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Hegel
Die neuere Erörterung des Gattungsbegriffs ,Bildungsroman' bezieht sich mit Vorliebe auf die kurzen Bemerkungen, die Hegel in seinen Vorlesungen über die Ästhetik dem Roman gewidmet hat. Es ist allgemeine Überzeugung, daß Hegels Bestimmungen die spezielle Ausprägung der Gattung als Bildungsroman im Visier haben. Das leuchtet für die Ausführungen im dritten Teil der Ästhetik, in dem das 'System der einzelnen Künste" dargestellt ist, unmittelbar ein. Der Roman ist hier verstanden als 'moderne bürgerliche Epopöe", die auf die Erfassung 'einer totalen Welt sowie die epische Darstellung von Begebenheiten" angelegt ist. Allerdings sind der Romanautor, sein Publikum und seine Helden aus dem 'ursprünglich poetischen Weltzustand, aus welchem das eigentliche Epos hervorgeht" , durch die Veränderung der welthistorischen Koordinaten herausgetreten.
Daß der Roman somit unter dem Vorzeichen der Entzweiung steht, zeigt sich in seiner Thematik: 'Eine der gewöhnlichsten und für den Roman passendsten Kollisionen ist deshalb der Konflikt zwischen der Poesie des Herzens und der entgegenstehenden Prosa der Verhältnisse sowie dem Zufalle äußerer Umstände." Hegel konstatiert, dieser Konflikt könne sich sowohl tragisch als auch komisch lösen. Das deutet auf eine satirische Gattungsvariante und auf die des Desillusionsromans. Vom Bildungsroman ist dann aber offensichtlich die Rede, wenn Hegel als weitere Möglichkeit andeutet,
'daß einerseits die der gewöhnlichen Weltordnung zunächst widerstrebenden Charaktere das Echte und Substantielle in ihr anerkennen lernen, mit ihren Verhältnissen sich aussöhnen und wirksam in dieselben eintreten, andererseits aber von dem, was sie wirken und vollbringen, die prosaische Gestalt abstreifen und dadurch eine der Schönheit und Kunst verwandte und befreundete Wirklichkeit an die Stelle der vorgefundenen Prosa setzen" .
Aus einer zweiten Passage der Ästhetik hat man häufig herauslesen wollen, Hegel habe an eine solche harmonische Lösung des Konflikts, das heißt: an eine versöhnliche Annäherung des idealerfüllten Subjekts und der prosaischen Welt nicht glauben können. Vielmehr habe er das Sich-Einrichten in der vorgefundenen banalen Alltagswelt mit sarkastischem Hohn kommentiert:
'Mag einer auch noch soviel sich mit der Welt herumgezankt haben, umhergeschoben worden sein - zuletzt bekömmt er meistens doch sein Mädchen und irgendeine Stellung, heiratet und wird ein Philister so gut wie die anderen auch: die Frau steht der Haushaltung vor, Kinder bleiben nicht aus, das angebetete Weib, das erst die Einzige, ein Engel war, nimmt sich ohngefähr ebenso aus wie alle anderen, das Amt gibt Arbeit und Verdrießlichkeiten, die Ehe Hauskreuz, und so ist der Katzenjammer der übrigen da" .
Zum rechten Verständnis dieser Passage muß man jedoch im Auge behalten, daß sie sich in einem Abschnitt über das 'Romanhafte" als einer Ausprägung des 'Abenteuerlichen" findet. Hegel spricht hier von überspannten Seelen, die auf illusionäre Vorstellungen fixiert sind und deshalb die Wirklichkeit verfehlen. Ihr Konflikt mit der Welt hat wegen der Überschwenglichkeit ihrer Wünsche und Bestrebungen einen komischen Charakter, den Hegels Schilderung deutlich hervorhebt:
'Da schrauben sich nun die subjektiven Wünsche und Forderungen in diesem Gegensatze ins Unermeßliche in die Höhe; denn jeder findet vor sich eine bezauberte, für ihn ganz ungehörige Welt, die er bekämpfen muß, weil sie sich gegen ihn sperrt und in ihrer spröden Festigkeit seinen Leidenschaften nicht nachgibt, sondern den Willen eines Vaters, einer Tante, bürgerlichen Verhältnisse usf. als ein Hindernis vorschiebt. Besonders sind Jünglinge diese neuen Ritter, die sich durch den Weltlauf, der sich statt ihrer Ideale realisiert, durchschlagen müssen, und es nun für ein Unglück halten, daß es überhaupt Familie, bürgerliche Gesellschaft, Staat, Gesetze, Berufsgeschäfte usf. gibt, weil diese substantiellen Lebensbeziehungen sich mit ihren Schranken grausam den Idealen und dem unendlichen Rechte des Herzens entgegenstellen" .
Hegel bleibt auch hier dabei, daß die Auseinandersetzung des Individuums mit der Welt eine 'Erziehung" ist, die mit der Einordnung in die bestehenden Verhältnisse an ihr Ziel kommt. Im Ablegen der Illusionen, in der Ernüchterung des 'abenteuerlichen" Helden liegt denn auch ohne Zweifel ein Moment der Wahrheit. Aber zu einer wahren und produktiven Aussöhnung mit der Wirklichkeit, wie sie am Ende einer geglückten Bildungsgeschichte steht, kann es hier nicht kommen, da der Romanheld von übertriebenen, gar nicht einzulösenden Ansprüchen ausging. Die rauschhafte Verabsolutierung der 'unendlichen Rechte des Herzens" muß notwendig zu einem 'Katzenjammer" führen, weil die Nüchternheit und das Augenmaß für eine fruchtbare Auseinandersetzung mit der Realität von Anfang an fehlten. Hegel spricht in diesen sarkastischen Bemerkungen offensichtlich nicht von Bildungsromanen nach dem Vorbild des Wilhelm Meister, sondern von Geschichten, in denen ein von illusionären Hoffnungen getriebener Held am Ende in jener trüben Durchschnittlichkeit anlangt, die sich schon in der Haltlosigkeit seiner Ambitionen bezeugt hatte. Eben dies meint Hegel, wenn er am Schluß seines Kapitels trocken feststellt, daß die 'Abenteuerlichkeit" solcher Existenzen in den banalen Resultaten ihres Lebensganges eben nur 'ihre rechte Bedeutung findet" . Das prominenteste Beispiel für einen Roman dieser Art wäre wohl Flauberts liducation sentimentale.
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