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Heideggers »Welt«-Begriff



Was meinen wir, wenn wir das Wort >Welt< benutzen? Da ist zunächst jene Bedeutung, die der Begriff annimmt, wenn er das All des Seienden bezeichnet, das innerhalb der Welt vorhanden sein kann, - so, wenn wir etwa vom höchsten Berg der Welt sprechen, vom Weltfrieden oder vom Weltkrieg. Des Weiteren kann mit >Welt< eine Region des Seienden gemeint sein, - so, wenn wir von der Welt des Musikers, des Walfängers, des Kriminologen sprechen, Welt bedeutet hier eine Region des speziellen Interesses, einer Disziplin, die jeweils ihr Lehrbuch hat.

      >Welt< kann aber auch das bedeuten, worin ein faktisches Dasein als dieses lebt, wie etwa die öffentliche Welt, die Wir-Welt, oder die eigene und nächste häusliche Umwelt. Ã-ffentliche und häusliche Welt sind keine speziellen Welten wie die Welt des Musikers, des Walfängers, des Kriminologen, sondern die Welt als jeweils meine, als das Worin eines »faktischen Daseins«. Dieses Worin eines faktischen Daseins kann allerdings auch eine spezielle Welt im zweiten Sinne sein. So hat Thomas Mann im Doktor Faustus das faktische Dasein des Komponisten Adrian Leverkühn gestaltet, Herman Melville in Moby Dick das faktische Dasein des Walfängers, Arthur Conan Doyle dasfaktische Dasein des Detektivs Sherlock Holmes. An diesen verschiedenen Regionen faktischen Daseins wird jedoch jetzt ablesbar, was >Welt< als das Worin eines jeden faktischen Daseins bedeutet, nämlich >WeltlichkeitWelt< aufleuchten zu lassen, setzt höchste künstlerische Intelligenz voraus. Das poetologische Handwerk gelangt damit in seine geniale, d. h. nicht lern- und nicht lehrbare Vollendung.
      In Kafkas Schloß werden Haus und Weg in ein festes Verhältnis gesetzt. Das Schloss ist das Haus aller Häuser, Verlockung und Drohung zugleich, Befehlszentrale und Asyl, Erkenntnisziel und Geheimnis. Und der Weg dorthin scheint dem Protagonisten die einzige Lebensaufgabe zu sein. Unüber-trefflich Kafkas Evokation der widersprüchlichen Anmutungsqualitäten des Schlosses in der Eingangspassage des Romans:
Es war spät abend als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehn, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrücke die von der Landstraße zum Dorf führt und blickte in die scheinbare Leere empor.
Es liegt hier ein Musterbeispiel für die poetologische Bewältigung von Zeit und Raum vor. Die gestaltete Sache, das Schloss als Erkenntnisziel, das erreichbar und unerreichbar zugleich erscheint, wird ganz in >Welt< aufgelöst, geht auf in erlebter Zeit und erlebtem Raum, erlebt aus der Situation des Ich-Hier-Jetzt, das auf der nächtlichen Holzbrücke in die scheinbare Leere aus Nebel und Finsternis emporblickt. Es genügt nicht, zu sagen, Kafka habe die zu gestaltende Sache veranschaulicht, d. h. zur Bestimmtheit gebracht, das könnte auf eine pure Summe von Bestimmtheiten hinauslaufen. Kafka hat vielmehr die Bestimmtheiten der Gegenstände in Welt aufgelöst. Die Einbringung von Zeit und Raum als erlebte Zeit und erlebten Raum entscheidet darüber, ob die Deskription einer Situation künstlerisch gelungen ist, d. h. zur Evokation von Welt wurde. Genau dies ist hier der Fall.
      Als passioniertem Schopenhauer-Leser ist Kafka die folgende Ãoberlegung aus Die Welt als Wille und Vorstellung gewiss nicht unbekannt geblieben:
Wir sehen schon hier, dass von außen dem Wesen der Dinge nimmermehr beizukommen ist: wie immer man auch forschen mag, so gewinnt man nichts als Bilder und Namen. Man gleicht Einem, der um ein Schloß herumgeht, vergeblich einen Eingang suchend und einstweilen die Fassaden skizzierend. Und doch ist dies der Weg, den alle Philosophen vor mir gegangen sind.
Es empfiehlt sich, im Gedankenexperiment die verschiedensten Möglichkeiten durchzugehen, die hier von Schopenhauer so schlagend ins Bild gehobene Ãoberlegung in Situation, Charaktere und Handlung umzusetzen. Eine solche Umsetzung könnte ja auch ganz anders aussehen. Kafkas Leistung, eine Welt aufzustellen, mag dann in ihrer künstlerischen Vollkommenheit deutlich werden. Alles, was in der zitierten Eingangspassage aus Kafkas Schloß vorkommt, ist »Gegenstand mit Weltindex«, ist Ausweis für erlebte Zeit underlebten Raum. Die Ankunft bei Nacht und in Finsternis kennzeichnet das Heute-nicht-mehr, was den Weg zum Schloss angeht. Der Blick empor in die scheinbare Leere fixiert das Morgen. Das in Nebel und Finsternis vollkommen unsichtbare große Schloss ist fern und nah zugleich. Es füllt aus der Ferne, unsichtbar, die Innerlichkeit K.s ganz aus. Der tiefe Schnee schafft Schweigen, und um K., der lange auf der Holzbrücke steht, ist Einsamkeit. Das Schloss wird zum intentionalen Gegenstand, die Holzbrücke zum tran-sitorischen Aufenthalt unterwegs zum Schloss. Mit dem Blick empor in die scheinbare Leere gibt sich das Ich-Hier-Jetzt eine Orientierung. Die nächtliche Landschaft in Nebel und Finsternis ist »Gegend«, erfasst auf der Suche nach einem Zugang zum Schloss.
     

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