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Günter Kunert - WIE ICH EIN FISCH WURDE



Am 27. Mai um drei Uhr hoben sich aus ihren Betten Die Flüsse der Erde, und sie breiteten sich aus Ãœber das belebte Land. Um sich zu retten Liefen oder fuhren die Bewohner zu den Bergen raus.
      Als nachdem die Flüsse furchtbar aufgestanden, Schoben sich die Ozeane donnernd übern Strand, Und sie schluckten alles das, was noch vorhanden, Ohne Unterschied, und das war allerhand.

      Eine Weile konnten wird noch auf dem Wasser schwimmen, Doch dann sackte einer nach dem andern ab. Manche sangen noch ein Lied, und ihre schrillen Stimmen Folgten den Ertrinkenden ins nasse Grab.
      Kurz bevor die letzten Kräfte mich verließen, Fiel mir ein, was man mich einst gelehrt: Nur wer sich verändert, den wird nicht verdrießen Die Veränderung, die seine Welt erfährt.
      Leben heißt: Sich ohne Ende wandeln. Wer am Alten hängt, der wird nicht alt. So entschloß ich mich, sofort zu handeln, Und das Wasser schien mir nicht mehr kalt.
      Meine Arme dehnten sich zu breiten Flossen, Grüne Schuppen wuchsen auf mir ohne Hast; Als das Wasser mir auch noch den Mund verschlossen, War dem neuen Element ich angepaßt.

     
Lasse mich durch dunkle Tiefen träge gleiten, Und ich spüre nichts von Wellen oder Wind, Aber fürchte jetzt die Trockenheiten, Und daß einst das Wasser wiederum verrinnt.
      Denn aufs neue wieder Mensch zu werden, Wenn man's lange Zeit nicht mehr gewesen ist, Das ist schwer für unsereins auf Erden, Weil das Menschsein sich zu leicht vergißt.
      Günter Kunert gehört zu den bedeutendsten deutschen Nachkriegslyrikern der DDR, die versuchen, in ihren Gedichten der neuen politischen Realität gerecht zu werden. Geboren am 6. März in Berlin, behaftet mit einer staatlich verpfuschten Kindheit. Keinen Beruf erlernt. Nicht Hitlers Rock getragen. Fünf Semester währendes Studium, so umreißt lapidar Kunert sein Leben. Wesentliche Bekanntschaften sind für ihn Marx und Brecht. Kunert schrieb Satiren, Hörspiele, musikalisch-szenische Spiele, Spielfilme, Kinderfilme, Erzählungen und Gedichte. 1950 erschien Wegschilder und Mauerinschriften, 1955 Unter diesem Himmel, 1961 Das kreuzbrave Liederbuch, 1967 Im Namen der Hüte , 1970 Warnung vor Spiegeln.
      Nach Absicht und Zweck will Günter Kunert mit seinen Gedichten das Bewußtsein der Menschen erreichen, denn in der Gedichtaufnahme wird sich der Lösende seiner selbst als Sympton bewußt; das Gedicht artikuliert überhaupt erst sein indifferentes Selbstgefühl, und Form und Formulierung des Gedichts formen und formulieren den differenten mentalen Inhalt des Lesers, der auf diese Weise, durch das Bewußtsein, zum Selbstbewußtsein, durch Selbstbewußtsein zum Weltbewußtsein gelangt. Dabei gewinnt er die sonst verlorene Totalität kurzfristig zurück, denn das Bewußtsein des Gedichts ist kein partikuläres, zweckgerichtetes: hier ist der Mensch zwar nicht heil im Sinne von intakt, doch er erscheint wenigstens zur Gänze sich selber im Blickfeld. Erweckt werden soll beim Menschen das Bewußtsein, daß er zwar der Nahrung erstlinig bedarf, daß ihm aber mehr fehlt als nur die Nahrung . Kunerts Lyrik sieht ihren Aktionsbereich innerhalb des Sozialen, ihre Moralität — denn das besagen obige Zeilen — verhindert jedes Entgleiten ins Unverbindlich-Esoterische. Kunert wendet sich an den einfachen Menschen, der keine Sicherheit besitzt im Dasein; dem angemessen sind die poetischen Mittel. Was seine Gedichte vor allem auszeichnet, sind Verknappung, epigrammatische Didaktik in einfacher, metaphernarmer Sprache und mithin direkt.

