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Johann Plattner - epik



Im Jahr 1854 wird Johann Plattner als Sohn eines Landwirts in Stolzenburg geboren. Dort verbringt er seine Kinderjahre und besucht die Volksschule. 1875 besteht er auf dem Hermannstädter Gymnasium die Maturitätsprüfung, dient darauf sein Freiwilligenjahr ab und beginnt 1876 das Studium der Philologie und Theologie an der Universität in Wien. In Jena setzt er seine Ausbildung fort und kehrt 1878 in die Heimat zurück. Acht Jahre bekleidet er eine Lehrstelle am Reener Untergymnasium, ab 1886 unterrichtet er am Hermannstädter Gymnasium Latein, Griechisch und Deutsch. Um die materielle Lage seiner vielköpfigen Familie zu verbessern, übernimmt er 1897 die Pfarrstelle in Stolzenburg. Nach fünfzehnjähriger reicher Tätigkeit im Dienst der Gemeinde legt er sein Amt nieder und übersiedelt nach Hermannstadt. 1942 stirbt er als Achtundachtzigjähriger.

      Als einer der bedeutendsten Vertreter siebenbürgisch-deutschen Schrifttums um die Jahrhundertwende hat Johann Plattner ein vielseitiges Werk hinterlassen, das durch sein durchgeformtes sprach-Iich-gehaltliches Konzept der zeitgenössischen Literatur neue Möglichkeiten erschloß. Während seiner Studien verfaßte er erste Aufsätze und Abhandlungen, die teilweise dem Schulunterricht dienten, teilweise Vorarbeit zu einem literarischen Schaffen waren, mit dem er erst viel später an die Öffentlichkeit treten sollte.
      In das Jahr 1907 fällt das Debüt des Schriftstellers: er veröffentlicht den schmalen Band Stolzenburg. Skizzen aus seiner Vergangenheit. 1908 folgt die Broschüre Führer auf der Stolzenburg. In den Landwirtschaftlichen Blättern erscheint im selben Jahr eine Reihe von Schatzgräber- und anderen Geschichten aus Stolzenburg. Im Neuen Volkskalender werden zwei Schwankstücke, Die Müßigen und Auf nach Wien , abgedruckt.
      Adolf Meschendörfer, der Herausgeber der Zeitschrift Die Karpathen, erkennt das schöpferische Erzähltalent Plattners, dessen bis dahin erschienene Schriften 'mit der üblichen dilettantischen Heimatliteratur nichts gemeinsam haben" 4. In den Jahren 1909—14 ist Plattner ein ständiger Mitarbeiter Meschendörfers. In den Karpathen erschienen die meisten seiner sächsischen 'Dorfgeschichten",die später im Sammelband Schatzgräber. Bauerngestalten und anderes aus Siebenbürgen zusammengefaßt wurden. Vornehmlich der Klingsor und das Siebenbürgisch-Deutsche Tageblatt bringen nach 1914 Plattners Schriften, die seit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges hauptsächlich geschichtlichen Forschung gewidmet sind. Es ist auch weiterhin die Geschichte der Siebenbürger Sachsen, die ihn fasziniert, aber mit ihr eng verbunden sieht er die Geschichte der Rumänen und Ungarn in Siebenbürgen und den Nachbarländern. 1936 erscheint im Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatt die letzte Erzählung Plattners, Es brennt in Boitza.
      Künstlerische Konfessionen des Schriftstellers müssen nicht zitiert werden, wenn man die poetische Intention Plattners nennen will, denn aus all seinen Werken spricht sie deutlich: er möchte unterhalten und erziehen, dies jedoch nicht im Sinne rationalistischen Aufklärertums. Er hat einen glücklichen Mittelweg gefunden, um ethische und ästhetische Erwartungen zu erfüllen. Dabei hatte er keinen leichten Stand in einer Zeit, in der in allen Bereichen des geistigen und sozialen Lebens mit überholten Traditionen abgerechnet werden mußte.
