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Johann Wolfgang Goethe - HEIDENRÖSLEIN
Sah ein Knab ein Röslein stehn, Röslein auf der Heiden, War so jung und morgenschön, Lief er schnell, es nah zu sehn, Sahs mit vielen Freuden. Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heiden.
Knabe sprach: Ich breche dich, Röslein auf der Heiden! Röslein sprach: Ich steche dich, Daß du ewig denkst an mich, Und ich wills nicht leiden. Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heiden.
Und der wilde Knabe brach 's Röslein auf der Heiden; Röslein wehrte sich und stach, Half ihm doch kein Weh und Ach, Mußt es eben leiden. Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heiden.
Als Volkslied erscheint das Heidenröslein schon in den ältesten Volksliedersammlungen. Zum ersten Mal wurde es 1586 aufgezeichnet. Goethe lernte es vermutlich durch Herder in Straßburg kennen. Sein eigenes Gedicht entstand 1771. 1773 begann seine sonderbare Druckgeschichte. In seinen Aufsatz Auszug aus einem Briefwechsel über Ossian und die Lieder alter Völker, den er in den Blättern von deutscher Art und Kunst veröffentlichte, zitierte und kommentierte Herder Goethes Heidenröslein, ohne den Namen des Verfassers zu nennen.
Zum zweiten Male veröffentlichte Herder das Gedieht unter dem Titel Röschen auf der Heide 1779 im zweiten Teil seiner Liedersammlung Stimmen der Völker in Liedern. In der heutigen Gestalt erschien das Heidenröslein 1789 im Band Schriften unter den Werken Goethes. Die Forschung hat seither festgestellt, daß es sich mit Sicherheit um ein Gedicht von Goethe handelt.
Das Heidenröslein wird gerne als Musterbeispiel für die Interferenz von Volks- und Kunstlyrik angeführt. Das auf volkstümlicher Tradition fußende Gedicht von Goethe ist nämlich seinerseits wieder zum echten Volkslied geworden, das, getragen von einer einprägsam einfachen Melodie, zum geistigen Eigentum des gesamten deutschen Volkes geworden ist.
Von Herder bezog Goethe die Anregung für dieses Gedicht im besonderen, aber auch zur Beschäftigung mit dem Volkslied im allgemeinen. Die Straßburger Jahre können in ihrer Bedeutung für die Eigenentwicklung des jungen Goethe, wie auch für die der gesamten deutschen Lyrik, nur dann richtig gewertet werden, wenn man neben der Erneuerung des Liebes- und Naturgedichts auch die der volkstümlichen Traditionen in Betracht zieht.
Mit meisterhafter Einfühlungsgabe hat Goethe hier das Wesen des Volksliedes überhaupt erfaßt. Zunächst ist es die Schlichtheit des Sprachmaterials, die beeindruckt. Es werden nur Wörter aus dem allgemeingeläufigen Sprachgut verwendet. Der poetische Reiz entspringt aus dessen altertümlichem Gebrauch. Ungewohnt mutet z.B. die alte Dativform auf der Heiden an, oder das nachgestellte, unflektierte Adjektivattribut Röslein rot u.a.m. Auch die Vorliebe für die Verkleinerungsform, oft Zeichen der annähernden Sympathie, weist Goethes Gedicht auf. Es kommt zwar nur das Diminutiv Röslein vor, doch wird es durch die zahlreichen Wiederholungen sehr evident.
Dieses Röslein — die Blume — ist aber ein dichterisches Mittel, dessen Herkunft nicht auf die Volksdichtung beschränkt werden kann. Blumen als Symbol der Liebe zu verwenden, war schon in der mittelalterlichen Minnelyrik Sitte. Besonders die Rose stellte schon damals eines der beliebtesten dichterischen Bilder dar. Sie hat seither durch häufigen Gebrauch von ihrer poetischen Bildkräftigkeit etwas eingebüßt. Durch die Zusammensetzung Heiden-Röslein wird dieses alte Blumensymbol an mannigfacher Bezugsfähigkeit wieder bereichert. Das Ursprüngliche, das Wilde und Zarte zugleich, das Unberührt-Reine sind dessen Nuancen.
Auch das Motiv der Liebeswerbung, denn darauf geht die lyrische Situation des Heidenrösleins zurück, hat sehr lange Wurzeln in der Lyrik aller Völker. Besonders deutlich ist seine Verwandtschaft mitden ebenfalls durch die Minnelyrik gepflegten Werbung um die geliebte Frau.
