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Franz Liebhard - GESPRÄCH MIT MIR SELBST



Htte ich in meinem Leben ein Dutzend Bume gepflanzt, wrde man von mir sagen, er liebte die Bume;htte ich von Jahr zu Jahr Hunderte Bume gepflanzt, die unserer Erde mehr Frchte schenken und eine reinere Luft dem Atem, wrde man von mir dereinst sagen, er liebte die Menschen;htte ich Wlder erstehen lassen an Stelleversengter Felder und verwitterter Berglehnen, wrde man mit Recht von mir sagen, er liebte die Welt.

      Und was wird man in Wirklichkeit sagen? Keinen einzigen Baum habe ich gepflanzt. Nicht einmal einen Strauch.
      Franz Liebhard wurde am 6. Juni 1899 in Temesvar geboren, wo er auch die Mittelschule besuchte. Sein erstes Gedicht verffentlichte der 17jhrige in ungarischer Sprache in der von Kassak Lajos herausgegebenen avantgardistischen Zeitschrift MA. Johannes R. Bechers Lokomotive wurde von ihm zum erstenmal ins Ungarische bersetzt. Auf die Budapester Jahre folgte eine Wiener Zeit fruchtbaren Studierens und schlielich die Rckkehr ins heimatliche Temesvar, wo Liebhard ab 1925 als Zeitungsredakteur, oft in Widersprchen befangen, den Versuch unternahm, das kulturelle Leben seiner Umgebung nicht als provinziell oder periphr zu verstehen, sondern in greren Zusammenhngen zu betrachten. Nach dem zweiten Weltkrieg galt es, wir zitieren Liebhard selbst, als

