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Hermeneutik



Während das Lesen von Texten eine Passion sein kann, war das Deuten und Auslegen schon früh eine Profession. Wer einen Text auslegt, geht davon aus, daß der Autor einen Sinn in den Text hineingelegt hat, der nicht jedem zugänglich ist. Die Position dieses berufsmäßigen Interpreten ist dabei eine mittlere, weil er von anderen zu anderen spricht. In diesem Sinne sagt Sokrates zu Ion: «Ihr seid also Sprecher der Sprecher?» Und Ion antwortet: «Allerdings.» '


Die Aufgabe der Philologie
Diese Nachträglichkeit des Interpreten - wir könnten sie auch als seinen professionellen Mangel an Originalität betrachten - wird von dem Schleiermacher-Schüler Boeckh zum allgemeinen Wesen der philologischen Wissenschaft erklärt: «Hiernach scheint die eigentliche Aufgabe der Philologie das Erkennen des vom menschlichen Geist Producirten, d. h. des Erkannten zu sein. Es wird überall von der Philologie ein gegebenes Wissen voraus gesetzt, welches sie wiederzuerkennen hat.» z Zwar können wir in dieser Definition die sokratische Frage wiedererkennen, aber mit einem entscheidenden Unterschied. Ions Anspruch als Interpret bestand insbesondere darin, gut über Homer und andere Dichter sprechen zu können. Nun würden wir aber das von den Dichtern Produzierte - etwa die « Odyssee » oder die «Ilias » - nicht als ein gegebenes «Wissen » ansehen, wie wir eine Dichtung auch nicht unbedingt als etwas « Erkanntes » auffassen, sondern als etwas Erfundenes oder eben Gedichtetes. Die Formel vom Erkennen des Erkannten berücksichtigt gerade das Spezifische der Dichtung nicht. Während der Interpret tatsächlich ein bestimmtes Wissen vermitteln will, gilt dies so von dem Dichter nicht.
      Daß aber Boeckh meinte, die Aufgabe der Philologie durch die Formel vom Erkennen des Erkannten definieren zu können, läßt sich u. a. dadurch erklären, daß er in erster Linie klassischer Philologe war und daher mehr an philosophische als ausgesprochen dichterische Textedachte. Wir können uns also vorstellen, daß Boeckh bei seiner Definition der Aufgabe der Philologie weniger an Homer als an Piaton dachte. Boeckh: «Wir sollten als Philologen nicht wie Piaton philosophiren, aber doch die Schriften Piatons verstehen, und zwar nicht allein als Kunstwerke in Rücksicht der Form, sondern ganz, auch in Rücksicht des Inhalts; denn die Erklärung, die doch wesentlich philologisch ist, bezieht sich auch, und zwar vorzüglich, auf das Verstehen des Inhalts.» Nun ist aber deutlich, daß sich ein literarischer Text durchaus von einem philosophischen Text unterscheidet. Zwar wird diese Differenz gelegentlich von beiden Seiten her ostentativ überschritten ; dennoch machen gerade diese Ãoberschreitungen auf die diskursive Differenz aufmerksam, die sie . Eben weil es sich in bezug auf die Literatur nicht um ein gegebenes Wissen handelt, das wir nur wiederzuerkennen brauchten, sondern um Sinn, den wir ebensogut verstehen wie mißverstehen können, gibt es die philologische Hermeneutik. Damit stellt sich aber auch die Frage, was die Sprecher der Sprecher dem einfachen Leser voraushaben.
      Eine Antwort auf diese Frage gibt Piaton in dem Dialog «Ion», der einer der frühesten Texte zum hermeneutischen Problem ist. Freilich wird dieses Problem hier in Form einer Verdopplung vorgestellt, da Piaton den Dichter als « Hermeneuten » der Rede der Götter bezeichnet4, mithin der Interpret als ein Hermeneut in zweiter Potenz erscheint. Die professionellen Interpreten der Antike waren die Rhapsoden, deren Beruf in der Deutung und Darstellung der Dichter bestand.

