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'Ich wohne in Europa/Ecke Nummer vier: Identitätsprobleme einer Minderheitenliteratur im Spiegel der siebenbürgisch-deutschen Literaturgeschichte



Mitte August 1990 übertrug die deutsche Sendung des Rumänischen Fernsehens ein Literaturgespräch, das sich auch auf die Standortbestimmung der rumäniendeutschen Literatur bezog. Rechts saß der Schweizer Verleger Egon Ammann und hielt das fragliche Phänomen schlichtweg für deutsche Literatur; links saß Helmut Britz von der Bukarester ,Neuen Literatur' und versuchte, aus räumlichen Sonderbedingungen den Anspruch auf Eigenständigkeit zu begründen. Zwischen beiden saß der aus dem Banat stammende, in Deutschland lebende Werner Söllner und antwortete auf die Frage, als was er sich fühle, er wäre froh, wenn er als deutscher Dichter rumäniendeutscher Herkunft gelten könnte. Der Presse ist zu entnehmen, daß das Thema vergangenen Sommer auch auf zweiTagungen angeschnitten wurde. Die schon totgesagte rumäniendeutsche Restliteratur beißt sich offenbar wieder an ihrer 'chronischen Identitätskrise" fest.

      Stellungnahmen und ikonische Darstellung des erwähnten Funkgesprächs zeigen, daß Identitäts- und Zuordnungsfragen dieser Literatur offenbar nicht eindeutig beantwortet werden können, weil sie Standpunkt- und sichtwinkelbedingt sind. Das wiederholte Aufflackern der Diskussion signalisiert außerdem, daß historisch wechselnde Selbstbesinnungsbedürfnisse wirksam sind.
      Darum sind auch von mir hier nicht endgültige Antworten zu erwarten; ich kann bloß unter den Faktoren Musterung halten, die eine solche Literatur offenbar bestimmen, und ich will versuchen, mit Hilfe eines - freilich nur skizzenhaft möglichen - Blickes auf die Literaturgeschichte die historischen Selbstverständnisverschiebungen zu erkennen. Vieles von dem hier Zusammengestellten ist schon besprochen worden. Der Fachmann wird es auch ohne detaillierte Dokumentation des Forschungsganges erkennen.
      1. Identitätsbestimmende Faktoren
Gehen wir in der Determinantensuche von Binsenweisheiten aus. Im Rahmen des neuzeitlichen nationalen und nationalstaatlichen Denkens erscheint die rumäniendeutsche Literatur als Ã"ußerung einer ethnischen Minderheit. Unter den verschiedenen Möglichkeiten einer Minderheitenliteratur kann sie, vom Räumlichen her und im Sinne des linguistischen Begriffs, als Sprachinsel- oder inselsprachliche Literatur bezeichnet werden. Bestimmend dafür scheint mir folgendes:
1.1. Der geographische Faktor: Diese Literatur existiert in einem eigenen und für sie eigentümlichen, vom Sprachbereich geographisch getrennten Raum und unterliegt dessen multiplen Einwirkungen. Daraus läßt sich ein gewisses Eigenbewußtsein ableiten, das in Produktions-, Distributions- und Adressatenfragen verschiedene Abstufungen kennen kann. In Abhängigkeit von anderen Faktoren kann es zwischen weitgehender Raumintegration, mehr oder minder ausgebildetem Eigenständigkeitsbewußtsein und intendierter Außenorientierung wechseln. Schriftsteller ohne Reisepaß und auswärtige Druckgenehmigung sind in anderer Lage als solche mit doppeltem Wohnsitz; ebenso sind Schriftsteller mit raumgegebenem Zielpublikum wieder in anderer Lage als solche, die damit nicht rechnen. Eigenständigkeit ist betonter, je abgeschlossener und je substantieller in sich dieser Raum ist oder aufgefaßt wird, sie reduziert sich in dem Maße, wie überregionale Kommunikation angestrebt wird.
      1.2. Der sprachliche Faktor: Eine Minderheitenliteratur unterscheidet sich von der raumumgebenden Mehrheitsliteratur am augenfälligsten durch die Sprache. Auf sie als Arbeitsmittel gründet sich die Beziehung zur Literatur des Sprachraumes. Die Sprachsituation der Rumäniendeutschen ist sowohl komplex als auch prekär. Dank muttersprachlicher Ausbildungsmöglichkeiten kann mit einem normgerechten Beherrschen der deutschen Standardsprache gerechnet werden. Neben ihr steht nicht nur die Landessprache, sondern auch die Mundart, die in vielen Fällen noch die eigentliche Muttersprache darstellt. Eine Mundartliteratur gibt es; sie hat, wie im deutschen Sprachraum allgemein, größere Chancen in der süddeutschen Variante des Banats. geringere im kaum zugänglichen Siebenbürgisch-Sächsischen. Mundartliche und fremdsprachliche Elemente können - bei Joachim Wittstock oder Oskar Pastior ist das zu beobachten - im deutschen Text bewußt funktionalisiert werden. Sie können unbewußt darauf Einfluß nehmen und werden dann meist als Beeinträchtigung empfunden.