     
Modellbeispiel für die oben angedeutete Problematik, inhaltlich wie formal, ist das Gedicht Wie ich ein Fisch wurde, das 1965 in dem Band Der ungebetene Gast erschien. In unterkühlt pathetischem Zeitungsstil werden wir gleich zu Beginn des Gedichts in seine Problematik eingeführt, doch täuscht der lakonische Bericht eines immerhin ungewöhnlichen Ereignisses — verstärkt durch die zeitlich exakte Angabe: Am 27. Mai um drei Uhr... — eine nur scheinbare Harmlosigkeit vor: mit der schlagartigen Erkenntnis, daß wir es hier mit der säkularisierten Sintflut zu tun haben, begreifen wir das Ereignis erst in seiner ganzen Furchtbarkeit, und es ist gerade der Gegensatz zwischen der unterkühlten, gleichgültigen Sprache und dem konkreten Geschehen, wodurch die große Wirkung erzielt wird. Am 27. Mai um drei Uhr hoben sich aus ihren Betten I die Flüsse der Erde, und sie breiteten sich aus I über das belebte Land. Die Naturgewalten, entfesselt ohne sichtbaren Grund, der auch im weiteren Verlauf des Gedichts nicht genannt wird und den uns nur der Hinweis auf die Sintflut allgemein als sündigen Zustand der Menschheit bestimmen läßt — Liebhaber historischer Konkretion dürfen ruhig .auf den Faschismus tippen und den zweiten Weltkrieg, es ist ein Zeichen großer Kunst, das Besondere immer mit einzubeziehen —, die Naturgewalten bedecken das belebte Land, das Adjektiv belebt intensiviert das Geschehen, deutet auf die Vernichtung des Lebens hin. Der ironischkühle Ton des Berichts aber wird beibehalten, durch Elemente der Alltagssprache — sogar im Reim — noch verstärkt, und so erhält die Rettung der Menschen hier schon etwas Lächerlich-Aussichtsloses: ...Um sich zu retten I liefen oder fuhren die Bewohner zu den Bergen raus. Es sind die Formulierungen liefen oder fuhren und raus, die den Ton der Strophe ausmachen. Das will aber nicht heißen, daß Kunert das Elend der Menschen verspotten will; die konkreten Katastrophen der Epoche, die als persönliches Erlebnis die Substanz des Dichters mitbestimmten, waren von dergestalt ungeheuerlichem Ausmaß, daß eine ironisch distanzierte Haltung dazu als Selbsterhaltung sogar unerläßlich war .
      Äußerst geschickt verfährt Kunter in der Darstellung der Katastrophe: nur eine Schein-Rettung war den Bewohnern des belebten Landes vergönnt: als nachdem die Flüsse furchtbar aufgestanden, I schoben sich die Ozeane donnernd übern Strand, I und sie schluckten alles das, was noch vorhanden. Die Vernichtung geschieht nicht auf einmal sondern langsam, den Menschen noch eine Galgenfrist verleihend und durch diese Grausamkeit an Menschenwerk erinnernd. Auch diese Strophe verstärkt dem Ende zu den ironischen, sarkastischen Ton: Und sie schluckten alles das, was noch vorhanden, I ohne Unterschied, und das war allerhand. Eine ungewöhnliche Konstruktion wie und sie breiteten sich aus oder als nachdem die Flüsse aufgestanden durchsetztdie Alltagssprache und erzeugt auch eine innere sprachliche Spannung, den Kunstcharakter des Textes wahrend, wie der Reim auch und das — innerhalb einer Strophe durchgehaltene — strenge Versmaß.
