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Heinrich Heine - ENFANT PERDU



Verlorner Posten in dem Freiheitskriege, Hielt ich seit dreißig Jahren treulich aus. Ich kämpfte ohne Hoffnung, daß ich siege, Ich wußte, nie komm' ich gesund nach Haus-Ich wachte Tag und Nacht — Ich könnt' nicht schlafen, Wie in dem Lagerzelt der Freunde Schar — .
      In jenen Nächten hat Langweil' ergriffen
Mich oft, auch Furcht — —


Sie zu verscheuchen, hab' ich dann gepfiffen
Die frechen Reime meines Spottgedichts.
      Ja, wachsam stand ich, das Gewehr im Arme Und nahte irgend ein verdächtiger Gauch, So schoß ich gut und jagt' ihm eine warme, Brühwarme Kugel in den schnöden Bauch.
      Mitunter freilich mocht' es sich ereignen, Daß solch ein schlechter Gauch gleichfalls sehr gut Zu schießen wußte — ach, ich kann's nicht leugnen — Die Wunden klaffen — es verströmt mein Blut.
      Ein Posten ist vakant! — Die Wunden klaffen — Der eine fällt, die andern rücken nach — Doch fall' ich unbesiegt, und meine Waffen Sind nicht gebrochen, — nur mein Herze brach.
      »Gegenüber dem Buch der Lieder und den Neuen Gedichten stellt die dritte Sammlung lyrischer Produktionen von Heinrich Heine Romanzero den Höhepunkt -des dichterischen Reifeprozesses dar, der Heine von der Negation der Romantik zu dem Ertasten neuer Ausdrucksmittel führte.
      Die Gedichte dieses Bandes sind während der Leidensjahre 1846—1851, der sog. Matratzengruft, in Paris entstanden. Das zweite Buch Lamentationen, vor allem aber der darin enthaltene Lazarus-Zyklus spricht von den durchstandenen Kämpfen auf diesem Entwicklungsweg zum politischen Dichter.
      Enfant perdu — das Schlußgedicht des Lazaruszyklus zieht das Fazit .einer Dichterexistenz. Die erste Strophe entwirft das Grundmuster, welches die Bildgebung des gesamten Gedichtes bestimmt: der Dichter als Kämpfer im Freiheitskriege der Menschheit. Durch diese Vorstellung gelingt es Heine, geistige Frontstellung zu konkretisieren, zu verbildlichen. Das Gedicht mutet auch beim ersten Lesen wie ein Bericht über eine .'Schlacht an, der nüchtern^distanziert die Sachlage darzustellen versucht.
      Dem unpathetischen Bericht entspricht das Imperfekt, mit dem das Gedicht einsetzt. Es ist auch von Vergangenem die Rade, von dreißig Jahren, einem Menschenleben also, das der Dichter der Freiheit geopfert hat. Es war ein echtes Opfer, denn die Hoffnung auf ein Gelingen hatte er schon früh aufgeben müssen. Die Schwierigkeit des geistigen Einsatzes bestand eben darin, daß er geleistet werden mußte, ungeachtet der Resultate. Der Dichter mußte sich den Schwierigkeiten und Härten dieses Kampfes aussetzen, mußte sich selbst der Gefahr ausliefern: ich wußte, nie komm' ich gesund nach Haus.
      Der Dichter kämpfte und wachte für die Menschen. Fast mutet die Darstellung von deren Verhalten in der zweiten Strophe humorvoll an, doch bricht die bittere Ironie durch, wenn man den realen Kampfplatz als den geistigen begreift: der Freunde Schar — also nicht bloß die Zeitgenossen allgemein, sondern die Freunde, die Gleichgesinnten, die Dichter vielleicht — konnten schlafen, konnten beruhigt die Augen schließen angesichts der Gefährdung der Menschheit, die in dem Zeitalter der Restauration das soziale und geistige Sein gleichermaßen betraf. Die ironische Steigerung dieser Aussage gelingt in dem, wie nebenbei, hinzugefügten Klammersatz: Auch hielt das laute Schnarchen dieser Braven I mich wach, wenn ich ein bißchen schlummrig war. Als aufgelöstes Gleichnis bedeutet das nichts anderes, als daß eben das Versagen der meisten Geistesschaffenden in jenen Jahren für den Dichter der Ansporn für den eigenen Einsatz war, selbst wenn dieser ihm sauer wurde.
      Die dritte Strophe zerreißt noch stärker als die zweite den neutralen Satzbau, durch den am Anfang der ruhige Erzählton gewährleistet wurde. Dieses Unruhigwerden greift aus der sprachlichen auch in die Bildstruk-tur über. Den verlorenen Posten zu halten, war für den Dichter nichtso leicht, wie man gemeinhin annahm, er war bedroht von Furcht einerseits und auch von Langerweile, d.h. Gleichgültigkeit, andererseits. Die Dichtung hat ihn vor beiden Gefahren bewahrt: sie zu verscheuchen, hah ich dann gepfiffen I die frechen Reime meines Spottgedichts. Der Dichter eröffnet sich, er gibt sein tiefstes Geheimnis preis, nämlich seine Verwundbarkeit , ein Mit-Leiden, das viele auch heute noch nicht aus seinen schnoddrig-desiilusio-nierenden Werken herauszulesen vermögen.
