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Georg Herwegh - AUFRUF



Reißt die Kreuze aus der Erden! Alle sollen Schwerter werden, Gott im Himmel wird's verzeihn. Laßt, o laßt das Verseschweißen! Auf den Amboß legt das Eisen! Heiland soll das Eisen sein.
      Eure Tannen, eure Eichen — Habt die grünen Fragezeichen Deutscher Freiheit ihr gewahrt? Nein, sie soll nicht untergehen! Doch ihr fröhlich Auferstehen Kostet eine Höllenfahrt.

      Deutsche, glaubet euren Sehern, Unsre Tage werden ehern, Unsre Zukunft klirrt in Erz; Schwarzer Tod ist unser Sold nur, Unser Gold ein Abendgold nur, Unser Rot ein blutend Herz!
Reißt die Kreuze aus der Erden! Alle sollen Schwerter werden, Gott im Himmel wird's verzeihn. Hört er unsre Feuer brausen Und sein heilig Eisen sausen, Spricht er wohl den Segen drein.
      Vor der Freiheit sei kein Frieden, Sei dem Mann kein Weib beschieden Und kein golden Korn dem Feld; Vor der Freiheit, vor dem Siege Seh kein Säugling aus der Wiege Frohen Blickes in die Welt!
In den Städten sei nur Frauern, Bis die Freiheit von den Mauern Schwingt die Fahnen in das Land; Bis du, Rhein, durch freie Bogen Donnerst, laß die letzten Wogen Fluchend knirschen in den Sand.
      Reißt die Kreuze aus der Erden! Alle sollen Schwerter werden, Gott im Himmel wird's verzeihn. Gen Tyrannen und Philister! Auch das Schwert hat seine Priester, Und wir wollen Priester sein!
Georg Herwegh vertritt den fortschrittlichen Geist der Junghegelianer: als Dichter des deutschen Vormärz leitet er am Vorabend der Revolution von 1848 die Geschichte der sozialistischen deutschen Literatur ein. Sein erster Gedichtband Gedichte eines Lebendigen — dem auch vorliegendes Gedicht entnommen ist — machte den 23 jährigen über Nacht berühmt.
      Nachdem er seine Illusionen hinsichtlich einer fortschrittlichen konstitutionellen Monarchie in Preußen aufgeben mußte, lebt Herwegh in Paris und der Schweiz im Exil, unternimmt trotz de Warnung von Marx 1848 den abenteuerlichen Versuch, mit einem 800 Mann starken Freikorps den Aufständischen in Baden zu Hilfe Zu eilen, er scheitert, findet später zur Arbeiterbewegung und verfaßt drei Jahre vor seiner endgültigen Rückkehr nach Deutschland das Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, ein Gedicht, das ihm einen letzten aufsehnerregenden literarischen Erfolg bringt.
      Herwegh gehört zu den glänzenden, aber unglücklichen Talenten, die mit ihrem ersten Wurf gleich ihr Bestes oder selbst schon ihr Alles geben. Diese Einschätzung, die Franz Mehring der dichterischen Leistung des Lyrikers gab, stimmt im wesentlichen mit der Heines überein, der über die eiserne Lerche schrieb: Er hatte nur ein gewisses Pfündchen, das er sehr hübsch geprägt verausgabte, und nun ist er arm und leer, ein heruntergekommener Ver-schwender. Er bleibt nun ewig stumm und wird bloß von seinem Ruhm zehren.
