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Jene Welt, von der wir wenig wissen. Einige Anmerkungen zu Josef Burg



Bei einer Begegnung am 16. November 1987 in der Redaktion der Moskauer Zeitschrift Sowjetisch Heimland' kam Josef Burg auf die Stationen seines Lebens zu sprechen und stellte fest: 'Ich bin Jude, aber ich bin auch Bukowiner, und das bedeutet, daß ich mich zu jenem österreichisch-deutschen Kulturkreis zugehörig fühle, aus dem Rose Ausländer, Paul Celan, Alfred Margul-Sperber, Alfred Kittner und die mit achtzehn Jahren im Lager verstorbene Selma Meerbaum-Eisinger kamen [...] Ich habe auch in deutscher Sprache geschrieben, jetzt schreibe ich jiddisch, ich bin Mitglied des sowjetischen Schriftstellerverbandes, lebe aber seit über sechzig Jahren, mit Unterbrechungen, in Czernowitz, in der Bukowina [...] Am 30. Mai 1912, als Ã-sterreicher inWishnitz geboren, einem kleinen jüdischen Städtchen an den Karpaten, erhielt ich später die rumänische Staatsbürgerschaft, die mich 1939 vor den Nazis schützte, und 1941 mußte ich dann vor den deutschen Okkupanten aus meiner Heimat in die Sowjetunion fliehen .. ."

Auf die Frage, ob es so etwas wie eine Bukowiner Rationalität' gäbe, die alle Bukowiner verschiedener Sprachzugehörigkeit doch mit gleichen innerlichen und geistigen Bezügen zu einer gemeinsamen Kulturlandschaft vereine, antwortete Burg: 'Ich bin Bukowiner!" Und er bekannte, daß seine 'ganze schöpferische Kraft" eben aus jener Landschaft der Erinnerungen, derWiege des Chassidismus, wo sich am Bergflüßchen Wishenka die Mikwe des Baal Sehern befindet, herrühre und zitierte aus einem Manuskript, das im Jahr darauf, 1988, in Leipzig erschienen ist: 'Meine Kindheit, das ist Wishnitz, ein im Tal verstreutes Städtchen, direkt am Fuße der Bukowiner Karpaten, wo seit vielen Generationen Juden lebten. Wishnitz! Es genügt, deinen Namen in Silben zu trennen, jede Silbe ein bißchen in die Länge zu ziehen, und schon ist es, als wenn der Wind in den Bergen pfeift und der Bergfluß brausend dahinschießt, auf dem mein Vater sein Leben lang Flöße geführt hat."
Kann Josef Burg, einsam in einer 'versunkenen Literaturlandschaft"6, ausgehend vom systematisch durchdachten Gliederungsversuch Kurt Reins ebenfalls zum 'Ausklang" oder 'Nachklang Bukowina-deutscher Dichtung ab 1940"8 gerechnet werden? Wohl wurde er vom 'intensiv deutschsprachigen Milieu der Czernowitzer Zwischenkriegszeit" geprägt - er debütierte 1934 in den ,Czernowitzer Blättern', studierte 1934-1938 Germanistik in Wien, kehrte 1939 nach Czernowitz zurück, mußte aber 1941 in die Sowjetunion fliehen -, und auch ihn verbindet mit Rose Ausländer, Paul Celan, Alfred Margul-Sperber, Alfred Kittner u.a. außer der Herkunft aus jener 'heute der Geschichtslosigkeit anheimfallenden Landschaft" eine Thematik, die uns durch eigenartige und sehr farbige Bilder und Metaphern 'wie ein Echo" erreicht.
      Doch für Josef Burg, der heute inTschernowzy, dem ukrainischen Czernowitz, lebt, ist die emotionale Heimat Bukowina, istWishnitz - freilich einschränkend 'mit neuen Straßen, neuen Häusern, mit einer neuen Generation" - nicht nur 'ein Echo aus einer fröhlichen und schweren Kindheit"13, sondern auch, wie er selbst sagte, 'jene wirkliche Landschaft amTscheremouschfluß, wo meine Eltern lebten, von denen ich die Schwermut, aber auch die Kraft der Poesie geerbt habe .. ,"

   Seine Vorfahren waren Flößer und Waldarbeiter, ihr Leben verlief 'überreich an Elend und Kummer", und nach Jahrzehnten schwerer Arbeit 'verließen [sie] dann die Welt in fremden Leichentüchern". BurgsVater arbeitete als Flößer auf demTscheremousch, in dessen Tal Wishnitz liegt. Der Autor entstammt somit - wie auch der Dichter KubiWohl, Sohn eines Holzfällers aus Zibau bei Mariensee/CirlibabaVeche -jener zahlenmäßig bedeutsamen jüdischen Bevölkerungsgruppe von Handwerkern, Arbeitern und Bauern, deren Existenz von der Geschichtsschreibung meist übersehen, von österreichischen und rumänischen Statistiken jedoch manchmal ziemlich genau erfaßt wurde.
     
