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Friedrich Hölderlin - LEBENSLAUF



Größers wolltest auch du, aber die Liebe zwingt All uns nieder, das Leid beuget gewaltiger, Doch es kehret umsonst nicht Unser Bogen, woher er kommt.
      Aufwärts oder hinab! herrschet in heiiger Nacht, Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt, Herrschet im schiefesten Orkus
Nicht ein Grades, ein Recht noch auch't
Dies erfuhr ich. Denn nie, sterblichen Meistern gleich, Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden, Daß ich wüßte, mit Vorsicht Mich des ebenen Pfads geführt.


      Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen, Daß er, kräftig genährt, danken für alles lern, Und verstehe die Freiheit, Aufzubrechen, wohin er will.
      Nach Hölderlins Fortgang aus Frankfurt und der Trennung von der Geliebte:, entstanden zunächst mehrere Oden, die dem Schmerz des Abschieds Sprache verleihen, in denen aber auch das Leben schlechthin als leidgezeichnet erscheint. Die späteren Gedichte aus dieser Homburger Schaffensphase versuchen dann, in einer heroisch-distanzierten Haltung die dunkeln Erfahrungen zu bewältigen und als sinnvollen Teil des Erlebens anzunehmen. Das Gedicht Lebenslauf, das in zwei Fassungen vorliegt, verdeutlicht diesen Wandel.en

Die erste Fassung dieses Gedichtes, eine Kurzode von nur vier Zeilen, entstand im Jahre 1798 und lautet:
Hoch auf strebte mein Geist, aber die Liebe zog Schön ihn nieder; das Leid beugt ihn gewaltiger; So durchlauf ich des Lebens

Bogen und kehre woher ich kam.
      Der Lebenslauf wird hier als Lebensbogen gesehen und es werden jene Kräfte genannt, die ihn formten: Geist, Liebe und Leid. Daß gerade diese Mächte als lebensbestimmend genannt werden, läßt erkennen, wie sehr Hölderlin hier pro domo spricht. Man wird die Strophe folglich auch am ehesten begreifen, wenn man sie auf seinen eigenen Schick-salsbogen bezieht: geistiges Streben im Sinne des philosophischen Idealismus führte ihn in den frühen Jahren in den luftleeren Raum gedachter Ideale; als er, dem ein spekulatives Verhalten ungemäß war, diese als echolose Öde empfand, war es die Liebe, die das geistige Streben milderte und zur Schönheit führte. Denn Schönheit heißt für Hölderlin Mitte und Maß, Ausgeglichenheit, heißt Eingefügtsein des Einzelnen ins Allgemeine. Liebe führt den in Geistesöde entfliehenden Blick demnach zum Seienden zurück und läßt ihn im Wirklichen den Wert erkennen. Das Leid aber beugt gewaltiger, es beugt ihn tiefer als bis zum Wirklichen: es führt ihn in die Düsternis, wo der Zweifelnde auch früh verweilte. So bietet diese erste Fassung des Gedichtes ein vollendetes Bild von Hölderlins eigener geistiger Entwicklung bis zu seiner Trennung von Diotima und bleibt — was sich sprachlich in der Gegenwartsform der Zeitwörter beugt, durchlauf und kehre verwirklicht — zugleich an den Abschiedsmoment gebunden.
      Im Jahre 1800 nahm Hölderlin diese Verse erneut in Arbeit. Das ehemalige Gedicht wurde nun zur ersten Strophe einer vierstrophigen Fassung, doch nahm Hölderlin darin zugleich einige schwerwiegende Veränderungen vor, die alle darauf abzielen, das Erlebnishafte und Momentgebundene zugunsten einer Verallgemeinerung der Aussage einzuschränken. Zunächst einmal fällt auf, daß die subjektive Ich-Ansprache durch eine distanzierte Du- und Uns-Anrede ersetzt wird. Dadurch löst sich das dichterische Ich von der Selbstaussprache und hält verallgemeinernde Ãœberschau über all uns. Das am eigenen Sein empfundene und erfahrene Prinzip des Lebensbogens wird auf Menschensein schlechthin bezogen.
      Schwerwiegender als das ist jedoch die Veränderung, die Hölderlin in der 3. und 4. Zeile vornimmt: Doch es kehret umsonst nicht I Unser Bogen, woher er kommt setzt eine ganz neue Wertungposition diesem Bogen-Leben gegenüber voraus, die sich schon im Satzton zu erkennengibt. Der Hauptakzent liegt auf dem umsonst nicht und darauf fällt auch der Bedeutungsakzent. Wenn diese Zeilen ehemals ein resignierendes Hinnehmen der Leidtatsache ausdrückten, so wagen sie es nun, diese als nicht umsonst, nicht vergeblich, zu erklären, sie unternehmen es, das Gebeugt-Werden nicht nur als unumgänglich sondern auch als sinnvoll darzustellen.
      So kann in dem Ausruf Aufwärts oder hinab, mit dem die zweite Strophe anhebt und das gedankliche Fazit der ersten zieht, Steigendes und Fallendes lakonisch aber entschieden gekoppelt und auf dieselbe Stufe, auf dieselbe Bedeutungsebene gehoben werden. Diese neue Erkenntnis von der letztlichen Gleichwertigkeit steigender oder fallender Lebensrichtung wird zunächst freilich nur deklarativ vorweggenommen. Ihre Untermauerung und Begründung bildet dann den Gegenstand der 2. und 3. Strophe.
      Das Hinab, die dunkle Erfahrung, wird in der 2. Strophe durch die beiden traditionellen, auch in Hölderlins Werk häufigen Metaphern Nacht und Orkus in der Rede gehalten. Doch ist diese Nacht zugleich auch heilig, sinnt werdende Tage, hat also auf die Zukunft bezogene schöpferisch-positive Funktion und Finalität. Ja selbst der Orkus, die letzte Tiefe, zu der das Hinab führen kann, diese Stätte des Schiefesten, des Unerträglichsten, kennt noch ein Grades, ein Recht, wird anerkannt als Lebensmöglichkeit. Später, in der Elegie Brot und Wein, spricht Hölderlin dieselbe Ãœberzeugung in den Worten aus:

Fest bleibt eins; es sei um Mittag oder es gehe
Bis in die Mitternacht, immer bestehet ein Maß ...
      Auch die fallende Lebensbewegung ist kein endloses Versinken sondern kennt ein Maß und kann in ihrer Finalität sinnvoll sein: Dies erfuhr ich. Dieser Auftakt der 3. Strophe, der sich wohl in gleichem Maße auf die erste und auf die zweite Strophe bezieht, verlegt die Begründung der gewonnenen Erkenntnisse auf die Ebene der persönlichen Erfahrungen. Die eigene, unebene Schicksalsbahn belehrte das lyrische Ich, daß 1. die steigende und die fallende Lebensrichtung in ihrer Wirkung auf das Ich von gleichem Wert sind und daß 2. beide sinnvoll sind.
      Diese individuelle Erfahrung und Ãœberzeugung muß nun noch in der Begründung verallgemeinert werden. Das leistet die letzte Strophe. Sie nennt die Himmlischen als höhere, einsichtigere Instanz, die von vorne herein jene Erkenntnis besitzen, um die im Gedicht gerungen wird und die sich als gültige Schlußfolgerung ergibt: daß auch das Leid vom erlebenden Menschen dankend angenommen werden kann und soll, da eskräftige Nahrung zu sein vermag. Denn durchstandenes Leid allein gibt jene wahre innere Freiheit, die es dem Menschen ermöglicht, aufzubrechen, wohin er will. Für diesen Zustand jenseits aller Rücksichten auf Gut und Böse hat Hölderlin an der oben erinnerten Stelle aus Brot und Wein den Begriff des Offenen geprägt. Wer das Leid auf sich nimmt, es besteht — es leistet, würde Rilke sagen —, lebt in diesem freien Bereich des Offenen, wo er fähig ist, für alle Lebensschickungenzu danken.
      Das Ganze überblickend ergibt sich auch hier ein dreistufiger innerer Aufbau: dem ehrgeizigen Aufstreben und hoffenden Glückerwarten tritt das Gebeugtwerden durch das Leid entgegen. Die Synthese beider wird durch das Bekenntnis zur Sinnhaftigkeit der Leiderfahrung erzeugt. Das unterscheidet die Gedichte aus der Homburger Schaffenszeit von den triadischen Naturidyllen der Frankfurter Periode. In jenen Gedichten wurde dem Hellen und dem Dunkeln eine dritte Möglichkeit gegenübergestellt, es wurde ausgewichen in einen dritten Zustand. Hier nun wird, ähnlich wie in den ganz frühen Gedichten An Herkules oder Das Schicksal, der Ausgleich aus der dunkeln Erfahrung selbst gewonnen, aus einer Hoffnung, die aus der Hoffnungslosigkeit sprießt. Dadurch aber ist dieses Gedicht besonders geeignet, die typische Höldeflinische Haltung dieser Zeit zu veranschaulichen.
     

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