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Joachim Wittstock - TÜRKENHÜGEL




Tafelberg, den Vgeln entgegengebogen da sie ihn nachtlang beschweren ein Hgel — allein ohne gefallene Trken doch aller, die je gegen sie gekmpft
So sind auch Heldengrber nicht Grber fr Heldendoch jener, die sdwrts rittenerst wenn der Halbmond sich lodernd ber sie gowurden sie unerprobt und ungeahntrissen ins Verderben der Schlacht ihren Zorn
Keine Bezeichnung jedoch kam ihrer Ohnmacht gleich in der sie jh niederbrachen auf einer Sttte dauernden Todesdurch ihren zerhiebenen Schlaf entstand der Kmpfe neues Gesicht ein Sammelpunkt abschssiger Wellen.

      Joachim Wittstock besuchte das Lyzeum in Kronstadt, studierte in Klausenburg Philologie und lebt zur Zeit in Hermannstadt. Er verffentlichte Gedichte , Übersetzungen rumnischer Lyrik, Prosa und literaturkritische Essays. Als Herausgeber macht Joachim Wittstock sich um den Nachla seines Vaters Erwin Wittstock verdient.
      Joachim Wittstock nimmt unter den jungen einheimischen Lyrikern eine Sonderstellung ein: die verhltnismig seltenen Verffentlichungen bieten Proben eines sehr przise gesteuerten Umgangs mit der Sprache im Abstecken der Realitt. In einer Selbstanalyse, wo Wittstock Struktur und uere Gestalt seiner literarischen Versuche nher bestimmt und auf die flieenden Übergnge zwischen seiner Lyrik und Prosa hinweist,bekennt sich der Dichter zur ziselierenden Formbestrebung sowie Bedenklichkeit und Vorsicht in der Wahl und Handhabung der Sprache. In khler, nchterner, aber nicht unpoetischer Art versucht er, die Umwelt, ihre elementaren Gegebenheiten, Lebensstoffe, Landschaften mit dem Zeichen menschlicher Kultur in eine originelle Beziehung zu bringen. Selbst atmosphrisch-dekorative Zeichnungen werden nicht ohne den Filter geistiger Distanz gesetzt, die Zeilen bleiben nie im Beliebigen stecken. Joachim Wittstock schreibt keine Naturlyrik im Sinne stimmungsvoller Bildermalerei; er berprft, sprt Verstelungen, Farbnuancen, Mglichkeiten nach und bermittelt die so gewonnenen Erkenntnisse als lyrische Botschaften und Nachrichten. Das Lesen seiner Gedichte erfordert erhhte geistige Konzentration, aktives Zuendedenken. Sein Stil kennzeichnet sich durch Objektivitt, Begrifflichkeit und Ma.
      Sagen und Mythen dienen ihm nicht zum gehabten Spiel mit der eigenen Bildung, sie werden unpathetisch neugewertet, ihrem Sinn wird kritisch nachgesprt. Auch die Sprache als konkret fabarer Spiegel von Erfahrungen und Vorstellungen wird dieser Überprfung unterzogen. Das Vertrauen in die Sprache zeigt sich bei Wittstock keinesfalls grundstzlich erschttert. Kommunikation ist mglich, sie wird sogar angestrebt. Vereinsamender Esoterik steht der Sinn frs Objektive entgegen. In vorliegendem Gedicht bietet eine Wortanalyse den Anla zu einer Begriffsanalyse. Wittstock geht sehr konkret vom Titel aus: die Flurbezeichnung Trkenhgel wird nher bestimmt. Flur- und Riednamen erwecken beim jeweiligen Kenner oder durch Analogievorstellungen auch beim Auenstehenden sehr bestimmte Gefhle der Bindung; Kindheitserinnerungen tauchen beim Nennen von solchen bernommenen, nachgesprochenen Namen auf, heimatliche Vertrautheit geht von diesem landschaftlichen Detail aus, von dem eine grere Gemeinschaft Kenntnis hat. Zugleich mit der Wiederbegegnung mit dem bekannten Wort beginnt auch das Nachsinnen ber dessen Ursprung und Bedeutung. Die Flurbezeichnung weist auf siebenbrgische Geschichte hin, und die genaue Lokalisierung lt ein Beschwren solcher philologisch nachformulierbarer Heimat erwarten. Wittstock wei um die Stimmungslage, die ein Titel wie der seines Gedichtes hervorrufen kann, er wei auch um die schnfrberische Volksetymologie, die er hier fragwrdig macht und enthllt.