      Das hermeneutische Problem
Als ein Rhapsode also wird Ion in dem gleichnamigen Dialog eingeführt. Sokrates begrüßt ihn mit den folgenden, das hermeneutische Problem in wesentlichen Elementen beschreibenden Worten:
«Wahrlich, oft habe ich schon euch Rhapsoden beneidet um eure schöne Kunst. Denn sowohl, daß am Leibe geschmückt zu sein und euch aufs schönste zu zeigen eurer Kunst angemessen ist, als auch daß ihr in der Notwendigkeit seid, mit vielen anderen trefflichen Dichtern euch zu beschäftigen, besonders aber mit dem Homeros, dem trefflichsten und göttlichsten der Dichter, und seinen Sinn zu verstehen, nicht seine Worte nur, das ist beneidenswert. Denn es kann doch keiner ein Rhapsode sein, wenn er nicht versteht, was der Dichter meint; da ja der Rhapsode den Zuhörern den

Sinn des Dichters überbringen soll, und dies gehörig zu verrichten, ohne einzusehen, was der Dichter meint, ist unmöglich. Dies also ist beneidenswert.»
Die Pointe - oder genauer gesagt: die Ironie - des nun folgenden Dialogs liegt aber gerade darin, daß Sokrates Ion dahin bringt, einsehen zu müssen, daß seine Verherrlichung des Homer keine kunstmäßige sei, sondern ebenso wie der Dichter aus göttlicher Begeisterung heraus spreche, so auch der Interpret. Mit anderen Worten: Sokrates beneidet in Wirklichkeit niemanden so wenig wie den Rhapsoden . Gleichwohl bleibt seine Beschreibung des hermeneutischen Problems für alle späteren verbindlich. Dieser Beschreibung zufolge kommt es darauf an, nicht nur die Worte, sondern den Sinn eines Textes zu verstehen. Im Grunde gibt es kein anderes Problem der Hermeneutik. Es gibt nur zahlreiche Umschreibungen des Problems und . Die Lösung, die Sokrates selbst nannte, wurde lange - und vielfach bis heute - als eine solche angesehen. Tatsächlich verschiebt sie aber nur das Problem. Die Frage, was der Dichter meinte, ist keine Frage einer Text-Hermeneutik, sondern allenfalls eine, die durch < Einfühlung > in ein fremdes und fernes Subjekt zu beantworten wäre. Daß Dilthey diesen Weg im vermeintlichen Anschluß an Schleiermacher betont hat, beruht, wie wir heute wissen, auf einem Mißverständnis der Schleiermacherschen « Hermeneutik». Bei Schleiermacher heißt es dazu unmißverständlich: «Man muß so gut verstehen und besser verstehen als der Schriftsteller.»

Die Bedeutung des Autors
In dieser bedeutsamen und häufig mißachteten hermeneutischen Maxime spricht sich keine Hybris des Interpreten gegenüber dem Autor aus. Es bleibt vielmehr dabei, daß die Hermeneutik in bezug auf die literarischen Werke ein nachträgliches Unternehmen ist. Was mit der genannten Maxime vielmehr bezweifelt wird, ist die Bedeutung des Autors für die Interpretation und für den hermeneutischen Diskurs. Die Auffassung, man könne den Sinn eines Werks nur richtig verstehen, wenn man weiß, was der Autor gemeint hat, ist erstens zirkulär: weil wir bei den meisten Autoren eine < Meinung > nicht anders verstehen als durch die Interpretation von Texten. Zum anderen sind Ausführungen eines Autors zu seinem

Werk zwar immer interessant, aber für die Interpretation nicht entscheidend. Das hat etwa Valery als Autor in eigener Sache ausgesprochen : « Es gibt keinen wirklichen Sinn eines Textes. Der Autor hat hier keine Autorität. Was immer er hat sagen wollen: er hat geschrieben, was er geschrieben hat. Wenn er im übrigen sehr wohl weiß, was er machen wollte, so trübt doch gerade diese Kenntnis in ihm die Wahrnehmung dessen, was er wirklich geschaffen hat.» Nun könnte man einwenden, auch diese Aussage sei nicht entscheidend, weil sie vom Autor selbst stammt. Aber ein Autor kann auch ein guter Interpret sein ; nur legitimiert sich diese Interpretation nicht durch seine Autorschaft, sondern durch seinen Beitrag zum hermeneutischen Diskurs.
