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Heinrich Heine - LORELEI



Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,

Daß ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,

Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
      Die Luft ist kühl und es dunkelt, Und ruhig fließt der Rhein; Der Gipfel des Berges funkelt Im Abendsonnenschein.
      Die schönste Jungfrau sitzet Dort oben wunderbar, Ihr goldnes Geschmeide blitzet, Sie kämmt ihr goldenes Haar.

      Sie kämmt es mit goldenem Kamme, Und singt ein Lied dabei; Das hat eine wundersame, Gewaltige Melodei.
      Den Schiffer im kleinen Schiffe Ergreift es mit wildem Weh; Er schaut nicht die Felsenriffe, Er schaut nur hinauf in die Höh'.
      Ich glaube, die Wellen verschlingen Am Ende Schiffer und Kahn; Und das hat mit ihrem Singen Die Lorelei getan.
      Das Gedicht, heute in der Vertonung von Friedrich Sucher volkstümlich geworden, ist enthalten in der Gedichtsammlung Buch der Lieder, u.zw. im 3. Zyklus Heimkehr , die Heine als romantischen Dichter in Deutschland und auch außerhalb seiner Grenzen berühmt machen sollte.
      Lorelei ist nicht nur so berühmt geworden, daß man darüber den Autor vergessen hat, sondern es gilt für viele auch als repräsentativstes Gedicht der deutschen Romantik. Arthur Eloesser erkannte die Son-dersituation Heines innerhalb der deutschen Lyrik als die des verlorengegangenen Glaubens an die goldenen Bilder der Romantik. Dabei litt er selbst am stärksten darunter, daß sein scharfer, wirklichkeits-zugewandter Verstand den Unsinn und die Zerstörung romantischer Süße registrieren mußte. Während in der romantischen Lyrik die Chiffre für das Geheimnis stand, für das echte Rätsel, das die Welt aufgab, sank sie bei den Epigonen zum Klischee herab, zum bloßen handhabbaren Ornament, etwa bei E. Geibel .
      Heinrich Heine ist sich dieses Epigonentums bewußt. Er ist nämlich nicht nur von der Romantik, sondern von allen Bewegungen seiner Zeit geprägt worden. In erster Phase nutzte er das literarische Erbe aus, um virtuos damit zu spielen — und diese Phase wird durch das Buch der Lieder vertreten- Im wunderschönen Monat Mai, Ich grolle nicht, Du hast Diamanten und Perlen und die vielen anderen, teilweise durch wertvolle Vertonungen lebendig gebliebenen Lieder, sind nichts anderes als Kitsch bestmöglicher Qualität und das, weil ihr Dichter alle möglichen Tonarten und Bildkombinationen ausprobiert, ohne selbst daran glauben zu können.
      Das Gedicht Lorelei muß auch als epigonales Werk angesehen werden, nur hat in diesem Falle die Rezeptivität Heines für alles, was einmal schon geschrieben und gedacht worden ist, ein Meisterwerk möglich gemacht. Heine hat das überkommene Bild- und Vorstellungsgut, hauptsächlich romantischer Provenienz, zum endgültigen und bleibenden dichterischen Ausdruck gesteigert.
      Ursula Jaspers, die Verfasserin einer sehr scharfsinnigen Interpretation dieses Gedichtes verweist auf die Geschichte des Motivs, das par excellence ein romantisches ist. Clemens Brentano hatte die Geschichte erfunden und ihr erstmaligen dichterischen Ausdruck verliehenin seinem Gedicht Lore Lay, später erschien es in den Rheinsagen von Vogt. Das Gedicht Waldgespräch von Eichendorff verleiht dem Motiv den Charakter eines gefährlich-lockenden Irrgeistes, der allerdings nicht an den Rhein gebunden ist, sondern im Wald sein Unwesen treibt. Von Otto von Loeben übernahm Heine dann die Gleichschaltung des Loreleimotivs mit dem antiken der Sirenen.
      Heines Lorelei bildet demnach das Schlußglied einer Motivkette . Durch die Absorption aller romantischen Elemente, die seine Vorläufer ausgebildet hatten, gelingt es ihm, das Wesen romantischer Motive, romantischer Lyrik überhaupt, noch einmal in seinem Gedicht aufleuchten zu lassen.
