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Hermann Hesse - IM NEBEL



Seltsam, im Nebel zu wandern! Einsam ist jeder Busch und Stein, Kein Baum sieht den andern, Jeder ist allein.
      Voll von Freunden war mir die Welt, Als noch mein Leben licht war; Nun, da der Nebel fällt, Ist keiner mehr sichtbar.
      Wahrlich, keiner ist weise, Der nicht das Dunkel kennt, Das unentrinnbar und leise Von allen ihn trennt.

      Seltsam, im Nebel zu wandern! Leben ist Einsamsein. Kein Mensch kennt den andern, Jeder ist allein.
      Von der Romantik ausgehend, in steter Auseinandersetzung mit Goethe, vom Realismus Kellers beeinflußt, gehört Hermann Hesse zur humanistischen Tradition, die, von der deutschen Klassik ausgehend, ins 20. Jahrhundert hinübergetragen wurde. Bekannt ist Hesse vor allem durch seine Prosa geworden, die in seinem Spätwerk Das Glasperlenspiel gipfelt, für das er 1946 den Nobelpreis erhielt. Gedichte eröffnen und beschließen Hermann Hesses Werk. Die Gedichte, 1942, ist eine nahezu vollständige Sammlung seiner Lyrik bis zu dem Zeitpunkt. Sie enthält auch Im Nebel, ein Gedicht das am Jahrhundertbeginn in Gaienhofen entstanden ist. Es wurde dann in den 5. Band Gesammehe Schriften aufgenommen.
      Thomas Mann schrieb anläßlich des 70. Geburtstages von Hesse in der Neuen Zürcher Zeitung: Für mich gehört dies im Heimatlich-Deutsch-Romantischen wurzelnde Lebenswerk bei all seiner manchmal kauzigen Einzelgängerei, seiner bald humoristisch-verdrießlichen, bald mystischsehnsüchtigen Abgezvandtheit von Zeit und Welt zu den höchsten und reinsten geistigen Versuchen und Bemühungen unserer Epoche. Unter der literarischen Generation, die mit mir angetreten, habe ich ihn, der nun das biblische Alter erreicht, früh als den mir Nächsten und Liebsten erwählt und sein Wachstum mit einer Sympathie begleitet, die aus Verschiedenheiten so gut ihre Nahrung zog wie aus Ähnlichkeiten. Die lyrische Grundhaltung Hesses macht sich auch in seiner Prosa bemerkbar; immer bleibt er in seiner Subjektwelt verfangen, seine Werke sind nichts anderes als transponierte Lebensläufe, es gelingt ihm nicht, eine Objektwelt hinzustellen und darin Fuß zu fassen. Er scheut sowohl künstlerische als auch soziale Bindungen. Die in seine Prosa eingestreuten Gedichte geben einen weiteren Beweis dafür, daß Hesse kein eigentlich episches Talent ist, die Form wird ihm oft unter den Händen brüchig. Seine Grundhaltung der Literatur gegenüber ist überhaupt die des Mißtrauens — daraus erklärt sich auch Hesses mangelnder Formwille. Seine eigene Feststellung, daß die Erlebnissphäre der Realität nicht kongruent sein kann mit der der Dichtung, wobei es ihm einzig und allein darauf ankommt, daß sie bekenntnishaft ihre eigene Not und die Not ihrer Zeit mit möglichster Aufrichtigkeit ausspricht, deckt einen Hauptmangel Hessescher Dichtung auf: es ist der Mangel an bewußter Formgebung, der sich auch in seiner Lyrik bemerkbar macht. Trotzdem ist es vor allem die Lyrik, die Aufschluß über Hesses Lebensgefühl gibt, ein Lebensgefühl, das geprägt wird von dem Widerspruch zwischen innerem und äußerem Leben, die in einem disjunktiven Verhältnis zueinander stehen, von Sehnsucht nach Aufhebung dieser Spannung, konkretisiert in verschiedenen Formen. Und dieselbe Lyrik zatgt, daß es dem Dichter nicht nur stofflich, sondern auch kraft der Sprache kaum gelungen ist, seine Nöte zu bannen.
      Das Gedicht Im Nebel gehört vielleicht zu den wenigen Ausnahmefällen, in denen Hesse zu der von ihm angestrebten selbstverständlichen Einfachheit der Form findet.
