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Im Trubel der Geschichte - Heinrich Zillichs Briefe an Alfred Margul-Sperber



In einem ausführlichen, dreiteiligen Ãoberblick über Die deutsche Dichtung Siebenbürgens in unserer Zeit hat Harald Krasser schon sehr früh eines der charakteristischen Merkmale der Tätigkeit Heinrich Zillichs treffend erfaßt: 'In Zillich durchdringen sich Dichter und publizistischer Kämpfer." Als Herausgeber der bedeutenden Kronstädter Zeitschrift ,Klingsor' hat Heinrich Zillich neben seiner eigentlichen schriftstellerischen auch eine umfangreiche publizistische Tätigkeit entfaltet, wobei brennend-aktuelle Fragen im Bereich der Kultur, des siebenbürgisch-sächsischen Geisteslebens, der interethnisch-kulturellen Zusammenarbeit oder derTagespolitik von ihm einer stets engagierten Analyse unterzogen wurden. In einem Aufsatz hatte sich auch Otto Folberth auf die Haltung des ,Klingsor'-Herausgebers bezogen, als er die Position des gesamten Klingsor-Kreises mit denWorten zusammenfaßte: '[.. .]wirumden ,Klingsor' haben niemals zu den Leisetretern im Land gehört [...], da unsere Haltung von vornherein eine kämpferische war."'


Die Auseinandersetzung mit den akuten Zeitfragen, die unmißverständlich konsequente Parteinahme für gewisse Trends in der europäischen und Weltpolitik, die stets von einer im Grunde genommen humanistischen, in ihren Anfängen expressionistisch-aktivistisch motivierten Grundeinstellung ausging, war-wie es die Geschichte der letzten sechzig Jahre bewies - nicht frei von Fehlgriffen und Irrungen, die Zillich in seiner späteren dichterischen und publizistischen Tätigkeit - wenn auch nicht immer direkt, sondern vielmehr dichterisch - zu reflektieren versuchte.
      Die Beschäftigung mit den im Bukarester Sperber-Nachlaß vorhandenen Briefen Zillichs ist vor allem literaturgeschichtlich zu begründen. Denn der literaturgeschichtliche Abschnitt der Zwischenkriegszeit ist auch für die rumäniendeutsche Literatur einer der leistungsstärksten, zugleich aber auch einer der widersprüchlichsten. Es wurden bereits einige Versuche unternommen, diesen Abschnitt sowohl geschichtlich als auch literaturgeschichtlich zu untersuchen.
      Diese Arbeiten bieten bereits viel Faktenmaterial, machen zugleich die persönliche Sicht der Verfasser über den angegangenen Gegenstand deutlich - was die Kritik nicht immer als unbedingt positiv, ja meist als nachteilig empfand. Der zeitliche Abstand und die zahlreichen Lehren der jüngsten Geschichte dürften es ohnehin weitestgehend möglich machen, sich diesem bewegten Abschnitt der rumäniendeutschen Literatur frei von jeglicher Emotionalität und parteiischer Befangenheit zu nähern. Irrtümer müssen immer den Hintergrund bilden, auf dem die Leistungen noch deutlichere Konturen anzunehmen vermögen.
      Zu einem Aspekt der vielschichtigen und einander durchdringenden und bedingenden Entwicklungsprozesse im Rumänien der Zwischenkriegszeit wollen die nachstehenden Betrachtungen zu den Briefen Zillichs an Sperber einen bescheidenen Beitrag leisten. Leider hat Sperber keine Kopien von seinen eigenen Briefen an Zillich aufbewahrt , doch aus Zillichs Briefen geht die von Sperber angesprochene Problematik sehr deutlich hervor.
      Die hier untersuchten Briefe sind nicht zuletzt dadurch von größtem Interesse, daß sie das geistige Verhältnis zwischen einem 'deutschen" und einem deutschschreibenden jüdischen Dichter und Publizisten evident werden lassen - in einer Zeit, in der ein solchesVerhältnis zu einem Kuriosum werden sollte. Dieser beachtenswerte Briefwechsel macht deutlich: einerseits die beiderseitige Bereitschaft zu Toleranz, zum geistigen Dialog im Sinne bewährterlradition dieser Breitengrade; andererseits die Machtlosigkeit von Dichtung und Publizistik im ge-waltigenTrubel der Weltgeschichte. In seiner Einzigartigkeit kann dieses paradigmatische Verhältnis zwischen Sperber und Zillich einen weniger beleuchteten Aspekt rumäniendeutscher Literaturgeschichte erhellen.
