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Gestatten: Hugo von Hofmannsthal



Hofmannsthals Leben und Schreiben steht im Zeichen der Vollendung am Anfang, der Fragmentarität am Ende. Aus jüdischer Glaubens- und Bildungstradition stammend - obgleich sein Vater zum Katholizismus konvertierte -, verfügt schon der Schüler über eine stupende Belesenheit, die jedoch kein bloß äußeres Bildungsgut darstellt, sondern Verstehen und Aneignung umfasst. In vielen fremden Sprachen zu Hause, bewältigt der junge Mann scheinbar mühelos die schwierigsten Texte der Weltliteratur und verfasst, Gymnasiast noch, Gedichte und kleine Dramen, welche die Wiener literarische Szene in Erstaunen versetzen. Hinter dem Pseudonym Loris Mendelkow, mit dem Hofmannsthal die Besprechung eines Dramas von Hermann Bahr, dem Altmeister der Wiener Moderne, zeichnet, vermutet der Autor des Stückes eine weltmännische Persönlichkeit höheren Alters, begabt mit einem aus langer Denk- und Schreiberfahrung gespeisten sicheren Urteil. Als es im Literatencafe Griensteidl zu einer Begegnung zwischen Autor und Rezensent kommt und der Gymnasiast Hofmannsthal sich als Loris zu erkennen gibt, ist die Ãoberraschung auf Seiten Bahrs kaum zu beschreiben - nie im Leben, so Hermann Bahr selbst, habe er ein dümmeres Gesicht gemacht. Trotz ihres heiteren Aspekts hat diese Anekdote eine düstere Kehrseite: Was soll im Leben noch lernen, wer schon in seiner Jugend alles kann? Hofmannsthal, der viele Sprachen und literarische Schreibweisen souverän zu handhaben versteht, ist auch ein Zweifler und Skeptiker, der sich, jung noch, von der Lyrik lossagt und eine Sprachkrise durchlebt; kaum nötig hinzuzufügen, dass er ihr beredten Ausdruck verleiht. Es mag noch hingehen, dass Hofmannsthal mit seinen zahlreichen Entwürfen, Annotationen und Ãoberarbeitungen, von denen die kritische Ausgabe zeugt, der Schrecken der Philologen ist; hinter dem Zögern und Schwanken aber ist eine geistige Unrast und ein immer erneuertes Bemühen um Aus-druck bemerkbar, das sein Werk begleitet, prägt und problemati-siert. Hofmannsthal, der sprachgewandte Dichter, bewegt sich immer auf der Schwelle des Schweigens, lässt im Sagen das Ungesagte oder Unsagbare ahnen.

      Dabei ist der Weg des äußeren Lebens eher einförmig und wenig spektakulär - sieht man von seinem Ende ab. Die Matura besteht Hofmannsthal brillant, das Studium der Rechte, auf Wunsch der Eltern begonnen, wird zugunsten des Studiums der Romanischen Philologie aufgegeben, dieses durch Promotion abgeschlossen; ein Habilitationsgesuch bei der Universität Wien zieht er, aus böser, aber wohl unberechtigter Vorahnung ob des Ausgangs, zurück. Mit einem für eine angemessene Lebensführung ausreichenden, aber nicht üppigen Vermögen ausgestattet, lebt Hofmannsthal als freier Schriftsteller, gründet eine Familie, pflegt zahlreiche, darunter sehr enge und vertraute Freundschaften mit den berühmtesten seiner Zeitgenossen und unternimmt ausgedehnte Reisen - obwohl ihm, wie er selbst bemerkte, das Reisen eigentlich nicht zusagt - ... Was wäre über ein solches Leben zu berichten? Dieser ,Ballade des äußeren Lebens' jedoch läuft sozusagen eine Elegie des inneren Lebens parallel - das kaum vernehmliche Klagelied eines Menschen, der sich mit dem Geleisteten nie bescheiden, mit dem Erreichten nie zufrieden sein kann; man mag es ein stark ausgeprägtes, übersteigertes Problembe-wusstsein nennen, das jedwedes Zur-Ruhe-Kommen verhindert: Vermag Hofmannsthal die Vielfalt seiner Begabungen und Interessen nicht zu bündeln, ist sein Problem nicht der Mangel, sondern im Gegenteil die Fülle? So zeichnet sich in diesem Leben ein Paradox ab, schwer verständlich, aber doch unübersehbar.