      Valerys Beitrag geht in dieser Hinsicht aber offenbar weiter. Er kritisiert und korrigiert nicht nur eine spezifisch neuzeitliche Ãoberschätzung des Autors, er wendet sich auch gegen die wesentlich ältere Idee, daß es einen wirklichen Sinn eines Textes gebe. Diesen Sinn hatte So-krates von den Wörtern unterschieden und ihn mit der < Meinung > des Autors identifiziert. Diese Position können wir als hermeneutischen Essentialismus bezeichnen. Wenn Valery dagegen an diesen Sinn nicht mehr , so können wir von der Position eines hermeneutischen Nihilismus sprechen. Im Anschluß an Valery gibt es nunmehr unendlich viele mögliche Interpretationen eines Textes; aber es gibt keine Instanz mehr, mit der wir entscheiden könnten, welche Interpretation die bessere, geschweige denn die richtige ist. Diese beiden Positionen beschreiben nicht nur in einem großen Bogen den Anfang und die Gegenwart der Hermeneutik, sie markieren zugleich in gänzlich zeitloser Weise zwei Extreme der hermeneutischen Reflexion. Zwischen diesen Extremen entfalten sich die hermeneutischen < Systeme >, die alle auf die eine oder andere Weise auf der Suche nach dem Sinn sind.
      Hermeneutische Systeme
Dabei ist die Differenz zwischen Wort und Sinn systembildend. Schon sehr früh setzte sich die Auffassung durch, daß es nicht darauf ankomme, das Wort zu überwinden, um < hinter > ihm den eigentlichen Sinn zu entdecken. Vielmehr pluralisiert sich der Sinn. Man unterscheidet also zwischen einem wörtlichen und einem allegorischen Sinn: zwischendem sensus lateralis und dem sensus allegoricus. Die Kunst besteht nun darin, den Text auf zwei Ebenen zu verstehen. Entsprechend plu-ralisieren sich die Auslegungsarten. So entsteht zunächst die grammatisch-rhetorische Auslegung und damit das einfachste hermeneutische System.
      Im Mittelalter wird dieses System zur sogenannten Lehre vom vierfachen Schriftsinn ausgebaut. Man unterscheidet jetzt zwischen einem wörtlichen, einem allegorischen, einem moralischen und einem ana-gogischen Sinn. Dante hat etwa ausdrücklich darauf hingewiesen, daß seine «Göttliche Komödie» in einem solchen vierfachen Sinn geschrieben und zu verstehen sei. Diese dogmatische Auffächerung des Sinns, die als solche nur für das Mittelalter und auch hier nur für die theologische Hermeneutik typisch ist, wurde aber bald in Frage gestellt. Die Gefahr eines willkürlichen Hineinlesens war nicht zu übersehen, weshalb häufig dafür plädiert wurde, die Auslegung auf den sensus litteralis zu beschränken. Auch Schleiermacher befindet später: «Eigentlich hat doch jedes Wort nur Eine Bedeutung.» IO Nur darf der Interpret sich mit dieser Eigentlichkeit nicht begnügen. Er muß vielmehr berücksichtigen, daß ein Wort in einem eigentlichen und einem uneigentlichen Sinn gebraucht werden kann.
      Zusammenfassend kann man sagen, daß die Hermeneutiken des 18. und 19. Jahrhunderts in der Regel eine Einheit des Sinns voraussetzen. In einer teilweise erstaunlich schematischen Weise verkehrt sich die Frage nach der Pluralität des Sinns in die Frage nach der Pluralität der Auslegungsarten. Die hermeneutischen Systeme präsentieren sich als exegetische Regelsysteme. Zu dieser Entwicklung führt Dilthey folgendes aus:
« Diese Kunst der Interpretation hat sich nun ganz so allmählich, gesetzmäßig und langsam entwickelt, als etwa die Befragung der Natur im Experiment. Sie entstand und erhält sich in der persönlichen genialen Virtuosität des Philologen. Zugleich aber verfährt jede Kunst nach Regeln. Diese lehren Schwierigkeiten überwinden. Sie überliefern den Ertrag persönlicher Kunst. Daher bildete sich früh aus der Kunst der Auslegung die Darstellung ihrer Regeln. Und aus dem Widerstreit dieser Regeln, aus dem Kampf verschiedener Richtungen über die Auslegung lebenswichtiger Werke und dem so bedingten Bedürfnis, die Regeln zu begründen, entstand die hermeneutische Wissenschaft. Sie ist die Kunstlehre der Auslegung von Schriftdenkmalen.»