      Im folgenden greifen wir einige wichtige Punkte heraus, die für diesen Briefwechsel aufschlußreich sind.

      1. Die Piehowicz-Affäre
Der erste Brief von Heinrich Zillich an Sperber trägt das Datum 26. März 1928. Es gilt als selbstverständlich, daß Zillich und Sperber aufgrund ihrer bisherigen dichterischen und publizistischen Tätigkeit einander bekannt waren. Zillich hatte bereits in Heft 10 des ,Klingsor' erste Gedichte Sperbers veröffentlicht. Den Anlaß, in einen ausführlichen brieflichen Kontakt zu treten, bot die Veröffentlichung eines Materials durch Margul-Sperber, das die literarische Ã-ffentlichkeit jener Jahre aufs äußerste erregte: Im ,Czernowitzer Morgenblatt' vom 25. Dezember 1927 gab Sperber unter dem Pseudonym Uliu die Gedichte eines Mannes heraus, eines als genial angesehenen ruthenischen Schlossers namens Karl Pie-howicz, und schickte sie samt seinem Beitrag Karl Kraus, der sie in seiner ,Fackel' der Ã-ffentlichkeit zugänglich machte. Der Sache nahm sich auch ein französischer Germanist an. Es stellte sich bald heraus, daß der Irrenhausinsasse Piehowicz als Fremdenlegionär in Marokko von Kameraden vorgetragene Gedichte recht gut memoriert hatte. Stellenweise ergänzte er sie, wodurch diese einen vermeintlich genial anmutenden Anstrich erhielten. Später konnte die Autorschaft einiger der sogenannten 'Irrenhaus-Gedichte" festgestellt werden. Karl Kraus hatte bereits im April 1928 Gedichte von Piehowicz öffentlich vorgetragen. Zillich teilt in bezug auf die Gedichte die Meinung, die ihm Sperber brieflich geäußert hatte: 'Ich glaube auch nicht, daß der irrsinnige Schlosser der Dichter sein kann. Die Gründe, die Sie dagegen einbringen, sind nach der Lektüre der Gedichte durchaus überzeugend. Ein ungebildeter Mensch hat keine historischen und literarischen Erinnerungen. Der Mann hat aber sicherlich auch Gedichte gehört und auswendig gelernt, wie es z. B. Soldaten im Kriege getan haben. Daher auch die Maßlosigkeit und Unebenbürtigkeit der einzelnen Gedichte. [...] Ich glaube, der Irrsinnige hat von den dichtenden Kameraden diese neun [Gedichte; G.G.] und noch einige andere aufnotiert, gehört, gelesen und gelernt, aber von anderen Seiten auch einige behalten und gibt alles zusammen munter von sich." Die helle Begeisterung von Kraus teilt er dagegen nicht: 'Die römischen Gedichte finde ich nicht besonders aufregend; einige Zeilen ausgenommen, sind sie nichts Außergewöhnliches. Schön außer den ersten beiden ist der ,Mittag', während ,Friedhof im Süden' mir nicht gefällt. Die folgenden aber sind nur in Zeilen gut." In einem nächsten Brief antwortet Zillich auf eine Anregung Sperbers, wobei er sich auf Sperbers Eindruck total verläßt: 'Lieber Herr Sperber, ich möchte gerne im Klingsor einen Aufsatz über den irren Schlosser in Czernowitz bringen, der die schönen Gedichte verfaßt oder im Gedächtnis behalten hat. Darf ich Sie bitten, mir den Aufsatz zu schreiben? Er soll kurz sein, die Geschichte der Entdeckung wiedergeben und gefolgt sein vom Abdruck der drei oder vier schönsten Gedichte." Der Aufsatz Sperbers erschien in Heft 8 unter demTitel Ãober die Auffindung der Pieho-wicz'schen Gedichte. Doch dem Erscheinen ging eine kleine Auseinandersetzung Zillichs mit Sperber über die Verdienste von Karl Kraus voraus: Zillich hatte schon in seinem ersten Brief gewisse Einwände gegen Kraus angemeldet: 'Bei aller Verehrung für den Stilisten und Meister Kraus sind mir