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Friedrich Gottlieb Klopstock - DIE FRÜHEN GRÄBER



Willkommen, o silberner Mond,

Schner, stiller Gefhrt der Nacht!
Du entfliehst? Eile nicht, bleib, Gedankenfreund!

Sehet, er bleibt, das Gewlk wallte nur hin.
      Des Mayes Erwachen ist nur

Schner noch, wie die Sommernacht,
Wenn ihm Thau, hell wie Licht, aus der Locke truft,


Und zu dem Hgel herauf rthlich er kmmt.
      Ihr Edleren, ach es bewchst

Euere Maale schon ernstes Moos!
O wie war glcklich ich, als ich noch mit euch

She sich rthen den Tag, schimmern die Nacht.
      Das Gedicht Die frhen Grber gehre neben Wingolf, Der Zrchersee, Die Frh-lingsfeyer und Mein Vaterland zu den berhmtesten Oden Klopstocks. Es entstand 1768 und wurde in den 1771 erschienen Band Oden aufgenommen. Oden ber Freundschaft, Liebe, Tod und Vaterland erklingen in einer, dem Messias verwandten, feierlichen Tonart als Verkndung der unantastbaren Wrde des Menschen.
      Die drei Strophen der Ode Die frhen Grber erscheinen zunchst von der Bildersprache her uneinheitlich, doch verbindet sie derselbe feierlich-pathetische Sprachgestus. Klopstocks Wortschatz kennt nur die poetisch gehobene Stilschicht; durch altertmliche Formen, wie aus der Locke truft oder rthlich er kmmt, gestaltet der Dichter sie bewut als solche.
     
