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Hans Magnus Enzensberger - LANDNAHME



das ich gegründet habe mit meinen äugen,das ich mit meinen heutigen bänden halte,mein land, mein sterbliches land,leuchtend von meiner freude,die hat dich zu mir verwünschtfür die fremde und die vertraute zeit,für alle Zeiten, die uns geblieben sind.ich sage dir deinen namen, sprich und gib mir die spräche wieder aus deinem sprachlosen mund.mein land, ich verschone dich nicht, ich halte dich, selber sterblich, in dieses sterbliche licht.wird sind nah, widerstrahlendeiner von dem schönen sommer des andern,mein land, wie der schatten des Ölbaums leichtbenetze ich deine warme grenze,die atmet in ihrem glänz,und wie des Ölbaums schatten, ausdauerndgegen das verderben will ich auf dir ruhn,mein unermeßliches land,das ich umspannen kann mit meinen eilen,mein vertrauter weitteil, so großwie eines Ölbaums schatten, wie ein grab, blühend gegen den blutigen schutt der Zeiten, die uns geblieben sind.

      Hans Magnus Enzensberger wunde 1929 in Kaufibeuren geboren. Bis zum Abitur 1948 war er als Dolmetscher und Baiimann tätig. Er studierte Literaturwissenschaft, Sprachen und Philosophie in Erlangen, Freiburg, Hamburg und an der Sorbonne. Er war nach der Promotion in mehreren Fächern tätig, und lebt heute als freier Schriftsteller in Norwegen, auf einer Insel im Oslo-Fjord. Für sein dichterisches Werk erhielt er mehrere Auszeichnungen, so 1963 den Georg-Büchner-Preis. Seine bekanntesten Gedichtbände sind Verteidigung'der wölfe , landesspracbe , und blindemchrift .
      Es besteht eine gewise Gefahr für den Interpreten der Enzensber-gerschen Gedichte, daß er nämlich anders vorgeht und so zu andern Resultaten — unabhängig welches Gedicht interpretiert wird — gelangt, als es der Autor in seinem Vortrag Die Entstehung eines Gedichts tut. Man muß sich aber nicht auf den Standpunkt stellen — der nur eine gewisse Verlegenheit verbergen soll —, gerade der Autor sei der letzte, der über sein Werk sich äußern könne. Diese Ansicht ist längst überholt; spätestens seit Poes A Philosophy of Composition ist die Reflexion über das eigene Schaffen zum wesentlichen Bestandteil des poetischen Werks geworden. Doch ist es auch gar nicht notwendig, solchen Standpunkt zu beziehen; wie ein Gedicht entsteht, sagt uns Enzensberger, und dabei natürlich auch einiges über seine Aussage, doch nur sekundär, im Wandel der Textvarianten, nicht das Gedicht als abgeschlossenes Kunstgebilde, sondern nur seine Genese wird erläutert und erhellt.
      Das lyrische Werk Enzensbergers beansprucht im Kontext seiner Zeit und dichtenden Zeitgenossen eine Sonderstellung, nicht sosehr was die Thematik, die von dieser Zeit vorgeschrieben wurde, anlangt — wenn diese auch selten so intensiv durchlebt wurde —, sondern vor allem durch sein unleugbares Talent als politischer Dichter und seinen Glauben an die Kommunikationskraft der Sprache. Enzensbergers Gedichte, wie auch das vorliegende, sind thematish ohne die Kenntnis der deutschen Nachkriegssituation, vor allem des politischen Elends in Deutschland, nicht verständlich. Sie kritisieren, ja hassen diese Zeit , aber sie wollen leben helfen, wollen die Welt verändern, sind gebrauchsgegenstände, nicht geschenkartikel, beispielsweise ein Korb, ein Hut, oder eine Werkzeugmaschine. Die Verse sollen vor den Augen stehen, geritzt in eine Mauer, geschrieben auf eine Mauer, wie Plakate auf den Litfaßsäulen: als Schrift am Himmel. Das hebt aber die Poesie nicht auf, das Ge-dicht soll Sachverhalte vorzeigen, die mit andern Mitteln nicht vorgezeigt werden können. Ich rede, sagt Enzensberger, von dem, was auf den Nägeln brennt, wie von einem Beliebigen, das mich nichts anginge. Ein manipulierter Temperatursturz ist die Folge: Ironie, Mehrdeutigkeit, kalter Humor, kontrollierter Unterdruck sind die poetischen Kühlmittel. Das Produkt wird, sobald es mit der kochenden Realität in Berührung kommt, zischend explodieren ...
