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Französische Romantik



Als literarische Mode erlosch die französische Romantik um die Jahrhundertmitte. Aber sie ist das geistige Schicksal späterer Generationen geblieben, auch derer, die sie zu liquidieren gedachten und andere Moden einführten. Was Maßlosigkeit an ihr war, Pose, Prunk, rasch sich verbrauchende Trivialität, das verfiel. Doch der seit der zweiten Jahrhunderthälfte veränderten, sich zunehmend entromantisierenden Bewußtseinslage hat sie die Darstellungsmittel geliefert. In ihren Harmonien waren die Dissonanzen der Zukunft verborgen.

      1859 schrieb Baudelaire: Dieser Satz trifft genau die Tatsache, daß die Romantik selbst dann noch, als sie abstirbt, ihre Nachfolger stigmatisiert. Sie revoltieren gegen sie, weil sie in ihrem Bann stehen. Modernes Dichten ist entromantisierte Romantik.
      Bitternis, Aschengeschmack, Verdüsterung sind zwanghafte, aber auch gepflegte Grunderfahrungen des Romantikers. Für die antike und für die nachantike Lebenskultur, bis zum 18. Jahrhundert, war die Freude derjenige seelische Gipfelwert, der die eintretende Vollendung des Weisen oder des Gläubigen, des Ritters, des Hofmanns, des Gebildeten der gesellschaftlichen Elite anzeigte. Trauer, sofern sie nicht vorübergehend war, galt als Unwert, den Theologen als Sünde. Seit den vorromantischen Leidstimmungen des 18. Jahrhunderts kehrten sich diese Verhältnisse um. Freude und Serenität traten aus der Literatur zurück. Ihren Platz nahmen Melancholie und Weltschmerz ein. Sie bedurften keiner Ursache, zogen ihre Nahrung aus sich selbst und wurden zu Adelsprädikaten der Seele. Der Romantiker Chateaubriand entdeckt die gegenstandslose Schwermut, erhebt die Wissenschaft von Trauer und Ã"ngsten> zum Ziel der Künste und deutet die seelische Gespaltenheit als Segen des Christentums. Man erklärt sich zum Angehörigen einer kulturellen Spätzeit. Das Dekadenzbewußtsein breitet sich aus, noch als Quelle ungewohnter Reize genossen. Das Zerstörende, Morbide, Kriminelle erhält den Rang des Inter-essanten. In einem Gedicht Vignys, La Maison du Berger, wird Lyrik zur Klage über die seelenbedrohenden Gefahren der Technik. Der Begriff des Nichts beginnt seine Rolle zu spielen. Musset ist sein erster Sprecher, innerhalb eines Erfahrungsfeldes, wo illusionäre Jugend, an Napoleon entzündet, auf eine leidenschaftslose Welt des Erwerbs stößt und beides, Illusion und Erwerb, versinken sieht in Sinnlosigkeit, Ã-de, Schweigen, Nichts. , dichtet er. Schwermut und Klage verwandeln sich schließlich in die Angst vor dem Unheimlichen. In einem Gedicht Nervals, das den mit seinem Inhalt dissonierenden Titel Vers dores trägt und das Menschliches mit Nichtmenschlichem nivelliert, steht der Vers: Wir werden sehen, wie alle diese Stimmungen sich in Baudelaire fortsetzen - und verändern.
      Deutschen Vorbildern folgend - in denen sich platonische Ãoberlieferungen verflacht hatten -, deuten auch die französischen Romantiker den Dichter als den unverstandenen Seher, als Priester im Heiligtum der Kunst. Die Dichter bilden eine Partei gegen das bürgerliche Publikum und schließlich Parteien gegeneinander. Die noch 1801 von Mme. de Stael gebrauchte Formel, wonach die Literatur der Ausdruck der Gesellschaft sei, verliert ihren Sinn. Literatur wieder. holt den Protest der Revolution gegen die geltende Gesellschaft, wird Oppositionsliteratur oder eine Literatur der , schließlich eine Literatur der Absonderung, mit wachsendem Stolz auf die Vereinsamung. Das Schema Rousseaus von der Einzigartigkeit auf Grund der Abnormität wird das planmäßige Schema dieser Generationen -und der späteren.
      Kein Zweifel, daß die Selbstweihung des Dichters, daß die echten oder gespielten Erfahrungen des Schmerzes, der Schwermut, der Weltnichtigkeit Kräfte freilegten, die der Lyrik zugute kamen. In der Romantik erblüht die französische Lyrik, nach ihrer letzten, drei Jahrhunderte zurückliegenden Glanzzeit, zu einer neuen Fülle. Vieles ist groß an ihr, wenn auch nicht von europäischem Rang. Förderlich war ihr der allenthalben, auch in Frankreich, geäußerte Gedanke, wonach Poesie die Ursprache der Menschheit sei, die totale Sprache des totalen Subjekts, für die keine Grenze zwischen den Stoffen besteht, aber auch keine Grenze zwischen religiösem und dichterischem Enthusiasmus. Die romantische Lyrik Frankreichs hat Weite und Nuancierung der inneren Erfahrungen, schöpferische Reizbarkeit für südliche, orientalische, exotische Atmosphären,bringt bezaubernde Natur- und Liebesdichtung hervor und verfügt über virtuose Verskunst. Sie ist funkelnd, gebärdenreich, überproduktiv, oratorisch bei Victor Hugo, dem indessen stille Intimitäten ebenso gelingen wie Bilder von visionärer Wucht. Bei Musset ist sie eine Mixtur aus Zynismus und Schmerz, bei Lamartine - stellenweise - ein reiner Ton, von dem er selber sagen durfte, er sei weich wie Samt.
      Hier beginnt auch das für die Moderne so folgenreiche Dichten von der Sprache her, der Griff nach dem im Wort selber liegenden Impuls. Victor Hugo hat dieses Verfahren nicht nur angewendet, sondern auch begründet, unter Zuhilfenahme vieler und alter Vorgänger. An einer bekannten Stelle der Contemplations liest man: das Wort ist ein lebendiges Wesen, mächtiger als der, der es gebraucht; dem Dunkel entsprungen, schafft es den Sinn, den es will; es selber ist das - und mehr als das -, was Denken, Sehen, Fühlen draußen erwarten: ist Farbe, Nacht, Freude, Traum, Bitternis, Ozean, Unendlichkeit; es ist der Logos Gottes. Man wird sich an diese Stelle erinnern müssen, ebenso wie an die tastenden Aussagen Diderots und die entschiedeneren Novalis', wenn man den Gedanken Mallarmes von der Initiativkraft der Sprache verstehen will; freilich liegt er in seiner Strenge weit ab von der wirren Verzücktheit Victor Hugos.
     

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