seine Kritikanlässe so fern geworden, so unendlich variiert, daß ich nicht mehr recht an ihn herankomme. Alles in mir wehrt sich gegen die Lektüre. Ich langweile mich dabei und werde nur durch seine sprachkritischen Aufsätze, da allerdings nachhaltig, gefesselt." Und in der Piehowicz-Affäre selbst streitet Zütich Kraus jedes Verdienst ab: 'Ich bin allerdings erstaunt, daß Sie in Ihrer Verehrung für Karl Kraus ihm beinahe das ganze Verdienst an der Auffindung der Gedichte zuschreiben. Ich kann dies auf keinen Fall zulassen. Karl Kraus hat in das deutsche Schrifttum einen Anklageton eingeführt, den Sie hier auch benützen und der dazu dient, seine Leistungen durch Herabsetzung anderer, die ganz unbeteiligt sind, herauszustreichen. Ich bezweifle nicht, daß Karl Kraus mit großer Freude die Gedichte abgedruckt hat, die Anklage, die er dabei erhebt, ist ungerecht und lächerlich. So sehr er sich selbst darüber lustig macht - -, daß seine Arbeit als unfruchtbar hingestellt wird, sie ist es oft. Sein Drama ,Die letzten Tage der Menschheit' ist so ein Beispiel dafür. Die Fratze des Krieges, die er da zeigt, ist jüdisch gesehen, demokratisch, einfach unwahr. Ich habe den Krieg selbst mitgemacht und kenne sowohl diese Seite als auch die andere, bessere. Verläßt man die Großstadt, so wird Karl Kraus kleiner. Er hält der Natur nicht überall stand." Hier werden bereits Töne vernehmbar, die bald auch den Briefwechsel mit Sperber fast völlig beherrschen werden: 'jüdische" bzw. 'demokratische" Sehweise . Demzufolge bittet Zillich seinen Briefpartner, in seinem Aufsatz 'die auf ihn bezüglichen Zeilen, insbesondere den zweiten Absatz, zu streichen. Ebenso den Schlußabsatz, weil er eine Unrichtigkeit enthält, die übrigens auch von Karl Kaus herstammt. Es ist durchaus nicht wahr, daß alle führenden deutschen Zeitschriften sich gegen den Abdruck der Gedichte gewehrt hätten, wenn ihnen dieser angetragen worden wäre. Auch ich hätte es schon vorher nicht getan, allerdings hätte ich nicht die Gelegenheit benützt, mich herauszustreichen und mit diesen leeren Anklagen vorzutreten. Ich weiß nicht, ob Sie meine Bitte erfüllen können. Aber ich bitte Sie zu bedenken, daß, wenn von Verdienst hier überhaupt die Rede ist, die Entdecker der Gedichte es beanspruchen dürfen, also Sie. Merken Sie nicht, auf welches Niveau wir geraten, wenn wir Karl Kraus in Beziehung zu diesen Gedichten setzen: wir müssen von Verdiensten sprechen, von Provision, gewissermaßen, beim Vertrieb der Gedichte? Bitte sehen Sie sich nochmals Ihren Aufsatz an und schicken Sie ihn mir zurück, gleichzeitig aber auch die Gedichte, die Sie zum Abdruck vorschlagen." Mit einigen weiteren kleineren Echos klingt diese Affäre im Briefwechsel Sperber/Zillich aus.
      Doch sie war bloß für beide der Anlaß, den Kontakt herzustellen, um weitere gemeinsam interessierende Aspekte eines literarisch-geistigen, dann aber auch politischen Dialogs zu erkunden.
      2. Zillich fördert die Mitarbeit deutschschreibender jüdischer Autoren in seiner Zeitschrift
Zunächst sei grundsätzlich festgestellt, daß diese Art Förderung bezeichnenderweise bis etwa 1934 erfolgte. Sperber selbst hatte Zillich eigene Gedichte zugeschickt, die sofort die uneingeschränkte Beachtung des ,Klingsor'-Herausgebers fanden: 'Ihre Gedichte sind [...] schon im Juniheft gedruckt." Im Brief vom 19. Oktober 1928 heißt es: 'Lieber Herr Sperber! Ihr ,Herbstlied' erscheint im Novemberheft.
