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Gerhard Eike - SPRING



Spring:rot gelb blau grün über grünblau be spring rot gelb blaugrün spring überspring über das seil über den sträng hau über das wort über das überbespringen das wort den sträng befruchten lau in September nacht morgen lacht über und übt sich früh übt sich befragen undaufgemacht tor zum wort so übersprungen und so überschlagen und übermorgen hol ich mir rumpel und stilzchen der königin wort undlach ich belach ich so morgen nacht ru rud blue schaukel im Wortspiel und gaukel das:schwarz ist die schaukel die weder noch blau ist noch weder noch rot —


Gerhard Eike , geboren 1945 in Agnetheln, besuchte die Schule in Schäßburg, studierte in Bukarest Kunstgeschichte und arbeitet als Redakteur bei der Zeitschrift Volk und Kultur . Er veröffentlichte 1963 seine ersten kunstkritischen Beiträge in der Neuen Literatur und im Neuen Weg.
      Gerhard Eike, der so planvoll über das Sprachseil springt und über den Strang haut, tut es mit dem erklärten Selbstbewußtsein, zur konkreten Poesie zu gehören. Eugen Gomringer gilt mit seinen Konstellationen als unmittelbarer Anreger einer Strömung, die inzwischen um die Welt ging und mit einer Verspätung von rund 15 Jahren auch in der rumäniendeutschen Literatur ihr Echo fand. Eike ist nicht der erste und nicht der einzige. Die Texte der konkreten Poesie sind Zeugnisse einer Krise, die sich als sprachliche gibt. Man möchte vorgeformte Sprachmodelle zerstören, die eine veränderte Welt verlogen weitergeben. Helmut Heissenbüttel verspricht sich eine reellere Wiedergabe mit Hilfe einer verwitterten Syntax. Die Isolierung des Wortes eröffnet die Möglichkeit neuer, noch nicht gesagter Kombinationen und Spiegelungen. Was dabei herausgekommen ist, kann keine neue Sprache sein, es ist eine Rede, die sich des Kontrasts zur überkommenen Syntax und zum überkommenen Wortgebrauch bedient. Eikes Gedicht zehrt von solcher Erkenntnis, es ist auch eine ars poetica.
      In einer selbstinterpretatorischen Notiz zu diesem Gedicht schreibt Gerhard Eike, daß er den Einfall zum Gedicht einem Kinderspiel verdankt: dem Seilspringen. Während des Spiels werden verschiedene Phasen und Figuren ausgeführt, die ein leierndes Sprechen steuert. Neben Sätzen wie Feuer, Flamme, Essig, öl, spritz, spritz, spritz u.a. gibt es mancherorts auch das von Eike aufgegriffene Rotblaugelbgrün als sprachliche Untermalung des rhythmischen Springens.
      Der Autor lädt uns in Befehlsform zum Kopfsprung in das poetischbunte Planschbecken ein. Die Farbpunkte des Anfangs sind blickf änge-risch: rot ist das erste Wort , es läßt sich nicht übersehen. Ähnlich wie auf der Palette kann man die vier Grundfarbender ersten Zeile auch sprachlich zu mathematisch genau berechenbaren Mischungen kombinieren. Die Skala führt von warmem Rot zu komplementär empfundenen kühlem Grün, desgleichen tritt Gelb und Blau in harmonischen Ausgleich. Eike vermeidet nun die Mechanik eines ausführlichen Spielens mit dem Jahrmarktskaleidoskop; nach der chromatischen Ankündigung suggeriert er sprachliche Kombinationsmöglichkeiten, deren Hauptsinn zunächst im Verfremden bewährter Redewendungen zu liegen scheint: vor spring wird des Präfix be- gesetzt, dann bereichert man spring durch ein über . Die erste Strophe hat die Einzelstücke vorgestellt und das Farbenmischen und Wortebilden in die Parallele gebracht.
      Die zweite Strophe greift das spring über auf. Man kann über verschiedene Dinge springen; Kinder spielen mit dem Sprungseil, Erwachsene leisten sich Seitensprünge oder sie hauen über den sträng. Der Dichter erlaubt sich, über das Wort zu hauen, so z.B. auch über das Wörtchen über- Was damit gemeint ist, verdeutlicht die dritte Strophe, die das lustvolle bespringen nicht als fröhlichen Zeitvertreib versteht, sondern als Mittel zum Zweck, zum befruchten beansprucht. Der Strang, die starre Grenze, das sprachliche Korsett, sind Zeichen schöpferischer Neige, Zeichen lauer Septemberpotenzen. Diese gealterte Grenze muß gesprengt werden. Als optimistische Alternative bietet Eike den vagen, lachenden Morgen an, den matinalen Fleiß, der sich frisch und früh übt . Ein Meister worin? Bei Heissenbüttel heißt das Ziel: ... ins Innere der Sprache einzudringen, sie aufzubrechen und nach ihren verborgensten Zusammenhängen zu befragen. Auch Eike übt sich befragen. .
      Voller Zuversicht wird das tor zum wort in dieser Weise aufgestoßen,und märchenhafte Träume scheinen realisierbar. Wer Geheimnisse zu lüften versteht, ist höchster Erfüllung gewiß. In der fünften Strophe scheint der Autor sich selbst undseine Kunst plötzlich mit mehr Distanz einzuschätzen, geht er so weit,die entspannende, auflockernde Wirkung eines solchen Wortspiels undsolcher Gaukelei*auszusprechen } Permutatiönenund Assoziationen, aus denen die Struktur des Textes wächst, nennt Eikeschaukel im Wortspiel. In derselben Strophe steht die vorworrenste
Zeile des Gedichts: morgen nacht ru rud blue. Stehen morgen und nachtals Substantive entgegengesetzter Bedeutung gleich festen Polen für das
Schaukelschwingen da? Und leitet das der nacht folgende ru bloßstabreimend zu einer mundartlichen Form von rot hinüber, die ihrerseitsals Antonym für das englische blue gesetzt sein will? Das bluemacht den Titel des Gedichts mit einem Schlag mehrdeutig, polyglott:er kann Frühling , Neubeginn, meinen. In der schon erwähnten Selbstinterpretation will Gerhard Eike mit dem blue einen Blues gemeint haben . Abgesehen von der sprachlichen Ungenauigkeit , läßt sich dank dieses Hinweises das ru rud blue auch als Tonmalerei für eine Saxophonstimme verstehen. Doch warum werden jetzt Rot und Blau als Farbpaare verwendet? Handelt es sich bloß um eine noch nicht probierte Mischung, steht es im Zusammenhang mit der siebenbürgischen Farbsymbolik, die dem Verfasser vertraut sein dürfte? Diese letzten drei Zeilen verteidigen, ohne die Gelegenheit der Verankerung im Hiesigen wahrzunehmen, den Nuancenreichtum ganz allgemein, der aus einer spielerischen weder-noch-Situation erwachsen kann, den jedoch alle Farben aufsaugendes Schwarz tötet.
      Als Spiel ist das Gedicht nicht leicht und heiter genug, zu karg und gewöhnlich das Wortmaterial. Als Bekenntnis wirkt es leider wie jede modische Gedankenfolie epigonenhaft, es wird fremden Beispielen nach dem Mund gespielt. Eike verfügt nicht ungeschickt über das Werkzeug; wo bleibt aber das geistig-eigenständige Rüstzeug? Das Besondere der Person und der konkreten Situation wird nicht entschieden zur Sprache gebracht, was bleibt, ist ein interessanter, aber letzten Endes unverbindlicher Einfall.
     

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