      Das Gedicht stellt zunchst das geographische Objekt unmittelbar vor: es ist ein Tafelberg, der Raben und Aasvgeln, die sich nach abklingender Schlacht nachtlang an die Gefallenen wagten, ein reiches Mahl bot. Das zusammengesetzte Substantiv Trkenhgel wurde durch ein anderes zusammengesetztes Substantiv , Tafelberg, ersetzt, was nicht nur uere Konturen genannter Erderhebung plastischer ausdrcken will, sondern den deutlichen Hinweis auf die hiergefallenen Kmpfer mitenthlt. Schon in der dritten Zeile wird die Zusammensetzung Trkenhgel auf ihre Stichhaltigkeit hin untersucht: ein Hgel — allein ohne gefallene Trken, heit es da. Der Hgel steht allein , verlassener Zeuge abgelaufener Zeitlufte; das allein besitzt jedoch auch den Sinn einer entgegenstellenden Konjunktion. Es bedeutet ein verstrktes aber. Der Hgel birgt demnach keine besiegten Trken, die Sage erweist sich als falsch. Hingegen ist besagter Hgel das Grab aller, die je gegen die Trken gekmpft haben, die Ruhesttte jener, die sich gegen die Überzahl der plndernden Angreifer — wie man gemeinhin sagt, heldenhaft — zur Wehr setzten. Der Aufbau der Exposition fngt das Denkmalhafte des Bildes ein, indem Titel und die Substantive des Zeilenanfangs wie Wortblcke wirken, die kein syntaktischer Mrtel verbindet. Fi-nite Verben tauchen nur in den erluternden Nebenstzen auf. Die vier ersten Zeilen enthalten bereits die sachlich getroffene Korrektur eines durch die Sprache verschleierten Tatbestandes. Die Struktur ist die einer logischen Beweisfhrung: der ursprnglichen Behauptung wird eine verbessernde Feststellung entgegengesetzt , aus der sich eine neue Einschtzung ergibt. Sozusagen als Parallele zur ersten Korrektur erfolgt die Verfremdung des gleicherweise verflschenden Wortes Heldengrber. Ähnlich wie der in der Exposition erklrte Trkenhgel kein Hgel der Trken ist, erweisen sich bei klarem, antimilitaristischem Denken auch Heldengrber nicht als Grber fr Helden. Die ausfhrlich getroffene Formulierung in dieser schlufolgernden fnften Zeile wird als gesicherte Aussage festgehalten; dieser Satz wird durch betonten Zeilenabstand auch graphisch herausgestellt. In einem Gedicht, wo es kaum Satzzeichen gibt, gewinnen die Worte ungehindert neue Sinnstrahlungen im Gesamtzusammenhang, eingerckte oder hervorgehobene Zeilen vermitteln Bedeutungsakzente.