Handhaber und Beherrscher des Wortes die Ereignisse eines Zusammenbruchs aus jngster Zeit mit seinem tzenden Weh und seinen bedrckenden Enttuschungen zu bewltigen, den Weg erkennbar zu machen, der aus dem Schutt hinausfhrt, und das schchterne Glimmen der Hoffnungen zu einem beharrlichen Glhen zu verstrken, um eines helleren Tages willen. Von 1949 bis 1953 arbeitete Liebhard als Redakteur des Staatsverlags und verffentlicht 1949 sein erstes Gedicht in deutscher Sprache . Ab 1953 versieht er den Posten eines Dramaturgen an der deutschen und ungarischen Abteilung des Temesvarer Theaters, um sich seit 1956 bis zu seiner Pensionierung 1968 ausschlielich dem Temesvarer Deutschen Staatstheater zu widmen. Unter Liebhards Leitung wurde der erste deutsche Literaturkreis des Landes gegrndet, der die Voraussetzungen fr die Herausgabe der Zeitschrift Banater Schrifttum bieten sollte, die spter als Neue Literatur erschien. Liebhards breitangelegte literarische und publizistische Ttigkeit fand ihren Niederschlag im Neuen Weg, in der Neuen Banater Zeitung, der Karpaten-Rundschau, der Scinteia usw. Anfang der fnfziger Jahre entstanden die Verse der Schwbischen Chronik, wo Liebhard mit der Eindeutigkeit und Einfachheit des politischen Zeitgedichtes sich in den schwierigen Proze der Bewutseinswandlung der deutschen Bevlkerung in unserem Land einschaltete, zur aktiven Mitarbeit an der gesellschaftlichen Neugestaltung aufforderte.
      Neben kulturhistorischen und kulturpolitischen Aufstzen in unserer Presse — eine Auswahl daraus erschien 1970 unter dem Titel Menschen und Zeiten — kamen dann noch die Bndchen Trkenschatz , Glck auf , Die schnsten Gedichte sowie Übersetzungen aus dem Ungarischen heraus. In der rumnischen Anthologie Poefi germani din R.P.R. ist Liebhard mit 16 Gedichten vertreten, Gedichte in ungarischer Sprache von Liebhard sind in der MA-Anthologie erschienen.
      Das Gedicht lt sich ohne Mhe lesen, es verzichtet auf jede Verschlsselung, fast bauernehrlich wird hier Fazit gezogen. Es erschien iN) gleichen Jahr, als Liebhard seinen 70.Geburtstag feierte. Von diesem Punkte einer reichen Lebenserfahrung blickt der Dichter mit der Ehrlichkeit unbestechlicher Selbstbetrachtung auf sein eigenes lyrisches Schaffen, und der schpferische Zweifel, der sonst so anregende Verneiner, erfhrt hier seine bedrckend-unnachsichtige Gestaltung. Die schmucklose Art des Sprechens erinnert an Brecht; allerdings fehlt bei Liebhard die rhythmische Prgnanz, die Brecht mit seiner gesuchten Einfachheit verbinden kann. Zu Liebhards Gedichten gehren auch sehr wortgeschliffene Miniaturen, in deren farbensatter, gebndigter Ornamentik und Bildfgung sprbare Dynamik eingelagert wurde. Sie beweisen, da hier nicht aus der Not eine Tugend gemacht wurde, da die sprachliche Schlichtheit dieses Gedichts keinesfalls einem Unvermgen entspringt, obwohl der spte Kontakt zum Gedicht in deutscher Sprache sicher nicht ohne Mhe gelang.
      Der sachliche Ton will jede verklrende Emotion verhindern, die bittere Feststellung mchte keine leuchtenden Trnen ins Auge locken; das Selbstgesprch findet nicht vor einem selbstgeflligen Spiegel statt. Die erwhnte Schlichtheit der sprachlichen Geste entspringt nmlicheiner programmatischen Haltung. Liebhard selbst uerte sich darber in einer Betrachtung seines Werdegangs wie folgt: Doch was daraus aus einem Schweigen von rund zweieinhalb Jahrzehnten in die Arbeiten des deutsch schreibenden Franz Liebhard einging, darin lassen sich die geistigen Spuren des langjhrigen Verkehrs mit Kassak auffinden, unter ihnen die wesentlichste Bestandskomponente: das Gedicht ist Architektur, das Gedicht will gebaut werden, aus aufeinander abgestimmten Elementen, doch umgekehrt als bei den rein harmonischen Gleichgewichtsbeziehungen der Ingenieurbauten: oben ist der tragende Grund und unten am Rand des Blattes der Anstieg zum Gipfel. Das Bewutsein und die Anwendung dieser umgekehrten Konstruktion, die der Dichtung ein neues Leben verliehen, bildeten einen wichtigen Bestandteil des Klrungsprozesses, in dem die Überblickbarkeit Gesetzeskraft erhielt, das Unklare ausgeschieden werden konnte.
