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Frage für Kenner: Was ist das,Literarische' an literarischen Texten?



Literarische Texte sind Texte der besonderen Art; sie übermitteln nicht in erster Linie Botschaften, sondern sind, in der spezifischen Art ihrer Gestaltung, selbst schon die Botschaft - mit dem viel zitierten, auf die Medien gemünzten Satz des Kanadischen Medienwissenschaftlers Marshall McLuhan: 'The medium is the message." Damit ist zugleich die Aufmerksamkeit des Lesers gelenkt, die Richtung seines Augenmerks vorgegeben. Worauf diese besondere Blickrichtung basiert, ist schnell festgestellt: Literarische Texte sind zumeist fiktionale Texte, das heißt: Ihr Bezug zur Realität wird problematisiert. Wenn es die Geschichte der Elektra oder der Arabella so, wie Hofmannsthal sie darstellt, nicht gab, sind diese Geschichten doch als Aussagen über Möglichkeiten menschlichen Verhaltens glaubwürdig, obschon die Literatur nicht selten Extremsituationen darstellt. Dass Hofmannsthal kaum jemals Personen als Individuen ins Werk setzte, sondern an ihnen Allgemeines aufzeigen wollte , passt perfekt zum Befund des Fiktionalen, das gleichsam auf verschiedenen Ebenen operiert: Es ist auf der Ebene des unmittelbaren Geschehens nicht ,wahr' oder zumindest nicht in seinem Wahrheitsgehalt nachweisbar, vermittelt aber auf einem höheren, allgemeineren Niveau Einsichten in die Emotions- und Gedankenwelten der Menschen, vielleicht auch Erkenntnisse über die Beschaffenheit der Natur und der uns umgebenden sozialen Welt. Dies einzusehen bedarf es einer Abstraktion, die in den durchgeführten Textanalysen immer wieder vollzogen wurde.
      Die Frage, was uns denn bewegen mag, fiktionalen Texten Interesse entgegen zu bringen, obwohl sie nicht oder nur sehr bedingt ,wahr' sind, ist für den Umgang mit Literatur von nicht geringem Gewicht. Denn statt aus Texten allgemeine oder theo-retische Informationen, Anweisungen oder Orientierungen zum Handeln zu gewinnen, stehen wir fiktionalen Texten, was ihren Praxisbezug angeht, interesselos' gegenüber; wir mögen sie zwar genießen, von praktischem Wert aber sind sie nicht. Es ist im Gegenteil zumeist ratsam, sich eben nicht so zu verhalten wie die fiktiven Figuren, ist doch die Literatur voller Extremsituationen und Abseitigkeiten, wenn nicht sogar voller Verbrechen. Und wenn, wie der Philosoph Piaton formulierte, die Dichter lügen, können deren Leser in der Gesellschaft kaum auf Wertschätzung rechnen, im Gegenteil: Denn was sollte uns, Vernunft und Realitätssinn vorausgesetzt, dazu bewegen, uns mit Lügen oder bloßen Konstruktionen phantasievoller Autoren zu befassen?
Die Antwort klang in anderem Zusammenhang, als es eingangs dieser Darstellung um die Schriftlichkeit von Texten ging, bereits an. Ein schriftlich fixierter, im elementaren Sinne .literarischer' Text eröffnet uns weit größere Möglichkeiten der Deutung als ein mündlich vorgetragener; hier können wir Tiefenstrukturen offen legen, uns auf der Text-Fläche hin- und herbewegen, auch entfernte Partien zusammenschließen, Bezüge erkennen und interne Strukturen ans Licht bringen. Gegenüber dem mündlich vorgetragenen Text bedeutet Schriftlichkeit Freiheit in der Rezeption, die noch um einiges größer wird, wenn die dargelegten Sachverhalte nicht an der Wirklichkeit gemessen werden müssen, wie dies bei einem nicht-fiktionalen Text erforderlich ist. Bei einem fiktionalen Text genießt der Leser die Freiheit, ihn sich zu erschließen, wie es ihm am liebsten ist -bis hin zu einem spielerischen Umgang, der ohne jede Verpflichtung zum Ernst die Möglichkeiten eigenen Verstehens erprobt. Die Lektüre ist, handelt es sich um fiktionale Texte, ein Experiment mit offenem Ausgang. Was wir dem Text entnehmen, welche Wege des Verstehens er für uns bereit stellt, lässt sich erst am Ende erfahren oder zumindest erahnen. Beim Studium literarischer Texte lerne ich mindestens ebenso viel über mich, meine Interessen, meine Einsichten oder auch meine Grenzen und Aversionen wie über den Text, so dass ich lesend ein Experiment an mir selbst vornehme, aus dem ich ,gereift', zumindest aber bereichert hervorgehe.
