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Ingeborg Bachmann - DIE GESTUNDETE ZEIT



Es kommen härtere Tage.
      Die auf Widerruf gestundete Zeitwird sichtbar am Horizont.
      Bald mußt du den Schuh schnürenund die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
      Denn die Eingeweide der Fische
Sind kalt geworden im Wind.
      Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.

      Dein Blick spurt im Nebel:die auf Widerruf gestundete Zeitwird sichtbar am Horizont.
      Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,er steigt um ihr wehendes Haar,er fällt ihr ins Wort,er befiehlt ihr zu schweigen,er findet sie sterblichund willig dem Abschiednach jeder Umarmung.
      Sieh dich nicht um. Schnür deinen Schuh. Jag die Hunde zurück. Wirf die Fische ins Meer. Lösch die Lupinen!

Es kommen härtere Tage.
     
Ingeborg Bachmann: geboren am 25. Juni 1926 in Klagenfurt . Studierte in Wien Philosophie und promovierte 1950 mit einer Arbeit über Martin Heidegger. Nach kurzem Aufenthalt in Paris war sie von 1951 bis 1952 in Wien als Rund-funkredakteurin tätig. Sie wurde von der Gruppe 47 entdeckt, und erfreute sich einer sehr raschen Anerkennung. Reisen, u.a. auch nach Zürich . Erster Lyrikband Die gestundete Zeit , dann Anrufung des Großen Bären . Außergewöhnlichen Erfolg hatten das Hörspiel Der gute Gott von Man-hatten und der Prosaband Das dreißigste Jahr . Von 1959 bis 1960 hielt Ingeborg Bachmann an der Frankfurter Universität vielbeachtete Gastvorlesungen über Lyrik. 1946 wurde ihr der Georg-Büchner-Preis, der repräsentativste Literaturpreis der Bundesrepublik Deutschland, zugesprochen. Gegenwärtig lebt sie in Westberlin und Rom.
      Ingeborg Bachmann ist Österreicherin, kommt also aus einer besonderen Welt- und Sprachsituation. Historisch-politisch und geistesgeschichtlich ist Österreich gewissermaßen Grenzland , Land der Ãœberschneidungen, der seltsamen Verquickung von schleppender Konvention und urplötzlich hervorstechender Modernität. Robert Musil hat das Lebensgefühl seiner Landesgenossen großartig formuliert, indem er von Österreich als einem Staat sprach, der sich selbst irgendwie nur noch mitmachte, man war negativ frei darin, ständig im Gefühl der unzureichenden Gründe der eigenen Existenz und von der großen Phantasie des Nichtgeschehenen oder doch nicht unwiderruflich Geschehenen wie von dem Hauch der Ozeane umspült, denen die Menschheit entstieg . Wenn sich diese Kennzeichnung explizite auf Kakanien, die verfallende österreichischungarische Monarchie also, bezieht, reichten und reichen dennoch Ausläufer dieser Weltsituation zumindest ins gestrige Österreich. Dem entspricht eine Sondersituation in den Bereichen der Sprache , die sich in Bachmanns Lyrik bis zur Faszination steigert: das Neben- und Ineinander von Ãœberlieferungen in Vorwand, Bild, Rhythmus und einer modernen Weltschau in der Aussage.
      Viele Gedichte der Ingeborg Bachmann kreisen um die drei alten Themen: Liebe — Tod — das welthaltende Wort des Dichters , und nach näherem Hinsehen läßt sich ein ähnliches auch bei Die gestundete Zeit, dem Titelgedicht ihres Erstlingsbandes, nachweisen.
