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Johann Leonhardt - dramatik



Der Bildungsweg und auch die literarischen Arbeiten Johann Leonhardts stehen im Zeichen des 19. Jh., es läßt sich vor allem der Einfluß M. Alberts, T. Teutschs und Fr. W. Schusters feststellen. Leonhardt schrieb seine Dramen in einer Zeit, in der Vertreter jüngerer Generationen ihre Zweifel an den erstarrten Formen der Literatur zum Ausdruck brachten und eine aktuelle Kunst forderten. Diese kritischen Stimmen erklangen vor allem in A. Me-schendörfers Zeitschrift Die Karpathen. Der Herausgeber nahm wiederholt gegen einige Schwächen der älteren Literatur, wie Enge und Historismus, Stellung. 'Wir wollen nicht vergessen", schrieb er einmal, 'daß wir Werdende sind und wollen daher mit Ehrfurcht in den Büchern unserer Väter blättern, um aus ihnen zu lernen, wie wir es heute nicht machen dürfen." 1 Indem sich Me-schendörfer gegen die Mängel der siebenbürgischen Dichtung vor 1900 wendet und zugleich den Weg zu einer neuen Literaturkonzeption in Siebenbürgen bahnt, wendet er sich indirekt auch gegen Leonhardt, dessen Werke zum Teil die Schwächen der älteren Dichtung aufweisen.

      Johann Leonhardt hat drei dramatische Werke geschrieben, eine Tragödie , ein Drama und ein Lustspiel .
      Entstehungschronologisch ist die Tragödie Frau Balk Leonhardts erstes Stück. Es wurde, wie die Zeitungen der Zeit berich-ten 2, mit durchschlagendem Erfolg aufgeführt. Der Verfasser geht von einer historischen Person aus — Johanna Balk —, deren mutige Tat zur Zeit der Terrorherrschaft Gabriel Bathorys Aufsehen erregte. Dieser wird im Drama als lüsterner Tyrann dargestellt, der seine Aufmerksamkeit mehr den schönen Frauen seines Fürstentums als den wirtschaftlich-politischen Problemen widmet. Mit Hilfe der Intrigantin Moeß, deren Liebesgefühle für den Kaufmann Balk unerfüllt geblieben sind, spinnt er ein feines Netz für sein nächstes Opfer, Johanna, die Frau Balks. Lust und Rachedurst bestimmen die Handlungen dieses diabolischen Paares. Johanna, anfangs naiv und gutgläubig, erhofft eine Klärung des Mißverständnisses, das zur Verhaftung ihres Mannes geführt hat. Doch sehr bald erkenntsie die mörderischen Absichten des Fürsten. Sie wird von der Moe-ßin besucht, die in einem Moment der Aufrichtigkeit von ihr verlangt, Bathory zu töten. Johanna schreckt vor einer solchen Tat zurück, doch als ihr auch der Bruder dazu rät, entschließt sie sich zu handeln. Sie folgt der Einladung des Fürsten und versucht, ihn am Abend eines Festes umzubringen. Das Panzerhemd, das der Fürst unter seinem Gewand trägt, verhütet jedoch die Bluttat. Balk wird zum Schein befreit, doch läßt ihn Frau Moeß glauben, daß Johanna ihn verraten habe und ihm untreu geworden wäre. Johanna verliert hierdurch die letzte und sicherste Stütze, das Vertrauen ihres Mannes, und begeht Selbstmord. Bethlen, General der fürstlichen Leibgarde, der inzwischen Volk um sich gesammelt hat, dringt bei Bathory ein und tötet ihn.
      Mit Frau Balk wollte Leonhardt ein monumentales Werk schaffen. Diesem Vorsatz entsprechen die ganze Aufmachung, die großartig angelegten Szenen und die Steigerungen jeweils am Ende der vier Aufzüge. Der Autor begründet die Tragik seines Stückes aus dem Charakter der Hauptgestalt, aus dem Schwanken zwischen Ehrgefühl und Liebe. Doch fehlt diesem groß geplanten Charakter die Konsequenz und Größe der Tat. Schon ein Zögern des Gatten bricht ihren Willen, und sie geht unter. Johannas Gegenspieler, Bathory, wurde zu stark typisiert, er ist die Verkörperung des Bösen schlechthin. Im allgemeinen ist die Handlung des Dramas zu sehr auf äußerliche Effekte konzentriert.