      Die metrische Form des Gedichtes gibt sich raffiniert einfach. Es ist jene Volksliedstrophe, die durch den ewigen Wechsel von männlichen und weiblichen, d.h. also klingenden und stumpfen Zeilenausgängen immanent sangbar ist. Heine unterstützt dieses gleichförmige Gestimmtsein, die deicht leiernde innere Melodie durch den ebenmäßigen Satzbau, wo Gedankeneinheit und Zeile zusammenfällt.
      Eine Ausnahme bildet darin die erste und letzte Strophe, wo die erste Zeile als Satzeinheit deutlich zerrissen wird. In diesen beiden Strophen allein ist auch unmittelbar von dem Empfinden des lyrischen Ich die Rede. Sowohl die Sprechhaltung als auch die besondere Satzstruktur distanziert demnach die Anfangs- und Schlußstrophe vom Kern des Gedichtes, sie bilden sozusagen den Rahmen dafür.
      Ausgegangen wird von der Stimmung des lyrischen Ich. Eine unbestimmte Wehmut hat es erfaßt. Einige Interpreten führen sie auf die Trennung von der Cousine Amalie zurück, als echte Erlebnisgrundlage. Im Gedicht ist allerdings eine alte Geschichte die Ursache der Trauer, sie fasziniert das sprechende Ich, hält es fest.
      Das Naturbild, das so beruhigend in der zweiten Strophe aufklingt, erfüllt eine doppelte Aufgabe: als Stimmungsbild des Abends motiviert es die Gefühlslage des Sprechers, es ist aber auch zugleich Vorbereitung für das Kommende, bereitet den Schauplatz für das Wunderbare sozusagen vor; Luft, Berg Sonne, Rhein — das sind reale Landschaftskomponenten. In ihrer abendlichen Verzauberung aber werden sie zur Märchenlandschaft.
      Die beiden Mittelstrophen des Gedichtes beschwören das Geheimste, die Gestalt der schönen Jungfrau. Das Bild entsteht aus Bewegung und Klang. Das dreimal wiederklingende Beiwort golden wird zu neuer, märchenhaft-faszinierender Bedeutung gesteigert, die zusammen mit der wundersamen . . . Melodei die verzaubernde Wirkung ausüben. Darüber spricht die nächste Strophe. Sie ist um einen distanziert erzählenden Stil bemüht, deshalb wird hier der Schiffer eingeführt, eine Figur, die sich in die Szenerie eingliedern läßt. Er achtet, im Bann des .schönen
Bildes und Klanges, nicht auf die Gefahr, die hier durch die Felsenriffe sinnfällig gemacht wird. Damit schließt sich der Ring, der um den märchenhaften Kern des Gedichtes gebildet wurde, denn diese Strophe steht symmetrisch zur zweiten.
      Der äußerste dieser konzentrischen Ringe, aus der ersten und letzten Strophe gebildet — der schon erwähnte Rahmen des Gedichtes — stellt die unmittelbare Beziehung zu dem Ich-Erleben her. Denn die Identität Schiffer — lyrisches Ich ist nicht absolut. Im Gegenteil, der Dichter ist bemüht, die Distanz dazwischen aufzuweisen. Mit anderen Worten, er versucht, sein Ich der Faszination des schönen Bildes zu entziehen. Diese Aufgabe erfüllt das eingeschobene Ich glaube. Der Dichter findet wieder zur Wirklichkeit zurück, er hat sich befreit, indem er eine Geschichte erzählte, indem er den Namen für das schöne Wunder fand. Typisch romantisches Erleben, poetische Ausdrucksmittel der Romantiker verschmelzen in Heines Lorelei zu einer vollkommenen Einheit. Doch deutet auch dieser Höhepunkt romantischer Dichtungsweise schon auf das problematische Verhältnis Heines zu dieser Welt hin. Er ist tief in ihr verankert, doch befreit er sich von ihr in dem Maße, als er die romantische Welt dichterisch zu fassen, zu nennen imstande ist. Die Lorelei ist also in gewissem Sinne auch ein poetisches Bekenntnis vom Anfang eines Schaffens, über dessen schmerzlichen Werdegang das Gedicht Enfant perdu rückblickend vieles verrät.
     

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