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Gottfried August Bürger - LENORE



Lenore fuhr ums Morgenrot empor aus schweren Träumen: 'Bist untreu, Wilhelm, oder tot? wie lange wirst du säumen?" Er war mit König Friedrichs Macht gezogen in die Prager Schlacht und hatte nicht geschrieben, ob er gesund geblieben.
      Der König und die Kaiserin,des langen Haders müde,bewegten ihren harten Sinnund machten endlich Friede;und jedes Heer mit Sing und Sang,mit Paukenschlag und Kling und Klang,geschmückt mit grünen Reisern,zog heim nach seinen Häusern.

      Und überall, allüberall,auf Wegen und auf Stegen,zog alt und jung dem Jubelschallder Kommenden entgegen.
      'Gottlob!" rief Kind und Gattin laut,
'Willkommen!" manche frohe Braut;ach! aber für Lenorenwar Gruß und Kuß verloren.

     
Sie frug den Zug wohl auf und abund frug nach allen Namen;doch die erwünschte Kundschaft gabnicht einer, so da kamen.
      Als nun das Heer vorüber war,zerraufte sie ihr Rabenhaarund taumelte zur Erdemit wilder Angstgebärde.
      Die Mutter lief wohl hin zu ihr: 'Ach! Daß sich Gott erbarme! Du trautes Kind! Was ist mit dir?" — Und schloß sie in die Arme. 'O Mutter, Mutter, hin ist hin! Nun fahre Welt und alles hin! Gott heget kein Erbarmen; o weh, o weh mir Armen!" —
'Hilf Gott! Hilf! Sieh uns gnädig an! Kind, bet' ein Vaterunser! Was Gott tut, das ist wohlgetan. Gott, Gott erbarmt sich unser!" — 'O Mutter, Mutter! Eitler Wahn! Gott hat an mir nicht wohlgetan! Was half, was half mein Beten? Nun ist's nicht mehr vonnöten." —
'Hilf Gott! Hilf! Wer den Vater kennt, der weiß, er hilft den Kindern. Das hochgelobte Sakrament wird deinen Jammer lindern." — 'O Mutter, Mutter, was mich brennt, das lindert mir kein Sakrament! Kein Sakrament mag Leben den Toten wiedergeben!" —
'Hör Kind! Wie, wenn der falsche Mannim fernen Ungerlandesich seines Glaubens abgetanzum neuen Ehebande? Laß fahren, Kind, sein Herz dahin! Sein Herz hat's nimmermehr Gewinn! Wann Leib und Seel' sich trennen, wird ihn sein Meineid brennen!" —
'O Mutter, Mutter, hin ist hin!

Verloren ist verloren!
Der Tod, der Tod ist mein Gewinn!

O war ich nie geboren!
Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus!

Stirb hin, stirb hin, in Nacht und Graus!
Kein öl mag Glanz und Leben,mag's nimmer wiedergeben!" —
'Hilf Gott! Hilf! Geh nicht ins Gerichtmit deinem armen Kinde!
Sie weiß nicht, was die Zunge spricht;behalt ihr nicht die Sünde!
Ach Kind, vergiß dein irdisch Leidund denk an Gott und Seligkeit,so wird doch deiner Seelender Bräutigam nicht fehlen!" —
'O Mutter, was ist Seligkeit?

O Mutter, was ist Hölle?
Bei Wilhelm nur wohnt Seligkeit,wo Wilhelm fehlt, brennt Hölle!

Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus!
Stirb hin, stirb hin, in Nacht und Grausl
Ohn' ihn mag ich auf Erden,mag dort nicht selig werden!" —
So wütete Verzweifelung ihr in Gehirn und Adern. Sie fuhr mit Gottes Fürsehung vermessen fort zu hadern,zerschlug den Busen und zerrang die Hand bis Sonnenuntergang, bis auf am Himmelsbogen die goldnen Sterne zogen.
      Und außen, horch! Ging's trapp trapp trapp,als wie von Rosses Hufen,und klirrend stieg ein Reiter aban des Geländers Stufen.
      Und horch! Und horch! Der Pfortenringging lose, leise klinglingling!