      Als prekär kann die sprachliche Lage des rumäniendeutschen Autors aus drei Gründen angesehen werden. Sein Deutsch ist weitgehend Schulsprache und hat die Vorzüge und alle Nachteile einer solchen: Es ist befriedigender, aber abgeblaßter Standard, Gelenkigkeit, Koloratur und Einprägsamkeit müssen meist hart erarbeitet werden. Sein Deutsch hat in der Umgangssprache kein Reservoir, weil diese nicht natürlich aus dem Raum und der Mundart gewachsen ist. Sein Deutsch ist Importsprache, und das heißt, daß für spezifische Realitäten Begriffe fehlen und daß sprachinnovato-rische Unternehmen in der Sprachinsel aussichtslos sind. Ununterbrochener Importfluß aus dem Sprachkontakt ist Bedürfnis.kulturanthropologische Studie mit einem soziologischen Beitrag Identität, Ethnizität und Gesellschaft von A. Nassehiund Georg Weber . Köln, Wien 1990 ; ich konnte das Buch nachträglich zur Kenntnis nehmen. Die literaturbezogenen Stellungnahmen faßt zuletzt zusammen: P. Motzan: Die rumäniendeutsche Lyrik nach 1944. Problemaufriß und historischer Ãoberblick. Cluj-Napoca 1980 .
      Der Raumfaktor und der Sprachfaktor binden die Minderheitenliteratur bilateral ein; sie markieren die Endpunkte einerStrecke, auf der ihr Standort auszumachen ist. Wo genau ein Autor auf dieser Strecke steht, kann von Intentionalität bedingt sein. Es gibt jedoch auch Faktoren, die die subjektive Standortplanung einschränken und objektiv bestimmen.
      1.3. Der demographische Faktor: Minderheitenliteraturen haben eine geringe Zahl von Trägern, und eine Literatur kleiner Verhältnisse schmeckt meist auch danach. Zwar sind die schon alten Klagen, die siebenbürgisch-deutsche Literatur habe 'kein einziges Genie"3, die rumäniendeutsche keine 'Wunderkinder" hervorgebracht, weder volksbiologisch - im Sinne der mangelnden natürlichen Zuchtwahl - noch volkspsychologisch auszulegen, aber ein potentieller Konsumentenkreis von zu besten Zeiten unter einer Million, meistens jedoch unter einer halben, läßt natürlich keinen förderlichen literarischen Metabolismus aufkommen, zumal in so engen Verhältnissen auch die Kritik ihre Funktionen nicht entsprechend wahrnehmen kann. Spezialisierte Medien bilden sich kaum heraus, wenn sie aber vorhanden waren, belebte sich jedes Mal auch die Literatur. Gutes 'Werkklima" hängt in der Literatur auch von der Zahl der Werkenden ab, weil diese Kompetivität fördert.
      1.4. Der soziologische Faktor: für eine Minderheitenliteratur scheint mir belangvoll zu sein, ob sie auf isolierte Diasporabestrebungen beschränkt bleibt oder aber mit einer eigenen Literaturgesellschaft rechnen kann. Zwar gab es Unterschiede zwischen den einzelnen Provinzen, aber verallgemeinernd läßt sich dennoch sagen, daß die Deutschen auf rumänischem Boden eine Mittelstandsgesellschaft ausgebildet haben, der die Spitze und weitgehend die basale Breitfläche üblicher Sozialpyramiden fehlen. Bei solcher Sozialstruktur, wo praktisch jeder in die Produktion und Reproduktion des materiellen Lebens eingebunden ist, mangelt es nicht nur an einem funktionierenden Mäzenatentum, sondern es sind allgemein kaum freie Disponibilitäten für die Kunstproduktion vorhanden. Freie Schriftstellerei hat es nur ausnahmsweise und kurzfristig gegeben; früher waren die Schriftsteller hauptberuflich überwiegend Pfarrer und Lehrer, weil die entsprechenden Ausbildungen die einzigen sozial geförderten Studien darstellten, in jüngerer Zeit sind sie ebenso überwiegend Journalisten und Verlagsmitarbeiter. Die Folgen sind zu erkennen.
      Minderheiten neigen üblicherweise zur Ausbildung sozialer Schutzmechanismen, die den einzelnen in die Gemeinschaft verflechten. Siebenbürgen war dafür ein Musterfall. Die Kehrseite davon ist die, daß in solchen Gemeinschaften auch eine äußerst strenge Sozialkontrolle herrscht, die nicht nur Exzentrizitäten verbietet, sondern kreative Energien anders bindet. Meschendörfer, der zehn Jahre lang kaum eine Zeile geschrieben hatte, weil er in der Ã-ffentlichkeitsarbeit gebraucht wurde, ist nur ein Beispielfall unter mehreren.