      Das andere neulich übersandte Gedicht bringe ich demnächst auch. Die drei Herbstlieder, die Ihrem letzten Brief beilagen, stelle ich Ihnen wieder zurück, nicht weil sie mir mißfielen, sondern weil es wohl etwas spät in der Jahreszeit ist, um nach dem Novemberheft, in dem ich keinen Platz habe, diese Gedichte zu veröffentlichen. Die Gedichte gefallen mir sehr gut." Und fast ein Jahr später heißt es wiederum: 'Ihre Gedichte sind so schön, daß mir eine Auswahl recht schwer fiel. Ich habe auf gut Glück drei von ihnen behalten: , Der Wald' - ,Die Nacht' - .Abendlicht'. [...] Auf die angekündigte Prosa bin ich sehr neugierig. Schicken Sie sie mir bitte bald." Auch später, als der politisch-ideologische Disput der beiden voll im Gange war und sich manchmal dramatisch zuspitzte, schätzte Zillich immer wieder unvoreingenommen Sperbers dichterische Leistung und zögerte nicht, auch konstruktiv-kritische Akzente zu setzen: 'Ihre Gedichte haben mir wieder Freude bereitet, besonders ,Die Pendeluhr'. Leider habe ich schon einige Gedichte von Ihnen in der Mappe und möchte erst diese veröffentlichen, ehe ich neue annehme. Manche der anderen Gedichte erscheinen mir etwas zu leicht entstanden zu sein. ,Herbstmorgen' z.B. scheint mir Sie auf einem Wege zu zeigen, den ich nicht für glücklich halte. Wehe, wenn da Heine durch die Verse klingelt. Seien Sie mir nicht böse - ich mußte nur bei diesem Gedicht daran denken. Schön ist auch der ,Brunnen'." Im Banne dieser Dichtung scheint auch der sonst sehr gestreng-kämpferische Zillich menschlich-melancholischer gestimmt zu sein: 'Ja, dieser Herbst war und ist schön. Ich wollte, ich genösse ihn mit leichterem Empfinden." Und 1935 heißt es immer noch anerkennend und dankbar: 'Ihr Brief hat mir viel Freude bereitet, weil er von wahrem Verständnis für meine Lyrik zeugt und eine Teilnahme an meinem Leben und Dichten widerspiegelt, für die ich Ihnen nur dankbar sein kann."

   Nach Erscheinen des ersten Gedichtbandes von Sperber verspricht ihm Zillich, diesen demnächst, im ,Klingsor' zu besprechen, doch die Abreise nach Deutschland und die Arbeit an seinem Roman Zwischen Grenzen und Zeiten machen es ihm unmöglich, sein Versprechen zu halten. Wir haben bereits darauf aufmerksam gemacht, daß Zillich auch noch 1935 den Dichter und Menschen Sperber vorurteilslos achtete - was er allen zeitweiligen ideologischen Irrungen und Ãoberzeugungen zum Trotz in seinem Innersten eigentlich konsequent weiter tat. Kein Wunder, denn im Jahre 1935 arbeitete Zillich an seinem vielbeachteten Roman, von dem er selbst sagte: 'Was mir immer wieder aus dem Völkerschoß Siebenbürgens zuströmte, habe ich in dem Roman zusammengefaßt. Ein historischer Roman, der mit dem Jahr 1919 endet und darstellt, wie es gewesen. Man mag ihn auch einen politischen Roman nennen, denn er wendet sich gegen den aufsprengenden Chauvinismus und beschwört die Völkereintracht."
Im Sinne seiner Grundeinstellung sandte Sperber Zillich auch Gedichte anderer aus der Bukowina stammender Lyriker. Begeistert haben den ,Klingsor'-Herausge-ber die Gedichte von Rose Ausländer, auch wenn er ihr eine Empfehlung zu machen hat: 'noch schöner als die ersten sind diese Gedichte von Rose Ausländer. Die drei Gedichte, die ich kürzlich zurückbehielt, erscheinen im Oktoberheft. Von dieser Sendüng nehme ich zwei Gedichte, und zwar ,An ein Blatt'und ,Abschied'. Ich hoffe, sie in einem der nächsten Hefte unterbringen zu können. [...] Auch nach dieser zweiten Lektüre bleibe ich bei meinem ersten Eindruck, daß Rose Ausländer viel dadurch gewänne, wenn sie einige moderne Dichter läse."

   Die ersten Gedichte von Moses Rosenkranz, die Sperber Zillich geschickt hatte, machten einen guten Eindruck, doch dieser Eindruck wurde bald durch Sendungen von Rosenkranz selbst zunichte gemacht: 'Lieber Herr Sperber" - schreibt Zillich -'ich will Ihnen zeigen, was mir Rosenkranz zum zweitenmal für Gedichte geschickt hat. Beim besten Willen finde ich in ihnen auch nicht eine Zeile, die bedeutsam wäre und sich mit dem vergleichen ließe, was Sie in der Czernowitzer Zeitung abgedruckt haben. Statt dessen finde ich leider eine Menge sprachlicher Unmöglichkeiten, Härten und abgehorchter Wendungen ...[...] Ach, Herr Sperber, ich bin enttäuscht. Die Gedichte, die Sie mir schickten, waren doch etwas. Dies da ist nichts. Jeder Gymnasiast kann dies machen. Schicken Sie mir doch noch einmal die ersten Gedichte, die ich von Rosenkranz las."