      Die große Zahl der überlieferten autobiographischen Dokumente - Briefe, Tagebuchaufzeichnungen, Erinnerungen von Freunden - kann als ein Glücksfall der Literaturgeschichte gelten, gestattet uns aber kaum den Blick in den Innenraum des Autors, geschweige denn in die Problematik des Menschen: Der gesellige Anschein dieses Lebens vermag dessen Einsamkeiten kaum zu überdecken. Mit den Ereignissen des Ersten Weltkrieges, an denen das alte Europa nicht nur politisch, sondern auch kulturell zerbricht, ist dem Leben Hofmannsthals der Boden entzogen - die historische Zäsur ist ebenso eine individualgeschichtliche. Fortanarbeitet Hofmannsthal, eher verzweifelt als erfolgreich, an der Restauration jener kulturellen Traditionen, mit denen der Krieg gebrochen hatte; sie hatten seinen Lebens- und Erfahrungsraum ausgemacht, und ihre Auslöschung bewirkt einen tiefen, nicht mehr zu heilenden Riss in seiner Existenz. Den Beginn einer neuen Zeit aus der alten - die Explosivkraft der Avantgarden, die Entstehung der Moderne bei Proust, Joyce und Kafka, die Experimente der Wiener Schule in der Musik - hat Hofmannsthal, enttäuscht und gebrochen, nicht mehr wahrgenommen: Fortan entzieht sich ihm die Zeit, und dem lichten, vielversprechenden Anfang steht, beklemmend, die Düsternis eines Endes entgegen, das den einst Vielbewunderten in die Einsamkeit treibt. Nachdem Hofmannsthals ältester Sohn seinem Leben ein Ende gesetzt hatte, verstirbt auch der Vater, am Tag der Beerdigung, an einer Apoplexie: Es traf ihn buchstäblich der Schlag, er starb am Tod eines anderen. Seine letzten Worte: 'Es sind nur die Nerven" suchen dem Anfall die Schärfe zu nehmen, haben aber auch einen künstlerischen Beiklang. ,Nervenkunst' war eine Bezeichnung für den Ã"sthetizismus ... Hofmannsthal starb am Tod seines Sohnes in Erinnerung an seine eigene Jugend, die im Zeichen des Ã"sthetizismus stand.
      Dieser Bogen vom strahlenden Anfang bis zum düsteren Ende eines Lebens umspannt in jener sanften Bewegung, die ihm, dem differenzierten und sprachgewaltigen, aber doch menschlich und schriftstellerisch ,leisen' Dichter ideal zu entsprechen scheint, ein Werk von ganz besonderer Subtilität. So gehören die Gedichte des jungen Hofmannsthal zum Suggestivsten und Klangvollsten, das die Lyrik in deutscher Sprache seit Goethe hervorbrachte. Die schwierigste aller literarischen Gattungen beherrscht Loris mit Präzision und Vollendung, jedoch ohne jede Bemühtheit. Als erste Veröffentlichung erscheint im Juni 1890 das Sonett 'Frage", sodann im August das Gedicht 'Was ist die Welt?", das als eine der Grundlagen für unsere Einübung in die Textinterpretation dienen wird. Zu seinen berühmtesten Gedichten gehört 'Manche freilich ...", dessen letzte Verse Hofmannsthals Grabstein als Inschrift trägt:
Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens Schlanke Flamme oder schmale Leier.
      Die Lyrik gehört fast nur dem Frühwerk an, so als hätte Hofmannsthal später, durch weitere, vielleicht weniger vollendete Texte, ihren Rang nicht in Frage stellen wollen. Wenn er als Lyriker verstummt, trennt er sich damit jedoch nicht vom Lyrischen insgesamt; vielmehr setzt sich die Besonderheit seines lyrischen Sprechens außerhalb der Gattung selbst in Wellenbewegungen über weite Teile seines Werkes fort. So inspiriert die Lyrik nicht nur die für das Fin-de-siecle typische Gattung des lyrischen Dramas, sondern beherrscht auch das essayistische Werk, aus dem zwei frühe Beispiele genauer zu betrachten sein werden; mit Die Bühne als Traumbild von 1903 ist schon die mittlere Schaffensperiode erreicht, mit Wert und Ehre deutscher Sprache die späte: Ob der lyrische Duktus bis hierher trägt?