      Poetisch gesehen, prägt die Zeit den Raum: die Wege des gewöhnlichen Lebens sind entfremdet, ungangbar geworden, und die Gedichte versuchen einen neuen Kurs zu markieren, Koordinaten zu setzen, es sind Wegsteine, hinausgetrieben in die fremde und die vertraute zeit, I für alle zeiten, die uns geblieben sind. Als Kunst aber, vorwärtsgeschleudert in die Zeit, hinter der das allgemeine Bewußtsein zurückgeblieben ist, warten diese Gedichte auf den Menschen, den sie formen wollen und auch vermögen, da sie nicht die parat-ausgefahrenen Geleise betreten: das neue Wort verlangt die Erkenntnis der neuen Sachlage. Das setzt im Dichter aber auch den Moralisten voraus, alles steht unter Verdacht, alle gängigen Begriffe und Lebensmodelle, alles muß überprüft werden und neu akzentuiert. Dazu analog steht bei Enzensberger, der logischerweise auch die überkommenen Dichtstrukturen leugnet, der Versuch, sprachliches Neuland auszuloten.
      Diese kurze Umreißung des dichterischen Standorts Enzensbergers ist unumgänglich, will man seine Gedichte verstehen. Auch lassen sich die oben angeführten Charakteristiken im Gedicht landnahme, wenn auch erst im Ansatz, belegen. Der Titel dieses Gedichtes ist ein Bekenntnis, ein land wird von jemandem angenommen. Dabei bedient sich der Dichter einer Inversion: dieses Land ist ja da, es existiert auch außerhalb des einzelnen, doch erst die Besitzergreifung durch das Ich macht es zum wahrhaft eigenen Land, erst die Bejahung macht das Individuum zum Bürger eines Landes, so wie es umgekehrt die Verneinung ist, die ihn ausbürgert, ob einer das Land verläßt oder nicht .
      Gegründet wird dieses Land mit meinen äugen, mit meinen binden, nicht zufällig ist die Wiederholung des besitzanzeigenden Fürwortes, sie intensiviert die possesive Nuance, ja sie ermöglicht erst eigentlichdie landnahme, konkret ausgedrückt durch mein land. Nicht mehr aber einen Hymnus aufs Vaterland, nicht eine Verherrlichung in überkommenem Sinne versucht dieses Gedicht: schon gleich in Vers 3 wird dieses Land — indem das spezifische Erlebnis das tradierte Gedicht-Schema zerbricht — ein sterbliches genannt. Eine Erklärung dieser Metapher scheint nur auf den ersten Blick schwer: es ist nicht mehr das altbekannte Land, sondern gehalten mit meinen heutigen bänden, schon in dieser zeitlichen Bestimmung — als Abgrenzung zu einem Gestern
— wird von der Sterblichkeit des Landes gesprochen. Und wir hören es nocheinmal konkret: ich halte dich, selber sterblich I in dieses sterbliche licht. Das will besagen, daß ein Land, wie seine Bewohner, sterblich ist, darin liegt aber, so darf man schließen, Optimismus: das Deutschland von gestern, Hitlerdeutschland, ist tot. Von der freude darüber leuchtet das Land, von einer Freute, die es dem lyrischen Subjekt an-verwünscht hat, wie im Märchen, für die fremde und die vertraute zeit I für alle Zeiten, die uns geblieben sind. Nicht nur das Land, also der Raum, sondern auch die Zeit — die diesen Raum prägt
— oder besser gesagt die Zeiten. Das deutet darauf hin, daß eine Zeit zu Ende gegangen ist und eine neue begonnen hat oder beginnen könnte. Für alle diese Zeiten, die noch kommen könnten, ist das Land dem Dichter zn-verwünscht: das Wort ist doppeldeutig, es kann — wobei der Märchenhinweis erhalten bleibt — auch verflucht bedeuten, eine Variante, die, wenn hier auch nicht gemeint, in der weiteren Entwicklung Enzensbergers im Verhältnis zu seinem Land immer konkreteren Ausdruck gewann .