   Einer wesentlich günstigeren Beurteilung erfreuen sich die Gedichte Itzik Mangers, von denen vor allem die rein lyrischen den Kronstädter Herausgeber beeindruckten: 'Lieber Herr Sperber, ich bedauere es sehr, daß ich die Gedichte von Manger nicht mit der innerenTeilnahme wie sonst lesen kann. Sie verdienten es. Ich weiß nicht recht, was mir fehlt. Ich habe Sorgen und bin überarbeitet durch all den Saudreck, der zur Redaktionstätigkeit, die Gott im Zorn geschaffen hat, gehört [...] Ich habe alle Gedichte gelesen, nicht nur einmal. Aber sie ziehen an mir vorbei. Besonders die Balladen. Keine will haften. Dagegen sprachen mich die lyrischen Gedichte viel tiefer an. [...] Ich sehe seine Begabung und traue Ihnen ein so gutes Urteil zu, daß ich schon deshalb an Mangers Fähigkeiten glaube. [...] Eine Ballade, wie die vom Juden, der zum Markte fuhr, ist in Einzelheiten ausgezeichnet, aber so wenig originell, daß man - oder ich - sie nur genießen könnte, wenn sie um die Hälfte kürzer wäre. Denken Sie bitte z. B. an Fontane, um den Gegensatz zu spüren. Aber zweifellos ist Manger sehr begabt."2'
Alfred Kittner stößt bei Zillich dagegen auf Ablehnung: ' [...] von Kittner kann ich leider das eine übersandte Gedicht nicht verwenden. Ich glaube, es fehlt bei ihm noch manches." Es war wahrscheinlich ein Gedicht, das Zillich nicht anzusprechen vermochte.
      Die überaus freundliche und verständnisvolle, keineswegs ästhetisch-kompromißlerische Bereitschaft Zillichs, im geistigen Bereich die Begegnung mit deutsch- und jiddischschreibenden, also mit zur rumäniendeutschen Literatur zu zählenden Autoren jüdischer Herkunft zu fördern, entsprang seiner inneren Ãoberzeugung, die er einmal - in einem ansonsten sehr scharf antijüdisch eingestellten Aufsatz -, wie folgt, formuliert hatte: Ãober alle Meinungsverschiedenheiten hinweg gebe es 'werthafte Menschen" unter den Juden, 'von denen ich einige kenne und schätze und deren geistige Arbeit ich auch in diesen Blättern unterstützt habe."

   3. Auseinandersetzung um die Frage Jude/Deutscher
Dieser Aspekt, der mit dem Versuch verbunden ist, das Verhältnis zwischen Juden und Deutschen, zwischen jüdischen Dichtern deutscher Sprache und deutschen Autoren zu klären, nimmt in den Briefen Zillichs den größten Raum ein. Für jene Zeit großer, heftiger Auseinandersetzungen ist dieser Dialog von bedeutenden Geistesschaffenden jener Zeit symptomatisch: sie glaubten immer noch an die Macht des Wortes, des Geistes gegen den Ungeist. Bis sie vom Sog der geschichtlichen Ereignisse mitgerissen wurden.
      Vom Anfang an gab es im Verhältnis Zillichs zu Sperber einenTrend zur Ã"ußerung von Meinungsverschiedenheiten. Der Brief vom 24. 10.1929 beginnt gleich mit einer entschiedenen Antwort Zillichs, der die Meinung von Sperber, viele Siebenbürger Sachsen und Zillich selbst stünden auf einem 'verlorenen Posten", dadurch widerlegt, daß er auf die Leistungen der Siebenbürger Sachsen hinweist. Dann fährt er fort: 'Der Fundus ist gut. Gewiß, es ist unendlich vieles übel, matt und schwach, manches sogar böse - ich spüre es mitunter - aber ich kann nicht sagen, daß einwirken hier aussichtslos sein muß. Die Erfolge bleiben überall weit hinter dem Ziele zurück. Mensch ist eben Mensch. Ich finde, daß der Siebenbürger Deutsche kein schlechterer Mensch ist als andere, eher in manchen Dingen besser."Würdiger hätte kein anderer seine Heimat verteidigen können!
