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Grundsätzliche Erläuterung der poetologischen Differenz



Es zeigt sich jetzt etwas Grundsätzliches: Die poetologische Differenz lässt sich angesichts eines bestimmten innerfiktionalen Sachverhalts ganz offensichtlich nicht auf Anhieb denken. Wir müssen das Ganze kennen, um eine außerfiktionale Begründung einsehen zu können. Das wiederum bedeutet, dass durch das Denken der poetologischen Differenz immer das Ganze fixiert wird. Ja, der Sinn des Ganzen kann sich nur erschließen, wenn die innerfiktionalen Sachverhalte auf ihre außerfiktionale Begründung angesehen werden. Wird der innerfiktionale Sachverhalt für sich genommen und so betrachtet, als käme er in der Empirie vor, dann kann zwar ein adäquates psychologisches Verständnis für die handelnden Personen zustande kommen, niemals kann sich aber in einer solchen Blickeinstellung der poetologische Sinn dieses Sachverhalts zeigen, denn dieser kann sich nur zeigen, wenn unser Verstehen den Sprung in die poetologische Differenz vollzieht. Der Wechsel nämlich vom innerfiktionalen Standpunkt, von dem aus wir einfühlend, d. h. psychologisch verstehen, zum außerfiktionalen Standpunkt, von dem aus wir poetologisch, d. h. Realität als eigens gesetzte sehend verstehen, geschieht nicht allmählich, indem wir etwa ein gelehrtes Wissen über die vorliegenden Realien anhäufen, sondern plötzlich. Die außerfiktionale Begründung eines innerfiktionalen Sachverhalts blitzt jeweils plötzlich auf, sie kommt wie eine Erleuchtung, bleibt aber dann, denn sie gehört ja zum Text und ist keine subjektive Assoziation des Lesers.

      Die außerfiktionale Begründung eines innerfiktionalen Sachverhalts ist also erst dem Anblick zu entnehmen, den die dargestellte Welt eines literarischen Textes als Ganze bietet.
      Wer den Hamlet zum ersten Mal liest oder auf der Bühne sieht, wird zwar sofort die innerfiktionale Begründung für die Tötung des Polonius erkennen, die so aussieht, dass Hamlet den Polonius für Claudius hält, weil Polonius hinter einer Stellwand versteckt ist . Die außerfiktionale Begründung aber für die Tötung des Polonius, dass nämlich Hamlet damit den ersten Schritt getan hat, so zu werden wie Claudius: diese Begründung zeigt sich mit Sicherheit erst im Blick auf das Ganze .
      Aus dieser Ãoberlegung ergibt sich, dass es von außerfiktionalem Standpunkt keinen Zufall gibt. Zufälle kann es nur von innerfiktionalem Standpunkt aus geben. Dass Hamlet gerade den Polonius tötet, ist innerfiktional Zufall - nicht aber von außerfiktionalem Standpunkt. Die außerfiktionale Begründung eines innerfiktionalen Sachverhalts ist ontologisch früher als die innerfiktionale Begründung. Die innerfiktionale Begründung aber ist das,was wir immer zuerst sehen, wenn wir einen Text verstehen. Das heißt: Die innerfiktionale Begründung geht ontisch der außerfiktionalen Begründung voraus, obwohl sie ihr ontologisch nachfolgt. Von diesem Gesichtspunkt würde sich empfehlen, zwischen ontisch-hermeneutisch und ontologisch-hermeneutisch zu unterscheiden. Gemeint ist der Unterschied zwischen einem psychologischen und einem poetologischen Verstehen eines innerfiktionalen Sachverhalts. Wer ontisch-hermeneutisch >verstehtversteht

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