Es gehört zu jenen Ãoberraschungen, von denen Hofmannsthals Werk zahlreiche bereit hält, dass schon der junge Mann ein Thema gestaltet, dessen Brisanz wohl eher älteren Menschen einsichtig ist - den Tod. Gegenüber seinen Freunden äußerte Hofmannsthal mehrfach , dass ein Dichter sich eigentlich nur aufhängen könne - er sagte es gleichsam leichthin, , wienerisch' und ohne Pathos. Kaum etwas bildet in seinem Werk ein solches Kontinuum wie der Tod, der doch seiner Natur nach alle Kontinuität zunichte macht. Von der Lyrik führt ein direkter Weg zu den .kleinen' lyrischen Dramen - er wird uns auch zum .großen' Drama, der Tragödie Elektra und der Komödie Arabella geleiten. In das lyrische Drama Der Tod des Tizian ist ein früheres Gedicht eingelassen - doch nicht nur dies macht die Verbindung zur Lyrik aus: Der Text ist eine ausgedehnte Metapher; was diese rätselhafte Charakterisierung im einzelnen heißt, wird sich bald entschlüsseln. Zu den größten Erfolgen des jungen Dichters gehört das lyrische Drama Der Tor und der Tod, das zwar die alte Tradition des Totentanzes wieder aufnimmt, in dem sich aber trotzdem eine ganze Generation wiedererkannte. Doch ist dieser Rezipientenkreis, wenn sich auch in ihm die Creme des Jungen Wien wiederfand, noch immer ein zahlenmäßig eingeschränkter und sozial genau vermessener; Hofmannsthal aber treibt es mit Macht auf die großen Bühnen und zu jenenklassischen Stoffen, in denen nicht das Subjektiv-Individuelle, sondern das Allgemeine und Verbindliche des Mythos zum Ausdruck kommt. Schon als Gymnasiast übersetzt er Sophokles, von dem die schwierigsten Texte stammen, die uns die griechische Antike überlieferte: seine Elektra, seinen Ã-dipus. Hofmannsthals in vielfachem Sinne .eigene' Elektra wird uns als Beispiel für die Dramenanalyse dienen, die, so steht zu hoffen, das Stück nicht seziert und damit,tötet', sondern es zu vollem Leben erweckt - trotz seines eigenartigen Endes; doch davon mehr in der Analyse.
      Hofmannsthals späte Jahre - wiewohl er, nach heutigem Maßstab, relativ jung an Jahren, mit fünfundfünfzig, starb - sind solche der Hinwendung zu einem größeren, bildungsbewussten Publikum, das es freilich in dem Maße, wie Hofmannsthal es wünschen mochte, nach den Erschütterungen des Krieges gar nicht mehr gab. In der Gattung Komödie setzt er nun, mit dem Schwierigen, der auch ihn selbst charakterisieren mag, und dem Unbestechlichen, unverwechselbare Akzente, und seine gleichwohl schon ermattete schriftstellerische Energie gilt, neben dem Mysterienspiel, der Komödie als dem ,wiedergewonnenen Sozialen'. Wie weit er, der Sprachkünstler, auch in der Komödie die Sprache herauszufordern vermag, wird am Beispiel Arabellas zu fragen sein - einer Komödie des Wortes, genauer: der Briefe.
      Hofmannsthals Elektra fand mit der Musik von Richard Strauss Zugang zu den großen Opernhäusern der Welt und ist bis heute dort präsent. Kaum anders verhält es sich mit der Frau ohne Schatten, von der Hofmannsthal sagte, sie könnte die schönste aller Opern werden. Ihr Stoff ist eine Erzählung, die Hofmannsthal zum Zweck der Vertonung durch Strauss dramatisierte. Jener Erzählung hätte ein Platz gebührt in der Anthologie Deutsche Erzähler, die Hofmannsthal in seiner späten Phase des Kulturkonservatismus herausgab; dass sie dort fehlt, versteht sich angesichts der Bescheidenheit Hofmannsthals von selbst. Sie wird - zu komplex, allzu tiefgründig für die didaktischen Belange des vorliegenden Buches - nicht Gegenstand der Analyse sein; ein weniger umfangreicher Text, das Märchen der 672. Nacht, wurde statt ihrer gewählt. Eine weitere vollendete Erzählung im Kontext des vielfach Fragmentarischen wird, als Aufgabe gestellt, zur Darstellung kommen: Reitergeschichte. Sie verweist zurück auf die Jugendzeit Hofmannsthals,als dieser in Gödingen seinen Militärdienst ableistete: zunächst enthusiastisch, bald aber von Melancholie erfasst. Eine weitere Erzählung bildet den Vorwurf für die Analyse : Lucidor. Dieser Text hat eine bemerkenswerte zukunftsweisende Strahlkraft, bildet er doch den Vorwurf für die späte Oper Arabella sowie für ein 1924 geplantes Filmszenario: Diesem durchaus modernen Genre, das seinen Ursprung in der Populärkultur hatte, stand Hofmannsthal sehr aufgeschlossen gegenüber - eine Ãoberraschung, zumal in der späten, konservativen Epoche seines Schaffens.