      Das Motiv der Frau, die für ihren Mann ihr Leben einsetzt, wurde oft literarisch verwertet. Erwächst jedoch die Tragik in anderen Werken dieser Thematik aus einem ausgeglichenen und realistischen Konflikt, geht dieser Leonhardts Stück ab. Die Konstruktion seines Dramas weist Schwächen auf, die dem Gesamteindruck Abbruch tun. Die idyllische Kinderszene des zweiten Aufzugs hemmt die Steigerung der Spannung, die ohnehin in mancher Hinsicht künstlich erzeugt wird. Das Kräfteverhältnis der Gegenspieler ist nicht richtig angesetzt, schon von Anfang an weiß man, daß Johanna in ihrem Rettungsversuch scheitern wird.
      In seinem zweiten Stück, Die Werberin, greift Leonhardt wieder auf eine Begebenheit der siebenbürgisch-sächsischen Geschichte zurück. In einem Artikel äußert er sich zur Themenwahl seines Dramas und unterstreicht dessen authentischen Charakter: 'Der Kern des Dramas ist eine wahre Begebenheit." Leonhardt knüpft an einen in den Blättern für Geist, Gernüth und Vaterlands künde erschienenen Aufsatz an: 'Bekanntlich hatten die Siebenbürger Sachsen im Jahre 1806 ein schönes Feldjägerkorps errichtet, [...]wobei sich folgendes ereignete: als der Bürgermeister zu Reps, Herr Peter Falk, mit mehreren Jünglingen aus Reps, die sich bereits zu gedachtem Korps freiwillig hatten anwerben lassen, behufs weiterer Bewerbung nach dem nahen Dorfe Draas kam, waren da soeben junge Leute beiden Geschlechts beim Tanz versammelt. Da trat ein schönes, kaum 15 jähriges Mädchen unter die Neugeworbenen aus Reps und sprach zu ihnen: Ihr seid brave Burschen, ihr zeigt, daß ihr Sachsen, daß ihr Siebenbürger seid. Schämt euch ihr Burschen von Draas, wenn ihr nicht Mut habt, für euren Kaiser zu sterben! Wäre ich ein Mann, ich würde der erste sein, der sich anwerben ließe. Hervor, wer ein Herz hat! Wer seinen Handschlag dazu gibt, bekommt von mir einen Kuß! Diese Rede wirkte, vier Jünglinge stürzten aus den Reihen der Tänzer hervor, gaben ihren Handschlag und erhielten jeder zum Lohn den versprochenen Kuß."
Das Drama erfreute sich eines anhaltenden Erfolgs in den Städten, in denen es aufgeführt wurde. Man lobte den 'fließenden Dialog", 'die kurze Schürzung der einzelnen Szenen", ihre 'geschickte Aneinanderreihung" und sogar die 'scharfe Hervorhebung der einander entgegentreibenden Leidenschaften und ihrer Träger" 5. Eine geschickte Aneinanderreihung der Szenen läßt sich tatsächlich feststellen. Der in den Blättern skizzierte Handlungsverlauf nimmt bei Leonhardt folgende konkrete Gestalt an: Katharina, die Tochter des wohlhabenden Bauern Münz, der es auf die Richterwürde in seinem Dorf abgesehen hat, liebt den Knecht ihres Vaters, Georg. Um den Richter Falten vor dem Stuhlrichter herabzusetzen, befreit Münz einen im Turm eingesperrten Rekruten, wird aber von Töpfer, einem Trunkenbold, auf frischer Tat ertappt. Georg rettet die Ehre der Dorfjugend, indem er sich für Faltens Sohn, der anstelle des geflohenen Rekruten aufs Schlachtfeld ziehen soll, anwerben läßt. Töpfer nützt den Augenblick und epreßt Münz. Katharina soll seine Frau werden. Dies steht bald darauf tatsächlich bevor, doch am Hochzeitstag kehrt Georg als Held der Schlacht von Aspern zurück, die Schandtaten Münzens werden aufgedeckt, und er soll büßen. Doch der Stuhlrichter, der Münz bestrafen soll, bringt ein kaiserliches Schreiben an Katharina und bewilligt ihr einen Wunsch. Katharina erbittet die Befreiung ihres Vaters und heiratet Georg.
