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Hermann Kloß - IM WIESENWINKEL



Heut' führst du mich zum kühlen Wiesenwinkel,

Wo Sonnenblumen noch, umhegt vom Walde,
In voller Blüte stehn, weil Sonnenstrahl

Sie hier nicht welkt und heißer Mittagswind.
      Bald öffnen sich die Bäume und uns grüßt

Das Licht, — nach langer Schattenwanderung
Das milde Abendlicht. Aufatmend harren


Jetzt deine Blumen, daß sich Silbertau
In ihren Kelch, wie Perlen, senkt. So willst

Du deine schmucken Lieblinge mir zeigen,
Wie Betende erwartungsvoll und freudig.
      Doch sieh', der Bauer, die Sense in der Faust, Hat rastlos hier sein Tagewerk getan, Von früh bis spät, das kurze Sommerglück All' deiner bunten Blüten jäh gebrochen. Schon spiegelt blitzend sich im blanken Stahl Der Sterbeglanz der Sonne; eh' sie schwindet, Neigt auch der letzte Halm sich zu den Brüdern.
      Du staunst und sinnst. In dein erregtes Herz Greift fassungsloses Leid, daß soviel frohe, Noch lebensjunge Pracht vergehen mußte. — Wir schreiten über tausend zarte Leichen, Die leise knistern, hin zum mitleidlosen, Einsamen Schnitter. Wie sein helles Auge In deines trifft, hemmt er den Schwung der Sense, Sein graues Haupt zu ehrfurchtsvollem Gruß Gebeugt, als ob vom fernen Dorf herauf Die Abendglocke ihn zur Andacht mahnte.
      Hermann Kloß wurde 1880 in Hermannstadt geboren, besuchte daselbst das Gymnasium und studierte dann an mehreren Universitäten, darunter Berlin und Klausenburg, Germanistik und Theologie. 1908 wurde er Professor am Hermannstädter Lehrerseminar. 1912 übernahm er die Pfarrerstelie in Pretai, ab 1917 die in Hammersdorf. Er starb im Jahre 1948.
      Seine bedeutendsten Gedichte wurden 1913 unter dem Titel Unsere Liebe in Liedern herausgegeben. Außerdem schrieb Kloß Ein Fragment, lyrisch-dramatische Szene, 1914; Die Braut von Urwegen, Tragödie, 1918; Die Nachfolge Christi, Tragödie, 1919; Untergang, Tragödie, 1920.
      Das Gedicht Im Wiesenwinkel ist dem Band Unsere Liebe in Liedern von Hermann Kloß, Verlag von J. Drotleff, Hermannstadt, entnommen.
      Der Titel des Gedichtes — Im Wiesenwinkel — bestimmt etwas Abgeschlossenes. Die Präposition im weist auf dieses Drinnensein und vermittelt so der lyrischen Situation von vorneherein eine spezifische Färbung.
      Das Gedicht beginnt mit einer genauen Zeitangabe . Das lyrische Ich befindet sich auf dem Wege zu dem Wiesenwinkel. Es wird dahin jedoch von einem Du geführt, kann alleine nicht hin gelangen. Ãœber das Warum und Wohin dieses Geleitetwerdens erfahren wir zunächst nichts Genaueres; desgleichen auch über das Verhältnis von Ich und Du. Es scheint eine Liebesbeziehung zu sein, da es sich auf Vertrauen und Ein-in-der-Zeit-Dauern gründet. Das Wörtchen heut deutet auf ein schon vorher begründetes Einvernehmen.
      Der lyrische Sprecher, weil er der Führung bedarf, tritt zunächst als der Ahnungslose, Nichtwissende auf, und es scheint, als ob er hergebracht werde, um belehrt zu werden. Die Sonnenblumen in voller Blüte, als Zeichen gesunder Lebenspracht, stehen in scheinbarem Widerspruch zu dem kühlen Ort. Noch ist aber keine Rede von Tod und Vergänglichkeit. Das Paradoxon wird danach aufgelöst: diese Pracht ist nämlich vom Wald umhegt, d.h. sie muß bewahrt werden als der letzte Rest eines dem Untergang Geweihten. Hier im Wiesenwinkel kann der Sonnenstrahl und der heiße Mittagswind die Existenz der Blumen nicht bedrohen. Sonnenstrahl, Mittagswind, die Helle allgemein, diese Vorstellungen haben in diesem Gedicht, wie auch in vielen anderen von Kloß, die Bedeutung einer zerstörenden Macht, während der Wald, das Dunkel, die Nacht Existenzmöglichkeiten bieten.
      So erscheint die künstlerische Gestaltung typisch impressionistisch: vom Detailbild in hell-dunkler, nuancenreicher Farbgebung wird auf ein Hintergründiges, oft Verschleiertes verwiesen. Dabei nähert sich das Gedicht mehr und mehr dem Gegenstand, den es stimmungserzeugend beschreiben möchte. Ebenso nähert sich, parallel dazu, das lyrische Ich und Du ihrem Ziel, dem Licht. Ich und Du kommen nämlich aus dem Dunkeln, aus dem Walde, der hier den Wert des Bewahrenden erhält,sie sind also selbst Bewahrende. Ich und Du werden zwar vom Licht begrüßt, doch ist es nicht mehr der Sonnenstrahl und der heiße Mittagswind, sondern das milde Abendlicht, das keine zerstörerische Kraft besitzt. Die beiden