      Die rumäniendeutsche Literatur ist hauptsächlich aus kleinstädtischem, zuweilen sogar dörflichem Boden gewachsen, urbane Lebensformen brachte sie bestenfalls aus Außenerleben ein und verunsicherte dann die unvorbereiteten Konsumenten. Dis-senserscheinungen im Rezeptionsprozeß finden daraus ihre Erklärung.
      1.5. Der ethnopolitische Faktor: Minderheiten, die nicht ein privilegiertes oder demokratisch großzügig abgesichertes Dasein führen, bangen um ihren Fortbestand und neigen dazu, alles in den Dienst des kollektiven Ãoberlebens zu stellen. Literatur, die vom Arterhaltungskampf vereinnahmt wird, tendiert zu Didaktik, gemeinnütziger Breitenwirksamkeit, Konservativismus, Hypertrophie des Historischen und egozentrischer Selbstaffirmation. Sie verfehlt durch Gutgemeintheit häufig die künstlerische Chance, aber hieraus erklären sich auch nationale Exzesse der Literatur - man denke an Peinlichkeiten bei Heinrich Zillich - oder Distorsionen im Rezeptionsprozeß. Als Herta Müller im Schwäbischen Bad ein Schmuddelbild ihrer Landsleute gezeichnet hatte, brach ein Volkszorn los, der so nur in einer Minderheitenliteratur denkbar ist.
      1.6. Der ethnologische Faktor: Minderheitenliteraturen haben eine Affinität zur Heimatliteratur. Weil in Sitte, Brauch und Herkommen das Spezifische am leichtesten faßbar wird, ist ein gewisser Folklorismus der Humus, aus dem sie wachsen. Das gilt nicht nur für Zeiten und Formen, wo dies als Dienst am 'Heimischen" volkspolitisch bewußt hervorgekehrt wird, sondern auch für substantiellere Ansprüche. Von Franz Hodjak wurden im Inland seine 'Siebenbürgischen Elegien" mit Vorzug rezipiert, und er ging darauf ein, indem er etwa Helling und Michelsberg zu Serien machte. Man kann sein deutsches Echo mit Spannung verfolgen, weil erst die Außenselektion wirklich über den Wert der Minderheitenspezifik entscheidet.
      Wenn Gerhardt Csejka einmal geschrieben hat, der rumäniendeutsche Autor vertrete 'nicht eine rumäniendeutsche Gesellschaftsform, sondern die Gesellschaftsform Rumäniens"7, so halte ich das für richtig; wenn er aber daraus folgert, dieser Autor habe keine spezifischen Interessen zu verfolgen, und eine Literatur, die das täte, sei grundsätzlich falsch, so kann ich ihm nicht zustimmen, und die Literaturtatsachen stützen meine Auffassung. Eine 'Eigenständigkeit" dieser Literatur, von der ebenfalls Csejka spricht, ist zunächst insofern 'Realität und Chance", als sie sich in Produktion und Rezeption jenem Bereich zuwendet, den weder die deutsche noch die rumänische Literatur voll wahrnimmt. Das ist der spezifisch rumäniendeutsche Teil der rumänischen Gesellschaft.
      Sofern sich Literatur mit Lebenstatsachen auseinandersetzt und in der Autor-Leser-Kommunikation eine Form kollektiver Selbstinnewerdung darstellt, kommt sie um die ethnologische Nuance sowieso nicht herum. Selbst wenn sie sich den stofflich-thematischen Sonderangeboten bewußt verweigert, bringt die Minderheitenliteratur implizit doch ihre spezifische Sicht der Dinge und ihre besonderen Gestaltungsmuster ein. Das konnte man 1982 beobachten, als die rumänische Kritik ein größeres Angebot rumäniendeutscher Lyrik vor allem als fremdartige Ãoberraschung bejubelte. Ã"hnliches steuert die Rezeption in Deutschland.
      1.7. Der kulturhistorische Faktor: Ethnische Spezifik der Minderheitenliteraturen ist nicht allein Produkt der Sprache, sondern auch kulturgeschichtlicher Faktoren. Diese gründen sich letzten Endes zwar auf die Sprache, entwickeln aber auch eine de-terminatorische Eigendynamik. Ehe der rumäniendeutsche Autor zu schreiben beginnt, hat er deutsche Bücher gelesen und einen Bildungsgang hinter sich, der im Normalfall nicht nur in deutscher Sprache abgelaufen ist, sondern auch deutsche Kultur-und Literaturgeschichte vermittelt hat. Bis zum ZweitenWeltkrieg war außerdem ein Studium in Deutschland die Regel.