Die Zahl der Auslegungsarten schwankte zwischen zwei und sechs, meistens waren es aber vier. Friedrich Ast unterschied zwischen histo-rischem, grammatischem und geistigem Verstehen, wobei das historische Verstehen für den Inhalt der Werke zuständig sein sollte, das grammatische für die Form, das geistige schließlich für den Geist des Autors. Man hat die Vision der romantischen Hermeneutik häufig in dem Satz zusammengefaßt, es gelte, sich in den Autor hineinzuversetzen - und hat in dieser spekulativen Psychologie das spezifisch < Romantische> sehen wollen. Man muß hierzu einschränkend bemerken, daß dabei nicht immer genügend unterschieden wird, ob die Aufforderung tatsächlich dahin geht, sich in den Geist des Autors zu versetzen oder aber in den des ursprünglichen Lesers. Am besten wird man diesem anstößigen Satz gerecht, wenn man ihn als Anleitung zu einer regelgeleiteten Reflexion auf den individuellen Stil eines Autors versteht. So jedenfalls können wir Schleiermachers und Boeckhs Einlassungen in dieser Sache verstehen.
      Schleiermacher hat zwischen einer grammatischen und einer psychologischen Auslegung unterschieden. Ãober die Art der Anwendung heißt es in der kompendienartigen, nicht voll ausformulierten Darstellung von 1819: «Das minimum von psychologischeR) Interpret wird angewendet bei vorherrschender Objectiv des Gegenstandes: reine Geschichte, vornämlich im Einzelnen, denn die ganze Ansicht ist immer subjectiv afficirt. Epos. Das minimum von grammatr beim max von psycholr in Briefen nämlich eigentlichen .» Und daran anschließend: «Es giebt keine andere Mannigfaltigkeit in der Auslegungsmethode als das obige.» I
Trotzdem hat dann Boeckh wieder vier Auslegungsarten unterschieden, nämlich grammatische, historische, individuelle und generische Interpretation. Erst hiermit sei die Enumeration vollständig. Boeckh bemerkt allerdings auch eine Schwierigkeit, die alle diese Systeme betrifft. Man muß fragen, ob die verschiedenen Auslegungsarten, die die hermeneutische Theorie unterschieden hat, in der interpretatorischen Praxis ebenfalls getrennt zur Anwendung kommen können. Boeckh antwortet: «Wir haben sie zwar dem Begriffe nach bestimmt gesondert, bei der Ausübung selbst aber gehen sie beständig ineinander über.» ' Die Praxis führt, wie Boeckh sagt, in einen « Circel»; denn die verschiedenen Auslegungsarten gehen nicht nur ineinander über, sie setzen sich auch wechselweise voraus. Diese wechselseitige Durchdringung und Abhängigkeit, die hier das Verhältnis der einzelnen Auslegungsarten zueinander betrifft, soll auf einer anderen Ebene auch den Vorgang der Auslegung schlechthin struktu-rieren. Und erst hier ist von dem sog. hermeneutischen Zirkel die Rede, demzufolge der Interpret vom Einzelnen zum Ganzen und vom Ganzen zum Einzelnen vorzugehen habe .
      Mechanische und kunstmäßige Auslegung
Man hat sich daran gewöhnt, die Wende der Hermeneutik ins Allgemeine und Philosophische mit Schleiermacher beginnen zu lassen. Schleiermachers Reflexion auf den hermeneutischen Zirkel richtete sich zunächst gegen die eingeschränkte Bedeutung der sog. Stellenhermeneutik, die eigentlich nichts anderes als ein Kommentar war. Aber erst dort, wo das Verstehen aus der alles Reden begleitenden Unausdrücklichkeit hervortritt, wird es zur Praxis der Auslegung, wird es zu einer Tätigkeit, wie Schleiermacher sagt:
«Viele, ja vielleicht die meisten von den Thätigkeiten, aus denen das menschliche Leben besteht, vertragen eine dreifache Abstufung der Art, wie sie verrichtet werden eine fast geistlose und ganz mechanische, eine, die auf einem Reichtum an Erfahrungen und Beobachtungen beruht, und endlich eine im eigentlichen Sinne des Wortes kunstmäßige. Unter diese nun scheint mir auch das Auslegen zu gehören, sofern ich nämlich unter diesem Ausdruck alles Verstehen fremder Rede zusammenfasse.» I?
