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Friedrich Hölderlin - DIE EICHBÃ"UME



_Aus den Gärten komm' ich zu euch, ihr Söhne des Berges! Aus den Gärten, da lebt die Natur geduldig und häuslich, pflegend und wieder gepflegt mit den fleißigen Menschen zusammen. Aber ihr, ihr Herrlichen! steht, wie ein Volk von Titanen In der zahmeren Welt und gehört nur euch und dem Himmel, Der euch nährt' und erzog, und der Erde, die euch geboren. Keiner von euch ist noch in die Schule der Menschen gegangen, Und ihr drängt euch fröhlich und frei, aus der kräftigen Wurzel, Untereinander herauf und ergreift, wie die Adler die Beute, Mit gewaltigem Arme den Raum, und gegen die Wolken Ist euch heiter und groß die sonnige Krone gerichtet. Eine Welt ist jeder von euch, wie die Sterne des Himmels Lebt ihr, jeder ein Gott, in freiem Bunde zusammen. Könnt' ich die Knechtschaft nur erdulden, ich neidete nimmer Diesen Wald und schmiegte mich gern ans gesellige Leben. Fesselte nur nicht mehr ans gesellige Leben das Herz mich, Das von Liebe nicht läßt, wie gern würd' ich unter euch wohnen!

In der Tübinger Studienzeit , unter dem Eindruck der Freundschaft zu Hegel und Schelling, und in den darauffolgenden Jahren , als er als Hofmeister in Wältershausen und Jena Schiller und Fichte nahestand, galt Hölderlins Interesse unter anderm dem philosophischen Idealismus, und er sichrieb eine abstrakte, idealistisch gestimmte, stark an Schiller geschulte Ideenlyrik, in der er einerseits die Ideale der bürgerlichen Revolution überschwänglich feierte, andererseits die Idealferne der eigenen Wirklichkeit beklagte. Mit der Ãobersiedlung nach Frankfurt und der Liebe zu Susette Gontard, der heimlichen Lichtquelle seiner Lyrik, ändere sich Hölderlins ganzes Welt Verhältnis; aus dem Zweifler, der in die Abgründe des Seins geblickt hatte, wurde der Weltbejaher, der sich das Rühmen des Daseins zur Aufgabe gemacht hat. An dieser bedeutsamen Wende steht das Gedicht Die Eich-baume, das 1797 in Schillers Hören erschien und eines der ersten Frankfurter Gerichte Hölderlins ist.
     
