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Friedrich Nietzsche - VEREINSAMT



Die Krähen schrein

Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein —

Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat!
Nun stehst du starr,

Schaust rückwärts ach! wie lange schon!
Was bist du Narr

Vor Winters in die Welt entflohn-
Die Welt — ein Tor

Zu tausend Wüsten stumm und kalt!

Wer das verlor,

Was du verlorst, macht nirgends Halt.
      Nun stehst du bleich,

Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,

Der stets nach kältern Himmeln sucht.
      Flieg, Vogel, schnarr'

Dein Lied im Wüstenvogelton!
Versteck', du Narr,

Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Kraben schrein

Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein,
Weh dem, der keine Heimat hat!
Friedrich Nietzsche, der Philosoph und Dichter der Krise, wurde 1844 in Röcken bei Lützen als Pfarrerssohn geboren. Gymnasialbildung in Schulpforta und Studium: der klassischen Philologie in Leipzig. Ab 1869 Professor an der Universität Basel, von wo er 1878 aus Krankheitsgründen zurücktritt. Ende 1889 erfolgt durch derr Schlagfluß der geistige Zusammenbruch. Stirbt 1900, völlig umnachtet. Wichtige Werke: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik mit der Festlegung auf eine schwingend leidenschaftliche, dionysische Kunst im Gegensatz zur apollinischen; Unzeitgemäße Betrachtungen mit der Abwendung vom Historismus des 19.Jahrhunderts; Also sprach Zarathustra mit dem überhitzten Versuch, aus der Entwertung des gesellschaftlichen Seins durch einen tiefen Pessimismus der Kraft und ein bis zu Rücksichtslosigkeit gesteigertes Ãœbermenscrientum zur Umwertung aller Werte zu gelangen.
      Nietzsches Dichtungen, wobei dazu sowohl seine essayistische Prosa, die besonders in der Spätzeit eher sublimiert poetisch als philosophisch oder positivistisch in Erscheinung tritt, wie auch die relativ spärlich gesäte Lyrik gerechnet werden muß, sind einwandfrei kaum in eine von den großen literarischen Strömungen des 19.Jahrhunderts einzugliedern. Im Ansatz seiner pessimistischen Weltschau steht erwiesenermaßen die Welt als Wille und Vortstellung des Arthur Schopenhauer, dessen Schüler er blieb, auch als er den Meister längst verleugnet hatte . Ästhetisch läßt er sich, zumindest teilweise, auf die Spätromantiker, vor allem auf Richard Wagner zurückführen, dem er trotz Abkehr und Verwerfung eine fesselnd zwielichtige Treue in Sachen der Kunst gehalten hat. Andere Linien ließen sich verfolgen. Keine aber kennzeichnet dennoch die aufklaffende Gegensätzlichkeit eines literarischen Einzelgängers, der von überall und nirgends herkommend, seine Nachwelt um so mehr bestimmte. Die Naturalisten fanden bei ihm die Determinanz des Triebhaften vorgebildet, die Neuromantiker zogen aus seinem Werk für sich und ihre Zeit ein neues Einsamkeitsgefühl und die Abwendung von dem geschichtlich Wirklichen ab, die Impressionisten die schimmernde Gestakung des Augenblicks, die klingende Momentaufnahme, wie sie ihm etwa im Gedicht Venedig gelungen war. Der Faschismus politisierte ihn bis zur Tragik, zog sein Ãœbermenschentum als Begründung des planmäßigen Massenmords heran motivierte einen verbrecherischen Nationalismus mit seinem Willen zur Macht und unterschlug wissentlich, daß gerade er die beißenden Worte geprägt hatte: Deutsch denken, deutsch fühlen, ich kann alles, aber das geht über meine Kraft, daß er sichoft und gerne über das dumpfe deutsche Stuben-Glück lustig zu machen pflegte und ironisch sein Mitleid mit deutschem Quer-V'erstand nicht verhehlte.
      Speziell zur Lyrik Nietzsches ist wenig zu sagen. Sie nimmt in seinem Schaffen einen nur geringen Raum ein. Nietzsche war kein ausgesprochener Lyriker. Die meisten seiner Gedichte, teilweise auch in den Zarathustra eingeflochten, sind hymnischen Charakters. Oder aber es sind geistreiche Aphorismen, Sinnsprüche, geschrieben in den achtziger Jahren quasi als poetiseh-konzentrierte Spiegelung der essayistischen Prosa. Eigentliche Gedichte, in denen Nietzsche auf die spätere Entwicklung der deutschen Lyrik als solche nachhaltigen Einfluß genommen hätte, finden sich wenige. Die bi 1 d h a f t geballte Form hat ihm weniger zugesagt. Er war eher Redner als Sprecher und Bildner. Denoch hat er manches Gedicht geschrieben, in dem ihm einzigartig und bleibend der große lyrische Wurf gelungen ist. Ein solches ist zweifellos das sechsstrophige Vereinsamt.
      In seiner Motivik weist es auf die Spätromantiker hin. Das Bildarsenal erinnert an Lenau, aber auch an Schuberts Winterreise , und es ist wohl kaum anzunehmen, daß Nietzsche, der so viele Affinitäten gerade zur Musik aufzuweisen hatte, letztere nicht gekannt haben soll. Wie dem auch sei: in diesem Gedicht spricht er eine eigene Sprache, die sich für sich selbst ausweist und heute noch ihren Klang nicht verloren hat.