      Doch, als hätte er sich schon zu sehr verraten, bemüht sich der Dichter in der folgenden Strophe, den distanzierenden Erzähl ton, der ihm sein Gleichnis ermöglichte, wieder einzuhalten. Die Aussage wird ganz Bild und zwar eines, das absichtlich durch die derbe, rauhe Sprechweise des Landsers den geistigen Bezug verwischen will. Trotzdem wird es deutlich, daß der Dichter seiner edelsten Aufgabe, der Freiheit der Menschheit zu dienen, nicht gerecht wird, wenn er bloß schreibt, aus Freude am Schreiben; die Dichtung muß vielmehr bewußt als Waffe eingesetzt werden.
      Der verschrobene, fast amtliche Stil mitunter freilich mocht es sich ereignen kann es in der vorletzten Strophe nicht mehr verhindern, daß die Beunruhigung die neutrale Erzählhaltung durchsetzt. Das Zerbrechen des Satzgefüges ist nur der formale Ausdruck für den Zusammenbruch der dichterischen Existenz, die am Ende ihrer Kraft ist. Denn der Dichter hatte im Freiheitskampf für die Menschen nicht nur der Welt getrotzt, sondern er wurde auch von ihr angegriffen, verwundet. Das Geständnis dieser Niederlage kommt nur ganz stockend; — ach, ich kann's nicht leugnen — die Wunden klaffen — es verströmt mein Blut. Das distanzierende Imperfekt wird endgültig aufgegeben, weil doch hier von dem gegenwärtig-schmerzvollen Sein dieses Dichtertums gesprochen werden muß. Ja, fast mutet das bisher Ausgesagte als der letzte Kraftaufwand des leidenden Dichters an: er wollte einen Schlußstrich unter sein Wirken setzten, damit er die Staffette weitergeben kann. Die letzte Strophe ist beschwörende Mahnung, sein geistiges Erbe weiterzuführen, sein Opfer nicht sinnlos werden zu lassen. Die abgehackten Schreie der Schlußstrophe bekennen sich noch einmal zu einem streibaren Dichtertum. Das Wort im Kampf für die edelsten Ziele der Menschheit — das muß gültig bleiben: und meine Waffen I sind nicht gebrochen — nur mein Herze brach.
      Das Gedicht Enfant perdu ist ein dichterisches Bekenntnis, das die künstlerische Frontstellung Heines und seinen Werdegang motiviert und verteidigt, seinen Glauben an die Kraft des Wortes noch einmal ausspricht. Aber nicht nur der kämpferisch-ironische Heine kommt zu Wort; das Gedicht bezieht seine Glaubwürdigkeit aus der permanenten Spannung von gefühlsmäßiger Beteiligung und dem Versuch, kühl-distanziertdieser Regungen dichterisch Herr zu werden. Der Schluß wirkt geradezu als erschütternde Eröffnung: im Kampf für das Neue, der für Heine ein Kampf für das Neue in der Dichtung sein mußte, hatte er manches zerstören müssen, sich von manchen Vorstellungen trennen müssen, mit denen er verwachsen war. Es handölt sich vornehmlich um seine widerspruchsvollen Bindungen an die Romantik. Er war zu ihrem Liquidator bestimmt , doch -litt er selbst am stärksten darunter, daß die romantischen Bilder in seiner Zeit jeder Ausdruckskraft entleert und zum verbindlichen Klischee hinabgesunken waren. Sein Dich-tertum war daher ein stetiger Kampf um die Sprache, ein Kampf, der sich zunächst in der ironischen Aufhebung romantischer Bildvorstellungen äußerte. Erst tarn Ende seines Schaffens findet er über diese Negation hinaus zu neuen dichterischen Möglichkeiten.
      Das Gedicht Enfant perdu enthält diese Ansatzpunkte, die eine spätere Dichtergeneration weiterführen sollte. Es ist die Verhüllung des Erlebens durch ein Gleichnis, seine ironische Unterkühlung, durch die eine neue Distanz und daher eine neue Bildgebung möglich geworden ist. In diesem Gedicht äußert sie sich in der kompakten Szene, die episch-balladeske Elemente zuläßt, wobei die Empfindung unterschwellig mitvibriert. In dieser Hinsicht kann Heine als Vorläufer aller modernen Lyriker angesehen werden, für die die unmittelbare Gefühlsäußerung zutiefst fragwürdig geworden ist; besonders deutlich ist die Verwandtschaft mit der Lyrik von Bertolt Brecht.

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