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Franz Hodjak - WELTRAUMFLUG



Nicht die Fernen sind es,was uns trennt vom nächsten Stern:es ist die Schwerelosigkeit,mit der wir treibenim Weltraum.
      Hier ist ein Meer: doch wir wollen schwimmen,zu schwer fänden wir uns zwischen versunkenen Schiffenam Grund. Dort steht ein Gipfel, im Eis:doch wer schwört auf das andere Gewicht,das ihn aufwiegen soll im Sturz?
Das ist das Brachland, das wir wieder

überlassen dem Schlaf. Drüben verzweigt sich ein Weg:und wir folgen dem ausgefahrenen Licht.
      Nie zieht dich die Erde bis zum Wurzelraum, nie zieht mich die Sonne bis ins grünste Blatt.
      Franz Hodjak wurde 1944 in Hermannstadt geboren, besuchte hier auch die Schule und studierte später Germanistik in Klausenburg. Er, promovierte 1970 mit einer Arbeit über die Struktur der Metapher bei Trakl. Er veröffentlichte bisher Gedichte, so in der Neuen Literatur, im Neuen Weg, in der Karpaten Rundschau und in der Studentenzeitschrift Echinox. Franz Hodjak ist dem Leser unserer deutschsprachigen Publikationen auch durch einige Prosaarbeiten bekannt, die in der Anthologie Worte und Wege gesammelt erschienen. Einige seiner Gedichte wurden auch ins Rumänische übertragen. Franz Hodjak lebt zur Zeit als Verlagslektor beim Dacia Verlag in Klausenburg, wo auch sein erster Gedichtband Brachland erschien. In der Entwicklung des Lyrikers Hodjak läßt sich das Aufgeben eines metaphern reichen Sprechens zugunsten einer konkreten Poesie feststellen. Das hier behandelte Gedicht stammt aus seiner ersten Periode.
     
Der Titel dieses Gedichtes — Weltraumflug — versetzt uns mitten ins Hier und Heute, er spricht von einer das Jahrhundert nicht einfach nur charakterisierenden oder bestimmenden Richtung unseres technischen Zeitalters, sondern, was eine schon heutiger Einsicht mögliche Erkenntnis, von einer Be-Nennung des Jahrhunderts schlechthin. Wenden wir uns nun der Interpretation dieses solchermaßen über-schriebenen Textes zu, so werden wir feststellen, daß er nur scheinbar mit dem konkreten Sinn seines Titels nichts zu tun hat, daß der Weltraumflug eine Bedeutung erhält in der Deutung des Gedichts, die noch über seine reale Aussage hinausreicht, da er hinweisend wird für eine menschliche Situation im besondern zeitlichen Kontext, ja für eine Situation des Menschen in der Welt schlechthin.
      Die sprachliche Unabdingbarkeit des Textes, die Harmonie seiner Klangfiguren und die Einheitlichkeit der Bereiche der Wortwahl dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, daß wir es mit einer ver-innerlichten Polarität zu tun haben, einer streng antithetisch gebauten Struktur in Entsprechung zu einem ambivalenten Welt-Erleben, mit einer Gegensätzlichkeit von Wunsch und Erfüllung, die letztlich unaufgelöst bleibt in der Aussage des Gedichts: Nie zieht dich die Erde bis zum Wurzelraum, I nie zieht mich die Sonne bis ins grünste Blatt. Der erste Teil des Gedichts — die ersten Zeilen — zeigt einheitlichen Aufbau: immer, steht einer Behauptung, die einen gewissen Raum schafft menschlichen Lebens, ihre Negation entgegen. Der negative Auftakt des Anfangs bestimmt den Rhythmus des ganzen Gedichts und macht gleichzeitig seine kompositorische Eigenart aus. Schon die erste Stropheneinheit offenbart eine persönliche Umdeutung des Kosmos und seiner Gesetze: vom nächsten Stern trennen uns nicht die Fernen, sondern die Schwerelosigkeit, I mit der wir treiben im Weltraum. Damit wird die Schwerelosigkeit negativ gesetzt, sie ist bestimmt als Ausgleich, als Normalzustand und mithin als Entwicklungslosigkeit in der Bejahung des gegenwärtigen, unvollkommenen Zustandes. Dadurch aber wird diese Schwerelosigkeit mit einer Bedeutung beladen, die sie aus dem rein physikalischen Sinnbereich befreit zur Aussage über menschliche Befindlichkeit. Auch der Stern bezeichnet nun nicht mehr irgendeinen Körper im All, er wird zum Ort einer möglichen Erfüllung und Erlösung, von dem aber der Mensch getrennt bleibt. Ausgerichtet auf eine menschliche Sehnsucht hin, wird das Titelwort Weltraumflug mit einem Doppelsinn beladen: Trennung zwischen uns und dem nächsten Stern ist nicht die Ferne, die sogar überbrückt werden könnte, es ist die Schwerelosigkeit, es ist die Trennung zwischen uns Menschen schlechthin: der Weltraum wird innenmenschliche Landschaft, der Flug will das Zwischenuns ausloten zur möglichen Begegnung, zur Aufhebung der Vereinzelung und Einsamkeit. Das Gedicht, schrieb Franz Hodjak bei einer
Autoren-Umfrage der Neuen Literatur , will das Zwischenuns trockenlegen. Es versucht ungesicherter Wirklichkeit. . . Boden abzusprechen, für gegenseitiges Nähertreten.
      Die Unmöglichkeit der Zielnähe setzt den ersten Teil des Gedichts durchgehend negativ, der Schwerpunkt ist hier eigentlich die Schwerelosigkeit, das Trennende zwischen uns, nicht als freies Schweben zu mißverstehen . Möglichkeiten der Begegnung gibt es aber: Hier ist ein Meer, könnte graradf-sätzliche Auseinandersetzung statthaben, doch wir wollen schwimmen, wählen den Weg des ausgefahrenen Lichts, den Ausweg ins Alltägliche. Das normale, unreflektierte Leben wird hier als Negation seiner eigentlichen Bestimmung, entwicklungskräftige, dynamische Form zu sein, erkannt. Der Mensch will dem Leben nicht auf den Grund gehen, er fürchtet, sich zu verlieren zwischen versunkenen Schiffen, wo er sich zu schwer fände. Das heißt nicht nur, daß wir uns selber zu schwer würden durch die Erkenntnis des Grundes, sondern auch, daß wir uns — das Ich ein Du — zu schwer finden würden. Das Brachland meint eben diese unfruchtbare Landschaft zwischen uns, die ein Näherkommen verhindert, den Abgrund zwischen Ich und Du, aber auch zu sich selber, und es wird deshalb wieder dem Schlaf überlassen. Auch der Gipfel im Eis, die Region der Freiheit und Zweckgelöstheit, der geistigen Erfüllung letztinstanzlich ist nicht bewohnbar. Bleibend ist nur das Mißtrauen, das Nichtwissenkönnen um den Gegen-Stand, um das den Sturz ausgleichende Gegengewicht. Doch dieses rettende andere Gewicht darf nicht analog zur Schwerelosigkeit als Ausgleichendes gesehen werden, es handelt sich um deren Gegenteil: allein ist der Mensch zu leicht, stürzt er ab, erst das andre Gewicht verleiht ihm jene Schwere, die den Sturz aufwiegt.
      Damit liegt auch das geometrisch fast nachzeichenbare Gefüge der Antithesen vor uns: nicht nur werden wir zu leicht befunden, sondern fänden wir uns zu schwer am Grund. Diese Aussage spricht von der Halb-Begegnung, leugnet die Möglichkeit einer Synthese, was der Schluß des Gedichts klar erkennen läßt. Schon durch den Perspektivenwechsel hebt er sich vom übrigen Text klar ab, anstelle des strahlungsbreiteren wir und uns tritt das personale ich und du, die Trennung, die, da sie am Ende steht, etwas Endgültiges erhält. Das du ist zu leicht, um bis zum Wurzelraum gezogen zu werden, es will schwimmen, da ihm der