      Handwerkerwanderungen, Messe- und Handelsfahrten, Finanz- und Wirtschaftsbeziehungen haben über den Bildungsbereich hinaus jahrhundertelang zwischen Siebenbürgen, dem Banat und DeutschlandVerbindungen gestiftet, deren Effekte in der materiellen und geistigen Kultur, aber auch in Mentalitäten und Verhaltensschemata unüberschaubar sind. Hausbau und Wirtschaftsformen, Gerätschaften und Speisen, Kleidung und Bräuche, religiöse und konfessionelle Güter, Lieder und Geschichten, soziale Organismen und Interaktionen u.a., die von diesen Beziehungen geprägt sind, beeinflussen ihrerseits die Literaturproduktion und -konsumption und bedingen, daß rumäniendeutsche Literatur nicht einfach rumänische Literatur in deutscher Sprache ist. Dieser eigene kulturhistorische Resonanzboden gibt, im Verein mit einem mehr oder minder gefestigten Literaturmetabolismus von Produktions-, Distri-butions- und Rezeptionsmechanismen einer Minderheitenliteratur, jenen Identitätsumriß, der sie von gelegenheits- und zufallsbedingter sprachlicher Diasporaproduktion unterscheidet.
      2. Historische Identitätsfindungen
Trotz des eigenen Umrisses verfällt eine Minderheitenliteratur, die es mit so vielen Sonderbestimmtheiten zu tun hat, in ihrer Konfrontation mit Literaturen des Normalfalls leicht in Labilitäten und Minderwertigkeitskomplexe. Ihre Identitätskrise scheint vorprogrammiert und produziert in der Geschichte wechselnde Zuordnungen, Ausgrenzungen und Identitätsoptionen.
      2.1. Diese Krise wird in Siebenbürgen literaturgeschichtliche Tatsache, sobald Literatur allgemein im geistigen Raum der Nationen lokalisiert wird. Dem kulturellen Universalismus der humanistischen Literatur in lateinischer Sprache war diese Krise, so weit mir bekannt, fremd. Sie hat sich Formen,Themen und Anschauungen angeeignet und ihnen durch lokale Elemente bodenständigen Ausdruck zu geben versucht. Einer freilich hat damals schon den Zwiespalt gefühlt und die heraufziehende Identitätskrise als Menetekel an die Wand gemalt: Johannes Honterus in den Versen seiner Siebenbürgen-Karte; vor allem die lateinischen Distichen liest man heute nicht ohne aktualisierenden Schauer:
Ich war der deutschen Erde ein durchaus nicht wenig gepflegter Teil, solang das Geschick und ein Gott mich noch trug.
      Aber seitdem ich den Rauch aus Sehnsucht nach reicherem Leben
Fürchtete, leide ich nun stärkerer Flamme Beschwer. Und so werde ich, blind vertrauend, im Stiche gelassen,
Von unendlichem Leid lange Zeit schon bedrückt. Nunmehr, o Freund, wenn dir auch dein Beginnen günstigen Fahrwind
Zu verheißen noch scheint, fürchte das Ende doch stets!

   Wo sich die siebenbürgische Aufklärung programmatisch äußerte, beklagte sie zwar ursachenbezogen die landeseigene Armut an 'Werken des Scharfsinnes und Geschmackes", dachte aber ebenfalls spezifisch weltbürgerlich, und das heißt, daß sie einerseits den deutschen und österreichischen 'Einfluß auf die Verfeinerung des Geistes und Geschmackes" als 'vorteilhaft"" beurteilte, daß sie andererseits die plurieth-nische Kultur Siebenbürgens als Vorzug wertete, der der Einseitigkeit vorbeuge. Auf das Prinzip derToleranz als Voraussetzung und Garant solcher Kultur, die bodenständig und weltoffen zugleich sein sollte, wurde ausdrücklich hingewiesen.
      2.2. Fast zwei Jahrhunderte lang gab der Staat Ã-sterreich, weitere fünfzig Jahre die Doppelmonarchie den politischen Rahmen für die siebenbürgisch-deutsche Literatur ab. Wie das 'Siebenbürgerdeutsch" eindeutig von der süddeutsch-österreichischen Variante der Hochsprache geprägt wurde, so sind auch die österreichischen Einwirkungen auf die Literatur, wenn auch nicht hinreichend erörtert, so doch ganz erheblich gewesen. Dennoch hat die siebenbürgisch-deutsche Literatur keine österreichische Identität ausgebildet.
      Die Ursachen dafür liegen im politischen Bereich und begannen mit den josephini-schen Reformen zu wirken. Die Einführung der deutschen Amtssprache erschütterte den sowieso prekären und partiellen ethnischen Konsens, die Verwaltungsreform wurde nicht nur als Erlöschen der ständischen 'sächsischen Nation" begriffen, sondern lieferte tatsächlich sächsische Interessen dem Zugriff des ungarischen Adels aus. Annähernd das gleiche wiederholte sich im nachrevolutionären Neoabsolutismus; in der Sprachkampfära hatten sich die Sachsen durch Ã-sterreich im Stich gelassen gefühlt, beimAusgleich richtiggehend verraten. Sie 'straften" die Monarchie, indem sie jeder österreichischen Identität entsagten.