Dann kamen durch die Pfortevernehmlich diese Worte:
'Holla! Holla! Tu auf, mein Kind! Schläfst, Liebchen, oder wachst du? Wie bist noch gegen mich gesinnt? Und weinest oder lachst du?" — 'Ach Wilhelm! Du? — So spät bei Nacht? Geweinet hab ich und gewacht; ach, großes Leid erlitten! Woher kömmst du geritten?" —
'Wir satteln nur um Mitternacht. Weit ritt ich her von Böhmen: Ich habe spät mich aufgemacht und will dich mit mir nehmen!" — 'Ach Wilhelm! Erst herein geschwind! Den Hagedorn durchsaust der Wind! Herein, in meinen Armen, mein Trauter, zu erwarmen!" —
'Laß sausen durch den Hagedorn,laß sausen, Kind, laß sausen!
Der Rappe scharrt, es klirrt der Sporn,ich darf allhier nicht hausen!
Komm, schürze, spring und schwinge dichauf meinen Rappen hinter mich!
Muß heut noch hundert Meilenmit dir ins Brautbett eilen." —

'Ach, wolltest hundert Meilen nochmich heut' ins Braubett tragen?
Und horch! Es brummt die Glocke noch,die elf schon angeschlagen." —
'Komm, komm! Der volle Mond scheint hell,wir und die Toten reiten schnell,ich bringe dich, zur Wette,noch heut' ins Hochzeitsbette." —
'Sag an! Wo? Wie dein Kämmerlein?

Wo? Wie das Hochzeitsbettchen?" —
'Weit, weit von hier! Still, kühl und klein! —

Sechs Bretter und zwei Brettchen!" —
'Hat's Raum für mich?" — 'Für dich und mich!

Komm, schürze, spring und schwinge dich!
Die Hochzeitsgäste hoffen;die Kammer steht uns offen." —
Und Liebchen schürzte, sprang und schwangsich auf das Roß behende.
      Wohl um den trauten Reiter schlangsie ihre Lilienhände.
      Haho! Haho! Ha hopp, hopp, hopp!
Fort ging's im sausenden Galopp;der volle Mond schien helle,wie ritten die Toten so schnelle!
Zur rechten und zur linken Handvorbei vor ihren Blicken,wie flogen Anger, Heid' und Land!
Wie donnerten die Brücken!

'Graut Liebchen auch? Der Mond scheint hell!
Hurra! Die Toten reiten schnell!

Graut Liebchen auch vor Toten?" —
'Ach nein! Doch laß die Toten!" —
Was klang dort für Gesang und Klang? Was flatterten die Raben? Horch Glockenklang! Horch Totensang! 'Laßt uns den Leib begraben!"
Und näher zog ein Leichenzug, der Sarg und Totenbahre trug. Das Lied war zu vergleichen dem Unkenruf in Teichen.
      'Nach Mitternacht begrabt den Leib mit Klang und Sang und Klage! Erst führ ich heim mein junges Weib; mit, mit zum Brautgelage! Komm, Küster, hier! Komm mit dem Chor und gurgle mir das Brautlied vor! Komm, Pf äff, und sprich den Segen, eh' wir zu Bett uns legen!" —
Still Klang und Sang. — Die Bahre schwand. —
Gehorsam seinen Rufenkam's hurre, hurre! nachgerannthart hinter's Rappen Hufen.
      Haho! Haho! Ha hopp hopp hopp!
Fort ging's im sausenden Galopp,der volle Mond schien helle;wie ritten die Toten so schnelle! —
Wie flogen rechts, wie flogen linksdie Hügel, Bäum' und Hecken!
Wie flogen links und rechts und linksdie Dörfer, Stadt' und Flecken!
'Graut Leibchen auch? Der Mond scheint hell!
Hurra! die Toten reiten schnell!

Graut Liebchen auch vor Toten?" —
'Ach, laß sie ruhn, die Toten." —
Sieh da! Juchhei! Am Hochgericht tanzt' um des Rades Spindel, halb sichtbarlich, bei Mondenlicht ein lustiges Gesindel. 'Sa! Sa! Gesindel, hier, komm hier! Gesindel, komm und folge mir! Tanz uns den Hochzeitsreigen, wenn wir das Bett besteigen!" —

Und das Gesindel husch, husch, husch! kam hinten nachgeprasselt, wie Wirbelwind am Haselbusch durch dürre Blätter rasselt. Haho! Haho! Ha hopp hopp hopp! Fort ging's im sausenden Galopp; der volle Mond schien helle, wie ritten die Toten so schnelle! —
Wie flog, was rund der Mond beschien,wie flog es in die Ferne!
Wie flogen oben überhinder Himmel und die Sterne!

'Graut Liebchen auch? Der Mond scheint hell!
Hurra! dieToten reiten schnell!