      Die Verse nennen sich selbst im Titel eindeutig und programmatisch: behandelt soll werden eine Zeit, die dem Individuum, dem Menschen lediglich auf Stundung überlassen ist. Und die erste Verszeile, die gleichzeitig die letzte ist, gibt den unabänderlichen Rahmen dazu ab: er ist Voraussetzung, Situation und Schlußfolgerung zu-gleich, erkannt und erlebt in der Bestürzung über die Auskunf.tlosig-keit der Geschichte. Der allgemeine, objektive Weltzustand verdichtet sich allmählich zum Bilde: sichtbar wird am Horizont jene gestundete Zeit, hier mit dem Hinweis auf den Widerruf, auf die Möglichkeit also, daß die hoffnungsvolle Frist urplötzlich zurückgenommen werden kann. Eine neue Wanderung zeichnet sich ab durch Räume, in denen das tierisch Lebendige zurückleibt , desgleichen die Behausung . Nicht zufällig rollt all das durch eine uferlose Marschlandschaft, wo Land und Meer verwischt und unbestimmt ineinander fließen, wo Fische, vielleicht von der Ebbe überrascht, im Wind verenden. Sogar das Licht der Blumen ist hier blaß . Wieder und wieder stößt der Blick, der sich durch Nebel hindurchquält, auf die nur vorläufig gestundete Zeit, die unsichere Frist, den fragwürdigen Vorschuß Leben.
      Was bisher Zustand war, wird in der nächsten Strophe Ereignis: in der Kollision von Tod und Liebe kommt dramatische Bewegung ins Gedicht. Der Sand als Zeichen dieser Vernichtung steigt in das wehende Haar der Geliebten, verschüttet ihren Mund , er befiehlt den Tod auch dessen, was Sinnbild des Lebens war . Sogar die Liebe ist sterblich, mehr noch, jede Umarmung war immer schon ein Sich-Nä-hern dem Ende, dem Abschied, der völlig Gewißheit wird: vormals nur Bedrohung , ist der Tod unabdingbar gegenwärtig. In kurzen, harten Aufforderungen bricht er über das Gedicht herein. Keine Gnade solange es Zeit ist du kannst es nicht mit dir nehmen, heißt es an einer Stelle in dem Hörspiel Der gute Gott von Manhatten.
      In dem gleichen Hörspiel, in dem, selten eindrucksvoll für die deutsche Nachkriegsliteratur, Liebe und Tod dramatisch aufeinandertreffen, findet sich aber auch eine andere Stelle, die für die Sehweise Ingeborg Bachmanns dringlichst kennzeichnend ist: Ich möchte ein Ende mit dir, ein Ende. Und eine Revolte gegen das Ende der Liebe in jedem Augenblick und bis zum Ende. Das Zitat ist durchaus nicht herbeigequält, wenn wir der Tatsache eingedenk sind, daß, zumindest seit der deutschen Romantik, die dichterische Gestaltung der Negation gleichzusetzen ist mit ihrer Ãœberwindung. Im Wort wird die Vernichtung genannt und gebannt. Um so mehr als Ingeborg Bachmann selbst in den Frankfurter Vorlesungen diese Modalität nennt: Wenn sie eine neue Möglichkeit ergreift, gibt die Kunst uns die Möglichkeit zu erfahren, wo wir stehen oder wo wir stehen sollten, wie es mit uns bestellt istund wie es mit uns bestellt sein sollte. Es geht der Dichterin also nicht um eine Sinnfindung durch Nennung des Sinns, sondern um die Sinngebung durch das Wort als Akt des Selbstinnewerdens, und nicht zufällig promovierte die Dichterin über Heidegger . In einem der Lieder auf der Flucht heißt es konzentriert: die Liebe hat einen Triumpf und der Tod hat einen, I die Zeit und die Zeit danach. I Wir haben keinen. I Nur Sinken um uns von Gestirnen. Abglanz und Schweigen. I Doch das Lied über'm Staub danach I wird uns übersteigen. '•
In solchem Sinne ist Die gestundete Zeit ein poetisches Gebilde, das durch die Nennung des Todes, durch das Innewerden der Vernichtung diese übersteigt. Und so steht auch dieses Gedicht einer Österreicherin im Schnittpunkt zwischen modernem Verzweifeln an der Welt und dem aus einer humanistischen Tradition und Konvention kommenden Vertrauen in den noch heilen und rettungskräftigen Gestus der Sprache.
     

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Ingeborg  Bachmann  -  DIE  GESTUNDETE  ZEIT    





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