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Gemessener Raum und erlebter Raum



Mit dem Raum ist es wie mit der Zeit: Er wird nicht zunächst als >messbarer< Raum wahrgenommen, d. h. als physikalisch-technischer Raum, und danach auch noch irgendwie >erlebterlebter Raum< präsent. Und erlebt wird Raum nicht als solcher, sondern als »dort hinten am Waldrand, wo die Straße zur Stadt abzweigt«, oder als »ganz oben in meinem Regal, wo ich gestern noch Walter Mehrings Verlorene Bibliothek eingestellt hatte«. Erlebter Raum ist immer erlebter Bedeutungszusammenhang. Auch der messbare, physikalisch-technische Raum ist nur im Durchgang durch den erlebten Raum erfahrbar: in einer dann eigens gewählten messenden Einstellung, die ein ruhiges theoretisches Hinsehen bedeutet. Diese Einstellung kann aber als eine solche selber wiederum zum erlebten Raum führen, nämlich zum erlebten gemessenen Raum: im rettenden Sprung über einen Abgrund, dessen messbare Breite, mit einem Blick erfasst, darüber entscheidet, ob der Sprung glücken kann oder nicht. Raum wird primär als Gegend erfasst, aus der etwas hier und jetzt begegnen, d. h. auf mich zukommen kann.

      Der hier anstehende Unterschied zwischen erlebtem Raum und gemessenem Raum ist von Heidegger in Sein und Zeit exemplarisch verdeutlicht worden:
Ein »objektiv« langer Weg kann kürzer sein als ein »objektiv« sehr kurzer, der vielleicht ein »schwerer Gang« ist und einem unendlich lang vorkommt.
Seine Ausführungen zur »Räumlichkeit des In-der-Welt-seins« münden in die Pointe: Dasein stellt immer »Nähe« her. Nähe heißt hier, dass der Gegenstand unserer Aufmerksamkeit durch unsere Aufmerksamkeitsleistung »na-he« ist, auch wenn er »objektiv« weit weg sein mag. Das Fernsehen, so sei ergänzt, ist in diesem Sinne ein Nahsehen, ein Heranholen auch des Fernsten in die nächste Nähe, nämlich mitten ins Wohnzimmer. Welt erfahren heißt immer, Nähe herstellen. Dies gilt nicht nur für die Dinge in gleichzeitiger Ferne, durch eine Live-Sendung, sondern auch für die Aneignung der Tradition durch Lektüre. Verstehen heißt nahe bringen, mag das Verstandene zeitlich oder räumlich auch noch so fern sein.
      Raum kann sowohl als erlebter Raum als auch als gemessener Raum literarisches Thema werden. Gemessener Raum als erlebter Raum liegt vor, wenn mit Hilfe einer Landkarte Orientierung gesucht wird, so in Robert Louis Stevensons Schatzinsel oder in Norman Mailers Die Nackten und die Toten. In beiden Texten wird kartographierter Raum durchmessen.
      Es lässt sich jetzt sagen: Raum als literarisches Thema ist immer erlebter Raum. »Welt« wird in ihrer Räumlichkeit erfahren, indem hier und jetzt aus einer Gegend etwas begegnet und sich das erlebende Subjekt in der Begegnung mit diesem Etwas orientiert. Dieses Etwas kann ganz Verschiedenes sein: ein Naturereignis , eine Einzelperson , ein Kollektiv . Immer aber wird das, was als >etwas< begegnet, automatisch daraufhin geprüft, ob es zuträglich oder abträglich ist oder Gleichgültigkeit verdient. In solchem Eingehen auf das, was sich nähert, wird die Räumlichkeit der Welt tatsächlich, nämlich in ihrer Faktizität erfahren.
      Räumlichkeit wird also niemals als eine solche zum literarischen Thema, sondern als erlebte Nähe oder Ferne jenes Etwas, das in einer Situation aus einer Gegend auf ein Subjekt zukommt. Als Abträgliches, Zuträgliches oder Gleichgültiges hat dieses Etwas eine Bedeutung und gibt mit dieser dem erlebenden Subjekt eine Orientierung. Der Raum ist also immer als Nähe oder Ferne dessen, was in einer Situation begegnet, >daphilosophisch

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