Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Sonstige

Index
» Sonstige
» Johann Wolfgang Goethe - AN DEN MOND (letzte Fassung)

Johann Wolfgang Goethe - AN DEN MOND (letzte Fassung)



Füllest wieder Busch und Tal Still mit Nebelglanz, Lösest endlich auch einmal Meine Seele ganz;
Breitest über mein Gefild Lindernd deinen Blick, Wie des Freundes Auge mild Ãœber mein Geschick.
      Jeden Nachklang fühlt mein Herz Froh- und trüber Zeit, Wandle zwischen Freud und Schmerz In der Einsamkeit.

      Fließe, fließe, lieber Fluß! Nimmer werd ich froh, So verrauschte Schmerz und Kuß, Und die Treue so.
      Ich besaß es doch einmal, Was so köstlich ist! Daß man doch zu seiner Qual Nimmer es vergißt!
Rausche Fluß das Tal entlang, Ohne Rast und Ruh, Rausche, flüstre meinem Sang Melodien zu,
Wenn du in der Winternacht Wütend üb er schwillst, Oder um die Frühlingspracht Junger Knospen quillst.
      Selig-, wer sich vor der Welt Ohne Haß verschließt, Einen Freund am Busen hält Und mit dem genießt,
Was, von Menschen nicht gewußt Oder nicht bedacht, Durch das Labyrinth der Brust Wandelt in der Nacht.
      Das Gedicht An den Mond stammt aus den ersten Weimarer Jahren, die für Goethe unter dein Zeichen seiner Liebe zu Frau Charlotte von Stein und unter dem mannigfacher Belastungen durch Regierungsgeschäfte stand. Künstlerisch bedeutete diese Zeit eine Krise, ein Zwischenstadium vom Sturm und Drang zur Klassik. Die wenigen lyrischen Produkte, die damals entstanden, können oft das persönliche, biographische Detail nicht zur verallgemeinernden Verbindlichkeit sublimieren, sie bleiben auf weiten Strecken unverständlich und dunkel. Das trifft vor allem für die erste Fassung von An den Mond zu, wo in der Liebe ein Zufluchtsort vor den Gefährdungen des Lebens gefunden wird. Die letzte Fassung entstand während der Italienreise und trachtet nach philosophischer Verallgemeinerung der Problematik.
      Es gibt zahlreiche Versuche, das Gedicht An den Mond zu erläutern. Es verlockt zur erhellenden Deutung, eben weil es für Goethe ungewohnt dunkel ist. Es wird seinen geheimnisvollen Reiz bewahren, denn, wenn die wissenschaftliche Interpretation bei anderen Gedichten ganz in die Nähe ihres Wesens vorzudringen sich zutraut, so wird sie hier eine viel längere Strecke unbegangen lassen müssen.
      Zunächst beeindruckt das Stimmungsbild des Anfangs. Der Naturgegenstand — die Mondlandschaft — ist hier allumfassend. Er wird anders gehandhabt als vergleichsweise in Willkommen und Abschied.
     