Schleiermachers Anstrengung galt der Ausformulierung dieser dritten Abstufung. Die Hermeneutik sollte damit in den Rang einer allgemeinen Kunstlehre erhoben werden. - Das Paradox, daß eine Kunst sich möglicherweise dadurch auszeichnet, daß sie nicht gelernt und also auch nicht gelehrt werden kann, bleibt auch hier bestehen, da Schleiermacher daran festhält, die Auslegung als Kunst anzusehen: «Das Auslegen ist Kunst.»l Er grenzte sich damit gegen die Spezialherme-neutiken seiner Vorgänger ab: «Die Hermeneutik als Kunst des Ver-stehens existiert noch nicht allgemein, sondern nur mehrere specielle Hermeneutiken.» Die Spezialhermeneutik bezeichnete Schleiermacher als ein abgekürztes Verfahren, und er meinte, diese Abkürzung gehe auf Kosten der Wissenschaftlichkeit: wenn die Spezialhermeneutik in eine Sammlung von Observationen ausarte. Als solche Sammlungen von Observationen hat aber Schleiermacher die meisten Hermeneutiken seiner Zeit betrachtet, auch die philologische Herme-neutik .
      Hierher gehört nun die Unterscheidung zwischen einer laxeren und einer strengeren Praxis. Die laxere Praxis geht davon aus, daß sich das Verstehen von selbst ergibt. Ihr kommt es nur darauf an, in gewissen schwierigen Fällen ein mögliches Mißverstehen zu vermeiden . Dies sei das Verfahren der speziellen Hermeneutiken. Dagegen gehe die strengere Praxis davon aus, « daß sich das Mißverstehen von selbst ergibt und daß Verstehen auf jedem Punkt muß gewollt und gesucht werden » ". Diese Unterscheidung kann auch heute noch als eine ausgezeichnete Einführung in die allgemeine Hermeneutik gelten. Wie allgemein die Hermeneutik hier geworden ist, ermißt man freilich erst, wenn man von dieser Verschärfung der hermeneutischen Aufmerksamkeit dazu übergeht, die mit ihr einhergehende Ausweitung des hermeneutischen Gegenstandsbereiches zu betrachten.

      Der hermeneutische Zirkel
Die Frage, welchen Sinn der hermeneutische Zirkel für die Literaturwissenschaft haben könne, ist häufig gestellt worden. Man kann fragen, ob es sich hierbei überhaupt um einen methodisch vollziehbaren Vorgang handelt - oder um etwas, das wir sowieso schon immer irgendwie tun. Diese zweite Deutung hat insbesondere Heidegger nahegelegt, indem er den Zirkel zu einer Grundstruktur des Daseins erklärte. Aus analytischer Perspektive dagegen erscheint der Zirkel als ein methodisches Quidproquo: als die Ersetzung des einen durch das andere, wobei man beides nicht hat. Man hat deshalb auch versucht, den hermeneutischen Zirkel aufzulösen bzw. analytisch umzuformulieren. Das Ganze wird dann etwa als Gesetzeshypothese aufgefaßt, unter die das einzelne zu subsumieren sei. Das ist möglicherweise bei kurzen und überschaubaren Texten plausibel; aber schon die umfangslogische Dimension eines Romans läßt es fraglich erscheinen, ob hier in einem strengen Sinn Gesetzeshypothesen gefunden werden können, die nicht selbst kontrovers und letztlich spekulativ sind. Ebenso fraglich ist freilich, was aus hermeneutischer Perspektive als das Ganze eines Romans angesehen werden soll. Was ist zum Beispiel das Ganze des «Mann ohne Eigenschaften»? Wir würden eben antworten, dieses Ganze sei nicht anders als in verschie-denen Interpretationen da, und wären mit dieser Antwort offenbar erneut in einen hermeneutischen Zirkel verstrickt.