      2.3. Im Jahre 1856 gab Josef Haltrich seiner Märchensammlung den für die Identitätsfrage aufschlußreichen Titel Deutsche Volksmärchen aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen. Hinter der Formulierung stehen gleich zwei neue Identitätsoptionen: die 'sächsische" und die deutsche. Beide hatten ihren Ursprung in der Achtundvierziger Revolution, als Sachsen und Rumänen angesichts der abgepreßten Unionsbeschlüsse Autonomie anspräche erhoben. Die von der Krone erst ermunterten, später abgelehnten sächsischen Vorstellungen einer thronunmittelbaren 'Markgrafschaft Sachsenland" waren aus geographischen und demographischen Gründen praktisch nicht zu verwirklichen, wirkten aber ideologisch über das Verbot des Terminus 'Sachsenland" hinaus.
      Gestützt wurden diese Wirkungen durch einen zweiten Anschauungswandel, der sich in der gleichen Zeit vollzog. Da der alte Begriff der 'ständischen Nation" mittlerweile jeder Grundlage entbehrte, ersetzten die Sachsen ihn durch einen eigenen Volksbegriff. 'Sachsenland" und 'sächsisches Volk" wurden die Stützpfeiler eines Selbstbegriffs, der etwas wesentlich anderes darstellte als die alte siebenbürgische Identität. Er hatte zwar grundsätzlich einen siebenbürgischen Förderalismus im Blick, aber einen auf der Grundlage ethnischer und territorialer Eigenständigkeit. Dementsprechend verlief die Selektion und spezifische Akklimatisation zeitgenössischer literarischer Vorbilder, so daß es vom Dorfrealismus über die kulturhistorische Belletristik bis zur Mundartdichtung eine reiche siebenbürgische Literatur gibt, die ausschließlich ein sächsisches Zielpublikum im Auge hatte und bei allen Außenanleihen eine sächsisch-eigenständige Ethnie- und Literaturidentität entwickelte.
      2.4. Auf dem stürmischen Landtag 1848 sprachen die sächsischen Abgeordenten erstmals hochdeutsch, auch schickten sie eigene Abgesandte in die Paulskirche. In Johann Friedrich Geltchs ebenfalls symptomatisch betiteltem Liederbuch der Siebenbürger Deutschen werden deutsch-nationaleTöne so laut, daß man sie schrill finden müßte, wollte man sie von den konkreten Umständen lösen. Aus der Sprachkampfatmosphäre entstand, durch den Dualismus festigte sich eine deutsche Identitätsoption. Sie erfüllte angesichts der ungarischen Nationalitätenpolitik Rückenstärkungsfunktionen, wirkt aber noch weiter in die Gegenwart.
      Diese globale Feststellung einer deutschen Identitätssuche ist mit Blick auf die Literatur allerdings durch zwei Präzisierungen zu differenzieren: Erstens handelt es sich um kein staatspolitisches, bis 1940 auch nicht um ein volkspolitisches Zugehörigkeitsbewußtsein, sondern um ein 'kulturnationales". Garant der Minderheitenexistenz ist für die Literatur nun nicht mehr irgendeine Politik, sondern kulturelle Leistungsdominanz. Meschendörfer hat das wiederholt ausgesprochen. Zweitens ist zu erkennen, daß Zugehörigkeit zur deutschen Kultur siebenbürgisches Eigenbewußtsein ausdrücklich einschließt.13Wenn Albert,Teutsch, Meschendörfer Zugang zum deutschen Kulturkreis suchten, so wollten sie ihn als Sachsen finden, d.h. durch die raumspezifische Note ihrer Literatur. 'Bodenständigkeit" - den Begriff führte Adolf Schullerus 1909 durch einen Grazer Vortrag in die volkskundliche Methodendiskussion ein, und Richard Csaki übertrug ihn auf die Literatur - galt als Synthesebegriff einer Kunst, die lokal und europäisch zugleich sein sollte.
      2.5. Als Folge der Grenzregelungen nach dem Ersten Weltkrieg, die einerseits Zusammengewachsenes schieden wie im Banat, andererseits Getrenntes zusammenrückten wie in Großrumänien, das die Bukowina und Bessarabien gewann, stellte sich die Identitätsfrage neu. Dominierend in ihrer Beantwortung ist die Suche nach einem größeren Integrationsrahmen. Das seit 1919 erscheinende ,Ostland' sah als seine programmatische Aufgabe die 'Herstellung einer starken geistigen und gemütlichen Berührung unter den deutschen Volksgruppen Großrumäniens" an. Für diese neue Einheit, auf die mehrseitig hingewirkt wurde, gebrauchte O.W. Cisek 1920, etwa zur gleichen Zeit also, als durch einen Grazer Vortrag Hermann Rüdigers der Sammelbegriff 'Donauschwaben" in Umlauf gesetzt wurde17, den auch von anderen angeeig-netenTerminus 'Ostdeutsche Literatur".

