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Johann Leonhardt - epik



Johann Leonhardt wurde 1859 in Schäßburg geboren, besuchte dort das Gymnasium und studierte anschließend in mehreren deutschen Städten Theologie und Germanistik. Persönliche Kontakte mit Literaten und Künstlern sowie ein systematisches Studium der Museen und des Theaterlebens prägten entscheidend seine Persönlichkeit. 1882 nach Siebenbürgen zurückgekehrt, war er zunächst am Schäßburger Gymnasium tätig und hatte dann Pfarrstellen in Großlassein , Draas und Zeiden inne. Nach seiner Pensionierung im Jahr 1917 übersiedelte er nach Graz.


      Johann Leonhardts Werk umfaßt die Prosabände Geschichten aus Siebenbürgen , Aus Siebenbürgen. Novellistische Federzeichnungen , eine veränderte Neuausgabe der ersten Auswahl, und Siebenbürgisches Kle'mleben. Geschichten und Gestalten , das Versepos Frieda. Ein Idyll , die Theaterstücke Frau Balk , Die Werberin und Der Silbergulden sowie zahlreiche Beiträge zur siebenbürgischen Kulturgeschichte, besonders über die Ortschaften Draas und Zeiden3, in denen der Verfasser längere Zeit tätig war. Auch war er einer der ersten, der sich mit der Entwicklung der siebenbürgisch-sächsischen Literatur befaßte. In seinem Aufsatz Die siebenbürgisch-sächsische Literaturi gibt er einen straffen Ãœberblick über die deutschsprachige Literatur Siebenbürgens von den Anfängen bis zu seiner Zeit. Bemerkenswert ist, daß Leonhardt die Entwicklung der Dichtung unter dem Blickwinkel der jeweiligen kulturpolitischen Verhältnisse untersucht.
      Seine ersten literarischen Arbeiten, die bis in die Gymnasialzeit zurückreichen, veröffentlichte J. Leonhardt in Zeitungen und Kalendern, vor allem im Groß-Kokler Boten, den er einige Jahre herausgab, und in der von Adam Müller-Guttenbrunn geleiteten Wiener Deutschen Zeitung, die seinen literarischen Werdegang entscheidend beeinflußte.
      In seinen Kurzerzählungen läßt Leonhardt siebenbürgisches Volksleben selbst sprechen, ohne dabei höhere literarische Ziele zu verfolgen. Ihm genügt es, nach hergebrachtem Muster durchdas Wort 'die Kräftigung im Innern" zu unterstützen. Daß die Mundart dazu einen wesentlichen Beitrag hätte leisten können, ließ er unberücksichtigt. So stand Leonhardt auch bei der Entwicklung der volkstümlichen Literatur zur wirklichen Volksdichtung abseits.
      Daß Johann Leonhardt wenig überzeugende Resultate seiner schriftstellerischen Bemühungen hervorbrachte, liegt nicht nur an der Wahl seiner Stoffe, sondern vor allem an ihrer literarischen Verwertung. Nicht ohne Talent, verfällt Leonhardt häufig in den Fehler der Dilettanten, die glauben, dann anschaulich zu schreiben, wenn sie Vergleiche, Metaphern, Epitheta und andere Stilelemente anhäufen. Das trifft für eine Anzahl seiner Erzählungen des Bandes Aus Siebenbürgen zu. Besonders im ersten Teil übertreibt Leonhardt im Gebrauch seiner Stilmittel erheblich. Im Falkennest beispielsweise tritt diese Erzahlweise in Erscheinung, die Karl Kurt Klein als 'salonsiebenbürgisch/ 6 bezeichnet. Leonhardt legt seinen Personen wohlgeformte Satze in den Mund, die so gar nicht zum dörflichen Milieu passen wollen. Die Geschichte, die in eine Rahmenhandlung eingebettet wurde, erzählt von der unglücklichen Liebe des Schafhirten Konstantin zur stolzen und vermögenden Bauerntochter Marina. Diese bereut zu spät ihr Verhalten und zerstört dadurch selbst ihr Glück. Das von der zukunftskundigen alten Stane zur Besinnung gebrachte Mädchen verliert den geliebten Mann, der beim Aufstieg zum Falkennest — eine ihm von Marinas Vater auferlegte Mutprobe — abstürzt. Marina stirbt an einem Herzschlag. Geradezu peinlich mutet diese Schilderung des Todes an, die in einer völlig unmotivierten Verknüpfung von Handlung und Naturbeschreibung gipfelt. Solche und ähnliche Szenen ^ führen schon bedenklich in die Nähe der Trivialliteratur. Die einzige der 'Federzeichnungen" des ersten Teiles ohne tragischen Ausgang und auch gleichzeitig die realistischste ist Der Ring des Königs. Der Handlungsablauf ist frei von phantastisch übersteigerten Bildern.