   Wie auch KubiWohl kam Burg aus dem jüdischenWaldarbeitermilieu, doch ihm bot sich die Möglichkeit zu studieren, während der Autodidakt Wohl zeit seines kurzen schweren Lebens Arbeiter blieb und verschiedene Berufe ausüben mußte. Beide aber haben in der seit 1919 bis zu ihrer Schließung, 1938. von Schmuel Abe Soifer geleiteten literarischen Wochenzeitschrift ,Czernowitzer Blätter' veröffentlicht, wo übrigens auch Beiträge von später so bedeutsamen Namen wie Itzig Manger , Elieser Steinbarg , Jakob Sternberg und Moische Altmann , Namen, die weltbekannt wurden, erschienen sind; beide, der eine Lyriker, der andere Erzähler, gehören zu den empfindsamsten Stimmen bukowinisch-jiddischer Dichtung. Mit Kubi Wohl verband Burg jedoch auch eine enge freundschaftliche Beziehung, und Jahre nach dessenTod notierte er: 'Sein sterbender Geist war bis zur letzten Minute voll heißer, leidenschaftlicher Liebe zum Leben und sang so schlicht und einfach wie Vögel singen."

   Ãoberblickt man Burgs Lebensweg, fällt es schwer, diesen Autor in die literaturhistorische Gliederung von Kurt Rein einzuordnen, denn ffeerBukowiner kehrte nach dem Zweiten Weltkrieg, nach Flucht und Vertreibung, Deportation und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, als einer der ganz wenigen in den nördlichenTeil der Bukowina zurück - in die Ruinen der deutschsprachigen und deutsch-jüdischen Kultur und einer einst und aus heutiger Sicht immer noch beispielhaften Toleranz, die ethnisches Bestehen und geistigen Austausch möglich machte: 'Wir können deutsch sprechen, jiddisch, rumänisch oder russisch", sagte Burg, 'für mich hat immer der Mensch gezählt, und im Völkergemisch meiner Heimat war die Zugehörigkeit zur Landschaft größer als die zu einer Sprachgruppe."

   Man sollte Burgs Erzählungen21, wie z.B. Dos lebn gejt waiter, 1980 im Verlag Sowjetskij Pissatel, Moskau - eigentlich in der Originalsprache, 'Dos jiddisch is a loschn beazmoj" -, in Burgs 'Mame-loschn" , lesen können, obwohl nun auch eine ausgezeichnete Ãobersetzung von Beate Petras und Jürgen Rennert vorliegt, denn die ostjüdische Welt öffnet sich dem Außenstehenden anders, als wenn er durch eine fremde Sprache, eine Sprache, die obendrein noch durch die Shoah belastet ist, zu ihr findet.
      Doch Burg erzählt nicht nur sehr einprägsam und bildreich von jüdischen Holzfällern, wie Onkel Berke, oder Handwerkern, wie Moidl, dem Schneider, und Chajm Hersch, dem Cheder-Lehrer, von Kindheit und jüdischen Festen, er erinnert auch an das geistige Klima in Wiener Cafes, an Begegnungen mit Schriftstellern und Künstlern jener Zeit, wie Mendel Neugröschel und Ber Horowitz, und mahnt an Schicksale wie jenes des kleinen schwächlichen Waldhüters Asriel, der - 'eine Welt ertrank in Blut" - den unfaßbaren Mut aufbrachte und an einem klaren sonnigen Schabbesmorgen zwei 'schwarzgekleidete Kerle [...] mit silbernen gestickte Totenköp-fe" erschlug: 'Es war ein Schabbes auf der Welt. Und Asriel hatte zum erstenmal in seinem Leben den Schabbes entweiht.. ."

   Als Josef Burg 1924 Wishnitz verließ und mit seinen Eltern nach Czernowitz übersiedelte, bat seine Mutter den letzten 'Wishnitzer Rebben", Israel ben Boruch, er möge den Sohn segnen. Der Rabiner aber hat darauf geantwortet: 'Wozu? Er ist schon gesegnet." Dieser empfindsame, mahnende Bukowiner Erzähler - er setzte 'Zeichen für das Lebendigsein der jiddischen Literatur" und erschloß uns 'eine Welt [...], von der wir noch zu wenig wissen" - würde es verdienen, seitens der Literaturhistoriker mit mehr Aufmerksamkeit bedacht zu werden.
      Die Shoah - oder, wem das amerikanische Wort geläufiger ist: der Holocaust - wirft sichtbare und unsichtbare Schatten auf alle seine Texte, in jeder Erzählung schwingt ein unterdrücktes Klagen, ein leises Bedauern mit, eine Mahnung, die oft zwischen den Zeilen steht, und der ständige Wunsch: nicht zu vergessen die Kindheit, das stille Tal an den Bukowiner Karpaten mit seinen Menschen, wo einst eine kleine Welt des Ostjudentums war.
      Doch Burg hat auch die künstlerische Kraft, sich von Erinnerung und Evokation, von der Vergangenheit, in der er manchmal immer noch zu stehen und zu leben scheint, zu distanzieren: Seinen Cheder-Lehrer, den armseligen, frühzeitig gealterten, weisen Chajim Hersch, läßt er folgende Worte sagen: 'MitTränen aber kann man keine Tränen stillen .. ,"

   Das könnte vielleicht auch eine Antwort darauf sein, woher die Ostjuden die Kraft nehmen, bleibendes Leid mit sich zu tragen; es sind Worte, die prägen sich, auch in deutscher Ãobersetzung, wie ein Brandzeichen ein.
     

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