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Heinrich Schuster - epik



Der Erzähler Heinrich Schuster hat lange Zeit als einer gegolten, der zu Unrecht unbeachtet geblieben war. So wurden im Lauf der letzten Jahre Anstrengungen unternommen , ihn und sein Werk der Vergessenheit zu entreißen. 2 Widmet man sich ihm, wird man sich also auf das Bild des neuentdeckten Schriftstellers beziehen müssen. Sein an äußeren Ereignissen und Veränderungen nicht reicher Lebenslauf ist verhältnismäßig leicht überschaubar. Er selbst hat sich handschriftlich über seine Jugendzeit und die ersten Jahrzehnte seiner beruflichen Laufbahn geäußert. Daraus wie auch aus anderen Zeugnissen hat man die wichtigsten Daten seines Lebens herausgelesen 4, so daß nicht zu erwarten ist, es werde sich zu seiner Biographie, vor allem als Schriftsteller, noch viel Neues hinzuzufügen lassen. Er wurde 1857 als Sohn eines Dorfnotärs in Alzen geboren. Nach dem Besuch des Piermannstädter Gymnasiums studierte er unter schweren materiellen Bedingungen in Wien Philologie und Theologie. Bis auf einige Jahre, die er als evangelischer Pfarrer in seiner Heimatgemeinde verbrachte, war er im Schuldienst tätig: anfangs als Leiter der Reußmarkter Schule, dann als Gymnasiallehrer in Sächsisch-Reen und schließlich als Rektor des Mühlbächer Gymnasiums. Er starb 1931 im Hermannstadt.
      H. Schusters Werk umfaßt, außer Beiträgen zur heimischen Schulgeschichte und gelegentlichen publizistischen Äußerungen zu sozialen Fragen, etliche Prosaschriften. Neben einigen Erzählungen kleineren Formats weist sein Schaffen vor allem die romanhaft breite 'Erzählung aus dem sächsischen Bauernleben" Martin Alz-ner auf.
      Die Handlung des Romans Martin Alzner spielt sich größtenteils auf dem siebenbürgischen Dorf ab. Das ländliche Leben wird in seinen Hauptzügen und Einzelheiten geschildert, wobei, jenseits vom Individuellen, auch eine generalisierende Tendenz der Darstellung in Erscheinung tritt: die einzelnen Personen werden an dem Geschehen gewissermaßen nur so lange beteiligt, bis sie und ihr Handeln sich wieder in Betrachtungen über Umstände und Psychologie des Bauernstandes einfügen lassen. Dadurch wird das
Alltägliche zum Ritual und auf eine höhere, dem Typus geltende Stufe der Sinndeutung gehoben. Darin äußert sich zweifellos ein gewisser Kunstsinn. Denn ein solcher ist erforderlich, um die einfachen Dinge des ländlichen Tages- und Jahresablaufs _ so darzustellen, daß sie dem Archetypischen angenähert und in jenes Licht gerückt werden, in dem zwischen der Alltäglichkeit und der Einmaligkeit des Banalen eine lebendige Beziehung entsteht. Von den Grundregeln des siebenbürgischen Landlebens wird _ beispielsweise auf den gewissermaßen naturgegebenen Konservatismus des Bauern hingewiesen und ausgeführt, warum 'Erhaltung des Bestehens [...] sein Lebensprinzip" ist. Andererseits werden auch über die Notwendigkeit Betrachtungen angestellt, diese konservative Anschauung durch fortschrittliche Gedanken zu erneuern. Die Überlegungen des Verfassers über die Denk- und Handlungsweise des Bauern bieten etwa das, was der einsichtige Intellektuelle vom Land über den Bauern denkt und äußert — etwa, daß 'der Grundzug des sächsischen Bauerncharakters" der Ernst sei, und daß dieser 'ihn bei allem, was er tut, in getragener Würde erscheinen" läßt; deshalb habe 'der Volksgeist feststehende Redensarten geprägt, die gemeiniglich auf den Ton dsr Schwermut gestimmt sind" 8. Weiterhin gibt es Betrachtungen über den Hang zur Feierlichkeit des sächsischen Bauern, diesen Zug, der sich in allen die Gemeinschaft angehenden Dingen äußert9, selbst wo es um relativ geringfügige Dinge geht, wie das Anschaffen einer Dreschmaschine, die freilich die erste im Dorf sein soll. Bisweilen wirkt es etwas störend, daß sich Schuster bei der Gestaltung des Landlebens auf der Ebene allgemeiner Wahrnehmung bewegt und mitunter Kontemplation überwiegt, wo Dynamik angebracht wäre. Immerhin wird_ einem bei der Lektüre deutlich, daß für den Verfasser 'das einzelne subjektive Erlebnis [...] immer nur stellvertretendes Bild für das Allgemeinere" ist und sein soll.