      Dieser kurzen Skizze, die Hofmannsthal nicht nur als Autor, sondern auch als Person zu charakterisieren versucht - wobei sich jene beiden Aspekte als Wesenszüge durchdringen, das eine das andere wechselseitig spiegelnd -, sind ein erst seit kurzem bekanntes Porträt und die Abbildung eines Autographen beigegeben: Das von Hofmannsthal Geschriebene verweist zurück auf das ,Bild' seines Autors, obwohl es längst seinen Weg nahm in und durch die Literaturgeschichte. Hofmannsthals Handschrift, das beweist schon ein kurzer Blick darauf, ist schwungvoll und behende, von Eile angetrieben, dabei aber niemals flüchtig, obwohl aus ihr ein Werk von imposanten Ausmaßen, Vollendetes und Fragmentarisches umfassend, erwuchs. Auch seine Rede, über die er ähnlich souverän verfügt wie über die Sprache, in der er schreibt, wird von seinen Freunden und Zeitgenossen ganz ähnlich beschrieben - flink, dynamisch, von treffsicherem Ausdruck, in hoher Stimmlage geäußert, mit einer Stimme jedoch, die, wenn er sehr konzentriert sprach oder eigene Texte verlas, sonor klang und über eine subtile Modulationsfähigkeit verfügte. Er, eher klein von Wuchs, wusste durch die Sprache zu faszinieren - nicht minder durch ihren Duktus und Rhythmus als durch ihre Inhalte.
      Doch Hofmannsthal war kein Mann der bloßen Sprache, er war auch nicht dem esoterischen, vom ,Leben' sich abwendenden Dichtertum zugetan, wie es in Stefan George, mit dem ihn eine frühe Freundschaft verband, mächtig auf den Plan trat. Während George sich in seinem ästhetischen Sendungsbewusstsein von den einfachen Menschen abwandte, war Hofmannsthal, kommunikativer und geselliger, ihnen zugetan. Seine Freunde wissenvon der Leichtigkeit und Heiterkeit seines Auftretens, von der Schnelligkeit und Präzision seiner Rede, von untadeligen Manieren und weltmännischer Großmut zu berichten. Sensibel, rücksichtsvoll und vielen Eindrücken aufgeschlossen, hat Hofmannsthal nichts von der starren Strenge Georges, freilich auch nichts von dessen künstlerischer Konsequenz. Wie viele bedeutende Autoren, ist auch Hofmannsthal ein Leser von kaum je gesättigtem Interesse, vieler Sprachen mächtig und in vielen Literaturen zu Hause - so weit, dass nicht selten Fremdes, Ãobernommenes das Eigene zu überdecken droht. Dass er nur ein genialer Kompi-lator wäre, der übernehmen, nicht aber selbst erfinden und gestalten könne, trifft gleichwohl nicht auf ihn zu: zu eigenartig ist selbst das noch, was er umgestaltet.
      Zu allem begabt, in den meisten literarischen Gattungen gewandt, in vielen Themenbereichen zu Hause, verfasst Hofmannsthal ein CEuvre von bestechender Vielfalt, in dem als .große' Werke die Erzählung Die Frau ohne Schatten , die Tragödie Der Turm und das Lustspiel Der Schwierige herausragen; aber auch die kleineren Formen und selbst das, was nicht vollendet ist - vieles neben dem Romanfragment Andreas oder die Vereinigten -, zeigen Größe: im Entwurf, vor allem aber in der souveränen Beherrschung der Sprache. Dieser jedoch stand er - anscheinend undankbar -, ebenso wie dem Dichterberuf insgesamt, nicht ohne Skepsis gegenüber: Das Wort sollte zur Tat streben, die Dichtung ins Leben hineinreichen. Wer auf die Bruchstellen, das Fragmentarische und Fragwürdige dieses Werkes hinweist, sollte die Konstanz nicht verschweigen, mit der sich Hofmannsthal lebenslang einem Medium besonders intensiv zuwandte: der Bühne. Hier wird, wenngleich nur in einem Kunstraum, das Wort zur Tat, und wenn es sich dann noch der Musik verbindet , ist ein klassisch-antikes, die Lyrik noch in der heutigen Benennung prägendes Ideal erneuert: die Vereinigung von Wort und Klang.