Von außen her betrachtet bildet dieses reimlose Langzeilengedicht eine ungegliederte Einheit. Weder die Elemente der Redeweise noch der Rhythmus, weder Zeilen- noch Satzschlüsse lassen bedeutsame Zäsuren erkennen. Und doch handelt es sich hier um kein amorphes Gebilde; der Eindruck der Einheitlichkeit nach außen hin wird durch eine präzise innere Gliederung erzeugt.
      Die erste Zeile faßt gleich einer Präambel alle Gegenstände der dichterischen Rede in sich: die Gärten, die Söhne des Berges und das Ich sind die Kriställisationspunkte, um deren spannungsreiche Beziehungen sich diese poetische Welt zur Einheit fügt. So läßt sich denn, von hier aus betrachtet, ein dreiteiliger innerer Aufbau erkennen, wobei die beiden ersten Teile je ein Naturbild entwerfen, während im letzten Abschnitt auf die Stellung des Ich zu diesen beiden gegensätzlichen Bildern Bezug genommen wird.
      In knapper, berichthaft-neutraler Sprache ersteht die Welt der Gärten in den Zeilen 2 und 3: eine umgrenzte, kultivierte, menschlich geprägte, mit dem Menschen im Austausch stehende Natur. Die wertenden Beiwörter, die sich zu ihr gesellen, sind alle durchaus positiv: geduldig und häuslich, pflegend und wieder gepflegt. Diese häuslich gehegte Welt wird nirgends ablehnend genannt, es wird bloß ihr Charakter und ihre Eigentümlichkeit festgestellt.
      In weit erregterer, durch wiederholte direkte Anrede verlebendigter Sprache enthält der Mittelteil des Gedichtes eine Erläuterung des Seins der Eichbäume. Diese herrlichen Titanen leben frei für sich, jeder erscheint wie ein sich selbst genügender Gott, der nur sich gehorcht, dem Himmel, der ihn nährt, und der Erde, die ihn geboren hat. Fröhlich und frei sind sie, und heiter und groß ist ihre sonnige Krone gegen die Wolken gerichtet. Nur aus freiem Willen fügen sie sich mit ihresgleichen zur Gemeinschaft zusammen. Dabei treten nun allerdings wertende Akzente hervor. Gewertet wird zunächst durch Kennwörter und Bestimmungen wie ihr Herrlichen, Volk von Titanen, eine Welt ist jeder von euch . .. jeder ein Gott; gewertet wird vor allem durch das entzückte, aufblickende Ansprechen, durch die nicht ausgedrückte aber in der Anrede implizit enthaltene bewundernde Anteilnahme des lyrischen Ich an dieser Welt der Eichbäume; und gewertet wird schließlich durch den Vergleich der Eichbäume mit der Welt der Gärten. Sie sind die Titanen in der zahmeren Welt, das Unbeschränkte im Vergleich zum Gemäßigten, das Freie gemessen am Begrenzten. Aus diesem Vergleich der beiden Naturbilder ergibt sich auch noch eine ganz andere Erkenntnis: spätestens hier wird man gewahr, daß die beiden Naturbilder nicht für sich stehen sondern zugleich ideell ausdeutbar sind, daß sie transparent werden auf menschliches Sein. Auch hier, wie in den gleichzeitig entstandenen Gedichten An den Ã"ther, Der Wan-derer, Die Muße u.a. sind die Naturbilder bloß Vorwand, sind Metapher für menschliche Seins- und Lebensbilder. Die Welt der Eichbäume ist die Welt des Berges, der Höhe. Zu ihr muß man hinaus und hinauf gehen. In die Welt des Gartens dagegen ist der Mensch eingefügt, in ihr lebt er. So ist die Welt der Eichbäume menschliches Sein, zu dem man emporsteigen muß, zu dem man sehnend und bewundernd aufblickt; sie ist eine höhere Form, ist das Ideal menschlichen Lebens. Wie die Eichbäume müßten auch die Menschen leben: frei und groß, kräftig und fröhlich, jeder ein bedeutendes Individuum und doch alle in freiem Bunde einen Kosmos, eine Ordnung bildend. Dagegen ist der Garten die gewöhnliche Welt, das alltägliche wirkliche Sein des Menschen. Im Gegensatz Garten-Eichbäume läßt sich demnach der nicht nur von Hölderlin sondern von seiner ganzen Generation intensiv erlebte Gegensatz von Ideal und Leben erkennen.
      Sind nun einmal solch gegensätzliche Seinsmöglichkeiten bewußt geworden, so erhebt sich mit natürlicher Logik die Frage nach dem Verhältnis des Menschen zu ihnen. Darauf gehen tatsächlich die letzten vier Zeilen des Gedichtes ein. Sie sprechen einen zwiespältigen Doppelwunsch aus: der Dichter würde sich gerne der geselligen, gehegten und gepflegten Welt menschlicher Niederungen anschmiegen, ohne auf das Ideal zu blik-ken, wenn nicht Knechtschaft und Unfreiheit ihm diese Welt verleideten. Er würde auch gerne unter den Eichen wohnen, das Leben der Höhe führen, wenn ihn nicht die Liebe zum geselligen Leben an die Niederungen fesselte. Die Haltung des lyrischen Ich bleibt ambivalent, in die Entscheidung gedrängt, entscheidet es sich nicht.
      Ã"sthetisch gesehen ist dieser Doppelwunsch sicher nicht die glücklichste Lösung der gedichtinternen Spannungen, doch es kommt darin sehr deutlich die Stellung des Gedichtes an einem Werkwendepunkt, die momentane Unentschiedenheit des Dichters an einer Wegscheide seines Denkens zum Ausdruck. In der voraufgehenden Tübinger und Thüringer Schaffensphase, als Hölderlin dem Kant-Schillerschen und Fichteschen Idealismus anhing und die Hymnen auf die Ideale der Menschheit dichtete, hätte er sich vorbehaltlos für die ideale Welt der Eichbäume entscheiden können; in der folgenden, Frankfurter Phase, wo die Geliebte Diotima ihm Gewähr für die Gegenwart und Wirklichkeit des Idealen i m Realen war, hätte Hölderlin sich zu einer Entscheidung für die Welt der Gärten durchringen können. Dieses Gedicht aber steht genau auf dem Scheitel- und Scheidepunkt dieser Lebens- und Werkphasen. Die Sehnsucht nach Freiheit, Kühnheit und idealer Größe weist noch hinüber auf die Zeit der Tübinger Hymnen, die Liebe zum menschlich Greifbaren, die Aussöhnung mit dem Relativen, mit dem unidealen Wirklichen, weist auf den Wandel unter dem Einfluß der Geliebten hin. Sowird denn in diesem Gedicht zum ersten Mal etwas von dem heiteren Frieden sichtbar, den Diotima im Dichter stiftete.
      Auch im Formalen begründet das Gedicht einen neuen Stil. Hier haben wir schon die anschauliche Bildkräftigkeit und die schöne, ausgeglichene und volltönige rhythmische Sprachgebung Hölderlins vor uns. Auch noch etwas unverwechselbar Hölderlinisches läßt sich hier beobachten: die Vorwegnahme jenes späteren dreitstufigen inneren Aufbaus der Gedichte, in dem zwei Extreme in der Mitte des Maßes zur Synthese geführt werden. Der hier noch nicht eigentlich vollzogene Ausgleich gibt dem Gedicht die Berechtigung zu dem verhaltenen elegischen Ton, der im ersten und letzten Teil aufklingt.
     

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