      Wenn in der ersten Abteilung des Bandes episodische Begebenheiten geschildert werden, so beweist der mittlere Teil eine größere künstlerische Geschlossenheit und Ausgewogenheit im Aufbau. Sicher ist diese Tatsache auch darin begründet, daß Leonhardt hier Verhältnisse wiedergibt, die er gründlich kennengelernt hatte. Die erzieherischen Absichten treten auch hier wieder offensichtlich zutage, ohne allerdings störend zu wirken. So im Sühnversuch, in dem der Autor die Bemühungen eines Dorfpfarrers darstellt, ein Ehepaar auf den rechten Weg zurückzuführen. Obwohl sich Georg und Ännchen ihr Eheglückerkämpfen mußten , hatte der Streit ihrer Eltern sie doch so stark beeinflußt, daß er allmählich auch ihre Ehe vergiftet. Beide sind nicht stark genug, die Probleme zu meistern, und sie verfallen dem Trunk. Ein Brand auf dem Hof tut das übrige, so daß sie ins Elend geraten und verkommen. Geradlinig und knapp beschreibt Leonhardt in dieser Erzählung das Schicksal dieser beiden Menschen.
      Diese und einige weitere Dorfgeschichten widerspiegeln typische ländliche Zustände. Das kann bei anderen nicht durchwegs behauptet werden . Oft wirken die geschilderten Personen ausgefallen, wie Der Müller Kloos, dessen ganzes Sinnen auf Diebereien ausgerichtet ist und dessen Tod die Dorfbewohner als Gottesstrafe ansehen. Ähnlich gesucht ist die Thematik im Silber gülden, eine Erzählung, in der ein sächsischer Bauer auf unlautere Weise zu Reichtum gelangen will und am Ende der betrogene Betrüger bleibt.
      Der dritte Abschnitt enthält Städtisches, fünf Geschichten, die vorwiegend episodischen Charakter tragen. In der Erzählung Fahnenflüchtig greift Leonhardt das Problem der Kräftigung und 'Ertüchtigung des sächsischen Geistes" auf. Durch die Konfrontation des jungen Fritz Stramm mit seinem Onkel Frey versucht der Autor klarzumachen, daß die Wahrung sächsischen Wesens nicht Aufgabe der Vereinsmeierei sein kann. Der weltgewandte Kaufmann Frey gibt vermutlich die Anschauungen Johann Leonhardts wieder, wenn dieser ihn sagen läßt: 'Wir brauchen Arbeit, ernste Arbeit. Ideal waren wir in unserer Politik. Die beste Politik ist für uns heute aber gute Wirtschaft bei jedem Mängel an überflüssiger Begeisterung." So enthält diese Erzählung als einzige des letzten Teils Prinzipielles, ist aber künstlerisch auch nicht bedeutender als die anderen. In diesen behandelt Leonhardt nichts typisch Sächsisches, sondern erteilt jungen Eheleuten allgemeine moralische Lehren , schreibt über gefundenes Liebesglück oder macht sich über das Dasein eines Junggesellen lustig .
      Erst nach langer Pause veröffentlichte Johann Leonhardt 1912 eine weitere Sammlung mit Kurzprosa unter dem Titel Siebenbür-gisches Kleinleben. Geschichten und Gestalten. Sie enthält Skizzen, die in der Zwischenzeit in Zeitungen, Zeitschriften und Kalendern erschienen waren. Ausgenommen die Beschreibung der Geschichte von Draas handelt es sich um Episoden aus dem dörflichen undstädtischen Leben, die belehrend unterhalten sollen. Siebzehn Jahre sind seit der letzten Buchausgabe vergangen, aber eine kontinuierliche künstlerische Weiterentwicklung läßt sich nicht feststellen. Die Skizzen sind inhaltlich und stilistisch zum großen Teil so unbedeutend, daß im einzelnen hier auf sie einzugeben nicht lohnen würde. Es fehlt ihnen auch das typisch Bodenständige, das ihnen noch einen kulturhistorischen Wert hätte verleihen können . Johann Leonhardt richtet sich aber nach dem deutschen Geschmack, zumal die Anekdoten für das Feuilleton der Wiener Deutschen Zeitung bestimmt waren. Diesem Umstand ist es sicher auch zuzuschreiben, daß nur acht der 23 Skizzen Lokalkolorit zeigen, darunter die wichtigsten über Draas. In allen Fällen läßt sich deutlich das Bemühen des Autors erkennen, gewähltes Deutsch zu schreiben. Leider hatte das oft den Verlust der Urwüchsigkeit zur Folge. Wichtige dialektale Begriffe fallen dadurch weg und werden durch hochdeutsche ersetzt, Namen werden benutzt, die dem Ohr des Landmanns wie 'fremde bunte Lappen" erscheinen müssen, 'die zur groben siebenbürgischen Hauswebe der Darstellung nicht passen".