      Plattner steht zwischen den Zeiten auch im Sinne seiner inneren Determiniertheit. Sein Scharfblick für objektive Zustände und subjektive Äußerungen im gesellschaftlichen Konnex fügt sich zu einer Gefühlshaltung, die all das, was in der Tradition wertvoll war, im literarischen Werk erhöht erscheinen läßt. Von dieser Wesensart bestimmt, kann Platter gar nicht anders, als negativen Aspekten der Gegenwart die positiven Werte der Vergangenheit entgegenzuhalten. Daß die Bilder der Vergangenheit aus dem Blickwinkel der Begeisterung neu geschaffen werden, nimmt ihnen nicht die Tiefenschärfe, sondern läßt sie kontrastreicher erstehen.
      Plattner trennt nicht Geschichte und ihre Widerspiegelung im produktiven Bewußtsein: für ihn ist Geschichte Stoff quelle zu Sagen und, oft ins Wunderbare hinüberspielenden, Erzählungen des Volkes. In den Schriften Stolzenburg, Skizzen aus seiner Vergangenheit und Bilder aus der Umgebung von Hermannstadt, die nicht als ethnographische Fachprosa abgetan werden können, liefert er ein typisches Beispiel dafür, wie nach genauer Angabe der Daten aus der weiteren und näheren Vergangenheit die 'Lust zum Fabulieren" dem Bild erst Farbe verleiht. Da haben beispielsweise nicht mehr Bauern die Stolzenburg errichtet, sondern 'Hünen der Sage". Das aktiv-schöpferische 'man stelle sich vor..." leitet gemeinhin zu dem Teil über, der von der Phantasie des Autors getragen wird.
      Prominente Gestalten aus der Gründungszeit und jüngeren Geschichte der Gemeinde haben für den Verfasser besonderen Reiz.
      Seine Leistung besteht darin, Gestalten geprägt zu haben, die, 'durch ihren eisernen Willen, durch ihre rücksichtslose Gewalttätigkeit, aber auch durch ihre Verschlagenheit und Weltklugheit"7, Typen mit individuellen Zügen sind. Laurentius Sievert — der Pfiffige, Martin Plattner — der Märchenerzähler, der dicke Hall-men — der Skrupellose, sie werden zu Titelfiguren in der Porträtreihe der Bauerngestalten.
      Die Personen der Skizzen treten aus dem ethnographischen Konnex für die Augenblicke der Darstellung heraus, um das Gesamtbild der Vergangenheit der Gegenwart entgegenzuhalten, mit jeweils einem durch die Typologie der Gestalt dargestellten Aspekt. Plattner geht es darum, jenen Ort genau zu umreißen, wo Menschlichkeit und Werte des Brauchtums funktionsmäßig identisch sind. Darin besteht sein 'Belehren". In der Reihe der Bauerngestalten werden jene von einem waltenden 'Schicksal" bestraft, die sich gegen diese ungeschriebenen Gesetze vergangen haben, beispielsweise der Hallmen Tin, der alte Korrhator, der Grodt in den jeweils gleichnamigen Erzählungen. Es ist nicht Sozialkritik im doktrinären Sinn, die Plattner übt, denn sie zielt nur so weit, als die Kritik im Sinne der Humanität reicht. Und trotzdem ist es ein Fortschritt in der Betrachtung des siebenbür-gisch-sächsischen Dorfes als gesellschaftliche Substanz, wenn Plattner die Hierarchie von Arm zu Wohlhabend ebenso wie ihre inneren Bezüge genau erhellt. Sein fortschrittlicher Standpunkt wird erkennbar, wenn er den Dünkel des Siebenbürger Sachsen als die Ursache seines Nicht-mehr-mit-der-Zeit-gehen-Könnens darstellt.
      Das besondere Verdienst des Autors liegt in der Meisterschaft, mit der er einer Gestak Leben verleiht, ohne sie demonstrativ auf einen Typus anzulegen. Der Lebensraum in Zeit- und Ortkoordinaten wird einleitend geschaffen, darin handeln die Personen, ihren eigenen und den ethischen Prinzipien der Zeit entsprechend. Die fortschreitende Handlung, die meist in einer Pointe oder mit dem Kommentar des Autors ein Ende findet, kann schlechthin als anekdotisch-episodisch kennzeichnet werden.