      Herweghs Aufruf erlangte eine Volkstümlichkeit, die seine ersten beiden Zeilen zum geflügelten Wort werden ließen. Der Einsatz ist überaus kräftig, ein Befehlssatz jagt den anderen. Neben echten Imperativen gibt es auch die Umschreibung mit dem Modalverb, die die Eindringlichkeit des Gesagten unterstreicht. Das Bild von den herausgerissenen Kreuzen, die in der Hand des Freiheitdürstenden zur Waffe werden, ist von starker Wirkung; der Funktionswecbsel dieser gegensätzlichen Symbole geschieht mit der scharfen Eindeutigkeit eines Großplakates. Zu dem kräftigen Bild tritt auch eine anfeuernde Dynamik: die Bewegung ist heftig, geschiebt ruckartig, das Schwert wird kampfbereit gezückt, die Spitze, die kurz vorher noch in der Erde steckte, strebt nun herausfordernd gen Himmel. Dieser radikale Kampfwille im Gedicht ist verknüpft mit einem Antiklerikalismus, dessen Wurzeln in der allgemeinen Abwehrhaltung der Vormärzdichter gegen die monarchieerhaltende Verbindung von Thron und Altar liegen. Die religionsauflösenden Schriften von D. Fr. Strauß und Ludwig Feuerbach predigten nachhaltig. Diesseitigkeit statt Jenseitigkeit und gehörten zur richtunggebenden Lektüre der Vormärzliteraten. Die sorglos und leichthin getroffene Behauptung Gott im Himmel wird's verzeihn kann sich nur ein Atheist erlauben, wobei zu bemerken bleibt, daß Herweghs Atheismus in diesem Gedicht relativ gedämpft erscheint. Herwergh hatte 1835 das Theologiestudium in Tübingen begonnen und zeigte sich von der Lektüre des Buches Das Leben Jesu sehr beeindruckt. Die zahlreichen Entdeckungen und Erfindungen auf dem Gebiete der Naturwissenschaften brachten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine neue Wirklichkeitssicht mit sich. Man versuchte nun, auch die Gesetze und die Zusammenhänge des gesellschaftlichen Lebens zu erkennen. Der Gedanke,. die Welt nicht bloß zu interpretieren, sondern sie auch zu verändern, bildete den Ausgangspunkt für den Aktivismus der Vormärzdichter. Politische Literatur hatten schon die Lyriker des Befreiungskrieges und die Vertreter des Jungen Deutschland verfaßt, doch einen Höhepunkt erreicht diese Produktion in der Vorbereitungsphase und während der Revolution von 1848. Herwegh selbst schreibt über diese neue Literatur folgendes: Während der Dichter in früheren Zeiten sich zurückzog aus dem Gewühle der Welt, stürzt die junge Literatur sich mitten in den Strom des Lebens und schöpft aus ihm die meisten Wellen. Der Dichter vereinsamt sich nicht mehr, er sagt sich von keiner gesellschaftlichen Beziehung mehr los, kein Interesse des Volkes und der Menschheit bleibt seinem Herzen fremd. Die Religionsfeindlichkeit wurde auch als Gegen • erscheinung zu einem verstärkten kirchlichen Eiferertum heraufbeschworen. Seit 1814 waren die Jesuiten wieder als neuer Orden zugelassen.deren kriechend, feige Schafspelzdemut einer deutschen Einheit nicht gut gesinnt war. Aber nicht gegen Rom allein richten sich die Angriffe, sondern verstärkt gegen jede Religion. Es sei hier noch ein Satz von Heinrich Heine zitiert, der die revolutionäre Notwendigkeit der Absage an jeden Jenseitsglauben hervorhebt: Die Vernichtung des Glaubens an den Himmel hat nicht bloß eine moralische, sondern auch eine politische Wichtigkeit: die Massen tragen nicht mehr mit christlicher Geduld ihr irdisches Elend und lechzen nach Glükseligkeit auf Erden . In diesem Gesamtkontext des Zeitgeistes sind also die drei ersten Zeilen zu verstehen, von denen die beiden ersten zweifellos die energiegeladensten sind, während die dritte einen verharmlosenden Ton anklingt. Diese Zeilengruppe wird in der vierten und der letzten Strophe wieder eingesetzt, was die Einprägsamkeit des Bildes und die rhythmische Durchschlagskraft des Gedichtes steigert. Auch das strenge Durchhalten des Metrums und des Reims verleiht dem Gedicht einheitlichen Kampfcharakter. Die Strophe setzt sich aus sechs Zeilen zusammen, von denen die beiden ersten paarweise reimen, während die nächsten vierumarmenden Reim haben. Die Zeilen erhalten ihre Giederung durch viertaktige Trochäen. Das Gedicht ist ein Aufruf zur Tat, auch ein Selbstaufruf: das Verseschmieden soll zugunsten des unvermeidlichen revolutionären Kampfes aufgegeben werden. In einem bekenntnishaft gehaltenen Sonett taucht der gleiche Gedanke auf: Die große Zeit zertrümmerte die Flöte, I Sie braucht Posaunen und den tiefsten Basso . . .
      Tannenzweige und Eichenlaub waren zur Zeit des Befreiungskriegs der volkstümliche Schmuck der Freiwilligen und wurden somit zum Symbol der Freiheit selbst. Aus dem Erlebnis dieser nationalen Befreiungsbewegung erwuchs als einzige gesamtdeutsche bürgerlich-oppositionelle Vereinigung die Burschenschaft. Ihre Farben wurden zum Symbol der deutschen Einheit und der Revolution von 1848. Diese Farbenzusarnmenstel'lung geht auf die schwarzen Röcke mit roten Aufschlägen und rotem Vorstoß des Lützower Jägerkorps zurück. Diese Farben übernahm die Jenaer Urburschenschaft, deren Fahne seit 1816 Rot-Schwarz-Rot, mit gesticktem goldenem Eichenzweig und goldenen Fransen, zeigte. Seit 1825 wird die Trikolore nicht nur von der Studentenschaft, sondern auch von breiten Kreisen des Volkes, besonders den Handwerkern im Südwesten des Landes, als Reichsfarbe verehrt. Auf dem Hambacher Fest wurde diese Trikolore in aller Öffentlichkeit als Zeichen deutscher Einheit und revolutionären Zusammengehens gefeiert.