Grund zu schwer erreichbar; doch auch das ich ist nicht fähig, bis ins grünste Blatt zu gelangen. Was bleibt, ist der Abstand. Der in den letzten Versen angedeutete Baum läßt uns an den Lebensbaum denken, er nimmt thematisch den Gedichtanfang wieder auf: Halb-Begegnung im Lebensbaum, unvereinbare Gegensätze, die demselben Grund entwachsen.
      Wir haben es im Falle Franz Hodjak nicht mit einfachen Metaphern zu tun, das Bild wird über das rein Bildhafte hinausgedrängt und kehrt in seinen primären Wortlaut zurück. Die Dimensionen des Titels werden freigelegt: Weltraumflug heißt Richtung und Schicksal. Und das Gedicht spricht nicht nur von jener Halbbegegnung, sondern von der Fragwürdigkeit des technischen Zeitalters überhaupt. Die Menschen streben nach fremden Sternen, nach fremden Welten, die Erkenntnis ist zum Schlagwort geworden, ohne sich Rechenschaft zu geben, daß die Entfernung zwischen den einzelnen Menschen größer ist, als zwischen Erde und Stern. Ausflucht nur ist dieses Streben in die Weite des Kosmos, da der Mensch unfähig ist, das Brachland zwischen sich und dem Andern, zu sich selbst, fruchtbar zu machen; Modalitäten zu finden, seine Vereinzelung und Einsamkeit zu überbrücken, schweift er ab in die Ferne, setzt er sich, aber nur scheinbar, entferntere Ziele.
      Die semantischen Umsetzungen, die eigenartige Bestimmung der Worte zwingen den Leser der Hodjakschen Gedichte zum Nachschöpfen. Er wird nicht mit Informationen abgespeist, sondern muß den Setzungen des Worts nachgehen, das Gedicht nachvollziehen, um die Aussage herauszuschälen. Ein solches Gedicht aber, dessen Struktur entsteht durch ständiges Ãœbereinandergreifen von Wort- und Dingsphäre, wird Zeichen in der Zeit, Chiffre in einer Gleichung, die in diesem konkreten Falle unvollkommenes Leben zu deuten versucht, und, wie die Problematik des Gedichts selber, letztlich unauflösbar bleibt.
     

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