      Die Tätigkeit in Draas gab Leonhardt reichlich Gelegenheit, die Besonderheiten dieses Ortes aufzuspüren. Dabei stieß er auf Originale, die dann zu Figuren seiner Skizzen wurden. Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang die Geschichten eines Spaßmachers. Dieser Spaßmacher fesselte Leonhardt immer wieder. Eigentlich war er ein tüchtiger Bauer, der sogar die eisernen Pflüge in seiner Gemeinde einführte, aber 'auf seinem munteren Antlitze sitzt immer der Frohsinn und aus den blinzelnden Augen lugen die Verschlagenheit und der Schalk heraus" 11. Damit hatte er sich in seiner Jugend öfter aus schwierigen Situationen herausgeholfen. Noch als Erwachsener machte er sich gern 'zum Narren, während er selbst andere zum Narren hielt" 12. So auch in der Geschichte von den Zwei Kalendern. Seine Bauernschlauheit spielte er dann aus, wenn es galt, rasch und viel zu erwerben, ein Bestreben, das aus der bedrängten Lage seiner Jugend erklärt werden konnte. Manchmal bewegte sich der Spaßmacher mit seinen Taten hart an der Grenze des Erlaubten, wie Der gefärbte Ochse beweist. Die Geschichten eines Spaßmachers zeigen uns, daß Leonhardt durchaus in der Lage war, humoristisch zu erzählen. Hier hätte sich ihm eine Perspektive seiner schriftstellerischen Tätigkeit eröffnet.
      Wie in den Geschichten eines Spaßmachers, so kann man auch in Der Draaser 'Starke" Leonhardts Bemühungen feststellen, sich im Gebrauch seiner Stilmittel dem Stoff anzupassen. Kurz und kraftvoll wird erzählt, auf überflüssigen Zierat verzichtet. Hie und da benutzte der Dichter mundartliche Wendungen, vor allem im Dialog. Literarisch weniger bedeutend, aber kulturhistorisch interessant ist die Skizze Aus dem Leben eines Kantors, da der Leser hier viel über das Lehrerdasein im 19. Jh. erfährt. Zunächst bietet Johann Leonhardt einen Ãœberblick über das Volksschulwesen bis zur Neuregelung im Jahre 1870. Auf der untersten Rangstufe stand zeit seines Lebens der Kantor Johann Ignatz, der den Reigen der Originalgestalten aus Draas abschließt. Bemerkenswert sind jene Passagen, die Ignatz selbst erzählt. Leonhardt gibt sie in der Redeweise des Kantors wieder.
      Bereits 1885 erschien im Feuilleton des Groß-Kokler Boten das Versepos Frieda. Ein Idyll. Dieses zehn Kapitel umfassende Werk wurde von Leonhardt als Abiturient begonnen und im wesentlichen in den ersten Universitätsjahren vollendet. In einer Rezension der Kronstädter Zeitung wird das 'Idyll" als ein Zeichen dalfür gewertet, 'wie allmählich in den Kreisen der Gebildeten sich immer mehr die richtige Erkenntnis dazu Bahn bricht, einen frischpulsierenden, lebenswarmen Realismus zu zeitigen, der insoferne mit der Vergangenheit und Geschichte bricht, als es notwendig erscheint, das Volksinteresse mit den dichterischen Strömungen zu verknüpfen" 14. Diese Eloge dürfte wohl reichlich übertrieben sein, sicherlich war hier mehr der Wunsch der Vater des Gedankens. Zwar macht der Autor tatsächlich seine Gegenwart zum Gegenstand dieser Dichtung, aber es ist zu bezweifeln, daß sich damit warme Anteilnahme an der einheimischen volkstümlichen Dichtung gewinnen ließ. Auch einer anderen Forderung kommt Leonhardt formell nach: Er schöpft aus dem sächsischen Volksleben. Aber der Begriff 'Idyll" wird allzu eng aufgefaßt. Zwar ist von einfachen, friedlichen, naturhaften Verhältnissen im engen Wirkungskreis die Rede, sie werden aber zu spießerhaft und simpel dargestellt. Die gute Absicht des Dichters ist offensichtlich, er erkennt die Lücke in der einheimischen Literatur, aber in der Wahl der stilistischen Mittel hatte er keine glückliche Hand. Leonhard wählte für seine Verse den unzeitgemäß pathetischen Rhytmus des Hexameters, wodurch der Dichtung von vornherein die Frische genommen wurde.
     
Es ist schade, daß Johann Leonhardt die sich anbahnende neue Entwicklung in der Literatur Siebenbürgens nicht mitmachte. Denn mit seinem Erzählertalent hätte er die besten Voraussetzungen dafür gehabt, Werke von bleibendem literarischen Wert zu schaffen. In den alten Idealen zu sehr verwurzelt, konnte er als reifer Mensch mit den zeitgemäßen Ideen nicht mehr Schritt halten. So muß man leider feststellen, daß sein Gesamtwerk von Inhalt und Form her mehr der Periode bis 1890 angehört.
     

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