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Frieder Schuller - VON JAKOBSDORF



Als einer einmal seinen Hut

vom Kopfe nahm, und das nicht mit Verlaub wie heute
,als dieser in der Linken seinen Hut noch hielt

,doch mit der Rechten in das Tal gebot
,da setzte sich auch keiner auf die Erde nieder

,so dringend war der Anblick, den sie fanden.
      Und könnten wir es jenen übelnehmen,die sich vor diesem Fetzen Land nun auf die Knie warfen?



Soweit der Anfang — vielleicht.

     
Denn was noch alles kommen sollte
,das blieb als Gast ob kurz ob lang bei ihnen.

     
Wie immer, jenen Hut von damals
und jene Hand mit der Gebärde wie von ungefähr nichtvergaßen selbst die Buben mit der Schleuder nie.

     
Von Zeit zu Zeit nur hat dann einermit Hut und ohne Hut es laut gesagt:
Das Dorf steht gut.

     
Frieder Schuller wurde am 13. Juli 1942 in Katzendorf als Sohn des dortigen evangelischen Ortspfarrers geboren. Das Gymnasium besuchte er in Kronstadt und ging 1963 an die Klausenburger Universität. Studierte Germanistik und absolvierte 1968 mit einer Diplomarbeit über die Lyrik des aus Siebenbürgen stammen-den Georg Maurer. Seither Redakteur bei der Kronstädter Wochenschrift Karpaten-Rundschau. 1970 Reisen in die Bundesrepublik Deutschland, Holland, Westberlin, DDR und Österreich. Erste Veröffentlichungen 1964 in der Bukarester Neuen Literatur, dann immer wieder Gedichte in sämtlichen deutschsprachigen Periodika des Landes. 1969 Lyrikband Kreise ums Unvollendete . In der Karpaten-Rundschau laufend Reportagen, Gespräche, Rezensionen zu Literatur, Theater und Musik.
      Frieder Schuller gehört der jüngeren rumäniendeutschen Lvrikergcne-ration an, die vor allem nach 1965 von sich hat reden machen. Seine Entwicklung ist typisch und stellvertretend für seine Altersgenossen. Begonnen hat er mit strukturell unsicheren Landschaftsgedichten, die in einer artig gekünstelten Sonettform Haltung suchten. Etwas Stimmung, heimatlich verbrämt, und viel Rilke bemühten sich offenbar , dort anzuschließen, wo dreißig Jahre vorher im deutschsprachigen Schrifttum Siebenbürgens eine humanistisch-wohlmeinende Schreibweise in die Sackgasse geraten war. Allmählich, in der wachsenden Konfrontation des Lyrikers mit sich und der Welt, schälte sich von hier mehr und mehr eine eigenwillige Kalligraphie heraus, die zwar das Subkortikale und Bildhafte der ersten Versuche mitnahm, aber gleichzeitig in einem nicht selten ironischen Gestus, dem eine ausgesprochene Sprachbegabung Schützenhilfe leistet, das Denken und Urteilen, das verstandesmäßige Erkennen und Deuten ins Gedicht einbezog. Der Kontext dieses Werdegangs ergibt vorrangig in den jüngsten Arbeiten Frieder Schullers eine wiederkehrende Auseinandersetzung mit siebenbürgisch-sächsischen Ãœberlieferungen an Lebenshaltung, Denkungsart und sprachlichen Modalitäten. Das reicht von der abwägenden An-nahme bis hin zur dringlichst kritischen Verwerfung oder Abkehr und ergibt einen kennzeichnenden Problemkreis, in den sich schließlich auch das Gedicht Von Jakobsdorf einschreibt.