Graut Liebchen auch vor Toten?" —
'O weh! Laß ruhn die Toten!" —
'Rapp'! Rapp'! Mich dünkt, der Hahn schon ruftrbald wird der Sand verrinnen. —
Rapp'! Rapp'! Ich wittre Morgenluft,

Rapp'! Tummle dich von hinnen! —
Vollbracht! Vollbracht ist unser Lauf!
Das Hochzeitsbette tut sich auf;wir sind, wir sind zur Stelle.
      Ha! reiten die Toten nicht schnelle?" —
Rasch auf ein eisern Gittertor ging's mit verhängtem Zügel. Mit schwanker Gert' ein Schlag davor zersprengte Schloß und Riegel. Die Flügel flogen klirrend auf, und über Gräber ging der Lauf; es blinkten Leichensteine ringsum im Mondenscheine.
      Ha sieh! Ha sieh! Im Augenblick, hu! hu! Ein gräßlich Wunder! Des Reiters Koller, Stück für Stück, fiel ab wie mürber Zunder,zum Schädel ohne Zopf und Schopf, zum nackten Schädel ward sein Kopf; sein Körper zum Gerippe mit Stundenglas und Hippe.
      Hoch bäumte sich, wild schnob der Rapp' und sprühte Feuerfunken. Und hui! war's unter ihr hinab verschwunden und versunken! Geheul! Geheul aus hoher Luft, Gewinsel kam aus tiefer Gruft; Lenorens Herz mit Beben rang zwischen Tod und Leben.
      Nun tanzten wohl bei Mondenglanzrundum herum im Kreisedie Geister einen Kettentanzund heulten diese Weise:

'Geduld! Geduld! Wenn's Herz auch bricht!
Mit Gottes Allmacht hadre nicht!

Des Leibes bist du ledig.
      Gott sei der Seele gnädig!"
Gottfried August Bürger , neben Goethe und Schiller der bedeutendste Lyriker des Sturm und Drang, fühlte sich berufen, eine für alle Menschen gleicherweise verständliche und unterhaltende Poesie zu schaffen. Mit der Lenore, zweifelsohne Bürgers bedeutendster dichterischer Wurf, gilt er als der Schöpfer der deutschen Kunstballade. 1773 geschrieben, wurde sie 1774 in überarbeiteter Form im Göttinger Musenalmanach veröffentlicht.
      Wir wählten für die Interpretation die ursprüngliche Fassung wegen ihrer ansprechenden Unmittelbarkeit.
      Das dem Gedicht zugrundeliegende Zentralmotiv ist die Begegnung einer Liebenden mit dem Geist des gestorbenen Geliebten. Im germanischen Sagenbereich vorgeprägt, mag Bürger der Stoff zu Lenore über Percys Sammlung englischer Balladen und über verwandtes niederdeutsches Liedgut zugetragen worden sein; genaue entwicklungsgeschichtliche Nachweise in dieser Richtung konnte die Forschung bisher nicht erbringen. Bürgers Ausgangspunkt ist eigenem Bekenntnis zufolge ein Spinnstubenlied, das er zu einem eigenständigen dichterischen Gefüge verarbeitete, ohne Geisterglauben, Tonffall und Anschaulichkeit der damals verbreiteten

Schauerballaden, -romane und Bänkelgesänge aufzugeben, wie er konsequenterweise auch forderte, Lenore möge nicht gelesen sondern deklamiert werden. Dem überlieferten Handlungsschema unterlegte er jedoch die historische Gegebenheit des Siebenjährigen Krieges, wodurch gewisse soziale Akzente gesetzt wurden; das europäische Motiv verquickte sich mit einem kollektiven deutschen Erlebnis. Lenores Schicksal war stellvertretend für das vieler deutscher Frauen, denen der Krieg Mann oder Bräutigam genommen hatte, und die an der Welt irre geworden waren.
      Das Gedicht ist eine aus 32 Strophen bestehende Ballade. Der drängende jambische Versfuß wird von der starren Storphe des lutherischen Kirchenliedes, deren Verwendung in der ideellen Anlage des Gedichts begründet liegt, gebremst, bis sich der Rhythmus durch Lautmalereien, Ausrufe, Anaphern, Parallelbildungen und Satzfetzen zum Ende hin steigert. Die Handlung, von Morgenrot bis Mondenglanz auf einen Tag beschränkt, setzt mit dem Erwachen Lenores und der Frage nach dem Verbleib ihres Geliebten ein. Bereits in den ersten Zeilen klingt das tragische Ende an ; dem Erwachen Lenores entspricht am Schluß das Hinabtauchen ins Reich des Todes. Ein fiktiver Erzähler blendet sodann das Ende des Siebenjährigen Krieges ein. Die ursprüngliche Erzählsituation wird mit der Schilderung von der Rückkehr des Heeres wiederhergestellt. Auf die eingangs gestellte Frage erfolgt erst jetzt die Antwort:

Ach! aber für Lenoren
War Gruß und Kuß verloren.
      Die Mutter versucht Lenores Verzweiflung mit salbungsvoller Redseligkeit zu mildern. Dem wiederholten Anrufen Gottes antwortet Lenore mit blasphemischen Ausbrüchen. Leitmotivisch abgewandelt kehrt der Satz wieder: O Mutter, Mutter, hin ist hin, allmählich sich steigernd bis zu dem Ruf, mit dem sie ihr eigenes Schicksal verkündet: Der Tod, der Tod ist mein Gewinn! Die erste dramatische Zuspitzung des Geschehens findet mit Lenores Abwendung vom christilichen Glauben statt. Sie hat sich dem Tod anheimgegeben, denn auf Erden, mag dort nicht selig werden . Ihr Untergang beginnt.
      Während sich der erste Teil der Ballade , im Bereich der Realität spielend, weitgehend optisch, für den Leser also sichtbar vollzogen hat, schafft sich beginnend mit der 13. Strophe das Geisterhafte, Magische immer mehr Raum, das formal akustische Entsprechungen findet. Ein Reiter kommt, es ist der verloren geglaubte
Geliebte. Das Gespräch zwischen ihm und Lenore findet durch die verschlossene Pforte statt — Sinnbild der Scheidewand, die zwischen Leben und Tod aufgerichtet ist und jederzeit durchbrochen werden kann. Vorerst ist an dem Gespräch nichts Außergewöhnliches festzustellen, es unterscheidet sich durch nichts von einem Gespräch zweier sich Liebender. Doch da steht plötzlich der auf den ersten Blick unverfängliche Satz: Wir satteln nur um Mitternacht.- In der verallgemeinernden, konstatierenden Form des Präsens — der sich vom erinnernden Imperfekt der vorhergehenden und nachfolgenden Verse abhebt — bricht das Beklemmende der außermenschlichen Existetnz Wilhelms durch, des unsteten, unbehausten Todes , der nur die ewige Gegenwärtigkeit kennt.
Lenore überhört konsequent den zynisch-ironischen Ton der aufs Totenreich verweisenden Reden Wilhelms, mißversteht oder will die Nähe des Todes gar nicht wahrhaben. Sie schwingt sich aufs Pferd, klammert sich an den Reiter und:
Haho! Hahol Ha hopp, hopp, hopp! Fort ging's im sausenden Galopp; der volle Mond schien helle, wie ritten die Toten so schnelle.1)
Dreimal stehen diese Zeilen, in der 19., 23. und 26. Strophe, und jedesmal nimmt der Reiter vorher jemand mit: zuerst Lenore, dann fol gen wie zu einem Hochzeitszug Küster, Pfaff und Chor, dann das Gesindel vom Galgen. Die letzte Zeile selbst erscheint siebenmal in folgender Variation:

Wir und die Toten reiten schnell
Wie ritten die Toten so schnelle
Die Toten reiten schnell bis zum fragenden, triumphierend-tragischen Ausruf in der 28. Strophe, als Reiter, Lenore und Gefolge am Ziel sind:
Ha! reiten die Toten nicht schnelle?
') Diese leitmotivisch wiederkehrenden Zeilen lauten in der letzten Fassung; Und hurre, hurre, bop, bop, hop! Ging's fort in sausendem Galopp, Daß Roß und Reiter schnoben, Und Kies und Funken stoben.