Dieses Motiv wird im Heidenröslein von Goethe aufgelöst in die einfachen Handlungen, welche diese urtümlich menschliche Situation einschließt. So wirkt der Beginn des Liedes berichtend, distanziert. Auf der auch für die Epik verpflichtenden Erzählstufe des Imperfekts, wird hier über die Regungen des Knaben gesprochen, der sich von der Schönheit des Mädchens, das alle Attribute des Heidenrösleins erhält, unwiderstehlich angezogen fühlt. Seine Schönheit, seine Frische sind die Ursachen für den ersten Annäherungsversuch.
Die zweite Strophe beruht ebenfalls auf einer für das Volkslied durchaus typischen Sprechhaltung, nämlich der des lyrischen Ansprechens. Die Konflikte und Spannungen werden mit Vorliebe direkt in Rede und Gegenrede ausgetragen. Dabei ist die Überlegenheit des Mannes von vorneherein gesichert durch die knapp formulierte Willensäußerung Ich breche dich, das Mädchen hingegen erscheint, gerade weil es mit seinen Kampfmitteln aufzutrumpfen versucht, als unterlegen» H. A. Korff erkannte in dieser lyrischen Situation eine Darstellung des-Grundkonfliktes zwischen den Geschlechtern, der sich aus der Spannung von Anziehung und Abwehr nährt. Auch diesmal spürt Goethe die Gegensätze auf, die das menschliche Leben problematisch werden lassen, selbst wenn er dabei nicht wie gewöhnlich von dem persönlichen Erleben, sondern von festgefügten literatrischen Motiven ausgeht.
Die Lösung ist daher auch durchaus goethesch: die letzte Strophe bringt den weiteren Verlauf der Begegnung. Von dem Dialog, der den Ausbruch des Konfliktes in der Mittelstrophe kennzeichnete, wird wieder übergewechselt zu dem ruhigen Erzählton des Anfangs; allerdings wirkt die Aufeinanderfolge der Handlungen rhythmisch etwas verkürzt. Und damit mündet das Gedicht in die allgemeinverbindliche Aussage mußt es eben leiden. Es hieße sowohl die geläufig volkstümliche Lebensauffassung als auch diejenige Goethes verkennen, wollte man diesem Satz einen bitteren, resignierten Ton unterstellen. Denn aus den Widersprüchen erst konstituiert sich das Gesetz des Zusammenlebens von Mann und Frau, das niemand freudiger als Goethe bejahte.
In der bisherigen Besprechung haben wir die mannigfachen Wiederholungen außer acht gelassen. Sie haben im Volkslied oft wichtige kompositorische Funktionen. Das Hauptsymbol Röslein wird in jeder Strophe aufgrund von zwei sprachlichen Strukturen wiederholt: die zweite Zeile jeder Strophe enthält die eine, Röslein auf der Heiden, und die beiden letzten Zeilen erhalten den Wert eines Kehrreims, Röslein, Röslein, Röslein rot, I Röslein auf der Heiden.
Die erste Struktur hat die Aufgabe, jeweils die Aufmerksamkeit auf das Objekt der Darstellung zu lenken, oder, anders gesagt, auf das
Motiv, also auf den Beweggrund für das ganze Gedicht: das wildschöne, anziehende Mädchen.
Im Volkslied hat der Kehrreim gewöhnlich die Aufgabe, das, was die Strophen an Mannigfaltigkeit bringen , auf einen empfindungsmäßig gleichen Ton zu stimmen. Daneben hatten sie oft den praktischen Vorteil, daß eine ganze Gemeinschaft mitsingen und somit das vom Sänger Dargebrachte miterleben konnte.
Auch im Heidenröslein trägt der Kehrreim wesentlich zur Sangbarkeit des Gedichtes bei. Stetig, gleichförmig wie das dargestellte Lebensprinzip setzt er ein. Doch auch hier hieße es das "Wesen des Gedichtes verkennen, wenn man daraus Eintönigkeit heraushören wollte. Der Kehrreim schmiegt sich nämlich eng den inneren Bewegungen des Gedichtes an, welche die drei Strophen bezeichnen. Anfangs stimmt auch er das Lob der Schönheit an, die es dem Knaben angetan hat, in der Mitte des Gedichtes drückt er die Gefährdung des Mädchens aus, und am Ende läßt der Kehrreim die spannungsreichen Beziehungen zwischen dem Knaben und dem Mädchen in ein ewiggültiges menschliches Gesetz einfließen.
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