     
   Naheliegend ist es nun zu fragen, wie bei diesem Hang des Verfassers, das 'episodische Einzelgeschehen [...] in den meditativen Kapitelanfängen oder -Schlüssen ins Verallgemeinernde" zu heben n, und bei seinem Bestreben, die Schilderung an das mythische Urbild des Baueralebens anzunähern, das Konkrete, Individuelle der Darstellung ausfällt. Zum Unterschied von vielen Stimmungsbildern jener Zeit ist Schusters Schilderung auf zwingende Existenzfragen eingestellt. Sie spiegeln sich im Erleben der Hauptgestalt, deren Entwicklungsweg von der Kindheit bis in das tätige Mannesalter nachgezeichnet wird. Er lernt die Existenznöte des Bauernstandes bereits in seiner Kindheit kennen. Die schon damals erfahrenen Schwierigkeiten und Härten des bäuerlichen Lebens und

Erwerbs werden eindringlich geschildert: das Überwintern bei wenig Frucht und Futterknappheit, die mühevolle Feldarbeit, die bloß einen schmalen Ertrag sichert. Das schwere Landleben wirkt sich mitunter verformend auf den Charakter des Einzelnen aus, läßt ihn rücksichtslos und egoistisch werden. Auf eine für den jungen Alzner schmerzhafte Weise erfährt er dies in der eigenen Familie. Sein Vater ist mit allen Kräften auf seinen materiellen Vorteil bedacht, wobei er auch Frau und Kind nicht schont — sie haben für ihn bloß 'die Bedeutung billiger Arbeitskräfte" 12. Durch das 'blindwütige Stürmen nach Erwerb und Besitz" 13 wird die Mutter in den Tod getrieben. Dies ist für den Knaben ein Anlaß, sich innerlich immer weiter von seinem Vater zu entfernen und schließlich das Elternhaus zu verlassen. Erst spät tritt eine Versöhnung zwischen Martin Alzner und seinem Vater ein.
      Die erwähnte konservative Gesinnung der Bauern findet auch in der Hauptgestalt des Romans ihre Ausprägung. Bei ihm jedoch, wie schließlich allmählich auch bei manch einem anderen, wird diese beharrende Einstellung durch die Veränderungen der ländlichen Verhältnisse um die Jahrhundertwende ins Wanken gebracht. Der 'konservative Zug in seinem Wesen" erfuhr so eines Tages 'eine starke Erschütterung". Hierauf ist er gesonnen, für den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt einzutreten: in ihm reifte 'der Entschluß, seinerseits mitzuhelfen, daß manches in der Arbeit des Bauern leichter, rentabler werde". Dies gelingt ihm zu seiner Befriedigung auch. Denn seine diesbezüglichen Ziele sind real und verwirklichbar: was er 'als Prophet des Fortschritts und der Erneuerung seinem Dorfe anzubieten hat, ist keine Utopie, keine neue Morallehre, kein neues Menschenideal, sondern eine neue Wirtschaftsform, die jenes dann natürlich zu generieren vermag. Die Neuerungen, deren Träger Martin Alzner wird, bestehen im wesentlichen darin, daß die alte, patriarchalische Produktionsweise durch die maschinell-wissenschaftliche [...] ersetzt wird"16. Hierfür zu werben erscheint ihm gerade auch mit Rücksicht auf die Tradition notwendig — er weiß, daß nur durch den Fortschritt 'das Erbe der Vergangenheit erhalten werden könne" 17.