Doch die große Auseinandersetzung löste ein Brief Sperbers aus, in dem dieser über 'die Rolle des Judentums in der europäischen Geschichte" schrieb. Zillich fand Sperbers Gedankengänge 'sehr interessant", obgleich er sie zugleich 'für äußerst fragwürdig" hielt. Von nun an zeichnet sich schon immer deutlicher die Radikalisierung des Standpunkts des Kronstädter Herausgebers ab. Auch wenn er den Dialog mit Sperber nicht abreißen läßt, bezieht er eine harte, unnachgiebige, ja manchmal schwer verständliche Position: 'Ich sehe nämlich nicht, daß die Juden eine gedankenschöpferische Tätigkeit in unserem Kulturkreis entfalten, sondern eine bloß gedankenverteilende, gleichsam ideenhändlerische . [...] Nein, ich merke in Europa gar keinen lebensgestaltenden jüdischen Einfluß, der nach Ihrer Theorie vorhanden sein müßte." Dieses 'verstreute Volk" müsse 'auf allen Geigen spielen", also alle möglichen Kompromisse eingehen, was letzten Endes erbärmlich sei. Bei der Zusendung eines Klingsor-Heftes, 'das sich wieder mit der Judenfrage beschäftigt, allerdings in einem Sinne, der Ihren Beifall nicht finden wird", geht Zillich auf Argumente seines Briefpartners ein und widerlegt sie eins nach dem anderen. Dabei kommt er zu folgendem Schluß: 'Die jüdische Frage ist im Grunde eine deutsche Frage. Ich glaube nämlich nicht, daß sich der Jude, wohl aber daß sich der Deutsche wandelt - zu sich zuDarin kommt die von nun an Zillichs Denken prägende Auffassung von der 'Erneuerungsbewegung" der Deutschen zum Ausdruck, die er im erwähnten Aufsatz Deutsche Revolution zu untermauern versuchte. Wenn die Geschichte Zillichs Gedanken von der 'Unfruchtbarkeit" der 'theoretischen Gedankengänge des Marxismus" in letzter Zeit unmißverständlich bestätigt hat, so hat sie zugleich seinen Glauben an einem 'deutschen Sozialismus" nationaler Prägung auf tragische Weise widerlegt . Die 'Judenschaft der ganzenWelt" sei - so Zillich - in den dreißiger Jahren 'alarmiert" gewesen: sie habe mit wachsendem Unmut und zunehmender Besorgnis jene von Zillich begrüßte 'Aufrichtung eines neuen Lebens- und Staatsprinzips unter der Führung eines wieder rein und mutig gewordenen Männertums" verfolgt.
      Doch trotz unvereinbarer, ja kraß auseinanderklaffender Positionen bezeugen die Briefe Zillichs seine eindeutige Bereitschaft, den Dialog fortzusetzen. 'Ich freue mich immer", - schreibt er 1932 - 'wenn ich sehe, daß eine Diskussion - und gar eine über ein so schwieriges gewissermaßen peinliches Thema - zur Beleuchtung verschiedener Seiten Anlaß gibt. Das tut Ihr Brief, wenn er mich auch nicht überzeugt. Sie beurteilen die nationalsozialistische Bewegung vom jüdischen Standpunkt und haben natürlich ein Recht dazu. Aber ich bestreite, daß Sie im Recht sind [...]". Die Schlacht der Argumente erstreckt sich auf weite Felder der deutschen Kulturgeschichte: Luther, Friedrich der Große und Goethe werden von jeweils unterschiedlichen Gesichtspunkten aus bemüht. Ein Passus eben dieses Briefes läßt vor allem den heutigen Leser, der die Geschichte der letzten sechs Jahrzehnte doch zur Genüge kennt, schmerzhaft aufhorchen: 'Um über die Judenfrage zum Ende zu kommen - dem neuen deutschen Nationalismus kommen wir jetzt gewiß nicht näher, deshalb lasse ich das Thema, füge bloß an, daß das von Ihnen erwähnte Humanitätsideal der großen Deutschen, wenn sie es verfochten, etwas durchaus anderes war, als was man heute darunter versteht und anbetet - so wiederhole ich: es gibt sie in dem Augenblick nicht mehr, wo der nationale Deutsche wieder in sich beruhigt seine großen Ziele - und die sind nicht bloß geistige - vor sich sieht. Dann wird auch der deutsche Jude anders sein als heute - oder er wird nicht mehr sein. Es gibt durchaus auch diese Möglichkeit...".