      Doch die Vorteile der Fiktionalität sind damit noch nicht vollständig erfasst, die Nachteile noch nicht hinreichend bedacht. Aus einem fiktionalen Text, so möchte man zunächst meinen, erfährt man nichts über die Wirklichkeit und lernt auch nichts für das Leben, denn das dort Gesagte enthält keine nutzbaren Aussagen über konkrete Sachverhalte. Auch wenn sich dem Leser fiktiona-ler Texte Freiheiten im Verstehen erschließen, bleiben diese doch spielerisch ausgerichtet und sind für unser Verhalten im Leben kaum nützlich. Oder ergeben sich aus der Lektüre der Elektro oder der Reitergeschichte Vorbilder für unser eigenes Handeln? Eher nicht. Unter einem Aspekt jedoch sind die fiktionalen Texte jenen der Alltagskommunikation überlegen. Wenn man zum Beispiel eine Zeitung studiert, bemerkt man bald, dass man einige Artikel liest, andere hingegen nicht, weil man sich zwar vielleicht für den Bericht über Ausbau des Straßennetzes in Leipzig, nicht aber für die Reportage über den Opernball interessiert. Die Wahl ist interessengelenkt und kann im genannten Beispiel durchaus umgekehrt erfolgen. Die Frage, ob man sich für den Inhalt eines Romans interessiert, ist demgegenüber bei der Lektüre nicht von primärer Bedeutung; sie mag zwar für die Entscheidung, speziell diesen Roman zu lesen, eine Rolle spielen, ist aber kaum der einzige noch gar der hinreichende Grund. Wer sich mit dem Thema Hass und Rache befassen möchte, ist sicher mit dem Studium einer psychologischen Abhandlung besser beraten als mit der Lektüre der Elektra. Gleichwohl erfährt der Leser hier sehr viel über Hass- und Rachegefühle, obschon ihm die Figuren, die Handlung, der Schauplatz fremd sind und obwohl sich die Geschichte in der erzählten Weise kaum zugetragen hat. Ob er am Ende weiß, was Hass sei, ist alles andere als ausgemacht; er hat aber bei seiner Lektüre eine Atmosphäre gespürt, die in der manischen Wiederholung derselben Handlungen und Befürchtungen aufgebaut wird und die sich um ihn gleichsam zusammenzieht wie eine Schlinge: Er hat den Hass nicht theoretisch erkannt, sondern in der Erfahrung nachvollzogen, hat ihn ,erlebt'. Ein analoges Beispiel, diesmal der Lyrik entnommen, ist harmloser, aber nicht weniger anschaulich. Gewiss weiß man, was Wolken sind; doch die besondere Atmosphäre, die sich mit ihnen verbindet, erfährt man bei der Lektüre und Analyse des gleichnamigen Gedichts - manerfährt sie nicht nur, man schafft und erlebt sie mit. Statt einzelne Wolken zu beschreiben, was von eher geringem Interesse wäre, entwickelt der Text eine Dynamik, die auf die besonderen Bewegungen der Wolkenformationen Bezug nimmt, so dass im Ergebnis eine künstlerische Wolken-Studie entsteht, vom Leser miterlebt und mitgeschaffen. Worauf läuft diese Argumentation hinaus? Während wir in der Zeitung nur das lesen, was uns vom Thema her interessiert, lesen wir literarische, fiktionale Texte nicht in erster Linie wegen ihrer Thematik, sondern wegen ihrer besonderen künstlerischen Gestaltung, die wir nach-, ja mit vollziehen.
      Fiktionalität, die eben nicht Bilder von Wirklichkeit herstellt, hat freilich, jenseits dieser Verneinung, eine positive Beschaffenheit: Ihre Realität ist die Sprache. Fiktionale Texte, die eine Welt im Modus der Möglichkeit entwerfen, sind nicht nur Aussagen über die Möglichkeiten der Phantasie, sondern auch Gestaltungen der Sprache als Kunstmittel. Unter diesem Aspekt vollzieht sich in den Darstellungen fiktionaler Texte immer auch eine Selbst-Darstellung. Die Sprache hat in fiktionalen Texten nicht, wie in Texten des Alltagsgebrauchs, die Funktion, Aussagen zu machen, Informationen zu übermitteln, die Kommunikation zu gewährleisten und gegebenenfalls das Handeln zu steuern; sie hat stattdessen einen eigenen, nicht durch andere Mittel der Aussage zu ersetzenden Ausdruckswert. Die Formulierung: ,sie hat Ausdruckswert' ist ungenau; präziser müsste es heißen, dass sie diesen im Verlauf des Textes, durch die besondere Art des Diskurses, allererst gewinnt. Der Ausdruckswert künstlerischer Texte ist nämlich nicht vorgegeben, sondern muss diskursiv hervorgebracht werden - eine un-abschließbare, immer von neuem sich stellende Aufgabe, welche die Literatur am Leben und den Leser in Atem hält.