      In der zweiten Stropheneinheit wird die Problematik plötzlich gewechselt, hier ist nun von der Sprache die Rede, die verlorengegangen ist. Es ist ein allgemeines und allbekanntes Phänomen, daß die deutschen Dichter der Nachkriegsgeneration bei aller Verschiedenheit im Thematischen als gemeinsame Eigenschaft das vielzitierte Mißtrauen in die Sprache charakterisierte. Absage an die vorhergegangene Zeit bedeutete auch Ablehnung deren Sprache. Aber darüber hinaus Absage überhaupt an alle sprachlichen Versteinerungen, an alle Klischees, die Verfälschung und Verdeckung der Wirklichkeit bedeuten. Das sozial-politische, das menschliche Elend, in dem diese Nachkriegsgeneration sich vorfand, intensivierte sich im Sprach-Elend. Sprachlos aber ist der mund des Landes nicht nur deshalb, sondern auch sprachlos durch das mitgemachte Grauen, es hatte ihm buchstäblich die Sprache verschlagen. Aber dabei bleibt Enzensberger nicht stehen, es sei hier gleich gesagt: durch Vereinfachen der Bilder und Metaphern, Verknappung, Reduktion auf das noch Sagbare, durch Persiflage, kreative Assozia-tionen, durch Weckwörter werden neue Sprachstrukturen erschlossen, wird die Oberfläche der Dinge durchstoßen und sprechende Räume freigelegt oder von neuem sprechend gemacht. Konkret: dieses Land ist nicht ein von Anfang genanntes, der Dichter muß ihm seinen Namen erst sagen, verlangt dafür aber die Sprache wieder aus dessen sprachlosem mund. Auch dieses Verhältnis ändert sich im Laufe der Zeit, d.h. der wachsenden Erbitterung des Dichters, war es nicht dieses brache, mundtote Feindesland, heißt, es in landessprache, der schärfsten dichterischen Abrechnung Enzensbergers mit Deutschland.
      Mein land, ich verschone dich nicht, heißt es auch in Vers 11, ich halte dich, selber sterblich, I in dieses sterbliche licht — das Land wird ins Licht der Kritik gehalten, es wird unterschieden zwischen dem Land, das war, und dem des Dichters, dem kommenden, sterblich wie der Mensch. Seine, des Landes Sterblichkeit, aber auch die eigene versucht der Dichter hier darzustellen, beide unzertrennlich aneinander gebunden. Das läßt sich auch vom Aufbau her verfolgen: die erste Stropheneinheit wird hauptsächlich vom lyrischen Subjekt bestimmt, ich und immer wieder mein neben einem einzigen dich und uns. Aber auch das dich wird nur von der ersten Person mir gefordert, und uns spricht nur indirekt von einer Gemeinsamkeit, es sind die Zeiten, die uns geblieben sind, also Besitz erst, was eine Gemeinsamkeit schafft. Im Gegensatz dazu überwiegt das du in der zweiten Stropheneinheit, sei es in sprich , oder als dir und dein. Neutral verhält sich, was die Perspektive anlangt — Wechsel der grammatikalischen Person bedeutet Wechsel der Perspektive und mithin des Schwergewichts —, die dritte Strophe, während in der vierten in wir jene unzertrennliche Einheit zum ersten Mal konkret ausgesprochen wird, verstärkt durch die Nähe und das gegenseitige Verhältnis: wir sind nah, widerstrahlend I einer von dem schönen sommer des anderen. In der lezten Stropheneinheit ist, wie wir noch sehen werden, abgewandelt wieder das lyrische Subjekt Bestimmungsfaktor der Perspektive. Leicht wie der schatten des Ölbaums will der Dichter auf seinem Land ruhen; er will es, so könnte man diese Metapher umsetzen, schützen vor zu großer Hitze wie der Schatten, ihm aber auch nützlich sein wie der Ölbaum, der beide Funktionen erfüllt. Und wieder wird an das Verderben angeklungen, dem dieses Land verfallen war oder von neuem verfallen könnte, denn vor solchem Verderben soll es geschützt werden.