     
   Das Einheitsbewußtsein der deutschen Provinzliteraturen auf großrumänischem Boden hat sich tatsächlich in jener Zeit gebildet, CiseksTerminus aber spiegelt eindeutiger die zeitgenössische Einstellung: Man begriff sich zwar theoretisch als 'östlichen" Sonderfall, praktisch aber wollte man so dringlich wie nie zur deutschen Literatur gezählt werden. 'Ein sächsischer Dichter ist nicht einen Deut wert, der sich nicht heute wann immer bereit erklärt, es mit dem großen deutschen Wettbewerb da draußen aufzunehmen"19, lautete die Devise Hajeks.
      2.6. Nicht nur konservative Provinzgeister warnten vor einer Literatur, die 'nichts Eigenes" böte. Richard Csaki tat es beharrlich und formulierte als erstes und wichtigstes Gesetz in der Relation einer Minderheitenliteratur zu den Literaturen der Raum-und Sprachnachbarschaft die 'Regel von der spezifischen Durchdringung aller [rezipierten] Kulturwerte". Symptome der Besinnung auf den Wert der Bodenständig-.keit sind in den zwanziger Jahren häufig. Obwohl der ,Klingsor' keineswegs Provinzbeschränkung befürwortete, nannte er sich im Untertitel 'Eine siebenbürgische Zeitschrift"; seinen vierten Jahrgang eröffnete er mit Zillichs Gedicht Siebenbürgen und beschloß ihn mit Meschendörfers Siebenbürgischer Elegie. Die von rumänischen und ungarischen Medien geführte und im ,Klingsor' aufgegriffene Debatte über die 'siebenbürgische Seele" suchte die regionale Spezifik kulturphilosophisch zu fassen.
      Es handelte sich allerdings um keinen neuen Provinzeinschluß der Literatur, also auch um keine Neuauflage der 'sächsischen" Identitätsoption. Nachdem mehrere Stellungnahmen für die Literaturentwicklung einen generationsmäßig gestaffelten dialektischen Dreischritt konstruiert und für die Zwischenkriegszeit den Synthesebegriff beansprucht hatten, übertrug Karl Hoch das Modell auch auf die Ebene des Regionalen: 'Die junge Generation hat eine besondere Weise, den Wert kulturellen Sondertums zu betonen. Sie betont den allgemeinen Kulturwert der kulturellen Nuance." So etwa dürfte die Funktion des Regionalen bei Wittstock tatsächlich gesehen werden.
      2.7. Spätestens seit dem Volksgruppengesetz von 1940, das die NSDAP zum 'alleinigen nationalen Willensträger" der Rumäniendeutschen erklärte, war die Minderheit bis hin zu Zwangsumsiedlungen der Reichspolitik ausgeliefert. Eigenständigkeitsgedanken konnten nicht mehr geäußert werden, selbst die regional kennzeichnenden Begriffe wie 'Sachsen" und 'Schwaben" wurden ausgeschaltet.
      Themabezogen kann gesagt werden, daß das ehemalige kulturnationale Zugehörigkeitbewußtsein per Verordnung in ein völkisches umgemünzt wurde. Inwiefern Literatur und Literaturreflexion das im einzelnen mitgemacht haben, bleibt noch zu dokumentieren, denn der Quellenzugang war bisher beschränkt. Die ideologische Fremdbestimmung der Minderheit ist jedenfallsTatsache.Tatsache ist ebenso ein gelegentlicher Widerstand dagegen, den es gleichfalls noch besser zu dokumentieren gilt. Genaues Abwägen ist hier auch deshalb geboten, weil unter totalitäten Verhältnissen öffentlich geäußerte und heimlich gehegte Meinung sich nicht immer decken. Es ist heute leicht, darüber zu mäkeln, daß Karl Kurt Klein, einleitend zu seiner Literaturgeschichte des Deutschtums im Ausland schrieb: 'Sie füge zur Gemeinschaft des Blutes die geistig-seelische Einheit und lasse aus Drinnen und Draußen die Ganzheit entstehen." Wer Bescheid wußte, und das waren bestimmt nicht wenige, verstand auch den Sinn der Widmung. Fritz Klein, Journalist in Berlin, der Bruder von Karl Kurt, gehörte zum deutschen Widerstand und hat mutmaßlich auch die tödliche Konsequenz daraus ziehen müssen.
      Allgemein kennzeichnend für die Kriegszeit ist deshalb eigentlich eine erstmals gespaltene Identität der Rumäniendeutschen: Völkische Fremd- und bodenständige Selbstbestimmung traten auseinander.
      3. Die Lage nach dem Zweiten Weltkrieg
Gefühlte und verordnete Identität blieben auch nach dem letzten Krieg gespalten. Die Fragestellung unterschied sich nun allerdings grundlegend von der voraufgegangener Geschichtsperioden dadurch, daß nicht nur alle stützenden Körperschaften abgebaut, sondern Ethnizität überhaupt vom Arbeits- und Sozialbereich abgekoppelt wurde, so daß identitätsbildende Faktoren keine öffentliche Wirksamkeit mehr hatten, sondern auf die Ebene des Privaten, des Denkens und Fühlens, bestenfalls noch kultureller Ã"ußerungen eingeschränkt blieben.