      Wenn die einzige Realität fiktionaler Texte die Sprache ist, bekommt das in ihnen Ausgesagte eine besondere Qualität. Der Akzent liegt dabei auf der Sprache als Kunstmittel, das etwas zur Darstellung bringt, das sich so nicht zugetragen hat oder von dem wir nicht wissen können, ob es wirklich ist oder nicht. Deshalb befindet sich der Leser fiktionaler Texte immer in einem eigenartigen Schwebezustand: Aufder einen Seite stehen ihm bestimmte Figuren, Handlungen und Vorfälle plastisch vor Augen, plastischer noch als in pragmatischen Texten; auf der anderen Seite aber darf er sie nicht unmittelbar für wahr halten. Diese scheinbar wenig komfortable Situation hat gegenüber der Begegnung mit realen Sachverhalten freilich einen entscheidenden Vorteil. Wir können das Dargestellte, Ausgesagte in aller Freiheit auf unsere Erfahrungen beziehen und weiter gehende Schlüsse ziehen; wir gewinnen Einblicke in die Psyche der Figuren und leben für die Dauer der Lektüre mit ihnen. Das Schicksal der Elektra ist, weil es sich konkret vor uns entfaltet und uns drastisch vor Augen steht, eindringlicher und bewegender, als eine analoge psychologische Fallstudie je sein könnte: Die Person spricht selbst, und selbst wenn, etwa in Erzähltexten, über die Personen gesprochen wird, gewinnen sie plastisch Kontur. Wir dürfen in aller Freiheit Sympathien entwickeln für eine Figur, die den eigenen Bruder zum Sühnemord anstiftet, wir empfinden mit dieser jungen Frau, die aus ihrem Hass keinen Ausweg kennt und in dem Augenblick stirbt, als die Motive für ihre Rache entfallen sind und ihr Leben damit jeglichen Sinn verliert.
      Gegenüber dieser verstärkten, weil in unserem Miterleben lokalisierten Gegenwart, die fiktiven Figuren und Situationen zukommt, weist die Literatur im Vergleich zum ,Leben' eine weitere, nicht minder bedeutsame Eigenschaft auf. Was zum Beispiel Elektra zum Handeln veranlasst und was ihr geschieht, erweist sich als zwar furchtbar, ist aber in der dargestellten Handlung sinnvoll und von innerer Logik bestimmt - während in einem realen Leben vieles passiert, das keinen Sinn hat oder ihn im Dunkeln lässt. Die Literatur ist bedeutungsvoll und logisch, das Leben nicht selten undurchschaubar und rätselhaft. Was uns im Leben zustößt, nehmen wir zwar notgedrungen hin, können es aber oftmals nicht verstehen. Fiktionale Texte hingegen folgen einer künstlerischen Logik, die das Leben naturgemäß nicht kennt. Im Modus der Fiktion lotet die Literatur Möglichkeiten aus, deren Realisierung in der Lebenswelt kaum möglich und manchmal alles andere als erstrebenswert wäre, die aber eben deshalb in der Rezeption einen Freiraum eröffnen, den für die Dauer der Lektüre unsere Phantasie in aller Freiheit besetzt. Ob wir das Leben im-mer verstehen, mag man dahingestellt sein lassen; die Literatur aber, sofern wir uns die Mühe der Analyse machen, ist immer verständlich.
      Aus dieser Offenheit der Bezugsetzung, was das Verhältnis zur Realität anbelangt, erklärt sich nun auch, warum literarische Texte ein vielfältiges, .offenes' Sinnangebot machen. Das zeigt sich schon an ihrer inneren Struktur, denn ein und dieselbe Aussage kann in verschiedenen Bedeutungszusammenhängen stehen und auf mehrere Textebenen bezogen sein: Dies wurde bei vielen der durchgeführten Analysen sinnfällig. Die Vielfalt der Deutungsmöglichkeiten innerhalb des Textes selbst ist ein Zeichen für die vielfältigen Bezugsetzungen zur Wirklichkeit, die er erfahren kann und zu seinem Verständnis auch erfahren muss. Dabei wird, in der Praxis des Unterrichts, eben diese Vieldeutigkeit nicht selten zum Ã"rgernis, wenn der Schüler eine Interpretation vornimmt, die dem Lehrer nicht einleuchtet und welche dieser folglich auch nicht mit einer guten Note versieht. Zwar ist ein literarischer Text mehrdeutig; die Anzahl seiner möglichen Interpretationen erfährt aber dadurch eine Einschränkung, dass die jeweilige Deutung am Material des Textes belegbar sein und sich möglichst widerspruchsfrei in die Gesamtheit der Aussage einfügen muss. Man kann über einen literarischen Text zwar viele Stellungnahmen abgeben, nicht aber beliebige. Deshalb hat die Einlassung, man habe sich das aber so gedacht, sei aber dieser Meinung, keine Gültigkeit, wenn nicht der Text selbst Argumente für die betreffende Deutung liefert. Man kann über einen Text nicht sagen, was man will, sondern nur, was er will. Das ist zwar vieles, aber nicht schlechterdings alles.