     
Es erschien 1968 in der Kronstädter Wochenschrift Karpaten-Rundschau und wurde 1969 unter geringfügigen Änderungen und dem Weglassen einer Verszeile in den Debütband Kreise ums Unvollendete aufgenommen. Vorliegende Interpretation bezieht die im Band weggebliebene Verszeile ein.
      Der Titel Von Jakobsdorf lokalisiert streng geographisch und entspricht sichtlich der Tendenz jüngerer Schuller-Gedichte, zugunsten einer möglichst konkreten Freisetzung von Inhalten und der sachlichen Auslotung des Vorwurfs das verschwimmend Ungefähre überkommener Landschaftslyrik zu vermeiden. Gleichzeitig klingt das Von den im Gedicht durchgängig realisierten Hinblick auf die Geschichte an, auf ein Vergangenes von irgendwann und irgendwoher.
      Thematisch kreist der nun einsetzende Text um eine Frage, die zumindest seit Johannes Honterus die Siebenbürger Sachsen bewegt, aufgewühlt, erhitzt und ereifert hat: ihre Einwanderung nach Transsilvanien. Sie war Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen, wurde verbrämt, bedacht und besungen, ganzen Generationen' war sie Mythos, Hoffnung oder Verzweiflung, man hat sie politisiert, glorifiziert oder verworfen. Immer akut in Jahren des Umbruchs. So ist es denn auch kein Zufall, daß der hellhörige Lyriker hier auf einen dringlichen Vorwurf traf und die Konfrontation provoziert. Sein eigener Werdegang und die Zeitläufte haben ihn förmlich darauf gestoßen.
      Syntaktisch ist die ganze erste Strophe des Gedichts eine in sich verschachtelte, aber dennoch gerundete Einheit. In das Satzgefüge, dessen letzte Zeile wesentlich und relevant ist, setzt Frieder Schuller Einschöbe , die aus dem Grundtext nicht herausfallen, sondern diesen in der Reflexion bewerten und bestimmen.
      Der erste Vers deutet im Sinne des Unbestimmten Von aus dem Titel noch einmal die irgendwo sich verlierende Retrospektive an: Als einer einmal seinen Hut. Sie bricht ab, ohne ein Was oder Wie genau zu kennen, verstummt im Mythos. Doch schon setzt die sofort eingeschobene Klammer klarere Maßstäbe. Sie hat hier, wie_ im ganzen Gedicht, die Funktion des Kommentars, der sachlichen Einschätzung, und entmythisiert konsequent die Ãœberlieferung. Sie legt fest, daß es nicht gestern war, sondern mehr zurück, und wenn sie den genauen Zeitpunkt des einmal auch nicht genau auslotet, ist sie dennoch eindeutig genug, um ernüchternd zu wirken. In grüßendem Gestus wird sodann der Hut vom Kopfe genommen, freilich nicht mit Verlaub wie heute, also nicht Ehrerbietung, nicht eingepfercht in unsere zeitgenössischen Verhältnisse des Anstands und des
Rangs . Der folgende Einschub gibt eine weitere Festlegung, indem er die oft hochgespielte Legende von der Andacht im Angesicht der sogenannten freien Scholle zerstört und dafür Bedacht nennt, eine kühle und ruhige Beurteilung der Sachlage. Wieder taucht der Hut auf. Nicht zufällig, denn er hat als kennzeichnendes Bestandteil der alten sieben-bürgisch-sächsichen Bauerntracht Symbolwert, ist stellvertretend für ganze Generationen. Doch gerade dieser sein Symbolwert wird wiederum in Frage gestellt: es muß nicht ein Hut gewesen sein, vielleicht war es lediglich eine Mütze oder ein Stück Fell, mehr noch, die von späteren sentimentalen Beigaben triefende Kopfbedeckung erweist sich als völlig irrelevant, denn angesichts unfreundlicher Witterungsverhältnisse wird der praktisch denkende Ansiedler eher nach der Möglichkeit gesucht haben, für sich und die Seinen ein Dach über dem Kopf zu haben.
      In dieser Art und Weise wird Stück um Stück die Legende zerstört. So ist die Rechte, die majestätisch in das Tal gebot, nicht segnende Geste, nicht Heiligsprechung und Weihe der neuen Reimstätte, sondern sie hat den konkreten Zweck, hundert Augen in das Land zu schicken, damit wohl ein entsprechender Bauplatz ausfindig gemacht werde. In solchem alltäglichen Sinne war der Anblick des Landes auch so dringend, daß keiner der Ansiedler Zeit und Muße findet, sich hinzusetzen und zu rasten, obwohl die lange und schwere Wanderung Grund genug gegeben hätte zu einer stillen Stunde der Rast und des erhebenden Staunens. Die Leute waren hundemüde, nicht sieghaft, nicht heldisch groß oder selbstsicher besitzergreifend von der neuen Landschaft.