     
   Erste Klärungen zur anfänglichen Statusunsicherheit der Deutschen im rumänischen Nachkriegsstaat brachte ein Parteiplenum im Dezember 1948, das sie überhaupt erst wieder in den Genuß verfassungsmäßiger Rechte setzte. Die seitherigen politischen Klimaschwankungen haben auf das Selbstgefühl der Minderheit wie auf die Identitätsfestlegungen ihrer Literatur eingewirkt.
      3.1. Eine Serie neu-repräsentativ gewollter Nachkriegsanthologien trug gewissermaßen selbstverständlich den Zusatz 'deutsche Dichter der RVR", ebenso gebrauchten die Literaturkommentare das Attribut 'deutsch". Cisek und Wittstock wurden weiterhin in deutschsprachigen Ländern gedruckt, deutsche Literatur wurde durch die einheimische Presse vermittelt. Die Parole, die neue Kunst habe 'sozialistisch im Inhalt, national in der Form" zu sein, trug den sprachbedingten Sonderbeziehungen der Minderheitenliteratur zumindest bis 1958 Rechnung; das Gebot des 'proletarischen Internationalismus" grenzte diese Beziehungen auf die Literatur der DDR ein und schrieb Tuchfühlung zur rumänischen Literatur vor. Eine Identitätsfindung aus räumlich-sprachlicher Faktorensynthese war also potentiell möglich und fand in den Schriften schon etablierter Autoren sowie in den Selbstbildrevisionen der sogenannten 'Literatur der Vergangenheitsbewältigung" ansatzweise auch statt.
      Dem wirkte entgegen, daß die Deutschen Rumäniens mit dem zum zentralen Faktor sozialer Identitätsbestimmung erhobenen Klassenstandpunkt ihre besonderen Schwierigkeiten hatten. In ihrer spezifischen Mittelstandsgesellschaft Klassengegensätze gestalten zu wollen, wirkte ebenso unglaubwürdig wie die Mustererhebung der neuen Unterstandshelden, die in der erfahrenen Wirklichkeit oft nichts weniger als moralische Muster waren. Ausschlaggebend aber war, daß in der durch Deportation. Enteignung und rechtliche Vogelfreiheit verhängten Kollektivbuße nicht Klassenstandpunkte maßgeblich gewesen waren, sondern ethnische Zugehörigkeit. Zieht man noch die mindere ästhetische Qualität der Leitartikelpoesie hinzu, so ergibt sich unterm Strich ein tiefer Graben zwischen dem literarischen Identitätsangebot der ersten beiden Jahrzehnte und der historisch wirklichen Selbsterfahrung der Minderheit.
      3.2. Die aufgeschobene Identitätsklärung der Literatur stand an, als sich die präskribierten Dogmen lockerten oder unterlaufen werden konnten. Anfang der siebziger Jahre ging Gerhardt Csejka in mehreren Aufsätzen insofern von Prinzipien der Zwischenkriegszeit auSj als er grundsätzlich von der doppelten Einbindung einer Minderheitenliteratur sprach. Neu war allerdings sein Begriff 'Eigenständigkeit", 'ein Hinweis auf die Not, die zu einerTugend gemacht werden müßte"27.
      Zu diesem nicht gerade scharf herausgearbeiteten Begriff lassen sich zumindest drei Festlegungen treffen: Als erstes mit Sicherheit die, daß Eigenständigkeit als Identitätsbestimmung für Csejka keine Rückkehr zur Provinz- und Ethnieoption des 19. Jahrhunderts darstellt, da er ausdrücklich gegen 'Krähwinkel und Schmollwinkel" 'inzestuöser Absonderung" polemisiert. Als zweites impliziert der Begriff das Bewußtsein weitgehender Abkoppelung der Minderheitenliteratur von der deutschen Was jetzt noch in deutschsprachigen Ländern gedruckt wurde, erfüllte entweder kulturpolitische Alibifunktionen oder wurde stillschweigend geduldet, aber ein Hineinwachsen in die deutsche Literaturkommunikation war unter den Bedingungen rumänischer Separationspolitik nicht möglich. Das spiegelt auch die Adoption des mittlerweile zirkulierenden Terminus 'rumäniendeutsche Literatur", der die Abtrennung verdeutlicht. Als drittes schwingt das Wissen mit, daß die Minderheit ihr gesellschaftliches Eigenleben so weit eingebüßt hatte, daß ihrer Literatur keine selbständige Gesellschaftsstruktur mehr entsprach. Darum definierte Csejka diese Literatur als .,komplexierten Halbbruder" im 'Niemandsland" zwischen zwei Nationalliteraturen. Hatte die Zwischenkriegsgeneration in der doppelten Relationierung ihre sichere literarische Identität gefunden, so standen die siebziger Jahre im Zeichen der Identitätskrise.
