem Schatz orientalischen Denkens, von dem sich der Dichter des West-östlichen Diwans besonders angesprochen fühlte. Es ist das die Auffassung vom Flammentod als dem Gipfel- und Zielpunkt des Lebens zugleich, als Vermischung, Erhöhung und Aufhebung alles Lebenden. Es handelt sich um ein ganz allgemeingültiges Seinsgesetz, das Goethe meint; die allgemeine Formulierung das Lebendge deutet darauf hin.
      Das Gedicht ringt aber um die persönliche Aneignung dieser Wahrheit und gleichzeitig auch darum, sie allen zugänglich zu machen'. Aus diesem Grund muß das Du, an das sich der lyrische Sprecher im weiteren Veriauf des Gedichtes wendet, nicht als ein konkretes Gegenüber aufgefaßt werden, sondern als eine verallgemeinernde Hinwendung zu dem Menschen überhaupt.
      Die Bildgebung knüpft unmittelbar an die anfangs ausgesprochene Lehre vom Flammentod an. Dieser Begriff wird von Goethe in seiner Sinnlichkeit wiederentdeckt: Wärme und Licht sind darin enthalten. Diese Eigenschaften überträgt der Dichter auf seine Bilder.
      Es sind erotische Bilder, die in Strophe zwei und drei entstehen. Die Liebesbegegnung soll, wie so oft bei Goethe, der Weg sein, die letzten Geheimnisse des Seins zu offenbaren. Befremdend muten aber die nebeneinandergestellten Begriffe Liebesnächte und Kühlung an, weil sie einen Gegensatz enthalten. Wärme und Licht stehen in dieser Strophe einer kalten und dunklen Zone gegenüber: die Liebesnächte und die stille Kerze einerseits, die Kühlung und fremde Fühlung andererseits. Es scheint, daß die Liebesbegegnung doch nicht zum Erreichen des letztea
Sehnsuchtszieles führen kann, sie läßt vielmehr den darin verstrickten Menschen sich seiner Bedingtheit und seinem Begrenztsein bewußt werden. Erschauern vor dieser Erkenntnis bedeutet also Kühlung; das Bedingtsein, wo man selbst schöpferisch tätig zu sein glaubte, meint die Zeile die dich zeugte, wo du zeugtest. Das Gefühl des Fremd- und Verlorenseins gerade in dem Augenblick, der Verbundensein bedeuten sollte, gehört eigentlich in die Erfahrungswelt modernerer Dichter, eines Rilke beispielsweise. Goethe ringt sich auch fort von diesem Abgrund.
      Die nächste Strophe gestaltet die Ãœberwindung jenes dunklen Erfahrungsbereiches des Menschen; sie geschieht durch eine neue Zielsetzung, durch das Eingehen in eine höhere Ordnung: Und dich reißet neu Verlangen I auf zu höherer Begattung. Dieses Streben zur lichtvollen Erfüllung stellt Goethe als eine dem Menschen immanente Triebkraft dar, die sich unbedingt durchsetzen will: keine Ferne macht dich schwierig, I kommst geflogen und gebannt. Der Endpunkt dieses Stre-bens aber muß doppelsinnig erscheinen: Und zuletzt, des Lichts begierig,/ bist du, Schmetterling, verbrannt. Die Bildersprache bleibt in sich konsequent. Die stille Kerze bezeichnete schon vorhin eine lichte Welt, sie wird hier zum Symbol des Sehnsuchtszieles. Das Streben des Menschen danach wird durch den Vergleich mit dem Schmetterling einbezogen in ein ganz allgemeines Seinsprinzip: Erfüllung ist nur durch Opfer möglich, Sehnsuchtsziel bedeutet zugleich Tod.
      Widersprüchlich, zutiefst fragwürdig ist ein Sein, das solchen Gesetzen untersteht. Goethe bekennt sich aber am Ende des Gedichtes dazu, d.h. er verkündet die Vereinigung der Gegensätze als eine je und je zu leistende Aufgabe des Menschen. Der Schluß mutet wie eine Mahnung an, diese Aufgabe nicht zu vergessen, denn damit wäre ein Verbleiben in einer kalten, undurchschaubaren und daher sinnlosen Welt verknüpft: Bist du nur ein trüber Gast I auf der dunklen Erde.
      Die positive Aufforderung zum Stirb und werde hat zahlreiche Auslegungen erfahren. Keinesfalls darf man sie aus dem Sinnzusammenhang des Gedichtes lösen, sondern man muß sie eingliedern in den Versuch Goethes, ein allgemeines Daseinsgesetz Bild werden und dadurch für den Menschen annehmbar werden zu lassen. Naturphilosophische Deutungen sind in dem Kontext des Gedichtes durchaus berechtigt, wurde der Mensch doch hineingestellt in einen Seinsstrom, der alles Lebendige umfaßt. In der Natur aber bedeutet der Tod wesentliche Voraussetzung für neues Leben; Stirb und werde sind die Pole, um die das Leben, sich ewig erneuernd, kreist.
      Faßt man das Stirb und werde als eine besondere, für den Menschen gültige Forderung auf, so besagt sie, daß sein Streben durch ständige Selbstüberwindung, durch ein ständiges Ãœbersichhinauswachsen gewährleistet ist.

     
Die umfassendste Interpretation des Stirb und werde müßte es aber als ein allgemeines weltanschauliches Prinzip erkennen. Es umschließt gleichermaßen das in der Natur und auch das für den Menschen gültige Gesetz. Es wird zur Antwort, zur Entgegnung auf den Widerspruch, der am Ende der vorletzten Strophe durch das Zusammenfallen von Erhöhung und Vernichtung aufbrach. Diese Widersprüchlichkeit wird aufgehoben in der Gesetzmäßigkeit, die hier in ihrer Dialektik erfaßt wird: denn das Stirb — das Ende und Opfer — wird zur notwendigen Voraussetzung für ein immer wieder neu einsetzendes Streben des Werde,
Ausgehend von einer orientalischen Weisheit mündet das Gedicht Selige Sehnsucht in die kürzeste und vielleicht prägnanteste Formulierung Goetheschen Denkens überhaupt. Das Gedicht selbst ist Weltbewältigung. Es ist in spruchhaft weiser Zurückhaltung geschrieben.
      Durch den stets weiblich ausklingenden Trochäus, aus dem sich die Vierzeilenstrophen zusammensetzen, entsteht eine gleichmäßig ruhige-Sprachmelodie: von der Lehre der Orientalen zu der eigenen Lebensauffassung spannt sich der Bogen, doch verrät sich die innere Erregung, kaum hinter den so regelmäßig gebauten Sätzen, die jeweils einen Gedanken in eine Zeile stellen; nur am Ende wird diese Struktur durchbrochen.
      Das Erleben ist in diesem Altersgedicht von vorneherein ein geistiges. Doch bleibt Goethe sich insoweit treu, als auch hier die Liebesbegegnung, überwindet man ihre kreatürliche Bedingtheit, zur Möglichkeit höchster Selbst- und Welterkenntnis werden kann.
     

 Tags:
Johann  Wolfgang  Goethe  -  SELIGE  SEHNSUCHT    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com