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Gottfried Keller - ABENDLIED



Augen, meine lieben Fensterlein, Gebt mir schon so lange holden Schein, Lasset freundlich Bild um Bild herein: Einmal werdet ihr verdunkelt sein!
Fallen einst die müden Lider zu, Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh; Tastend streift sie ab die Wanderschuh, Legt sich auch in ihre finstre Truh.
      Noch zwei Fünkchen sieht sie glimmend stehn, Wie zwei Sternlein innerlich zu sehn, Bis sie schwanken und dann auch vergehn, Wie von eines Falters Flügelwehn.

      Doch noch wandl' ich auf dem Abendfeld, Nur dem sinkenden Gestirn gesellt; Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, Von dem goldnen Überfluß der Welt!
Gottfried Keller gliedert sich in die Reihe der Realisten des 19. Jahrhunderts ein. Weniger durch seine Lyrik als durch seine Erzählungen und Romane ist er bedeutend. Das Episch-Beschauliche steht im Vordergrund seines künstlerischen Erlebens. Kennzeichnend dafür ist auch, daß seinen frühen Gedichten eine Prosafassung vorausging. 1846 veröffentlicht er die Lieder eines Autodidakten, Gedichte, die unter dem EinfJuß von Herwegh, A. Grün, Fallersleben und Heine stehen. 1851 erscheint der Band Neuere Gedichte.
      Das Abendlied, 1879 entstanden, ist ein Altersgedicht, ein Werk der inneren Einkehi und Abgeklärtheit.
     
