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Gattungsdefinitionen in der Nachfolge Diltheys



Bis in die neueste Zeit hinein haben die Literaturgeschichtsschreibung und die Gattungstheorie den Bildungsroman meist von dem inhaltlichen Moment her definiert, das der Gattung schon bei Dilthey und früheren Autoren ihren Namen eingetragen hatte: Man fand das entscheidende Kriterium darin, daß im Mittelpunkt des Romans eine Entwicklungsgeschichte stand, die auf einen Zustand der durch Erfahrung gewonnenen Reife, auf einen Ausgleich des problematischen Helden mit der Welt hinstrebte. Eine Präzisierung suchte man oft durch eine Abgrenzung von den verwandten Gattungen des Entwicklungs- und des Erziehungsromans zu erreichen. Ein Ansatz dazu findet sich bereits in dem 1926 erschienenen Buch Melitta Gerhards Der deutsche Bildungsroman bis zu Goethes ,Wilhelm Meister'. Der Entwicklungsroman' ist hier als die allgemeinere Kategorie aufgefaßt, zu der all jene Werke gehören, 'die das Problem der Auseinandersetzung des Einzelnen mit der jeweils geltenden Welt, seines allmählichen Reifens und Hineinwachsens in die Welt zum Gegenstand haben, wie immer Voraussetzung und Ziel dieses Weges beschaffen sein mag" . Als ,Bildungsroman' bezeichnet Melitta Gerhard dagegen eine historische Spezifikation, eine Untergattung des Entwicklungsromans', die der 'Goetheschen und Nach-Goetheschen Epoche" zuzurechnen ist.
      Allerdings hat sich aufgrund dieser Vorschläge kein einheitlicher Sprachgebrauch herausgebildet. Der von Lothar Köhn in seinem 1968 publizierten Forschungsbericht unternommene Klärungsversuch kann jedoch als plausibles Resümee der oft wirren und eigensinnig geführten Diskussion um eine brauchbare Terminologie gelten:
' ,Bildungsroman' benennt eine konkrete historische Gattung oder Dichtungsart, Entwicklungsroman' dagegen einen quasi-überhistorischen Aufbautypus" .
      '[Als ,Erziehungsroman' gilt] ein stärker didaktisches Genre, das pädagogische Probleme diskutiert, Erziehungsformen gedanklich entwirft oder exemplarisch veranschaulicht" .
      Das Auftreten des Bildungsromans als 'historische Gattung oder Dichtungsart" fällt nach Köhns Auffassung in die Goethezeit. Allerdings warnt er davor, aus den geistesgeschichtlichen Umständen der Gattungsentstehung zu eng gefaßte Folgerungen abzuleiten, weil man auf diese Weise den Begriff als Instrument zur ordnenden Erfassung größerer historischer Zusammenhänge unbrauchbar machen würde:
'Besteht man darauf, daß der Held aufgrund einer Bildungsidee sich entwickeln und in die ausgebreitete Wirklichkeit hineinwachsen muß oder daß der Bildungsroman Totalität der ,Welt' darbietet, so verengt sich zwangsläufig der Rahmen, umfaßt möglicherweise kaum das, was gelegentlich ,klassicher Bildungsroman' genannt wird" .
      Wie sich zeigen läßt, korrespondieren der Thematik des Bildungsromans eine Reihe formaler Besonderheiten : Die Erzählung ist um eine zentrale Figur herum aufgebaut, die in ihrem Durchgang durch verschiedene Weltbereiche und in der Auseinandersetzung mit anderen Menschen vorgeführt wird. Aus dieser Anlage wachsen den einzelnen Beispielen der Gattung sowohl Elemente des Figurenromans wie solche des Raum- oder Gesellschaftsromans zu, wobei deren Anteile unterschiedlich akzentuiert sein können. Da der Held der Geschichte über lange Strecken in Irrtümern befangen bleibt und sich auf Abwegen zu verlieren droht, schildert ihn der Erzähler häufig aus ironischer Distanz. Das Ganze strebt einer harmonischen Lösung zu, die allerdings meist nicht ungebrochen und ohne Vorbehalte realisiert wird.