      Hier nun tritt — erstmalig und einmalig im Gedicht — das wir aus der Klammer heraus und begibt sich in den Grundtext: das Heute und Jetzt stößt einschätzend in die Geschichte vor. Der Vorstoß ereignet sich mit Absicht, denn wir befinden uns am sentimentalen Tief- und Schwerpunkt des Gedichts. Der Einschub allein kann solche Belastung nicht ertragen; vor diesem Fetzen Land werfen sich die Ankömmlinge auf die Knie. Das wir hat vor diesem Faktum zu retten und tut das schon darum, weil es, wie übrigens durchgängig im Gedicht, nicht ein Ich ist, sondern unpersönlich eine Vielheit von Ansichten und Einschätzungen meint. Doch würde auch das nicht genügen, käme nicht die neue Klammer hinzu, die genau abgrenzt und darauf hinweist, daß es sich nicht um ein verkrümmt gefühlsbetontes und tränenreiches Am-Boden-Liegen handelt, sondern eher um die sachliche Erkundung der Bodenverhältnisse, die für den Bauern und seine Wirtschaft eben dringend von Wichtigkeit sind.
      Hier, an der tiefsten Stelle des Gedichts — die allmähliche Führung darauf hin ist mit Können gehandhabt —, wird ein Punkt gesetzt , der freilich mit dem vielleicht offen zur Diskussion gestellt ist. Für alle Fälle kommt die Klammer noch einmal auf die konkreten Lebensbedingungen wie Wasser, Eichenholz und Lehm zurück und deutet auf die Freude darüber hin, die durch das umgangssprachliche extra ebenfalls unterkühlt wird.
      Von nun an nähert sich der Grundtext der Gegenwart. Behandelt wird das, was noch alles kommen sollte, wobei darauf hingewiesen wird, daß davon herzlich wenig vorausschaubar gewesen ist und von einer planmäßigen Ausrodung und Zivilisierung der Terra Immaculata, wie sie gerne zitiert worden ist, keine Rede sein kann. Die späteren Ereignisse kamen und gingen zufällig , und in Chroniken ist zu lesen, daß es sich oft um regelrechte Existenzkämpfe gehandelt hat, die wiederum nicht ins Heroische überdimensioniert werden, sondern durch das ironische ganz sonderbar auf ihren eigentlichen sachlichen Inhalt zurückgedrängt werden.
      Nach all dieser Unterkühlung läßt sich der Hut von damals wieder hervorholen. Die Klammer entschließt sich sogar zum alten Symbol . Desgleichen ist auch die große Geste des Arms wieder da. Nicht nur im Gedicht, sondern im Bewußtsein aller Nachkommen, auch der Buben mit der Schleuder. Hut und Geste sind also dennoch bindend, waren in ihrem eigentlichen, sachlichen Wert nie wie von ungefähr. So sehr, daß ihnen alle Unbilden späterer Jahrhunderte nichts anhaben konnten. Und dabei war die Schwierigkeit der Zeitläufte offenbar nicht so geringfügig, als daß man hätte darüber hinwegsehen oder hinwegreden können: Und niemand mußte täglich lehren: I Unser Dorf ist gut! Dennoch haben sich von Zeit zu Zeit welche gefunden, die mit Hut und ohne Hut, sich also jener bindenden Ãœberlieferung bewußt oder nicht, ihre Entscheidung für das Dorf und für eine freilich entmythisierte Heimat gefällt haben.
      In der letzten Klammer wird sie, diese Entscheidung, mit der Einschätzung immerhin genug bewertet, obwohl das in einem Fragesatz getan wird, der aber eher zur Weiterdiskussion anregen soll, als daß er die Schlußfolgerungen des Gedichts als Ganzes relativieren will.
      Frieder Schuller hat sich hier eigenwillig und eindringlich einer Problematik gestellt, die er sowohl inhaltlich, als auch stilistisch bewältigt, indem er in der Schwebe zwischen Metapher und reflektierendem Kommentar, aus einem modernen, zeitbedingten Lebensgefühl heraus, dem die Zweifel am Historischen immanent sind, ein überliefertes Motiv anklingt und ausklingen läßt.
     

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