     
Die 20. Strophe läßt anfangs nichts von der Grausigkeit des Todesrittes verspüren; das Empfinden, Anger, Heide und Land flögen vorbei, liegt noch ganz im Bereich menschlichen Erlebens, ebenso die Zeile Wie donnerten die Brücken, deren latenter Sinngehalt sich erst bei näherer Betrachtung offenbart: donnern ist eine Verstärkung des Pochens an die Pforte, Brücke steht für den entscheidenden Schritt in die Unterwelt.
      Das zunenmende Grauen Lenores vor der Schrecklichkeit des Todes deuten die vier letzten Zeilen der 20. Strophe an, die leicht abgeändert ebenfalls dreimal erscheinen:
'Graut Liebchen auch? Der Mond scheint hell! Hurra! Die Toten reiten schnell! Graut Liebchen auch vor Toten?" — 'Ach nein! Doch laß die Toten!" —
In der 24. Strophe heißt es:
'Ach, laß sie ruhn, die Toten." — und in der 27. Strophe:
'O weh! Laß ruhn die Toten!' —
Immer schneller reiten Wilhelm und Lenore. Dörfer, Städte und Berge fliegen an den Reitenden vorbei, einzig Leichenzug und Galgen begegnen ihnen, gleichsam verzerrte Spiegelbilder ihrer selbst, dann fliegen auch Himmel und Sterne an ihnen vorbei, sie lassen die Erde, das Leben hinter sich, und der Ritt steigert sich zur apokalyptischen Vision.
      Alle Bilder und Symbole dieses Teiles der Ballade verweisen auf das Totenreich: Pforte, Brücke, flatternde Raben, Leichenzug, Unkenruf, Galgen, Stundenglas, Pochen an der Tür; der lebenbejahende Gehalt anderer wird ins Makabre verdreht: Hochzeitsbett — Sarg, Brautlied — Totensang, Hochzeitsreigen — Totentanz, der Hahn kündet nicht den Morgen sondern die Todesdämmerung. Eine teilweise Umkehrung erfährt auch das angeklungene Märchenmotiv von der Gerte, die Schloß und Riegel sprengt; gewöhnlich Leben und Glück bedeutend, öffnet hier die Gerte den Eingang zum Tod.
      Der gesamte Handlungsablauf der Ballade ist einem nicht ausdrücklich genannten Erzähler in den Mund geschoben, der nicht mit dem Professor der Ästhetik Gottfried August Bürger identifiziert werdenkann — denn wie könnte der so naiv berichten, und wie dem Anspruch auf Popularität der Dichtung gerecht werden, die verdaulich und nährend für das ganze Volk sein soll? —, sondern als Volkserzähler, etwa als Deklamator in Spinnstuben zu verstehen ist. Nur mit Hilfe dieser Mittlerfigur konnte Bürger die zeitnahen Ereignisse des Siebenjährigen Krieges in die zeitlose Perspektive des magisch rostigen Kolorits 'der Märchen oder Moritaten verlegen, aus der teilnehmend, ab und zu auch kommentierend berichtet wird.
      Von den Konfliktsituationen der Bällade muß das Gespräch zwischen Mutter und Tochter als Schlüssel zur Sinndeutung benützt werden. Le-nores Standpunkt in diesem Gespräch ist nicht nur der einer Ketzerin, sondern schlechtweg der einer Gottesleugnerin. Sie begehrt nicht allein gegen die Heilslehre und überirdische Seligkeit als absolutes Lebensziel auf, sie will in ihrer Verzweiflung letztlich Gott selbst das Recht absprechen, allerhöchste Instanz zu sein — ohne daß das freilich ausdrücklich gesagt wird —, und legt ihrem Geliebten den vom Christentum abgezogenen Glauben und die Liebe zu Füßen. Die leidenschaftliche Auflehnung gegen das ungerechte Regiment Gottvaters besitzt jedoch keinen verstandesmäßigen Rückhalt, sondern geschieht einzig und allein mit dem Herzen. Dadurch ist das Gespräch kein Dialog zwischen Mutter und Tochter, vielmehr sprechen die beiden aneinander vorbei. Denn während die Mutter Lenore mit kalt-vernünftig vorgetragenen christlichen Glaubenssätzen zu beruhigen versucht, kann Lenore diesen nichts anderes als blinde Gefühlsausbrüche entgegensetzen.
      Wenn aber die Mutter eine Macht vertritt, deren übliche Lebens-verneinung sich hier ironischerweise in Lebensbejahung verkehrt, und die Tochter als Verteidigerin von Liebe gleich Leben dasteht, kann Lenores Ritt mit dem toten Geliebten -— hinter sich die Verzweiflung an dem inhaltsleeren Glaubensgebäude, vor sich den Tod — nur als eine vom Herzen zu verstehende Lösung der Zwangsfrage Herz oder Verstand, also Liebe und Tod oder Leben ohne Liebe, begriffen werden: Lenore wählt aus Liebe zum Leben den Tod, die Vermählung erfolgt nicht mit der Seele Christus', sondern mit der Wilhelms. So bewegt sich das ganze Gedicht innerhalb christlicher Glaubensvorstellungen, selbst wenn Lenore bis an deren Grenzen vorstößt und ihre Problematik ein ebensolcher Grenzfall ist. Ihr ganzes Heldentum offenbart sich in dieser freiwilligen, nach Abstreifung jeglicher überlieferter Bindungen getroffenen Entscheidung, deren unwiderrufliche Erfüllung durch die Begegnung mit dem wiederkehrenden toten, und doch nicht sterben-können-den Geliebten noch um ein weniges hinausgezögert wird. Noch einmal wagt die irdische Liebe zu triumphieren, die Klüfte zwischen Liebe, Leben und Tod scheinen sich zu schließen, weil Lenore den drohenden