      Nur scheinbar paradox sind die beiden Attribute der letzten Strophe: das unermeßliche land kann dank der Gemeinsamkeit, des Besitzverhältnisses in seiner Entstehung — worüber weiter oben gesprochen wurde — umspannt werden von der Elle des Dichters, es ist nicht ein einfaches Land wie jedes andere sondern nun ein vertrauter Welt-teil, groß wie eines Ölbaums schatten oder wie s, ein grab , aber im Gegensatz zu landessprache, wo der Dichter in diesem Land nicht leben kann, eben weil es so ganz anders ist als andere , ist hier das Verhältnis noch ein ausgeglichenes; beide, Dichter und Land, blühen gegen den blutigen schutt der Zeiten I die uns noch geblieben sind. Noch glaubt der Dichter — wir haben es mit einem frühen Gedicht des Autors zu tun —, daß alles sich zum Guten wenden kann. Das sollte überraschen, ging es doch Deutschland nach dem Krieg weitaus schlechter als später. Aber Enzensberger ließ sich nicht täuschen vom Schein, er erkannte, daß es rückwärts aufwärts ging, Tendenzen, die Deutschland zum Untergang geführt hatten, tauchten wieder auf, die Vergangenheit wurde vergessen, und so ist es zu erklären, daß er immer verbitterter wurde. Damals, kurz nach dem Krieg, durfte man erwarten, daß ein Neubeginn möglich sei, durfte man auf eine neue Zukunft hoffen, jedoch im Verlauf der Zeit wurde man enttäuscht.
      Ein politisches Gedicht ist landnahme ganz gewiß, als Kunst aber, als jenes Alte, daß hart wie Stein ist und das wir Poesie nennen, schwer zu ertragen. Die Bilder sind statisch und erhalten erst im Gedichtganzen eine gewisse Bewegungsdynamik: das Gedicht ist die wörtliche Aufrollung eines Motivs, hier der Besitzergreifung eines Landes, das dadurch — der Dichter vermeidet es, dieses Wort auszusprechen — zum Vaterland wird. Strukturell ist dies Motiv streng aufgebaut: einzelne, bedeutsame Sätze werden symmetrisch abgewandelt, so die Sterblichkeit , so das leuchten , so der schatten des Ölbaums und so endlich die zeit . Eine Abwandlung der ersten Strophe ist die letzte, wodurch das Gedicht eine sogenannte Ringkomposition erhält, die einen gewissen Strukturzwang ausübt, das Gedicht zusammenhält und seine Bewegungsdynamik mitbestimmt, darüber hinaus aber auch sinn-erzeugend und sinn-deutend wirkt. Landnahme gehört mit befragung zur mitternacht und niemand fragt, beispielsweise, zu den frühen Gedichten des Autors, die, in ihrer Sprachhaltung noch traditionell, an Hölderlin gemahnen und mit zu den schönsten Gedichten des Dichters zu zählen sind.
     

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