      Dennoch ist gerade diese Zirkelstruktur für die Hermeneutik typisch; man kann sie daran erkennen. Umgekehrt ist es für manche for-malisierende Methoden typisch, daß sie ihre Option auf Rationalität und Genauigkeit durch einen ostentativen Verzicht auf Ganzheitsentwürfe durchzusetzen versuchen. Das ist etwa in Roland Barthes' Balzac-Lektüre der Fall. Hier wird zwar ein ganzer Text gedeutet - und zwar äußerst minutiös, nämlich Satz für Satz und Wort für Wort; aber gerade durch dieses minutiöse Vorgehen zerfällt der Text in lauter einzelne Teile, die nacheinander kommentiert, aber nicht zusammen gedeutet werden. In dieser Hinsicht ist die strukturalistische Balzac-Lektüre von Roland Barthes allerdings nicht sehr neu. Sie wiederholt auf einem methodisch raffinierteren Niveau, was die Philologen des 18. und 19. Jahrhunderts unter dem Titel des ununterbrochenen Kommentars betrieben haben.
      Die Frage der Ãoberprüfung
Nun stellt sich auch hier zunächst ein umfangslogisches Problem. Denn um etwa den « Mann ohne Eigenschaften » auf diese Art zu lesen, wäre offenbar ein Menschenleben zu kurz. Zudem entstünde ein monströses Werk, das den vielfachen Umfang des «Mann ohne Eigenschaften » hätte. Es stellt sich schließlich die Frage, wer dieses Werk lesen sollte und es im ganzen verstehen könnte. Aus diesen Gründen ist zwar zuzugeben, daß die hermeneutischen Sinnentwürfe eines Ganzen riskant sind - hier wäre wieder der Unterschied zwischen « Auslegen und Einlegen » zu beachten; es ist aber ebenso deutlich, daß sie durch andere Verfahren nicht zu ersetzen sind. Man könnte auch sagen, eben weil die hermeneutischen Sinnentwürfe riskant sind, seien sie interessant. Aber dies ist keine Frage, die den Wert der Methoden betrifft, sondern dessen, was man wissen will. Zudem hat das hermeneutische Risiko nicht den Charakter eines acte gratuit. Vielmehr sind auch die singulären Entwürfe eines Ganzen auf ein übergeordnetes Ganzes bezogen. Die romantische Hermeneutik dachte hierbei an die Instanz des . Als ein adäquaterer Bezugspunkt erscheint heute die Forschung ; denn eine Interpreta-tion ist ja nicht damit beendet, daß sie ihren Sinn entworfen hat. Vielmehr wird dieser Sinnentwurf von anderen aufgenommen, überprüft und möglicherweise abgelehnt. In diesem Sinn ist von einer Interpretation nicht nur zu fordern, daß sie in sich konsistent ist, sondern auch, daß sie anderen - und das heißt: allen anderen -Interpretationen standhält. Die Hermeneutik hat es deshalb nicht nur mit der regelmäßigen Hervorbringung von Interpretationen zu tun, sondern insbesondere mit deren Ãoberprüfung. Und man kann sagen, daß die Hermeneutik im 20. Jahrhundert mit dieser Frage der Ãoberprüfung das ihr eigentümliche Problem entdeckt. Mit den Worten Eric Donald Hirschs: «Die methodische Aktivität der Interpretation beginnt, wenn wir anfangen, unsere Vermutungen zu prüfen und zu kritisieren.» Die allgemeinere Konsequenz dieser Einsicht liegt aber darin, daß auch dann, wenn wir mit dieser methodischen Aktivität der Ãoberprüfung nicht anfangen, es andere tun. So ist zum Beispiel Ion wenig geneigt, seine Vermutungen über das Werk Homers zu prüfen und zu kritisieren. Aber Sokrates ist dazu um so mehr geneigt.