      Entstanden ist das Gedicht zwischen 1904 und 1910 in der Gaien-hofer Zeit, als der Dichter oft, vom Wandertrieb gepackt, Haus und Familie verließ, um auf langen einsamen Wegen inmitten der Natur zu sich selbst zu finden. Er ist kein Bewunderer der Naturschönheiten im eigentlichen Sinn, ebenso fern liegt ihm aber auch ein Pantheismus Goethescher Prägung. Die Natur dient Hesse lediglich als Gleichnis, sie bietet ihm eine Fülle von Symbolen für die Vergänglichkeit und Wiedergeburt alles Seienden. Daraus ergibt sich ein wechselseitiges Durchdrin-gen von Seele und Natur, eine Einheit, die Hesses naturmagischem Lebensgefühl zugrunde liegt.
      Die Natursymbolik beginnt schon im Titel des Gedichtes: Nebel ist Metapher für Unsicherheit, Wegsuchen, Undurchdringlichkeit, Zusam-menhanglosigkeit, Einsamkeit. Eine schon vorhandene Einsamkeit wird durch das Bild des Nebels noch verstärkt. Landschaft, Leben und Umwelt werden panoramisch erfaßt. Daher ist es seltsam, das heißt befremdend, ungewöhnlich, im Nebel nur Einzeldinge wahrzunehmen, die über ihre eigenen Konturen nicht hinauswachsen. Das einheitliche Weltbild wird aufgespalten, in Einzeldinge zerlegt, der Sinnzusammenhang geht verloren. Eine starke Ichbezogenheit tritt zutage durch die unmittelbaren Ãœbergänge von der äußeren zu der inneren Welt, die auf diese Weise miteinander in Beziehung gebracht werden, die sich wechselseitig bedingen. Der Landschaft entspricht das Leben des Dichters. Das Adjektiv licht zu Leben steht im Gegensatz zu Nebel, das in seiner Weiterführung zum Dunkel, in tiefste Abgründe menschlicher Psyche führt. Zu weiteren Gegenüberstellungen dieser Art fordert der Parallelismus im Aufbau der ersten und letzten Strophe geradezu heraus -.Einsam ist jeder Busch und Stein, — Leben ist Einsamsein. Kein Baum sieht den andern, — Kein Mensch kennt den andern,... Das Prädikativum einsam bzw. Einsamsein vereinigt Busch und Stein, also die gegenständliche Welt, mit dem menschlichen Leben gemeinhin. Die Existenz des Artgenossen Baum oder Mensch kann bloß geahnt, nicht aber begrifflich erfaßt werden.
      Der Gleichklang des ersten und letzten Verses dieser beiden Strophen faßt gleicherweise Objekt- und Subjektwelt in denselben Rahmen, innerhalb dessen die Bilder beliebig ausgewechselt werden können, ohne die Aussage zu verändern. Werden nun 'die beiden mittleren Strophen in den Parallelismus des Aufbaus einbezogen — es muß in einem etwas erweiterten Sinne geschehen —, ergibt sich eine Tendenz zur fallenden Bewegung an jedem Strophenende. Es sind jeweils Variationen auf ein Grundthema, das jeweils im letzten Vers enthalten ist. Es ist der Angelpunkt des Gedichtes, um den sich die Gedanken in konzentrischen Kreisen bewegen.
      Der elegisch-resignierende Grundton wird in der dritten Strophe durchbrochen durch eine Umkehrung der Vorzeichen, die im Prädikativum keiner ist weise verstärkt durch ein vorangestelltes Wahrlich liegt. In dem Gedicht mit dem vielsagenden Titel Allein heißt es: Drum ist kein Wissen /Noch Können so gut, I Als daß man alles Schwere I Alleine tut. Es ist dies eine Erkenntnis Hesses, die leitmotivisch sein Gesamtwerk durchzieht.
      Dieses Wissen um die Einsamkeit des Menschen bewahrt Hesse jedoch nicht vor der Sehnsucht, sie zu durchbrechen. Von der Spannung zwischen diesen beiden Polen lebt letztlich ein Großteil seiner Lyrik. Der Versuch einer Verallgemeinerung subjektiver Erkenntnisse im Sinne einer Objektivierung wirkt leider oft etwas verflachend auf das Gedicht. In vorliegendem Text ist es vor allem eine Häufung verallgemeinernder Indefinitpronomen, die der lyrischen Ausdruckskraft Abbruch tut.
     

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