      3.3. Gegen Csejkas skeptische aber genaue Lageerkundung nahm Heinz Stänescu in seinem Aufsatz Zum Begriff 'rumäniendeutsche Literatur"1^ Stellung, wo er Literatur sehr eng an den Nationsbegriff band, das Attribut 'deutsch" auf 'deutschsprachig" eingeschränkt, das Kompositum 'rumäniendeutsch" auch auf die Zeit vor 1918 ausgedehnt wissen wollte. In der 'Gestaltung des Zusammenlebens mit dem rumänischen Volk und den andern mitwohnenden Nationalitäten" sah er 'Gegenstand" und 'Wesenszug" dieser Literatur. Er lag damit auf der Linie der Parteipolitik, deren Ziel es mittlerweile war, die Außenorientierung der Minderheit zu unterbinden und das innere Selbstgefühl auszudörren.
      Seinen frühesten Ursprung hatte dieser machtgelenkte Isolationismus in der Plenumsrede Gheorghiu-Dejs aus dem Herbst 1957, durch die die Minderheiten als Folge des ungarischen Aufstandes dem Verdacht des Nationalismus ausgesetzt wurden. Erste Auswirkungen zeigten sich in einem über die Parteizeitung ,Scinteia' gelenkten de-nunziatorischen Feldzug gegen die ,Neue Literatur' und ihre Mitarbeiter31, der unmittelbar zu den Schriftstellerprozessen der Jahre 1958-1959 führte. Das zweite Tauwetter der Endsechziger wurde 1971 offiziell durch die Julithesen beendet; zur allgemeinen Knebelung der Kultur traten bald minderheitsspezifische Handhaben: Seit Oktober 1971 unterlag der öffentliche Gebrauch deutscher Ortsnamen Restriktionen, die selbständigen Schuleinheiten wurden erneut aufgelöst; nationaler Isolationismus einerseits, 'alldeutsche" Gesinnung andererseits wurden als Denunziationsargumente wieder rehabilitiert3; Verhaftungen, Drangsalierungen durch Behörden und Ãoberfallkommandos folgten nach. Seit 1975 galt 'Homogenisierung" als Leitbegriff der Nationalitätenpolitik, gelegentlich wurde von 'Rumänen deutscher Sprache" geredet, auch die Regionalbezeichnungen 'siebenbürgisch" und 'Banater" wurden aus dem Verkehr gezogen.

     
   Was die Reaktion der Literatur auf diese politischen Vorgaben sowie ihre möglichen Identitätsbildungen anbelangt, ist eine dreiteilige Frontengliederung zu vermerken. Als Huldigungsautoren traten erneut jene hervor, die einschlägige Antezeden-zien in den fünfziger Jahren gehabt hatten; ihr parteikonformes Identitätsangebot teilte die Leserschaft nicht. Die 1968 gegründeten Nationalitätenräte förderten mit populistischem Gehabe eine Gebrauchskultur, die sich als Mundart- und Gelegenheitsdichtung in die Literatur prolongierte; ihr folkloristisches Identitätsangebot gewann eine gewisse Basiswirkung, hielt jedoch strengeren Ansprüchen nicht stand. Die maßgebliche Literatur verstand sich aus der Opposition zur verordneten Isolation, stand aber in Spannung auch zum Neoprovinzialismus.
      Richard Wagner hat in einer nachträglichen Selbstdarstellung der 'Aktionsgruppe Banat" gesagt: 'Wir wollten eine zeitgemäße Literatur schreiben, die sich mit der deutschen Gegenwartsliteratur messen konnte." Gegen die Abschottungspolitik setzte die jüngste Literatur den Anspruch auf deutsche Maßstäbe und grenzüberschreitendes Gehör als einen wesentlichen Bestandteil literarischer Identitätsbildung; ethnopolitischen Aufgabenstellungen verweigerte sie sich.
      Andererseits wurde die Minderheitenliteratur auch jetzt in Siebenbürgischen Sprechübungen , d. h. in lokalen Lageerkundungen und eigentümlicher Artikulationsweise produktiv, auch wenn sich die jungen Autoren polemisch dagegen verwahrten, die Minderheit zu repräsentieren. Sie haben, wie schon öfters seit Meschen-dörfers Leonore , das Selbstbild der Minderheit entrümpelt; sie haben es in dem Sinne ausgeweitet, daß sie es aus dem Raumzusammenhang in den Weltzusammenhang zu rücken versuchten; sie haben es in dem Sinne relativiert, daß sie Ethnizi-tät aus dem öffentlichen in den privaten Bezirk verwiesen. Im Schwinden der Geschichte und im Fremdwerden des Raumes ergab das eine unverläßliche Identität, die etwa dem heute umgehenden Konzept des Regionalismus entsprechen dürfte. Sie impliziert das 'mutmacherische" Gefühl europäischer Zugehörigkeit ebenso wie die skeptische Vermutung, darin bloß hinter der vierten Ecke zu wohnen.

     
  

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