      Wie dürfte es Sperber bei einer dermaßen durchsichtigen Andeutung der offenen Möglichkeit einer 'Endlösung" der Judenfrage wohl zumute gewesen sein?
Sperber beruft sich in dem Disput immer wieder auf eine 'Einigung im Sinne Goethes", eines 'Humanitätsideals", doch die Fronten 'kommen [...] nicht näher": 'Unser Streit verläuft doch so" - heißt es bei Zillich -, 'daß ich Argumente gegen die Juden zusammentrage und Sie gegen den neudeutschen Nationalismus". Goethes Ã"ußerungen, zu denen Sperber greife, seien 'politisch" unbrauchbar: 'Goethe bleibt uns, denn er ist ewig. Aber ein Reich, das nicht verteidigt wird, zerfällt - und damit auch die lebendige Möglichkeit einer Goethe'schen Welt. Eine in Einzelpersönlichkeiten atomisierte Welt ist keine mehr, denn sie wäre eine Ansammlung von Egoisten und Ã"stheten." Wie schmerzhaft empfinden vor allem wir, Bürger ehemaliger 'sozialistischer" Länder, die Quintessenz solcher Gedanken: Ja, wir lebten in einer totalitären Welt, die zwar Goethes Gedanken penetrant hochhielt, sie in Wahrheit aber nicht im geringsten achtete, geschweige denn zur Anwendung gelangen ließ in einer totalitären Ordnung, die die Ato-misierung in 'Einzelpersönlichkeiten" geradezu unmöglich zu machen versuchte: zentrifugale Kräfte wurden stets als 'Egoisten" oder 'Ã"stheten" gebrandmarkt. In der Rückschau auf die ältere und jüngste Vergangenheit läßt sich die Falschheit der Zillich'schen These nur allzu schmerzhaft als totaler Irrweg erkennen. Sie ist aber zumindest ebenso unverständlich wie Sperbers Nachkriegsentwicklung, die paradoxerweise in eine im Grunde genommen ähnliche Richtung verlaufen ist. Und wenn auch das nur eine der vielen Facetten dieser Persönlichkeiten ist, so macht uns ihr 'Fall" auf die Schwächen des Geistes aufmerksam, die imTrubel der Zeiten, der Geschichte, tödliche Gefahren in sich bergen können. Der Disput der beiden Schriftsteller schien manchmal ins Stocken zu geraten: 'Wir kommen uns nicht näher. Ich will deshalb nicht alles berühren, was Sie in Ihrem letzten Brief anklingen lassen." - Dabei empfiehlt Zillich Sperber Bücher zur Lektüre, um dann 'wieder mit unserer Debatte" zu beginnen. Doch brieflich hört die Debatte bereits auf. Man meidet die heiklen Aspekte - dennoch braucht man anscheinend einander. Bis zum 17. 6. 1936 geht es in den Briefen ausschließlich um literarische und kulturelle Aspekte. Es ist anzunehmen, daß das öffentliche Auftreten der beiden Briefpartner einem jeden von ihnen bekannt war: Die Einsicht in die Unvereinbarkeit der Standpunkte ließ sie die strittigen Fragen in den Briefen meiden. Allen Ãoberzeugungen zum Trotz taten sie zaghaft Schritte in Richtung einer 'Goethe'schenWelt". Doch als Sperber denVersuch wagte, von Zillich die Erlaubnis zu bekommen, seine Gedichte im .PragerTagblatt' oder in einer Anthologie deutschschreibender Autoren aus Rumänien zu veröffentlichen, riß der Faden ab: 'Lieber Herr Sperber, besten Dank für Ihren Brief und seinen überaus freundlichen Inhalt. Ich fürchte, Sie werden angesichts Ihrer herzlichen Zeilen nun arg enttäuscht sein, wenn ich Ihre Wünsche nicht erfülle"; entscheidend seien dabei nicht 'äußere" Gründe , sondern andere: 'zunächst der, daß ich wenig Lust verspüre, im PragerTagblatt zu erscheinen. Darum bitte ich Sie, von einer Veröffentlichung eines meiner Gedichte in dieser Zeitung abzusehen. Es ist sehr freundlich von Ihnen, meine Gedichte so hoch zu bewerten, daß Sie annehmen, meine Lyrik im Verein mit den Versen der von Ihnen genannten Autoren werde ein Buch ergeben, das jede andere Anthologie übertreffe; ich selbst bin nicht so zuversichtlich. Aber selbst wenn ich es wäre, müßte ich es ablehnen, an dieser Anthologie teilzunehmen, und zwar nicht aus Rücksicht auf meine literarische Stellung im Reich, wie Sie für den Fall meiner Ablehnung vermutet haben, sondern aus innerster Ãoberzeugung. Der Gegensatz und Kampf zwischen Juden und Deutschen hat sich in den letzten Jahren so verschärft, daß ich ein gemeinsames Auftreten deutscher und jüdischer Autoren nicht mitmachen kann. Es ist für beide Teile besser, wenn auch in dieser Hinsicht eine klare Scheidung beachtet wird. Sie werden meinen Standpunkt vielleicht nicht teilen, aber ich bitte Sie ihn zu berücksichtigen, indem ich Sie versichere, daß ich Sie damit in keiner Weise verletzen will. Dr. Neustädter arbeitet gelegentlich bei der Kronstädter Zeitung und ist durch deren Schriftleitung, Kronstadt, Klostergasse 14, zu erreichen. Augenblicklich befindet er sich allerdings irgendwo am Schwarzen Meer. Mit den freund-lichstenWünschen für Ihr Wohlergehen und guten Grüßen Ihr ergebener H. Zillich."