      Schon der Titel des Gedichts ist einer näheren Betrachtung wert. Er heißt nicht Einsam, meint also keineswegs einen starren und statischen Zustand, sondern schließt ein Werdendes, besser Gewordenes ein, die Wegstrecke, die zurückgelegt wurde etwa von den frühen Hymnen an die Freundschaft bis hin zu den Erfahrungen des tiefsten und erschütternsten Alleinseins, das schließlich in den Wahnsinn überleitete.
      Die ersten drei Verse umspannnen als enge poetische Vorhalle eine Weltsituation — mit geringfügigen Strichen werden hastiger Krähenflug und unbestimmte Stadt in eine schneebedrohte Landschaft gestellt. Gerade diese Armut an Mitteln aber läßt die Schwere der Stimmung ahnen, aus der dann auch folgerichtig das Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat! hervorbricht, ein Ausruf, zwar aussagend genug über das eigene Alleinsein, aber trotzdem noch einschließend die Gewißheit vom Wohl derer, die noch Heimat haben, Bindungen also zur Welt und den Mitmenschen.
      Im du der nächsten Strophe tritt der lyrische Held in das Gedicht, höhnisch-sarkastisch sich selbst als Narr bezeichnend, der zu katastrophal unpassender Zeit seine vormals bestehenden Bindungen aufgab; hintersich den langen Weg der Vereinsamung, nicht mehr überschaubar, geschweige denn rückgängig zu machen, vor sich eine Welt aus tausend Wüsten, auskunftslos und ohne menschliche Wärme. Ahasverisch getrieben, ist er ,zur rastlosen Winterwanderschaft verflucht, macht nirgends Halt, weil er auch das Letzte, eben jene Bindungen verlor. Seine Straße führt unausweichlich immer mehr in die Ausweglosigkeit. Eine Rettung ist ausgeschlossen, denn jeder Schritt berührt kältere, unmenschlichere Regionen, mehr noch, er sucht sie, dem Rauche gleich, denn jedes gut beabsichtigte oder auch nur in der kaum fühlbaren Sehnsucht nach Güte und Wärme sich vollziehende Handeln und Tun schlägt unweigerlich, aber folgerichtig in sein Gegenteil um.
      Angesichts dieses Verlassenseins bleibt nur noch die hohle und hoffnungslose Anrufung der Krähe und ihres Lieds im Wüstenvogelton, nur noch die Aufforderung, das eigene blutend Herz, die eigene Wesenheit mit all ihrem Leid und der vielleicht einmal noch aufkeimenden närrischen Hoffnung auf den errettenden Schritt, in Eis und Hohn, in Kälte und Selbstverlacben zu verstecken und erkalten zu lassen.
      Noch einmal taucht im Gedicht das Bild der ersten Strophe, die ungewisse, schneebedrohte Landschaft auf, doch der diesmal verändert wiederkehrende Vers potenziert diese letzte Strophe und mit ihr alles, was im Gedicht an Verzweiflung und Verlorensein aufschreit, ins Unerträgliche: die Einsamkeit ist allgegenwärtig. Nicht mehr wird das Wohl derer, die sich noch ihrer Bindungen erfreuen, bedacht. Auch sie sind weit zurückgefallen, selbst mit dem Gedanken nicht mehr erreichbar — die Einsamkeit ist vollkommener Fluch .
      Hier klafft quasi in einem Brennpunkt die Tragik des ganzen Nietzsche auf, vor der Thomas Mann in seinem großen Essay mit entsetztem Verständnis den Ausruf tat: Welch ein Getriebenwerden ins Weglose! Welch ein Sich-Versteigen in tödliche Höhen!
Nietzsche selbst hat in solchem Sich-V ersteigen das Alleinsein sogar jubelnd gepriesen: O Einsamkeit! Du meine Heimat Einsamkeit! Wie selig und zärtlich redet deine Stimme zu mir! Wir fragen einander nicht, wir klagen einander nicht, wir gehen offen miteinander durch offene Türen. Denn offen ist es bei dir und hell; und auch die Stunden laufen hier auf leichteren Füßen. An solchen und ähnlichen Stellen finden sich auch die Ansätze zu dem, was dann Jahrzehnte später der Faschismus vergewaltigt und umpolitisiert hat . Aber der gleiche Nietzsche hat, auch gerade sehr spät noch, so im Gesang Auf hohen Bergen, seiner tiefen Sehnsucht nach menschlichen Bindungen, nach Austausch und Verständigung erschütternd Ausdruck verliehen: O Lebensmittag! Feierliche Zeit! I O Sommergarten! I Unruhig Glück im

Stehn und Spähn und Warten — / Der Freunde harr ich Tag und Nacht bereit. I Wo bleibt ihr, Freunde? Kommt! 's ist Zeit! s ist Zeit! So len denn gerade auch das Gedicht Vereinsamt Zeugnis ab von dieser Lebensproblematik und -tragik eines Mannes, der in der Krise des ausgehenden 19. Jahrhunderts die wesentlichen Tendenzen der Zeitlauie erahnte, an ihnen katastrophal teilhatte und sie und sich im Wort zu bannen versuchte. Hier in einem Wort, ohne hymnischen Schwulst, aut einfachste Formen reduziert und konzentriert, aber um so tragischer und evidenter.
     

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Friedrich  Nietzsche  -  VEREINSAMT    





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