      Die Auseinandersetzung dieser gegenläufigen Tendenzen wird mit aller Ausführlichkeit nachgezeichnet: mit der Genauigkeit der traditionellen Wirklichkeitsschilderung. Man hat andererseits im Zusammenhang mit Martin Alzner von der Gestaltungsweise des poetischen Realismus gesprochen. Dabei ließe sich eher eine naturalistische Sachlichkeit nachweisen. Eine nüchterne Art der Betrachtung kennzeichnet Schusters Prosa, die ängstlich vermeidet,

Phantasie in Phantasterei ausarten zu lassen. Es liegt auch offensichtlich in Schusters Art, der schöpferischen Phantasie nicht viel Raum zu bieten. 'Das Leben ist überall und immer abwechslungsreicher, als es die kühnste Phantasie sich ausmalen kann. Es sind immer nur Einzelheiten, kleine Abschnitte, die diese in den Bereich ihrer Ausgestaltung ziehen kann." Wer so denkt, wird keine kühnen Kompositionen entwerfen, sondern sich als stiller Beobachter und eifriger Chronist des um ihn geschehenden Lebens betätigen. Er wird das in dem angeführten Satz enthaltene Mindest- und gleichzeitig Maximalprogramm schöpferischer Gestaltung nicht als Beschränkung auffassen, sondern in seiner Erfüllung volles Genügen finden.
      Doch kommt auch in Schusters Roman die Phantasie zu ihrem Recht. Was anfänglich beim Lesen, bevor man die Voraussetzungen des Romans so recht erfaßt hat, als eine gewisse Phantasiearmut anmutet, gibt sich bei fortschreitender Lektüre als Ausdruck des gezügelten dichterischen Elans zu erkennen. So ist es vielleicht nicht ganz zufällig, daß die Einschränkung der Phantasie auf das notwendige und zulässige Ausmaß auch thematisch eine gewisse Rolle spielt, daß sich also der gebändigte Formwille gerade am Gegenstand der schrittweisen Umwandlung eines Träumers in einen tätigen Menschen zu bewähren sucht. Der gemütvoll veranlagte Martin Alzner wird kein Phantast, wozu er durch seine meditative Art und durch einige Erfahrungen seiner Kindheit zu werden droht, sondern wird dem tätigen Lebensbereich integriert, so daß sein wirtschaftlicher Weitblick der Gemeinschaft nutzbar gemacht werden kann.
      Allerdings sind Schusters Realismus — faßt man ihn nun als poetisch oder eher naturalistisch auf — Grenzen gesetzt. Sein Buch enthält eine saubere, verständnisvolle Schilderung des Bauernlebens, erreicht jedoch nicht jenen Grad der Freiheit, den die Literatur ähnlicher Zielsetzung verwirklicht . Die Qualitäten der Schilderung liegen eigentlich in der Episode, in Szenen, die das bäuerliche Leben als eine Welt harter Realien zeigen und Destruktion durch Entfremdung und Heimweh darstellen. Dieses letzte wird in umfassender Bedeutung als Sinn für das Nicht-mehr-Erreichbare verstanden, eine Gemütsverfassung, die bezeichnet ist, wenn von Alzners Heimweh gesagt wird, daß es längst Verlorenem galt: 'die nähere und fernere Umgebung" war ihm fremd geworden, und
'was er an Heimat besaß, trug er in seiner Brust; seine Erinnerung allein war seine Heimat".
      Schusters Sachlichkeit, soweit sie nicht Ergebnis naturwissenschaftlich-deterministischen Denkens ist21, wurde von dem umständlich herausgebildeten Über-Ich sächsischer Erziehung geformt, das der Gemüthaftigkeit in gemeinschaftsbedingten Erscheinungen und Handlungen breiten Raum ließ. Den Schriftsteller kennzeichnet eine 'Neigung zu verständiger und liebevoller Sachlichkeit" 23, die sich auch in seinem Roman offenbart. So ließ sich darauf hinweisen, daß dieser sich auf eine scharfsinnige, unbestechliche Analyse ökonomischer, gesellschaftlicher und psychischer Tatbestände gründe. Schusters Sachlichkeit steht in engem Zusammenhang damit, daß er eher zu den vordergründigen Schriftstellern gehört. 25 Sachlichkeit ist bei ihm jedoch durchaus nicht Oberflächlichkeit oder Verstandeskälte, sondern stets bedächtige Überlegung und um das Tatsächliche bemühte Erinnerung.