Tod nicht wahrhaben will. Den ganzen Ritt über, den makabren Reden Wilhelms zum Trotz, gibt sie sich der Illusion hin, er sei ihr nahe. Die Wesenszüge des Geliebten, der tot ist und wiederkehrt, wurden ausgeweitet durch eine Gleichsetzung mit anderen Gestalten: die des Wiedergänger-Geliebten mit dem Erlöser, die des Toten mit dem Tod. Beide Verbindungen hat Bürger hergestellt und künstlerisch glaubhaft gemacht durch den Einschub einer gleichsam nach beiden Seiten vermittelnden Zwischengestalt, die er jeweils der neutestamentlichen Symbolik entnahm: zwischen den Wiedergänger-Geliebten und Christus schob er den Bräutigam, zwischen den Toten und den Tod den apokalyptischen Reiter . Die Symbolkraft der Zwischengestalten schafft einerseits formal notwendige Bezüge zwischen dem volksliterarischen Motiv des Wiedergängers und den im Gedicht verarbeiteten Glaubensvorstellungen, andererseits weist dadurch das Einzelschicksal über sich selbst hinaus ins Allgemeingültige.
      Mitwebend an der Schicksalsvollendung Lenores ist die magisch belebte Natur. Nichts ruht mehr in sich, alles ist in gespenstischer Bewegung, unbegreiflich, feindlich, und doch eingestimmt auf das menschliche Erleben; sie erinnert an die Eile des apokalyptischen Rittes, der in der Mitbewegung des Himmels eine extreme Steigerung im Sinne der vorweggenommenen Hölle, auf die Lenore zustrebt, erfährt.
      Wird Lenore bestraft? Von wem? Von Gott — dem Gott des Christentums — nicht, denn für ihn war sie nicht mehr erreichbar. Ihr Entscheid, den Tod anstelle eines sinnentleerten Lebens anzunehmen, hatte sie jenseits des Glaubens gestellt. Lenores Urteilssprechung ist nicht als Strafbegründung für die gotteslästerlichen Reden aufzufassen, sondern nur für das eilfertig verschenkte Leben. Dahingehend ist auch die 8. Strophe zu lesen, in der die Mutter Lenore mit rein menschlichen Argumenten zu trösten versucht. Diese Trostworte wollen mit der christlichen Frömmigkeit, obwohl sie auch hier durchscheint, nicht recht harmonieren. Wäre Bürger daran gelegen gewesen, die Blasphemie zu strafen, hätte er Gott selbst das Urteil sprechen lassen. Indem es aber die Geister, Geschöpfe außerchristlicher, magischer Herkunft tun, muß angenommen werden, daß es für Lenore nur eine Strafe, die für die Drangabe ihres noch unerfüllten Lebens, geben kann. Darauf bezieht sich Bürger, wenn er postuliert: Mit Gottes Allmacht hadre nicht, deshalb muß Lenore in die Hölle — wobei die Hölle als Konvention zu verstehen ist. Und Geduld! Geduld! Wenns Herz auch bricht! ist nichts anderes als die Antwort auf den voreiligen Entschluß, dessen Erfüllung gleichsam mit dem wiederholten Paukenschlag Ha! reiten die Toten nicht schnelle? markiert wurde. Aus dieser Perspektive ist Wilhelm, gleichzeitig Ge-liebter und Tod, nicht der von Gott ausgeschickte Rächer, sondern Erlöser, Seelenbräutigam, ganz im Sinne des Ausrufes:
Bei Wilhelm nur wohnt Seligkeit, wo Wilhelm fehlt:, brennt Hölle!
So vollzieht sich denn, jenseits des Glaubens, in dem Augenblick, als Wilhelms Körper zerfällt, noch lebend, aber im Angesicht des Todes, gleichsam auf des Messers Schneide zwischen Seligkeit und Hölle die Vereinigung von Liebe und Tod.
     

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