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Haus und Weg als die Schauplätze des erlebten Raums



Das Ich-Hier-Jetzt hat entweder im Haus seinen Standort, oder es bewegt sich auf einem Weg zu einem Ziel. So hat der erlebte Raum nur zwei Schauplätze: einen festen, geschlossenen und einen wechselnden, offenen. Allerdings können beide Schauplätze miteinander identisch werden, denn was sind Kutsche, Auto, Straßenbahn, Eisenbahn, Schiff, Flugzeug, Raumschiff anderes als bewegliche Häuser. Das Haus schützt, der Weg versetzt in die Schutzlosigkeit. Somit setzt sich das bewegliche Haus der Schutzlosigkeit aus. Der Weg ist immer Lebensweg, der von der Geburt zum Tod führt, mag auch weder von Geburt, noch vom Tod die Rede sein. Der Weg ist der Schauplatz dieses unabschaffbaren Unterwegsseins. Das Haus lässt diese Bewegung vergessen, es ist als »Gehäuse« der »Halt im Begrenzten«, mit Karl Jaspers gesprochen.

      Einen Weg gehen, heißt, das Haus verlassen. Unterwegs in der Welt gibt es, biblisch gesprochen, keine »bleibende Statt«. Anders gesagt: die Lebensreise lässt den festen Ort nicht zu. Literarisch gesehen, ist jedes Unterwegssein Metapher für die Lebensreise, die von der Geburt zum Tod führt.
      Das Haus als Gehäuse umfasst alles Sich-Einrichten, sei es in einer Institution wie etwa der katholischen Kirche, in einer Sammelleidenschaft oder in einer politischen Partei. Man denke an das Tagebuch eines Landpfarrers , an Vetter Pons , an Wie der Stahl gehärtet wurde . Heidegger nennt die Sprache das »Haus des Seins« , ganz offensichtlich inspiriert von Hölderlins Zeilen »Voll Verdienst, doch dichterisch wohnet/Der Mensch auf dieser Erde«. Gemeint ist beide Mal das Sich-Einrichten in der Gefährdung. Denn alles Wohnen ist bedroht durch die »Grenzsituation«. Das Haus ist der Schutz gegen alle möglichen Gefahren. Der Weg ist schutzlos. Auf dem Weg setzt sich der Mensch der Gefahr aus. Der Weg geht ins Offene, das zwischen Aufbruch und Ankunft liegt.
      So stehen sich mit Haus und Weg gegenüber: das Geschlossene und das Offene, Ruhe und Bewegung - das Begrenzte und das Unbegrenzte. Der Weg kennt keine Grenzen: Landweg, Seeweg, Luftweg mit den entsprechenden beweglichen Häusern Kutsche, Auto, Schiff, Flugzeug, Raumschiff. Zunächstaber ist Haus der Inbegriff des festen Ortes, an dem man sich wohnlich eingerichtet hat.
      Haus und Weg sind, so lässt sich nun sagen, die ursprünglichen Schauplätze des In-der-Welt-seins: das Zuhause und das Unterwegs. Beide Orte kommen in den unterschiedlichsten Abwandlungen vor. Ein Haus kann ein Hochhaus unter vielen anderen inmitten des Ballungszentrums einer Großstadt sein, ein Bungalow am Stadtrand - oder es kann zweistöckig und mit spitzem Giebel in verlassener Gegend stehen. Ein Weg kann eine viel befahrene breite Straße im Flachland sein, ein schmaler Pfad im Hochgebirge oder soeben erst gebahnt werden als Bresche ins Unbegangene. Ein Haus kann als Bunker unter der Erde liegen, ein Weg als Treppe steil nach oben zur Plattform eines Aussichtsturms führen.
      Es kommt hier jedoch zunächst nur darauf an, Haus und Weg in ihrer Allgemeinheit einer räumlichen Zentrierung des Ich-Hier-Jetzt kenntlich zu machen. Um die phänomenalen Abwandlungen, in denen Haus und Weg vorkommen, zu benennen, sind räumliche Begriffspaare allgemeinsten Charakters hinzuzunehmen: nah und fern, oben und unten, links und rechts. Mit einem Wort: wir stoßen jetzt auf den Begriff der Situation. Haus und Weg, die ursprünglichen Orte des Aufenthalts in der Welt, begegnen immer in einer Situation. Welt begegnet im Hause oder unterwegs.
     

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