Die dichterische Grundhaltung Kellers ist der Humor, ein alle Widersprüche des Daseins übergreifendes Weltvertrauen, die Vorstellung von einer großen Ordnung der Dinge, im Verhältnis zu der die Enttäuschungen, Widersprüche und Leiden, die das Leben besiegt, als etwas dastehen,, das mit zum Dasein gehört und Anspruch darauf hat, da zu sein wie es gleichzeitig das Vertrauen auf den großen Zusammenhang, in dem die großen Werte des Lebens sich entfalten, nicht zu brechen vermag. . Nach Hegel hebt der humorige Dichter das nur subjektiv Scheinende als wirklich ausdrucksvoll heraus und läßt aus seiner Zufälligkeit selbst, aus bloßen Einfällen das Substantielle hervorgehen.
      Keller selbst schrieb 1837 in einem Brief an Johann Müller: Vom wahren Menschen fordere ich jene hohe, große, majestätische Einfalt, mit der er die Schöpfung, sich selbst erforscht, anbetet, liebt. Ich fordere von ihm das Talent, sich an jedem Bach, an jeder kleinen Quelle wie am gestirnten Himmel unterhalten zu können, nicht gerade um des Baches, der Quelle und des Himmels willen, sondern um des Gefühls der Unendlichkeit und der Größe willen, das sich daran knüpft.
      Das Gedicht Abendlied, eines der wenigen bekannten Gedichte Kellers, entstand in der Zeit menschlicher und künstlerischer Reife. In höchst einfacher, aber um so konzentrierterer Form gibt es Aufschluß über gewonnene Einsichten und eine ausgeprägte Lebenshaltung des Dichters. Der feste Reim und der durchgängige Trochäus entsprechen dem Beschaulich-Abgeklärten, dem Verstehen und Wissen von den großen Fragen um Leben und Tod. Die fast kindliche Eindeutigkeit und Einfachheit der künstlerischen Mittel stehen im Einklang mit Kellers Welterlebnis und seiner Lebensweisheit.
      Die Augen als Fenster der Seele sind eine beliebte und bekannte Metapher. Fenster, die nach außen in die Welt Ausblick geben, Bild um Bild hereinlassen, und Einblick liefern von außen nach innen, es heißt doch, man lese in den Augen eines Menschen, diese gäben Aufschluß über ihn. Sie sind also Schwelle zwischen dem Innen und Außen, dem Subjekt und dem Objekt. Eindrücke lassen sie ein, und diese können, umgewandelt zu Erkenntnissen und Urteilen, wieder in den Augen zu lesen sein. Im Gedicht hat das Diminutiv Fensterlein dabei eine besondere Bedeutung. Es läßt - abgesehen davon, daß der Dichter meine lieben davor setzt - auf eine Art Zärtlichkeit und kindliche Dankbarkeit schließen über das so Beschaffene des Seins und Sehens, aber auch auf eine tiefe Trauer über die zeitliche Begrenztheit des Abbilden« und der Vergänglichkeit des einzelnen Seins, die Begrenzung durch den Tod.
      Dennoch bilden Leben und Tod, Schauen und Auslöschen eine Einheit; der Tod gehört zum Leben wie das Dunkel zum Licht. Auch sinddie Lider müde, und die durch das Leben irrende Seele streift ihre Wanderschuh tastend ab, leise und selbstverständlich, weil es so sein muß und sie sich der Notwendigkeit beugt. Das letzte kurze Glimmen dei Augen, in denen der Schein das tatsächliche Sehen noch überdauert, ist wie das Licht eines Sterns, das diesen überlebt. Das gleiche Symbol findet sich schon 1849 in dem Gedicht Siehst du den Stern, wo es heißt: Vielleicht vor tausend Jahren schon I Zu Asche stob der Stern, I Und doch steht dort sein milder Schein I Noch immer still und fern.
      So leise und unwirklich ist dieses letzte Glimmen, daß eines Falters Flügelwehen genügt, es auszulöschen. So führt der Weg des Lebens von der Existenz, dem Greifbaren, dem Sinnlichen zur Verflüchtigung über das kurze Glimmen eines Schon-nicht-mehr-Seienden, zum vollkommenen Auslöschen, zum Vergangensein. Dies ist die Bahn des Menschen, die Vergänglichkeit ist sein Los und seine Bestimmung. Er müßte darüber verzweifeln, wäre ihm nicht das Sehen gegeben. Nachdem der Weg in Gedanken bis an sein Ende beschritten wurde, besinnt sich der Dichter nämlich darauf, daß ihm noch Augenblicke geblieben sind. Wohl ist es Abend, Lebensabend - da sollen die Augen noch einmal sehen, noch einmal trinken was die Wimper hält', denn die Welt hat goldnen Überfluß für einen richtigen Seher. Ein eindeutiges Bejahen dieses Sehens schließt das Gedicht ab, ein Ausruf aus tiefer Sehnsucht nach dem Leben und aus Liebe zu ihm geboren. Ein Ausnützen und Genießenwollen des Augenblicks: Trinkt, o Augen . ..! Das Trinken der Augen ist ein gesteigertes Sehen, ein Nicht-genug-sehen-können, ein Alles-sehen-wollen. Gleichzeitig aber bedeutet dies Sehen für Keller beschauliche Distanz zum Gesehenen, zum Objekt, es bedeutet, nicht mitten drin zu stehen im Getriebe, sondern abseits zu beobachten, ein Über-sehen des Ganzen, ein Verstehen. Nicht leben, sondern erleben, nicht fieberhafte Aktivität, sondern besinnliche Passivität als Verinnerlichung des Daseins.
      Diese Haltung und Einstellung zur Existenz wird besonders deutlich in Kellers Roman Der grüne Heinrich, der bekanntlich stark autobiographische Züge trägt. So heißt es dort: Nur die Ruhe in der Bewegung hält die Welt und macht den Mann; die Welt ist innerlich ruhig und still, und so muß es auch der Mann sein, der sie verstehen und als wirkender Teil von ihr sie widerspiegeln will. Kühe zieht das Lehen an, Unruhe verscheucht es; Gott hält sich mäuschenstill, darum bewegt sich die Welt um ihn. Für den künstlerischen Menschen nun wäre dies so anzuwenden, daß er sich eher leidend und zusehend verhalten und die Dinge an sich vorüberziehen lassen, als ihnen nachjagen soll: denn werin einem festlichen luge mitzieht, kann denselben nicht so beschreiben, wie der, welcher am Wege steht. Dieser ist darum nicht überflüssig oder müßig, und der Seher ist erst das ganze Leben des Gesehenen, und wenn er ein rechter Seher ist, so kommt der Augenblick, wo er sich dem Zuge anschließt mit seinem goldenen Spiegel gleich dem alten Könige in 'Macbeth', der in seinem Spiegel noch viele Könige sehen ließ. Auch nicht ohne äußere Tat und Mühe ist das Sehen des ruhig Leidenden, gleich wie der Zuschauer eines Festzuges genug Mühe hat, einen guten Platz zu erringen oder zu behaupten."

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