kommen von einer langen Schattenwanderung, sie sind also Freunde der Blumen in ihrer milden Sanftheit. In dieser Wanderung verlegt sich der Schwerpunkt von der Beschreibung der Umgebung auf die Beschreibung des Gegenstandes, d.h. auf den Wiesenwinkel mit seinen Blumen. Diese Gegenstandsbeschreibung sinkt dabei nicht zum bloßen Stimmungsbild herab; denn es wird eigentlich nach der Beziehung des Menschen dazu gefragt. Das Du ist mit dieser Welt vertraut und durch seine Vermittlung steht auch das Ich nicht mehr als Unwissender da, es wird auch empfänglich für die Seinsproblematik, die ihnen am Naturbild aufgeht. Die Blumen harren aufatmend; dadurch wird ein gesteigertes Warten gestaltet. Die Blumen warten auf den lebensnotwendigen Silbertau, ein Element der lebenspendenden Kühle, aber auch auf das lyrische Du.
      Doppeldeutig sind auch die Beiwörter erwartungsvoll und freudig, sie weisen einerseits auf einen starken Lebenswillen hin, andererseits aber auch auf die Freude des Zusammenseins mit dem lyrischen Du. Das Qualitativum Betende umschließt beide Möglichkeiten, die des Verlangens, aber auch die des freudigen Dankens. Es ist ein Verlangen nach dem Silbertau, d.h. nach dem Bewahrenden, um damit gestärkt den Untergang hinausschieben zu können. Es ist aber auch ein freudiger Dank für die gebotene Möglichkeit des Erhaltern durch ein liebendes Du. Damit spricht Klößt das typische Lebensgefühl der Generation um die Jahrhundertwende aus, die vom Bewußtsein des Untergangs geprägt war, die aber vor allem in der Kunst Möglichkeiten suchte, diesen Untergang hinauszuschieben.
      Doch stimmt die Wunschvorstellung des lyrischen Ich, die am Anfang gestaltet wurde, mit der Wirklichkeit nicht überein. In der zweiten Strophe wird eine Gegenwelt gesetzt, die sich durch das Wörtchen doch von vorneherein als solche zu erkennen gibt. Dem bunten Leben steht hier der Tod gegenüber, das Zerstörerische, symbolisiert durch den Bauern mit der Sense . Es sind harte Züge, mit denen der Bauer gezeichnet wird. Die Faust steht für etwas Brutales, das rastlose . . . Tagewerk und von früh bis spät für ein emsiges aber idealloses Wirken. Noch schlimmer als das sanfte Gesetz der Vergänglichkeit ist die jähe Zerstörung, welche die Menschenhand anrichtet. Bildlich wird das im Strahl der Sonne ausgedrückt, die untergehend sich in der Sense spiegelt.
      Die dritte Strophe verlegt den Schwerpunkt auf das lyrische Du. Vom Staunen und Sinnen öffnet es sich der erschütternden Leiderfahrung. Das Verhalten des Ich und des Du wird in der gesamten
Sprachgebung von der des Schnitter-Bauerns unterschieden: sie schreiten, leise, zarte Töne herrschen vor. Diese Opposition wird auch weiterhin beibehalten. Er ist der Mitleidlose, der dumpf Dahinlebende, der den Wert der Naturpracht nicht kennt und daher einsam ist. Auch er hat aber keinen Halt mehr, auch er ist in das Vergehen einbezogen und wird zu seinem Vollstrecker. Sein helles Auge deutet auch auf seine Zugehörigkeit zu der vernichtenden Welt des Lichtes, wie sie am Anfang des Gedichtes gestaltet wurde. Der Schwung der Sense bedeutet ein ununterbrochenes, unbewußtes Geschehen. Demgegenüber tritt das lyrische Du als das einzig Bewahrende auf. Es hat die Funktion des Waldes übernommen, wie der Schnitter diejenige des heißen Mittagswindes. Bewahren und Zerstören, dies sind die zwei Möglichkeiten, die im Bild voreinander stehen; beide stehen sie aber unter dem Gesetz der Vergänglichkeit. Die dichterische Gestaltung, die Kloß diesem Problem gibt, erlaubt es zu erkennen, daß das geistlos Zerstörerische den Wert des Bewahrenden anerkennen muß. Dem Menschen ist nicht die völlige Aufhebung des Untergangs gegeben, aber die Möglichkeit, ihn hinauszuschieben. Diese Möglichkeit bietet die Schönheit im Verein mit der Liebe. Schönheit und Liebe mahnen zur Andacht, sie machen selbst den Vollstrecker der Zerstörung sehend, geben ihm die Möglichkeit, seine Schuld zu begreifen.
      Somit werden Schönheit und Liebe bei Kloß, wie auch bei vielen seiner Zeitgenossen zum Ausweg in der Ausweglosigkeit, zum Retardie-rungsmoment des unausweichlichen Vergänglichkeitsprozesses — ein Wiesenwinkel also, als Rest eines Wertes im Wertlosen gedeutet.
     

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Hermann  Kloß  -  IM  WIESENWINKEL    





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