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Gattungsbestimmung für den Zweck dieses Arbeitsbuches
Die Überlegungen dieses Buches, die im Anschluß an eine seit Jahrzehnten geläufige Betrachtungsweise einen bestimmten Zusammenhang der deutschen Romangeschichte verfolgen, gehen aus von folgender Bestimmung des Bildungsromans: Der Gattung sollen Werke zugerechnet werden, in deren Zentrum die Lebensgeschichte eines jungen Protagonisten steht, die durch eine Folge von Irrtümern und Enttäuschungen zu einem Ausgleich mit der Welt führt. Dieser Ausgleich ist oft nur vorbehaltvoll und ironisch geschildert, er ist jedoch als Ziel oder zumindest als Postulat notwendiger Bestandteil einer ,Bildungs'-Geschich-te. Fehlt diese Perspektive, wäre von einem Desillusionsroman zu sprechen, einer Variante des Entwicklungsromans, die zum Bildungsroman in einem komplementären Verhältnis steht.
Zu den Merkmalen des Bildungsromans gehört, daß sein Protagonist ein mehr oder weniger explizites Bewußtsein davon hat, nicht bloß eine beliebige Folge von Abenteuern, sondern einen Prozeß der Selbstfindung und der Orientierung in der Welt zu durchlaufen. Dabei gilt in aller Regel, daß die Vorstellungen des Helden über das Ziel seines Lebensganges zunächst von Irrtümern und Fehleinschätzungen bestimmt sind und sich erst im Fortgang seiner Entwicklung korrigieren. Typische Erfahrungen der Bildungshelden sind die Auseinandersetzung mit dem Elternhaus, die Einwirkung von Mentoren und Erziehungsinstitutionen, die Begegnung mit der Sphäre der Kunst, erotische Seelenabenteuer, die Selbsterprobung in einem Beruf und bisweilen auch der Kontakt zum öffentlichpolitischen Leben. In der Gestaltung und Wertung dieser Motive differieren die verschiedenen Romane außerordentlich. Durch die Orientierung auf ein harmonisches Ende bekommen sie indessen notwendig eine teleologische Struktur.
Wenn man von Ausnahmefällen wie dem Heinrich von Ofterdingen und dem Nachsommer absieht, so läßt sich als Charakteristikum der in den Bildungsro-manen erzählten Entwicklungsgänge festhalten, daß deren Protagonisten sich in einer Welt zurechtfinden müssen, die ihren spontanen Wünschen und ihrem Sinnverlangen nicht unmittelbar entgegenkommt. Daher bleiben ihnen Irrtümer und Niederlagen nicht erspart, ja diese negativen Erfahrungen erweisen sich in aller Regel als höchst förderliche Phasen der individuellen Entwicklung. Vor dem Absturz in vollständige Desillusionierung wird die Bildungsgeschichte durch die optimistische Prämisse bewahrt, daß ein Kompromiß zwischen den Aspirationen des Individuums einerseits und den Forderungen der Welt andererseits, zwischen der Selbstbehauptung des Subjekts und der Einfügung in vorgefundene Ordnungen nicht unmöglich ist.
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