   Womit eine sehr deutliche Sprache gesprochen wurde.
      Literatur-, ja geistesgeschichtlich belegen auch diese Briefe jene Wandlung der gesamten Klingsor-Zeitschrift im Sinne einer 'Radikalisierung des politischen Bestrebens": 'An Stelle offen bleibender Diskussionsübungen rücken mehr und mehr pathetische Verkündigungen, die keinen Widerspruch vertragen [.. .^politische und ästhetische Formen werden nicht mehr auseinandergehalten." Diesen Kurswechsel hat auch Hans Bergel festgestellt, wenn er schreibt, 'daß jahrhundertealter sieben-bürgisch-deutscher Auffassung von Toleranz und Ãobernationalität entsprechend die ersten rumänischen, ungarischen, jüdischen u. a. Autoren dieses geographischen Raumes Mitarbeiter der Zeitschrift zumindest in den frühen Jahren ihres Erscheinens waren; später änderte sich das." Allen Schwierigkeiten zum Trotz gelang es deutschschreibenden Autoren jüdischer Herkunft aus der Bukowina, die reichsdeutsche Wachsamkeit nicht selten zu hintergehen.

     
   Insgesamt betrachtet, kann Zillichs kulturpolitische Arbeit, die durch einen selbstlosen Einsatz im Dienste der Deutschen seiner Heimat glücklich ergänzt wurde, mit seinen eigenen Worten charakterisiert werden: 'Bei mir könnte man ein gutesTeil dessen, was ich geschrieben habe, in die freilich etwas vage Formel fügen, daß mich die Fülle des europäischen Zusammenlebens in ihrer Größe, Bedrohtheit und rechten Ordnung zum Wort dränge. "

   Wenn wir, erstens, auf einige Aspekte der Problematik dieser Briefe Zillichs an Sperber eingingen, so geschah dies in der Gewißheit, daß sie literaturgeschichtlich nicht nur brauchbar, sondern schlichtweg notwendig sind. Denn das echte, wahre Gesamtbild einer Persönlichkeit ergibt sich eben aus einem Licht- und Schattenspiel: Schattenseiten und Schönheitsfehler sind oft in ihrer Konsequenz höchst relevant und umreißen noch hervorstechender die lichtvollen Leistungen. Einseitigkeit ruft berechtigterweise kritische Stimmen hervor.

     
   Wenn wir, zweitens, auf einige Aspekte der Zillich'schen Briefe eingingen, so taten wir dies aus der Ãoberzeugung heraus, daß solche Auseinandersetzungen im Zuge deutlicher Anzeichen der Wiederbelebung gewisser nationalistischer Bestrebungen -vor allem in Osteuropa - höchst aktuell geworden sind. Die Geschichte mahnt. Un-überhörbar.
      Denn Zillichs Gedankenwelt kreiste um nicht unaktuelle Fragen: 'Ordnung, europäisches Zusammenleben und Rettung vor der abendländischen [neuerlich auch vor der osteuropäischen; G.G.] Krise, das sind Gedanken, die er immer wieder hinter der Welt der Erscheinungen ausfindig zu machen sucht und die er - schriftlich oder mündlich - in dichterisch volltönender Sprache, mit persönlichem Schwung und sachlichem Verständnis für die verschiedenartigsten Probleme vorträgt."

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