      Liebhard greift in diesem Gedicht eine Grundfrage des Schriftstellers auf, die Frage nach der Rechtfertigung seiner Existenz. Man kennt die Verzweiflung ber die eigene Unzulnglichkeit, das Verzehrtwerden von Schuldgefhlen einer ganzen Reihe von Schriftstellern und Dichtern . In den Frankfurter Vorlesungen nennt Ingeborg Bachmann diese Frage die erste und schlimmste, die den Schriftsteller zu bewegen habe: Freilich ist sie dem einzelnen, der da schreibt, versucht und belebt von seiner Begabung, selten gleich bewut, oft wird sie es erst spt. Warum schreiben? Wozu? .. . Er, der selbst erkenntnisschtiger, deutungsschtiger und sinnschtiger ist als die anderen, kann er mit irgendeiner Deutung, einer Sinngebung, auch nur. mit einer Beschreibung, und erschiene sie ihm noch so genau, bestehen? Ist seine Bewertung durch Sprache, und er bewertet immer, mit jeder Benennung bewertet er die Dinge und den Menschen, nicht vllig gleichgltig, oder irrefhrend, oder verwerflich? Und ist der Auftrag, wenn er ihn sich selbst zu geben traut.. . nicht beliebig, befangen, bleibt er nicht, wie sehr er sich auch bemhen mag, der Wahrheit immer etwas schuldig? Ist nicht all sein Tun Hybris, und mu er sich nicht verdchtigen immerzu, jedes seiner Worte, jede seiner Zielsetzungen?
In einem frher erschienenen Gedicht schrieb Liebhard : Du selber wirst auch pflanzen, I den jungen Baumleib an die Sttze binden. I Und Raupen suchen zwischen seinen Rinden. I In deinem Abschnitt. Doch als Teil des Ganzen. ! Denn Baum und Frucht und Freude sind gemeinsam. / Freund, pflanze tchtig mit. Sonst bleibst du einsam. Vergleichen wir nun die angefhrten Zeilen mit dem hier abgedruckten Gedicht, so fllt bei dem gleichen, fast schon abgegriffenen poetischen Bild Bume pflanzen inbeiden Gedichten der Unterschied sofort ins Auge: Der Dichter macht sich Vorwrfe, er bezweifelt die Wirksamkeit des Wortes im_ Vergleich zur selbstverstndlichen, konkreten Tat. Die Versumnis scheint irreparabel. Aus dem Imperativ wurde ein Konditionalis. Der Dichter hat kein Dutzend, keine Hunderte Bume, keinen Wald gepflanzt, nicht einmal einen Strauch. Hat er nicht trotzdem Bume, Menschen und Welt geliebt? Wie beurteilt ihn die Nachwelt? Die qulende Frage Und was wird man in Wirklichkeit sagen? entspringt bei Liebhard einem_ tiefgefhlten Verantwortungsbewutsein, die bittere Diskrepanz zwischen Wunsch und Erreichtem fhrt trotzdem nicht zur Verzweiflung.
      Arthur Miller lt in seinem Handelsreisenden und Gnther Weisenborn in seinem Lofter dem Pflanzen den gleichen gngigen Symbolwert zuflieen. Auch die schon zitierte Ingeborg Bachmann lt den Haupthelden in Das dreiigste Jahr hnliche Wunschgedanken hegen: Heute war er ein anderer. Gut fhlte er sich allein, er forderte nichts mehr, trug die Wunschgebude ab, gab seine Hoffnungen auf und wurde einfacher von Tag zu Tag. Er fing an, demtig von der Welt zu denken. Er suchte nach einer Pflicht, er wollte dienen. Einen_ Baum pflanzen. Ein Kind zeugen. Ist das bescheiden genug? Ist es einfach genug?... Er knnte den Kreislauf mitbeleben, mitkreisen. Das wrde ihm gut gefallen. Besonders einen Baum zu pflanzen. Er knnte ihn durch alle Jahreszeiten beobachten, Ringe ansetzen sehen und seine Kinder hinaufklettern sehen. Ernten wrden ihm gefallen ...
      Da sich der Dichter unbequeme Erkenntnisse nicht schenkt, sich selbst anklagt, beweist seinen Wert, gibt dem Schlu des Gedichts die herbe Poesie. Hugo Hausl schrieb ber die unerhrt selbstkritische, mitunter bis zur vlligen Verneinung gehende Haltung des Dichters Franz Liebhard, die er seiner lyrischen Produktion gegenber einnehme. Indem Liebhard in ungestellter Bescheidenheit Zwiesprache hlt und mit sich ins Gericht geht, rumt er ein, da besonders in Zeiten gesellschaftlicher Umgestaltung die aufbauende Tat lebenswichtiger sein kann als das Wort des Dichters. Das bedeutet nicht Aufgabe der Kunst oder Verzweiflung ber ihren Sinn berhaupt sondern ein Abstandnehmen von geistigem Hochmut und elitrer Lebensfremdheit, die sich von den alltglichen Notwendigkeiten des gesellschaftlichen Lebens auf schuldhafter Gleichgltigkeit gelst haben.
     

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Franz  Liebhard  -  GESPRÄCH  MIT  MIR  SELBST    





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