      Auch Strophe drei spricht von der Katastrophe, die hier nun in ihren Auswirkungen begriffen wird, darüber hinaus aber heißt eine Weile konnten wir noch auf dem Wasser schwimmen, trotz dem leidenschaftslosen Ton, auch eine Veränderung der Qual, denn bald sackte einer nach dem andern ab. Der schon in den vorhergehenden Strophen annoncierte Untergang nimmt Konturen an, wird in Einzelheiten erfaßt: manche — womit ein Perspektivenwechsel eintritt, da Kunert die Ertrinkenden zu differenzieren beginnt, den Untergang aus der Sicht einer Minderheit darstellt —, manche sangen noch ein Lied. . . Auch hier wird eine tradierte Vorstellung ironisiert, das Singen der Besatzungen auf untergehenden Schiffen z.B., aber jenseits davon darf mit großer Wahrscheinlichkeit angenommen werden, daß hier auch die Dichter gemeint sind, deren Stimmen schrill klingen vor dem Entsetzen, die aber — und hier deutet sich die später geäußerte Meinung Kunerts an, daß Lyrik und Mord in getrennten Sphären geschehen, daß das Gedicht den Untergang nicht aufhalten kann — den Ertrinkenden ins nasse Grab nachfolgen. Da, fast unvorbereitet, geschieht der Perspektivwechsel in der vierten Strophe sehr heftig: unvermittelt steht das lyrische Subjekt vor uns, spricht in direkter Rede zu uns über sich. Kurz bevor die letzten Kräfte ihn verlassen, erinnert er sich, was man ihn einst gelehrt: Nur wer sich verändert, den wird nicht verdrießen I die Veränderung, die seine Welt erfährt. Diese Strophe ist von äußerster Bedeutsamkeit für das Verständnis des Gedichts, dessen Angelpunkt sie bildet, in dem das Gedicht gleichsam eine Schwenkung um 180 Grand vollführt, aber auch für die Auffassung Kunerts von der Entwicklung überhaupt. Das beweist schon die verstärkte Ironie. Die Lehrer, die ihn, nicht eigentlich die Theorie der Entwicklung, sondern die der Anpassung gelehrt haben, verschweigt das unpersönliche man. Dafür aber wird sozusagen im lyrischen Subjekt die Hauptperson des Gedichts genannt, die Katastrophe wird zum individuellen Erlebnis. Durch die ironischen Akzente , die von Formulierungen wie den wird nicht verdrießen gesetzt werden, wird auch die dem Subjekt sich anbietende Rettung — die Anpassung, noch Veränderung genannt — fragwürdig, die Analogie zur ersten Strophe, zu der dort erwähnten Rettung erhärtet diese Ansicht noch. Aber auch das belebte Land wird possesiv gesetzt; seine Welt heißt hier bezogen auf das lyrische Subjekt meine Welt, deutet darin aber auch an, daß die Reaktionen der einzelnen auf die Katastrophe verschieden sein können, und läßt mithin Tore der Hoffnung offen. Der gegen Ende die-ser Strophe verstärkt dozierende Ton leitet die Sentenzen der fünften Strophe, die wie gereimte Verhaltensmaßregeln anmuten, ein: Leben heißt: sich ohne Ende wandeln, und Wer am Alten hängt, der wird nicht alt. Diese beiden hier so affirmativ geäußerten Lehrsätze, fragwürdig durch den früheren Ton des Gedichts, werden im folgenden nun widerlegt: wie schnell die Wandlung eines Menschen sich vollziehen kann bloß durch den Entschluß dazu, das ist eine Abwandlung der Einsicht, daß ein gedachter Mord ein Verbrechen ist; die Endverse der Strophe 5 beweisen das. Indem das lyrische Subjekt sich zur Handlung entschließt, scheint ihm das Wasser nicht mehr kalt. In der Unbefangenheit des Märchentums fährt Strophe 6 fort, diese Wandlung konkret auszumalen, die Arme werden Flossen und ohne Hast wachsen Schuppen auf ihm: das ist der Titel des Gedichts Wie ich ein Fisch wurde in Ausführung. Endgültig angepaßt ist das lyrische Subjekt, als das