      Selbstthematisierung der Hermeneutik
In Gadamers philosophischer Hermeneutik erhalten diese Verhältnisse wiederum eine andere Deutung. Hier kommt es überhaupt nicht so sehr darauf an, was wir tun, sondern darauf, «was über unser Wollen und Tun hinaus mit uns geschieht»25. Im Anschluß an Heideggers Auslegung des hermeneutischen Zirkels erscheint an unserem Tun nur das wichtig, was wir immer schon tun. In Hinsicht auf die uns hier besonders interessierende Frage der Textauslegung heißt es etwa: «Wer einen Text verstehen will, vollzieht immer ein Entwerfen. Er wirft sich einen Sinn des Ganzen voraus, sobald sich ein erster Sinn im Text zeigt. Ein solcher zeigt sich wiederum nur, weil man den Text schon mit gewissen Erwartungen auf einen bestimmten Sinn hin liest. Im Ausarbeiten eines solchen Vorentwurfs, der freilich beständig von dem her revidiert wird, was sich bei weiterem Eindringen in den Sinn ergibt, besteht das Verstehen dessen, was dasteht.»z Daraus folgt nun - oder soll folgen: « Der Zirkel des Verstehens ist also überhaupt nicht ein Zirkel, sondern beschreibt ein ontologisches Strukturmoment des Verstehens.» z?
Das mag so sein, ist aber für den Literaturwissenschaftler - und darüber hinaus für jeden, der die Hermeneutik anwenden will - relativ bedeutungslos. Für den Literaturwissenschaftler kann der Sinn des

Zirkels nicht darin bestehen, jeweils der Struktur des Daseins gewahr zu werden, weil dies ihm nichts über den zu verstehenden Text und auch nichts über seine Interpretation sagt.
      Andererseits radikalisiert Gadamer hiermit lediglich, was sich bereits im 19. Jahrhundert als Tendenz abzuzeichnen beginnt. Schon Bo-eckh meinte, die Hermeneutik solle nicht «bloß praktische Regeln» enthalten, sie solle vielmehr zum Bewußtsein bringen, was sonst nur «bewußtlos» getrieben werde. Diese Tendenz zur Selbstthematisierung der Hermeneutik, die in der Folge weniger die Auslegung als den Akt des Verstehens analysiert, wird von Gadamer in Form einer on-tologischen Geschehens-Metaphysik zugespitzt: «Das Verstehen ist selber nicht so sehr als eine Handlung der Subjektivität zu denken, sondern als Einrücken in ein Ãoberlieferungsgeschehen, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart beständig vermitteln. Das ist es, was in der hermeneutischen Theorie zur Geltung kommen muß, die viel zu sehr von der Idee eines Verfahrens, einer Methode beherrscht ist.»

   Die Hermeneutik wird allgemein, indem sie philosophisch wird. Aus theologischer, juristischer und philologischer Hermeneutik entwickelt sich die philosophische Hermeneutik, die nun beansprucht, den anderen Hermeneutiken ein Bewußtsein ihrer selbst zu geben. Von hierher entsteht die Grundlagenproblematik des Verstehens und hiermit zusammen die sog. Verstehen-Erklären-Kontroverse, in der die Geisteswissenschaften und die Naturwissenschaften sich voneinander abgrenzen. Das erscheint durchaus folgerichtig und dem Selbstaufklärungsprozeß der Wissenschaften dienlich. Nur stellt sich die Frage, ob und wie sich vom Niveau der allgemeinen Hermeneutik Rückschlüsse auf die speziellen Hermeneutiken ziehen lassen. Wenn es zunächst so scheint, als seien die Interessen der speziellen Hermeneutiken auf selbstverständliche Weise in der allgemeinen Hermeneutik aufgehoben, so erweist sich das bei näherem Hinsehen als Schein. Tatsächlich hat die spezielle Hermeneutik wenig oder gar nichts von der Grundlagenproblematik lernen können, jedenfalls nichts, was für sie von praktischem Interesse wäre. Häufig ist es deshalb so, daß Hermeneutik und Interpretation gar nichts miteinander zu tun haben. Während sich die Hermeneutik als reine Theorie etabliert, realisiert sich die Interpretation weiterhin als ein praktisches Handwerk . Die Frage nach der gelungenen Vermittlung zwischen Theorie und Praxis läßt sich freilich auch an alle anderen Methoden im Zusammenhang der philologischen Wissenschaften richten.2S>

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