      Vom ersten Wort zum zweiten wird ein Schritt zur poetischen Verallgemeinerung, zur Aussage von allgemein Gltigem getan. Den Trkenhgel gibt es bei Hermannstadt, Heldengrber gibt es auf den Schlachtfeldern in der ganzen Welt. Die Betrachtung bleibt nicht im Vergangenen stecken, sie wird fr die Gegenwart gltig. Über den unmittelbaren Vordergrund der Trkenkmpfe hinaus erfhrt nun der Heldenbegriff eine Ernchterung; er wird zwar nicht neu definiert, aber durch den Kontrast verfremdet. Die gefallenen Verteidiger, denen die stets gefhrdete Nachwelt anspornende Qualitten andichtete, standen unerprobt und ungeahnt im Kampf, und erst wenn der Feind sich lodernd ber sie go, ri der Zorn sie sdwrts in die todbringende Schlacht. Die achte Zeile, zugleich Gedichtmitte, bringt das Geflle der logisch abrollenden Stze ins Stocken, sie ber-rascht durch die Spreizstellung ihrer Aussage: das Prdikatsnomen fr wurden sie unerprobt und ungeahnt drfte Helden aus der fnften Zeile sein. Die fehlenden Satzzeichen machen ein solches Zurcklesen einfach, Worte und Stze gewinnen ein Mehr an Bedeutung. So knnte diese achte elliptische Zeile auch durch den nachfolgenden Satz ergnzt werden, der Zorn ber die beutegierigen Angreifer ri die Reiter unvorbereitet aus den schtzenden Mauern ins Verderben der Schlacht. Die zehnte Zeile des Gedichts versucht nun nach vorangegangener, negativer Begriffsbestimmung das Eigentliche dieses Todes auf dem Schlachtfeld zu klren, doch der Dichter findet keine Bezeichnung dafr. Der Übermacht standen sie mit gerechtem Zorn, aber ohne Macht gegenber. Der dauernde Tod ist das von Generation zu Generation weitergegebene Wissen um die ohn-mchtig Gefallenen in dieser Schlacht; die Wiederholung solcher Kriege auf dem gleichen Schlachtfeld strt zwar den ewigen Schlaf der Toten, lt aber gleichzeitig das verpflichtende geschichtliche Bewutsein nicht versinken. Man knnte diese Kmpfer mit den tdlichen Wunden und dem zerhiebe-nen Schlaf als notwendige Opfer bezeichnen, denn wir erfahren weiter, da durch ihr Sterben der Kmpfe neues Gesicht entsteht; ein nchstes Zusammentreffen mit dem Feind ist nun schon durch die frheren Toten belastet. Die Kraft der Schwachen ist eine moralische: sie greifen nicht an, sie verteidigen. Wollte man in diesem Zusammenhang den bekannte Rilke-Satz: Wer spricht von Siegen, Überstehen ist alles nennen, so liee sich sagen, da ein Überstehen durch das neue Gesicht der Kmpfe leichter wurde, bildet doch das vorangegangene Ereignis fr den Verteidiger einen Sammelpunkt abschssiger Wellen, das ordnende, sittlich verbindliche Kraftmoment fr weitere Auseinandersetzungen.
      Besonders auffllig werden in den letzten vier Zeilen des Gedicht? die stets gleichgebauten Versenden: Adjektiv und Substantiv . Das Gedicht erhlt auf diese Weise trotz seines freien Rhythmus einen fest ge-fiigien Abschlu.
      Der Wortschatz ist eher konventionell als sprachschpferisch, die Worte sind in erster Linie Sinntrger und nicht Stimmungstrger. Von Metaphern wird sparsam Gebrauch gemacht . Bei einer nheren Untersuchung des Wortschatzes fllt auerdem Wittstocks Vorliebe fr Partizipien auf, die sowohl als Beiwrter zu Substantiven gestellt werden, als auch pr'di-kativ auftreten. Der Dichter steht damit in einer allgemeinen Tendenz moderner Sprachentwicklung: In der neueren Literatur lt sich beobachten, da das epithetische Partizip, besonders das des Prsens, dem Adjektiv gegenber im Vordringen ist. Das ist nicht ohne Grund. Das
Partizip des Prsens hat viel vom verbalen Charakter behalten und ist dem Adjektiv insofern berlegen, als es Lebensregungen, Wirkungen, Bewegungen ausdrcken kann, von denen die Haupthandlung begleitet wird. Es ist in Ausnahmefllen sogar imstande, die Aufgabe des finiten Verbums zu bernehmen und dem Fortschritt der Handlung zu dienen.
So bietet der konkrete landschaftliche Rahmen Siebenbrgens dem Dichter Anla, ber Sprachbesinnung zu einer gedanklichen Auseinandersetzung zu gelangen: individuelle Ohnmacht und hheren Sinn im notwendigen Ablauf geschichtlicher Ereignisse in dialektische Beziehung zu setzen.
     

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Joachim  Wittstock  -  TÜRKENHÜGEL    





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