      Daß Heinrich Schuster eher der Episode, dem Einzelbild seine Aufmerksamkeit widmet, wirkt sich auch auf den Aufbau des Romans aus. Die Komposition liegt im Argen. Hauptsächlich durch die Länge der Erzählung, also vom Quantitativen her, wird sie zum Roman, eine Bezeichnung, die der Verfasser selbst nicht gebraucht. Ein bedachtsames Abwägen der einzelnen Teile, ein Straffen und Ergänzen der Schilderungen wäre der Darstellung noch zu wünschen gewesen. Da dieses Werk wenig formbewußt gestaltet wurde, ist es auch schwer, es in der weitläufigen, viele Spielarien umfassenden Gattung des Romans unterzubringen. Martin Alz?ier wurde deshalb als ein Mittelding von Entwicklungsroman, Familienroman und sozialem Romanfresko bezeichnet. Dieser Sachverhalt, der sich im Gestalterischen in gewissen Asymmetrien und überraschenden Schwerpunktverlagerungen innerhalb der Personenkonstellation äußert, findet vielleicht seine Erklärung auch darin, daß das Werk als Feuilletonroman konzipiert worden war. Bei aller Liebe zum Detail sind aber selbst im Kleinen die Formen nicht immer entsprechend herauskristallisiert. Das geht bisweilen bis ins Sprachliche. Und doch ist gerade die sprachliche Suggestion dieser — und auch anderer — Prosaarbeiten des Verfassers beträchtlich. Schusters Erzählweise versetzt den Leser in eine 'teilnehmende Schwingung", die 'eine Gemüts- und Gefühlsbcziehung" zu dem geschilderten 'Lebensraum schafft, die lange nachwirkt" 28.
      Von Schusters Erzählungen ist wohl Aus der Dorfstraße die belangvollste. Auch hier wird immer wieder vom Bauern im allgemeinen gesprochen, aus genauer Kenntnis seiner Mentalität und der tatsächlichen Lebensumstände auf dem Land, deren unbe-schönigte, andererseits zuweilen leicht elegische Schilderung verrät, daß der Verfasser eine Welt beschwört, der er nicht mehr unmittelbar angehört. Aus dem Gefühl der Unwiederbringlichkeit erklärt sich auch der eingangs zum Ausdruck gebrachte antizivilisatorische Affekt — der Autor spricht von den 'entnervenden Einflüssen des Getriebes der Zivilisation" —, der dann freilich im Verlauf der Erzählung kaum mehr spürbar wird. Dem Hang des Verfassers zur Erörterung entspricht sein verständnisvoller Kommentar. Dieser bewirkt, daß am Schluß der Erzählung 'die künstlerisch-erzählerische Darstellung durch die direkte Darlegung belehrender Art ersetzt" wird; die 'erzählten Schicksale werden fallengelassen, und nur in äußerst loser Verknüpfung mit ihren Trägern entwickelt Schuster hier Ideen und Utopien gesellschaftlicher Art, die ihm wesentlicher werden als ihre künstlerische Verarbeitung". Vor allem dem unternehmenden Bauern, wie er hier in der Gestalt Johann Kleins erscheint, wird in der Erzählung Beachtung geschenkt, mit all seinen Bestrebungen, Versuchen, Fehlschlägen und zwischendurch immer wieder handgreiflichen Erfolgen. Aus dem belächelten 'Wüstenbaron" — wie er wegen seiner unfruchtbaren Ländereien genannt wird — und ehrsüchtigen 'Schrecken der Dorfstraße im Sonntagskleide" wird er schließlich zu einem immer einflußreicheren Bauern. In der Zeit, als in Siebenbürgen die Raiff-eisenschen Vereine sich unter Schwierigkeiten durchzusetzen begannen und umfassende Grundstück-Kommassationen vorgenommen wurden, bewährte er sich in mancher Hinsicht.
      Diese Erzählung hätte es wohl auch verdient, in den Band aufgenommen zu werden, der, 1976 erschienen, die Erinnerung an •einen Schriftsteller wieder belebte, in dem seine Zeitgenossen einen 'Mann von seltener natürlicher Würde und vornehmer Sachlichkeit" sahen, 'der in höchstem Maße die Fähigkeit und den Willen besessen habe, in allen Dingen und Erscheinungen den tieferen 'Wesenskern zu erkennen".
     

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