      Eine solche idealtypische Beschreibung des Bildungsromans ist indessen weit entfernt davon, allgemeine Anerkennung zu finden. Wie bei anderen Gattungsdefinitionen streiten sich die Interpreten um die Maßgeblichkeit einzelner Kriterien und um die Reichweite der Bestimmungen. Einige Autoren wollen - unter Berufung auf das von Dilthey inaugurierte Bild der Gattung — als Bildungsromane nur Seelengeschichten anerkennen, die sich auf die Darstellung von innerlichen Prozessen beschränken . Es ist nur konsequent, wenn daraus gefolgert wird, daß man für den Wilhelm Meister selbst und für die an ihn anschließende Tradition den Begriff ,Bildungsroman' nicht verwenden solle. An seine Stelle wäre vielmehr, so wird empfohlen, der Begriff ,Individuairoman' zu setzen, der die soziale Dimension in der Entwicklungsgeschichte des Romanhelden mitumfassen kann .
      Man wird indessen zweifeln, ob dieser terminologische Vorschlag wirklich sinnvoll ist und weiterführt. Denn er geht von einem auf die Darstellung von Innerlichkeit festgelegten Konzept des Bildungsromans aus, das offensichtlich schon für die klassischen Muster der Gattung, den Agathon und den Wilhelm Meister, nicht zutrifft. Das Bildungsproblem, so wie es in diesen beiden Romanen und in späteren, unter ihrem Eindruck entstandenen Werken thematisiert ist, konzentriert sich doch gerade immer auf die Spannung zwischen dem sinnsuchenden Subjekt und der Welt. Wo also in der Vergangenheit versucht wurde, den Bildungsroman lediglich als weltlose, von aller gesellschaftlichen Problematik abgelöste Seelengeschichte zu interpretieren, da verkürzte man die als Muster zitierten Werke um eine wesentliche Dimension. Es besteht kein Anlaß, dieses reduzierte Bild der Gattung festzuhalten, vielmehr sollte man sie so definieren, daß die Komponente des Raum- und Gesellschaftsromans, die in jedem Bildungsroman steckt, miterfaßt wird.
      Schon frühere Literaturhistoriker hatten für diese Gattung bisweilen einen besonderen Rang reklamiert, indem sie ihr hohe ideelle Ansprüche zuschrieben. Friedrich Gundolf beispielsweise forderte, der Bildungsroman müsse immer ein 'Weltbildroman" sein . Dieser Gedanke taucht in Michael Beddows Buch The Fiction of Humanity wieder auf. Seine These ist, daß die Lebensgeschichte des zentralen Helden nicht das eigentliche Thema des Bildungsromans sei. Die Entwicklung des Protagonisten werde vielmehr in Werken wie Agathon, Wilhelm Meister, Nachsommer und Zauberberg anderen, nämlich allgemeineren und höheren Zwecken dienstbar gemacht:
'The expression and recommendation of a particular understanding of the nature of humanity through the more or less overtly fictitious narrative of the central character's development is, in my view, the most important feature which gives the novels [...] their peculiar generic identity" .
      Das Wahrheitsmoment von Beddows Deutungsvorschlag liegt darin, daß die Bildungshelden in der Regel als exemplarische Figuren vorgeführt werden, deren Entwicklung bestimmte psychologische, soziale und moralische Lebensgesetzlichkeiten anschaulich macht. Aber es ist doch fraglich, ob der Bildungsroman deshalb als ein vorwiegend philosophisch orientiertes Genre verstanden werden kann. Es besteht die Gefahr, daß einer so ansetzenden Interpretation die anschauliche Konkretheit der erzählten Lebensgeschichten entgleitet und daß die Romane vor allem zur Illustration bestimmter geistesgeschichtlicher Probleme benutzt werden. Jedenfalls würde bei einer solchen Gattungsdefinition das ursprünglich für die Benennung dieser Romanart entscheidende inhaltliche Moment zu einem nur noch in zweiter Linie bedeutsamen Merkmal herabgestuft.
     

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