Eigenwillig mutet auch der geballte Satzbau an, der das alltgliche Geflle der Rede durch Schachtelungen und Zeilensprnge wirkungsvoll staut. Das Herauszgern des Subjekts, das sowohl durch die Inversion, als auch durch das Voranstellen des Genitivs erzielt wird, ist das sprachliche Mittel, das groe Spannungsbgen entstehen lt.
      Die seelische Bewegung, die das lyrische Ich zum Ausdruck bringt, schwingt in diesen Spannungsbgen und schafft sich dafr den eigenen Rhythmus. Willkommen, o silberner Mond, spricht das lyrische Ich in der ersten Strophe sein Gegenber, den Naturgegenstand an. Freudige Erwartung scheint die Ursache seiner inneren Erregung zu sein, die es in der zweiten Zeile durch eine Metapher zu beruhigen sucht. Das Bild selbst, vom Mond als Gefhrten des Menschen in der Nacht, im Dunkel also, strmt diese Beruhigung aus, und die beiden Beiwrter schner, stiller bringen inhaltlich und rhythmisch auch ein harmonisches Ausschwingen. Doch zeigt die dritte Zeile, da die innere Bewegung nicht eingedmmt werden kann. Es ist die lngste Zeile der Strophe; sie bricht auf in kurzgestammelte Frage und Ausruf. Ist es die Angst vor dem Alleinsein, die ihr zugrunde liegt? Das zweite Bild fr den Mond, Gedankenfreund, deutet darauf hin.
      Natur wird hier nicht wie blich als bloer Erlebnisraum gebraucht, sondern auch als ein vernnftig-verstehendes Gegenber. Der Gedanke sucht die Tiefe der emotionalen Erschtterung, sie erkennend hofft er. sich zu beruhigen. Die letzte Zeile der Strophe vermittelt dieses Aufatmen, diese Erleichterung. Die Sommernacht hat den lyrischen Sprecher zum Nachdenken angeregt, doch scheint das Reflektieren ber die innere Spannung Beruhigung zu bringen.
      Davon zeugt die zweite Strophe, die in ihrer Gesamtheit der dunklen Welt von vorhin eine helle Bilderwelt entgegenstellt. Der Übergang wird durch einen Vergleich realisiert. Doch wirkt dieser weniger verbindend als trennend. Und vor allem, weil er einen Komparativ enthlt. Es wird also im Grunde nicht Gleiches nebeneinandergestellt, sondern es findet eine Steigerung statt.
      Die sprachliche Struktur entspricht durchaus der Bildstruktur einerseits, andererseits aber auch dem Gefhlszustand des lyrischen Ich. Sommernacht und Mayes Erwachen enthalten nmlich eine doppelte Opposition: sowohl hinsichtlich der Tages-, als auch hinsichtlich der Jahreszeit. Der Beginn des Tages und die Jahreszeit, in der die Natur erwacht, werden bei Klopstock zu einer einzigen freudvollen lichten Erfahrung . Die Per-sonifikation in den beiden nchsten Zeilen baut diese Vorstellung weiter aus durch das Bild eines schnen Wesens, vielleicht eines Jnglings, der sich nhert und den Morgen mitbringt. Wenn der vorangehende Vergleich noch an die dunkle Sommernacht geknpft war, so bringt der weitere Verlauf der Strophe eine schrittweise Aufhellung: der Tag bricht an, der Tau fllt, und schlielich geht die Sonne auf. Diese Wandlung ist als Vorgang mit dem personifizierten Mai verbunden und wirkt dadurch plastisch und dynamisch zugleich.
      Der Einsatz der letzten Strophe bringt wieder einen unerwarteten Wechsel der Tonart. Das lyrische Ansprechen gilt diesmal den Menschen. Die Feierlichkeit der Anrede wird hier durch den substantivierten Komparativ ihr Edleren gewhrleistet. Die Bildersprache dieser Zeilen erst lt eine Beziehung zum Gedichttitel erkennen; es handelt sich demnach um allzufrh verstorbene Freunde, die der Dichter anspricht. Hier gibt sich der emotionale Ausgangspunkt des Gedichtes zu erkennen: die Trauer um die schon lange toten Freunde. Auf ihren Maalen wchst ernstes Moos, das Vergehen der Zeit heilt nicht etwa den Schmerz desVerlustes, sondern es berhrt das lyrische Ich, es stimmt es nachdenklich.
      Vom Ende des Gedichtes her wird somit dessen gesamte Struktur erkennbar. Denn die Trauer um die toten Freunde hatte das lyrische Ich anfangs Trost suchen lassen in der Natur, die ein gedankliches Fertigwerden mit der Erregung und daher, am Ende der Strophe, eine Beruhigung mglich machte. Diese innere Beruhigung wird dann die Voraussetzung fr die hellen, dynamischen Bilder des Beginnens, die die zweite Strophe ausmachen, sozusagen als Gegenstrophe. In ihrer ruhigen Sprechhaltung, fast mutet sie wie ein Erzhlen an, bildet diese Strophe die Brcke zur letzten, wo die schmerzliche Erfahrung des-Verlustes unmittelbar Wort wird. Das Ende des Gedichtes lt Klop-stock aber den inneren Halt wiederfinden und auch die Beziehung zu den Freunden mit Hilfe der Erinnerung. Die Strophe wechselt in der dritten Zeile pltzlich in die Vergangenheitsform ber. Der gesamte Erlebniskomplex der Verzweiflung und Hoffnung, der lichtvollen und dunklen Erfahrungen des lyrischen Ich, findet hier seine Verankerung. Und auch die antithetische Bildstruktur der beiden ersten Strophen verschmilzt hier, in der Erinnerung, zur Synthese. Die gegen Ende zu lnger schwingenden Stze drcken die gleiche Tendenz zur Befriedung aus, die auch in der Bildersprache ihre wesentliche Entsprechung erhlt, in der Rckkehr zur Nacht des Anfangs, aber jetzt ist es eine schimmernde.
      Die triadische Struktur des Gedichtes bestehend aus Strophe, Gegenstrophe und Epistrophe hat Klopstock von Pindar bernommen ,doch findet sie ihre erlebnismige Motivierung in den drei Stufen des Erlebens, welche das lyrische Ich durchluft. Es handelt sich bei dieser Ode nicht um ein Naturgedicht, denn nicht die Natur ist das Thema, sondern die gespannte Seele des lyrischen Ich bahnt sich einen Durchbruch.
      Es geht also diesmal nicht um ein allgemeines Gestimmstein des Menschen, das in der Natur seine Entsprechung finden knnte, sondern m eine individuell unverwechselbare Erschtterung des schpferischen Ich, das nach einer adquaten, d.h. unverwechselbar individuellen Ausdrucksform sucht. Und das ist vielleicht der modernste Zug an Klopstock, der ihn zum Verlauf er Hlderlins und Rilkes werden lie: das starke, ausgeprgte Selbstbewutsein des Dichters. Es macht es ihm unmglich, sich einer gegebenen Bild- und Sprachstruktur einzugliedern oder sie auszufllen, wie das noch Ziel der Barocklyrik war, es ordnet siqh vielmehr all diese sprachlichen Mittel unter und schafft sich eine eigene, der inneren Spannung geme Form, deren Gesetzmigkeiten wir in der Analyse des Gedichtes aufdecken konnten.
      Freie Rhythmen bedeuten also einen, dem individuellen Erleben gemen Ausdruck fr Klopstock. Seine freien Rhythmen sind stets feierlich, pathetisch, weil sein Erleben aus dem Versuch geistiger Überwindung von emotionalen Erschtterungen genhrt wird — eine Synthese, die dem Zeitalter der Empfindsamkeit entsprach, dem Ringen, das Gefhl auf die Hhe der Reflektion zu bringen . Das Thema der Freundschaft und des Todes machen im Falle der Frhen Grber einen solch harmonischen Ausgleich von Denken und Fhlen mglich, wie er Klopstock nur in wenigen Oden gelungen ist.
     

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Friedrich  Gottlieb  Klopstock  -  DIE  FRÜHEN  GRÄBER    





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