In der dritten Strophe des Gedichtes nimmt Herwegh eine Deutung dieser Farben vor und begibt sich damit in ein zu der Zeit allgemein übliches Interpretieren. Schwarz ist für Rudolf Gottschall zum Beispiel die Nacht, des Vaterlandes Schande, für Freiligrath ist es die Farbe des Pulvers, für Karl Heinrich Schnauffer gilt es als Warnung all jener, die Deutschlands Freiheit noch bedrohen. Rot ist der Freiheit Feuer , das Blut jener, die für die Freiheit kämpfen . Gold ist der leuchtende Blitz in der Nacht oder der Stern der Hoffnung , die flackernde Flamme , der Freiheit Segen . Bei Herwegh werden diese Farben ins Düstere gekehrt: es herrscht Kampfstimmung und noch keine Siegesatmosphäre. Der Kampf wird seine Opfer fordern, man spricht nicht leichtsinnig darüber, der Streiter muß sein Leben in die Schanze schlagen. Alles wird diesem hohen Freiheitsziel untersteilt: keine Freude, Kein eheliches Glück, keine Frucht auf dem Felde kann gedeihen, ehe nicht der Freiheit Fahnen wehen. Selbst der Rheinfluß wird angehalten, seine letzten Wogen nur fluchend in den Sand knirschen zu lassen, ehe nicht Freiheit im Lande herrscht. Das im Original kursiv gedruckte Wörtchen frei in der vierten Zeile der sechsten Strophe spielt wahrscheinlich auf einen sehr konkreten historischen Vorfall an. 1840 kam es zur Orientkrise, in deren Verlauf Frankreich und Preußen verschiedene diplomatische Parteien vertraten. Als französische Diplomaten im politisch erregten Gespräch das Schlagwort von der Rheingrenze in die Debatte warfen, kam es in ganz Deutschland zu einer scharfen antifranzösischen Bewegung, die die Gedanken des Befreiungskrieges aufleben ließ. Der poetische Niederschlag dieser Reaktion waren die zahlreichen Rheinlieder, die in diesem Jahr entstanden.
      Der ungemein lebendige Eindruck, den dieses Gedicht erweckt, entsteht durch die verschiedenen Möglichkeiten des direkten Ansprechens, die Herwegh verwendet hat. Fast die Hälfte aller Sätze des Gedichtes sind in Befehlsform geschrieben, dazu kommen Fragen, elliptische Ausrufe oder das eindrucksvoll an den Anfang der Zeile gesetzte Modaladverb nein. Das Gedicht verlangt den lauten Vortrag, und der rhetorische Stil wird auch durch die effektvollen Wiederholungen, deutlich. Nicht nur Substantive, sondern auch Pronomen, Präpositionen und das Indefinitpronomen kein kehren immer wieder; in der dritten Strophe führen diese Wiederholungen sogar zu einem identischen Reim: nur — nur. Herwegh verwendet antithetische Substantive wie Kreuz — Schwort, Himmel — Erde, Heiland — Eisen, als Beispiel allein in der erste»
Strophe. Das Verbmaterial ist im Vergleich zu den Substantiven eher blaß, Herwegh gebraucht zahlreiche Hilfsverben, spart sogar die Satzkopula in manchen Sätzen, doch wirken dann die wenigen auf Tonmalerei angelegten Verben um so nachhaltiger und auffälliger.
      Herwegh bezeichnet den Dichter als Seher und Priester, doch auch hier wird der religiöse Kontext ins Kämpferische umgedeutet, der Dichter hat ein Priester des Schwertes zu sein.
      Die Gedichte von Georg Herwegh haben ihren Einfluß auch auf die Vormärzdichtung unseres Landes ausgeübt. So verfaßt Josef Marlin zum Beispiel ein Sonett, An die Lebendigen, das im Titel schon auf Herweghs Gedichtband bezug nimmt und in den beiden Schlußterzinen den Mann von Sinn und Taten als revolutionär Gleichgesinnten begrüßt.
     

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