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Günter Eich - ENDE EINES SOMMERS



Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume!

Wie gut, daß sie am Sterben teilhaben !
Die Pfirsiche sind geerntet, die Pflaumen färben sich,während unter dem Brückenbogen die "Zeit rauscht.
      Dem Vogelzug vertraue ich meine Verzweiflung an. Kr mißt seinen Teil von Ewigkeit gelassen ab. Seine Streckenwerden sichtbar im Blattwerk als dunkler Zwang, die Bewegung der Flügel färbt die Früchte.

      Es heißt Geduld haben.
      Bald wird die Vogelschrift entsiegelt,unter der Zunge ist der Pfennig zu schmecken.
      Günter Eich, 1907 in Lebus an der Oder geboren, lebte in Berlin, Dresden und seit Kriegsende mit der Schriftstellerin Ilse Aichinger verheiratet in Lenggries , gehört zur Gruppe 47 und gilt als einer der bedeutendsten deutschen Lyriker und Höispielautoren. Von empfundenen Naturgedichten über die harte Sprache des literarischen Kahlschlages nach 1945 {Abgelegene Gehöfte, 1948) fand er zum bildlich konzentrierten oder suggestiv verknappten Weltanschauungsgedicht, das in einem anfechtbaren Sein nach Haltbarem sucht .
      Ein Gedicht wie das vorliegende kommt einer interpretativen Behandlung nicht gerade entgegen: in seiner ersten Ebene teilt es sich durchausmit, sein Hintergrund aber ist in solches Dunkel gehüllt, daß auch das behutsamste Vortasten leicht zu einem Fehltritt werden kann.
      Naturelemente und Naturvorgänge — das erkennt man schon beim ersten Lesen — werden zu Zeichen für menschliches Sein und Verhalten. Auf der Ebene der dichterischen Verwirklichung führt diese Doppelge-leisigkeit zu der seltsamen Verknüpfung von beredter, direkter, sogar emphatischer Selbstaussage des lyrischen Ich und von stummem Zurücktreten hinter einer verknappten, fast schon verschlüsselten Metapher.
      Ende eines Sommers heißt das Gedicht, und das ist deutlicher als wenn es etwa Herbst hieße. Denn von diesem Herbst, den die dritte Zeile bildlich vergegenwärtigt, wird nur eine bestimmte Seite ins Bewußtsein gehoben: es ist ein abgeernteter, entleerter Herbst, aus dem vor allem das Verströmen der Zeit , das Vergehen der erfüllten Weile hervorgehoben wird. Dieses Ende des Sommers in der Natur und im menschlichen Leben wird zum Anstoß dafür, daß das ganze Leben in seinem Sinn in Frage gestellt wird. Nach meiner Vermutung liegt das Unbehagen an der Wirklichkeit in dem, was man Zeit nennt. Daß der Augenblick, wo ich dies sage, sogleich der Vergangenheit angehört, finde ich absurd, sagte Günter Eich in seiner berühmten Rede Literatur und Wirklichkeit . Solches Wissen um seine Vergänglichkeit gibt dem Leben auch in diesem Gedicht den Charakter der Trostbedürftigkeit und der Verzweiflung . Doch liegt diese Erkenntnis schon vor dem Gedicht, und es wird von ihr als von einer gegebenen Tatsache nur andeutungsweise noch gesprochen.
      Intensiver bemüht sich das Gedicht um das Jenseits dieser Tatsache, erregter kreist es um den Trost, den es dennoch geben könnte. Bäume könnten ihn geben, heißt es eingangs, und zur Begründung wird lakonisch "hinzugesetzt: dadurch daß sie am Sterben teilhaben. Das erklärt nun freilich noch nichts, doch verdeutlicht sich das Gemeinte, wenn man dieses Sterben der Bäume in Zusammenhang mit dem Vogelzug sieht, von dem im Mittelteil des Gedichtes die Rede ist. Auch das Fortfliegen der Vögel am Ende des Sommers ist zunächst Zeichen für die begrenzte, bemessene Zeit. Auch der Vogelflug mißt nur Strecken ab, Teile von Ewigkeit und ist — in einer eigentümlichen Kausalbeziehung auf die Welt der Bäume — Signal für den dunklen Zwang, für die absehbar kurze Dauer von Blättern und Früchten.
      Aber — das ist das Neue, das den Vogelzug vom Menschen unterscheidet —: er mißt seinen Teil von Ewigkeit gelassen ab. Bäume und Vögel, kreatürliches Sein ohne Bewußtsein, kennen keine Verzweiflung und brechen nicht in Klage aus. Denn davon, daß Bäume sich neu begrünen werden, daß Vögel jn wärmere Länder fliegen und wiederkehren werden, ist im Gedicht nichtdie Rede. Einzig auf dieser gelassenen Hinnahme der Tatsachen liegt das Schwergewicht, aus ihr strömt der Trost für den Menschen, die Botschaft, Geduld zu haben. Geduld, denn noch ist die Vogelschrift nicht entsiegelt, noch ist es nicht einsichtig, weshalb die Klage des Menschen verstummen und dies trostbedürftige Leben dennoch bejaht werden könnte; doch es bahnt sich ein Ãœbergang aus der Verzweiflung in die Gelassenheit an. Dies ist wohl der Sinn der letzten Zeile. Sie erinnert an den verbreiteten Brauch, den Toten eine Münze unter die Zunge zu legen, die bei den Griechen als Fährgeld für Charon gedeutet wurde. Sie ist Symbol und Gewähr des Umschlages aus der Trostbedürftigkeit in das stumme Leben der Bäume und in die Gelassenheit des Vogelzuges.
      Es ist dies für Günter Eich eine besonders kennzeichnende Wendung. Solche Botschaften sucht er in seiner Lyrik den Dingen abzuhorchen, die geheime Schrift des Seienden dem Menschen zu entziffern, durchzudringen aus einer als absurd erkannten Wirklichkeit in Bereiche und Haltungen, wo jenes wieder wesenhaft oder zumindest erträglich wird.

     

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