      Kaum ein anderer als Hofmannsthal beherrschte so gründlich wie leichthin die Kunstmittel der Decadence und des Ã"sthetizis-mus, die ihm nicht aus der deutschsprachigen Literatur, sondern aus England und vor allem aus der Romania, deren Sprachen er beherrschte, zuwuchs. Dieses Erbe wusste er zu handhaben und sich zu eigen zu machen; das eigene an ihm aber war es nicht. Im Gegenteil war für ihn das scheinbar Dekadente seines Frühwerks nichts als ein Gestus autobiographischer Art; er sprach von dem ,furchtbar Autobiographischen', um damit anzudeuten, wie sehr ihn das Ãoberkommene im Inneren betraf. Doch dabei blieb er nicht stehen. Fragt man heute, auf der Basis der Erfahrungen von Moderne und Postmoderne, nach der auch aktuell noch gültigen Leistung Hofmannsthals, so wird gerade das, was ein Problem war, die von Skepsis gespeiste Fragmentarität seines Werkes, zur Signatur seines Künstlertums, zur Botschaft dessen, was er als seine sittliche Aufgabe verstand. Der Ã"sthetizismus ist der Kult der ,happy few' - dies aber war ganz und gar nicht das Ideal Hofmannsthals, der im sozialen Raum wirken wollte; Ausdruck dieser Intention sind die Salzburger Festspiele, die von ihm initiiert wurden und die alljährlich mit einem Drama von ihm eröffnet werden: Jedermann.
      Kaum ein Autor jener Zeit hinterließ so viele ,offene' Texte: unvollendet in sich, weil ihr Autor an ihre Vollendbarkeit nicht mehr glauben mochte, sich aber eben deshalb öffnend für eine Fülle von Interpretationen, die die Virtualität des Werkes aufgreifen und auf ihre Weise fortschreiben. Was an Hofmannsthal auch heute noch fasziniert, ist seine souveräne Kunstfertigkeit, das kompromisslose Sich-Einlassen auf Probleme der Existenz und der Identität. Kaum etwas bildet in seinem Werk ein solches Kontinuum wie etwas, das alle Kontinuität zunichte macht: der Tod. Dieser düstere Grundakkord begleitet das Werk. Gefährdungen der Existenz zeigen sich selbst dort, wo jener Akkord leiser wird - in den Komödien. So hätte Hofmannsthal durch die fundamentale und existentielle Bedeutung seiner Thematik, zu der auch, noch nicht genannt, der Traum und, im emphatischen Sinne, der dem Wort seinerzeit anhaftete, das ,Leben' zählen, allem Anschein nach die Chance auf eine lang dauernde und weit ausgreifende Wirkung gehabt. Der Konjunktiv deutet schon an, dass es sich nicht so verhält. Zwar taucht Hofmannsthal nicht selten in den Lehrprogrammen der Schulen und Hochschulen auf; einen Platz im Bewusstsein einerlesenden Ã-ffentlichkeit aber wusste er sich nicht zu verschaffen - und eine ,place de choix' schon gar nicht. Auch die Bühne, der lebenslang seine Sympathie und seine - bis hin zu Balletttexten reichende - schriftstellerische Aktivität galt, ja seine Liebe, kommt heute ohne ihn aus, und nur der Oper verdanken wir eine Relativierung dieses Sachverhalts. Wer wie die Autorin dieses Buches gelegentlich mit Vorträgen über Hofmannsthal
ins Ausland reist, muss fest-stellen, dass es zunächst einmal gilt , den Namen Hofmannsthal beim fremden und ihm fremd gegenüber stehenden Publikum einzuführen. Man hätte es sich anders gewünscht.
      Hugo von Hofmannsthal wurde vieles, aber nicht alles von dem zuteil, was er sich wünschen mochte. Er, dem das Wort gehorchte wie kaum einem anderen, wollte die Tat, die Gutes leistet und Schlechtes in seine Grenzen verweist - Hofmannsthal war ein Ethiker der Kunst. Er, der Individualist, sehnte sich nach dem Sozialen, noch über die Formen der Freundschaft und Geselligkeit hinaus, die ihm zuteil wurden. Er wollte mit dem Wort viele, wenn nicht alle Menschen erreichen, durch Sprache Taten herbeiführen ... Ist es ihm gelungen? Wohl nur teilweise, denn was Hofmannsthal ersehnte, durch die Kunst Veränderungen im Sozialen, im Politischen herbeizuführen, ist der Kunst kaum gegeben. Wie von sich selbst, verlangt er auch von seinem Medium ein wenig zuviel. Kunst verändert nicht die Welt, wohl aber kann sie unser Bewusstsein verändern. Und so mag das in Sprache ge-fasste Bewusstsein von der vielfältigen Problematik der Kunst und des Lebens das Vermächtnis Hugo von Hofmannsthals sein; die Auflösung dieser Problematik hat er sich und uns versagt.
     

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