      Was die Haltung des Schriftstellers anlangt, zeigt sich, daß er nur insoweit offensichtlich in das Werk impliziert ist, als er in impressionistischer Manier das Detail hinzuträgt und aus eigener intensiver Erlebniskraft und Erinnerungsgabe der jeweiligen Gestalt aus der ihm vertrauten Umwelt Vitalität übermittelt. 'Eine Spezialität der Stolzenburger sei erwähnt. Sie haben eine besondere Gabe zu plastischer Darstellung des Geschehenen, Gehörten und Erlebten. Ihre Darstellungen diesbezüglicher Dinge sind oft vortrefflich." Dieses, hinsichtlich der literarischen Gestaltungskraftder Stolzenburger Bauern gesagt, kann auf das gestalterische Talent des Autors als Werturteil übertragen werden. Dabei ist die Sprachgeste der einzelnen Personen bei ihm ein besonderes Mittel stilistischer Gestaltung. Die Siebenbürger Sachsen, wie Plattner sie darstellt, sprechen in einer 'gewissermaßen nichtexistierenden Sprache" 9, die jedoch ihre Berechtigung dadurch erhält, daß sie die mundartliche Rede des sächsischen Bauern durch suggestive Transposition ins Hochdeutsche zu authentisieren sucht. Tatsächlich ist die Sprache der Person ein schöpferisches Mittel, mit dem der Leser ergötzt und belehrt wird. Nicht durch Verfremdungseffekte, sondern durch wirklichkeitsgetreues Sprechen mit schwerfälligen Sprachpausen, platzsuchenden Inversionen, onomatopoetischen Ausrufen wird die Relevanz der Gestalt im Text erzielt. Dichterische Sprache strebt bei Plattner nach der Vermittlung einer Realität, die in ihren Erscheinungsformen vom Subjektiven des Autors geprägt ist.
      Der Märchen- und Sagenerzähler aus dem Volk hat bei der Ãœbermittlung des geistigen Kulturgutes eine wichtige Rolle. Plattner schenkt solchen Persönlichkeiten in der Porträtreihe der Gestalten besondere Sympathie: Plattner Tin, der Märchenerzähler, und ebenso Iuon, den Kaluschär, in den gleichnamigen Erzählungen, stehen als geistig und physisch hervorragende Persönlichkeiten vor den Zuhörern, denen sie an gemütlichen Spinnstubenabenden oder, wie Iuon, mitten im Marktgewimmel ihre Geistesschätze vermitteln. Der Schäfer Frätilä in der Ortssage um Bulea und der Zigeuner Kulitz sind Gestalten aus dem Volk, und wo sie in der epischen Handlung auftreten, wird auch eine spannende phantasiereiche Geschichte zum besten gegeben. Vornehmlich in den Schatzgräber- und anderen Geschichten aus Stolzenburg trägt Plattner reiches Sagenmaterial zusammen. Eine Reihe von 'Reden" und 'Sprüchen zum Besprechen von Krankheiten" zeugen vom Alter des Kulturgutes, in dem Reste heidnischen Glaubens vom Christentum assimiliert worden sind. Aberglauben und überquellende Phantasie tragen die Handlungen der Volkserzählungen aus den Schatzgräbergeschichten, wo Schätze 'blühen" und der Böse sowie skurrile Gestalten aus seinem Gefolge um Mitternacht erscheinen. Aber auch in diesen Erzählungen berührt Plattner einen Aspekt der Gesellschaftskritik, wenn er die Schatzsuche gleichnishaft für Mehr-haben-Wollen setzt. Humor und gutmütiges Ãœberspielen des Mißstandes durch eine amüsante Handlung lassen solche Aspekte als objektiv existierend erscheinen, sie jedochscheinbar akzidentell auftreten. Dadurch erhalten die Geschichten gesellschaftskritische Relevanz.
      Plattners Prosawerk ist eine umfassende, gelungene Bestandsaufnahme siebenbürgischer Vergangenheit, vornehmlich um repräsentative Gestalten des sächsischen Kulturlebens gebaut. Ebenso vorurteilslos wird Vertretern der anderen Völkerschaften im sieben-bürgischen Raum literarischer und ethischer Rang verliehen. Plattners Schaffen entspricht den Forderungen seiner Zeit, in dem Sinne, in dem Meschendörfer ihren Gehalt als 'modern" formuliert: Er weiß, daß er in einer neuen Zeit steht und nur von da aus, gegenwartsbezogen, sächsische Vergangenheit betrachten kann.
     

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