Wasser ihm auch den Mund verschlossen. Fisch und Leben unter Wasser mit verschlossenem Mund sprechen von einer kalten, stummen Welt, das lyrische Subjekt geht seines Wesens verlustig, die Anpassung wird zur Selbstaufgabe und somit negativ gesetzt. Der verschlossene Mund spricht aber noch von etwas anderem: schon in Strophe 3 deuteten wird die schrillen Stimmen als jene der Dichter, und die Ich-Form in Strophe 6 erhärtet diese Ansicht am ganz konkreten Fall. War dem Dichter angesichts des Untergangs seine Stimme immerhin noch geblieben, so verliert er sie nun ganz, verliert sein Eigentlichstes: das Wort. Der Verlust des Menschseins wird am speziellen Fall des Dichters, aber umso eindringlicher gestaltet, das Gedicht wird zur Verlustanzeige. In dem schon genannten Essay sagt Kunert: Die Verlustanzeige des Gedichts betrifft etwas, was vielleicht noch gar nicht anwesend und wirksam war oder nur als intendiertes Ideal, als Möglichkeit, verschwunden vor der Annäherung oder durch die Annäherung. Das macht das Gedicht überzeitlich, wir müssen es nicht nur als Auseinandersetzung mit dem Faschismus sehen, sondern seine Gültigkeit erstreckt sich auf alle Analogsituationen. Und der einzig zulässig moralische Charakter der Kunst wird hier ausgesprochen, nämlich der bestehenden schlechteren eine mögliche bessere Welt entgegenzusetzen und so dem Prinzip Hoffnung Ausdruck zu verleihen. Kunerts Gedichte zielen, wie er selbst sagt, auf die Gefahr der Entmenschlichung, auf den möglichen unwiederbringlichen Verlust der Conditio Humana.
      Darum geht es, programmatisch im Titel angezeigt, auch in diesem Gedicht, in schönen melodischen Versen — den Gegensatz zum Gesagten ins Blickfeld rückend — wird das gesagt: Lasse mich durch dunkle Tiefen träge gleiten I und ich spüre nichts von Wellen oder Wind. Aber dieser Zustand ist kein ewiger, keiner der Aus-geglichenheit, die Spannung konkretisiert sich als Angst, sie ist nur innerlicher geworden. Der so an die Unterwasserwelt Angepaßte muß nun ständig befürchten, daß einst das Wasser wiederum verrinnt, er muß die Trockenheit, seinen ursprünglichen Zustand, fürchten. Die letzte Strophe setzt die Akzente ganz genau: das Märchen wird aufgelöst und, was man schon immer gewußt hat, als menschliches Schicksal entlarvt, und die Vorzeichen werden gesetzt. Einem Menschen ist sein Menschtum, seine conditio humana durch Anpassung an un-menschliche Zustände abhanden gekommen, das soartige Ãœberleben aber ist eigentlich der Tod des Menschen als solcher; auch besteht die Gefahr, daß er bei neuerlichem Wandel sich nicht mehr anspassen kann an ein menschliches Dasein, weil er Mensch lange Zeit nicht mehr gewesen ist. Sein Wandel zum Fisch bewies, daß Menschsein sich zu leicht vergißt und zwar, die Befürchtung wird ausgesprochen, für immer.
      So interpretiert ist das Gedicht eine Warnung vor vorschnellem Anpassen an neue, ungeprüfte Zustände. Die Empirie wird exemplarisch, durch sprachlichen Ausdruck nachvollziehbar, geschieht Identifikation des Lesers mit dem Geschehen, und das Gedicht kann seine Funktion der Erweckung und Bewahrung des Menschen erfüllen. Das Bewußtsein des Gedichts wird zum Bewußtsein des Menschen, indem Sichtbares ins Wirkliche gehoben wird, es wird dichterische Wahrheit, das heißt, das wahre Gedicht, und auch dieses Adjektiv besteht auf seinem zweifachen Sinn, ist jenseits von falsch und richtig, sobald man es nicht unter dem Aspekt der Geometrie, der Karpfenzucht oder der Architektur liest.
     

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