Ich und Natur stehen sich nicht wie dort als ebenbürtige Partner gegenüber. Die Natur nimmt mit ihrem spezifischen Gestimmtsein den Menschen ganz in sich auf. Die Stille, das milde Licht wirken beruhigend auf ihn ein. Die Seele des lyrischen Sprechers bedarf anscheinend dieser Heilung dringend.
      Die zweite Strophe lenkt den Blick von der äußeren auf die innere Landschaft . Der Naturgegenstand wird dementsprechend vermenschlicht, er wird verständnisvoller Freund.
      Besänftigendes Verständnis strömte die Mondnacht aus, sie war Voraussetzung dafür, daß das Ich die Kraft findet, sich, und das geschieht in der dritten Strophe, der Ursache seines Schmerzes, seinem Geschick zuzuwenden. Die antithetischen Empfindungen, die das Erlebte ihm als Erinnerung zurückgelassen hat — froh und trübe Zeit, zwischen Freude und Schmerz —, lenken allmählich zu dessen tieferer Ursache — der Einsamkeit. Die breite, geschwungene Satzmelodie tendiert zu diesem letzten Wort der Strophe hin, es enthält den Hauptakzent.
      Das Bild des Flusses taucht unvermittelt in der nächsten Strophe auf. Denn die seelische Selbstertastung des lyrischen Ich ließ den landschaftlichen Ausgangspunkt in Vergessenheit geraten. Auch gehört der Fluß nicht in das Mondbild. Erstmalig, und auch einmalig für Goethe, wird die lyrische Situation durchbrochen, sie verliert ihre Einheitlichkeit wegen des intensiven Schmerzerlebens, das nach dieser inkohärenten Bildgebung drängt. In der ersten Fassung ist der Fluß aufgrund persönlicher Erlebnisse des Dichters eingeführt worden. Ein Mädchen hatte sich darin ertränkt. Aus diesem Detail, das aus dem Text allein nicht zu erklären ist, läßt Goethe in der letzten Fassung ein Zentralmotiv werden. Die vierte Strophe gestaltet den Fluß als das Motiv der Vergänglichkeit. Hier auch findet der sprachliche Umschlag aus der Gegenwart in die Vergangenheit statt. Sie wird nach der Ursache des Leides, der Einsamkeit befragt. Vergänglichkeit scheint der letzte Grund menschlicher Schmerzerfahrungen zu sein, Vergänglichkeit der höchsten Werte des Lebens, der Liebe, und sogar die Treue, die doch die Gegenkraft zu der Vergänglichkeit darstellen sollte, unterwirft sich ihrem ehernen Gesetz. Das persönliche Erleben untersteht erst recht der Vergänglichkeit.
      So muß man die Klage, die in der fünften Strophe angestimmt wird über den Verlust von etwas, dessen Werthaftigkeit immer noch besteht, weder als Anklage noch als Selbstanklage mißverstehen. Die unpersönliche Formulierung Daß man doch zu seiner Qual I nimmer es vergißt ist kein sprachliches Versehen . Die Klage wird vielmehr zu einer Anklage, die Goethe im Namen aller erhebt,gegen die Vergänglichkeit, die Unstete, die den Menschen des Besten beraubt. Auch das mutet befremdlich an bei einem Dichter, der bisher genügend Selbstbewußtsein hatte, um die Welt herauszufordern, um sich schließlich, aus eigenem Antrieb, mit ihr wieder zu versöhnen. Hier steht das Ich hingegen hilflos vor dem allgewaltigen Lebensgesetz.
      Mit ungeheurem Aufwand an seelischer Energie versucht der Dichter in Strophe sechs und sieben, die Vergänglichkeit für sich zu einem Posi-tivum umzuwerten. Vielleicht kann sie ihn geradezu bereichern: Rausche, flüstre meinem Sang I Melodien zu. Durch dichterisches Schaffen also versucht er sie zu überwinden; aus der Erfahrung des tiefsten Schmerzes, die hier in das bedrohliche Bild wenn du in der Winternacht wütend überschwillst gekleidet wird, und der Erkenntnis des stets wachsenden Lebens, die andere Komponente der Vergänglichkeit , resultiert letztlich schöpferische Bereicherung. Nach diesem geballt formulierten Ringen um dichterische Bewältigung der Schmerzerfahrungen entsteht plötzlich ein leerer Raum, eine Pause, wonach der Dichter in ruhigem, spruchhaft-abgeklärtem Ton wieder einsetzt: Selig, wer sich vor der Welt I ohne Haß verschließt.
      Ist es also gelungen, aus der, wenn auch diesmal sehr problematischen, persönlichen Erfahrung zu der alle Menschen ansprechenden, gültigen Aussage zu finden? Formuliert Goethe mit diesem Spruch ein lyrisches Urteil, das ihn selbst des qualvollen Ringens enthebt?
So wie auch in der Behandlung des Naturgegenstandes ein Abweichen von der typisch Goetheschen Haltung zu bemerken war , so gelingt auch die Verallgemeinerung am Ende nicht in dem Sinne, den Goethe selbst durch viele Gedichte bis zu dem Zeitpunkt geprägt hatte. So darf der Spruch am Ende nicht als unantastbare Wahrheit, wie er sich gibt, belassen werden, denn eben seine Fragwürdigkeit und dadurch Offenheit verleiht dem Gedicht seine Tiefe und seineu eigenartigen Reiz.
      Problematisch ist schon der Hinweis, sich vor der Welt ohne Haß zu verschließen, der Ratschlag also, sich herauszuhalten aus den Anfechtungen des Daseins, wenn auch ohne deren Mißbilligung. Die Gefahr, die damit verbunden ist, wird auch gleich wahrgenommen, denn es wird gesagt, daß man dazu einen Freund am Busen braucht; es ist die Einsamkeit, vor der sich der Mensch bewahren sollte. Allerdings ist der Freund am Busen ein zu vager Begriff und unpersönlich gemeint, als daß er tatsächlich eine Gegenkraft repräsentieren könnte. Wichtiger ist vielleicht die Forderung zu genießen, was von Menschen nicht gewußt I oder nicht bedacht, I durch das Labyrinth der Brust I wandelt in der Nacht. Gerade die dunkelsten, geheimsten und nie ganz zu erfassenden Regungen im Menschen sollte man als solche anerkennen, und sich nicht nur mitihnen abfinden, mehr noch, man sollte sie positiv umwerten; das ist hier mit genießen gemeint.
      Der Anlage der Strophen nach, die vierfüßigen und dreifüßigen Trochäen in etwas schleppender Art alternieren, erhält das Strophenende jeweils eine besondere Betonung, die im Falle der letzten besonders intensiv ist, da sie doch die Satzspannung von zwei Strophen zu lösen hat. Daß die menschliche Brust ein Labyrinth ist, ein undurchdringliches Dunkel, wirkt daher nachhaltiger als die spruchhaften Trostversuche. Die Nacht, das Dunkel beherrscht dieses Ende, es ist nicht die mondbeschienene, freundliche Landschaft des Anfangs, es ist die uner-forschliche Landschaft der menschlichen Seele. Der Bogen schließt sich. Der lyrische Sprecher steht am Ende vor den gleichen Fragen wie am Anfang. Und das ist erst recht befremdlich bei Goethe, der doch durch sein Schaffen stets persönliche Problematik überwinden und zu der Klarheit allgemeingültiger Gesetzmäßigkeiten durchzudringen vermochte. In dem Ringen mit den nunmehr unlösbaren Fragen des Seins entsteht ein sehr eigenartiges Gedicht, einzigartig, ein Zwischenglied in der Entwicklungskette von Goethes Lyrik, das man darum doch ungern missen möchte.
     

 Tags:
Johann  Wolfgang  Goethe  -  AN  DEN  MOND  (letzte  Fassung)    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com