      Wenn Frau Balk sich vor allem positiver Kritik erfreut hat, so wurde Die Werberin zum Teil abgelehnt. In einer Besprechung wird das Stück als 'dichterisch wertlos" bezeichnet. Der Autor der Rezension tadelt die 'bewußte Kritiklosigkeit", mit der das

Stück aufgenommen wurde. Seine Äußerungen sind zweifellos berechtigt. In der Werberin — so wie auch schon in Frau Balk — zeichnet der Dichter einseitige Gestalten, die sich im Laufe der Handlung zu keinen klar umrissenen Charakteren entwickeln. Allein das tapfere Mädchen Katharina wird als eine charakterfeste und entschlossene Person vorgestellt. Sie bewirkt durch ihr persönliches Eingreifen, daß eine tragische Situation verhindert wird, indem sie Georg dazu bewegt, aufs Kampffeld zu ziehen. Charaktergröße und Vaterlandsliebe haben den Vorrang in ihrem Empfinden vor der wachsenden Liebe zu Georg. Doch nachdem ihr Geliebter ins Feld zieht, wird sie zum Spielball ihres Vaters. Zwar versucht der Dichter, ihre Passivität dadurch zu rechtfertigen, daß sie der armen Mutter Georgs auf jede Art helfen will, doch faßt sie den Entschluß zu heiraten gerade, als die alte Frau eine sichere Unterkunft gefunden hat. Während Katharina eine zum Teil handelnde, zum Teil erleidende Person ist, wird Münz als gewinnsüchtiger und skrupelloser Vater geschildert. Er besitzt ein cholerisches Temperament, seine Erscheinung und Rede sind stets 'aufgeregt", 'auffahrend", 'wild", 'aufflammend", 'wütend" usw. Gefängnisstrafen schrecken ihn nicht, allein das Bangen um den Richterstuhl erfüllt ihn. Der Autor baut somit die Handlung auf ein schwaches Motiv auf, anstatt das Grundmotiv von Schuld und Sühne ins Geschehen hineinzubringen. Der Mangel eines 'sittlichen Gedankens" in diesem Stück wurde wiederholt hervorgehoben. Schwerwiegender ist der Mangel an realistischem Darstellungsvermögen, durch das erst die Handlungen der Personen 'ethische Wirksamkeit" erzielen könnten.
Der Silbergulden, ein Volksstück in einem Aufzug, schildert eine Begebenheit aus der Zeit des Verfassers. Piter Theiß gießt mit Hilfe eines Zigeuners falsche Silbergulden, um die Geldgier seiner Frau Rosina zu stillen. Sinni, die Tochter des Theiß, ist mit Mächel, dem Sohn eines reichen Bauern, verlobt. Nachbar Däpner, der auch eine heiratsfähige Tochter hat, deckt den Betrug auf, in der Hoffnung, seine Tochter mit Mächel verheiraten zu können. Der Oberstuhlrichter, der den Fall untersucht, greift nachsichtig ins Geschehen ein und gibt dem jungen Paar das für eine kurze Zeit getrübte Glück wieder. Die Regieanweisungen des Autors geben den Hinweis auf Volkstümlichkeit in Sprache und Tracht, doch gebrauchen die Bauern nur selten ihre eigene Sprache. Der unerwartete Schluß läßt an der Glaubwürdigkeit der Handlung zwei-fein. Der Autor will mit seinem Stück offenbar bloß den Satz 'Ende gut, alles gut" bestätigen. Wie auch in Frau Balk und Die Werberin ist im Silbergulden die Handlung künstlich konstruiert. Die Stücke von J. Leonhardt veranschaulichen — mit denen seiner Zeitgenossen — die Möglichkeiten und den Leistungsstand der sächsischen Literatur um die Jahrhundertwende. Sie sind für den heutigen Leser nur noch von dokumentarischem Interesse.

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