      Die Viel- oder Mehrdeutigkeit des Textes ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal literarischer Texte gegenüber pragmatischen und verdient, dass wir hierbei noch etwas verharren. Wenn ich in einer normalen Gesprächssituation sage: 'Ã-ffne das doch bitte mal", weiß der Angesprochene nicht, was er denn öffnen soll: das Fenster, die Tür, den Schrank, die Flasche, die Konservendose, es sei denn, ich weise außerhalb der Sprache, zum Beispiel durch Zeigen, auf einen bestimmten Gegenstand hin. Alltagskommunikation sollte, wenn sie gelingen will, möglichst eindeutig sein, sonst spricht manvon ,Missverständnissen', und diese sind, wie man weiß, unerwünscht. Die Vieldeutigkeit eines literarischen Textes hingegen macht ihn untauglich für bestimmte, unzweideutige Aussagen und Botschaften. Doch dieser negativ scheinende Befund wendet sich in anderer Blickrichtung zum Positiven. Ein literarischer Text kann unter verschiedenen Bedingungen unterschiedlich gelesen werden - sei es, dass sich die Zeiten ändern, dass sich unsere Interessen verschieben -, und man darf generell annehmen, dass sich die Leser von Literatur einem Text ohnehin auf verschiedene Weise nähern. Ist die Frage- und Problemstellung, die man auf diese Art an den Text heranträgt,,zulässig', wird der Text entsprechend .antworten'. Das kann er nur, weil er unterschiedliche Lesearten zulässt.
      Der einfachste Weg, diese Vieldeutigkeit zu erklären, ist ein Beispiel, das wir kennen. Im Tod des Tizian, in der langen lyrischen Rede des Gianino, war von Bienen die Rede, die den Nektar der Granaten saugen. Neben dieser situationsbedingten Beschreibung kann der Vorgang auch im übertragenen Sinne verstanden werden, da seit der Antike das Bienengleichnis die Tätigkeit des Dichters, der .sammelnd' eigenes schafft, bezeichnet. Schließlich ist diese Beziehung nicht nur eine gelehrte Einlassung, sondern auch das Kennzeichen des Textes selbst. - Man spricht in diesem Zusammenhang von ,Ãoberdetermination': Ein und dieselbe Aussage kann verschiedenes bedeuten, hat einen mehrfachen Sinn, verweist auf unterschiedliche Bereiche des Textes und der Erfahrung. Literarische Texte sind zumeist entsprechend überdeterminiert, indem sie Bedeutungen gleichsam bündeln und durch nur ein Element zum Ausdruck bringen. Dabei ist klar, dass ein entsprechendes Vorgehen in der Alltagskommunikation keineswegs ratsam wäre, denn es ist dem konkreten, direkten Verstehen und Handeln geradezu entgegengerichtet. Der mehrfache Textsinn in der Literatur hingegen erweitert den Freiraum der Deutungen, lässt verschiedene Bezugsetzungen zu und gewährleistet darüber hinaus auch die historische Dimension, das Fortleben des Textes, denn er ist, selbst unter veränderten Rezeptionsbedingungen, noch lesbar und sinnvoll.
      Noch ein weiterer Schritt der Reflexion ist notwendig, um die Besonderheit des literarischen Textes zu erkennen. Seit der

Sprachtheorie von Saussure wissen wir, dass die Zeichen natürlicher Sprachen ,unnatürlich', arbiträr sind: das ,Lautbild' eines Wortes steht zu der Vorstellung, die es in unseren Köpfen auslöst, nicht in einem Ã"hnlichkeitsverhältnis. Deshalb haben verschiedene Sprachen auch unterschiedliche Bezeichnungen für dieselben Gegenstände. Nun besteht auch die Literatur aus Zeichen -Sprachzeichen zunächst, für die gilt, dass sie arbiträr sind. Literarische Texte stellen mit Hilfe der normalen und bekannten Sprachzeichen etwas dar: Ist dieses Dargestellte, die Bedeutungsebene der Zeichen in literarischen Texten, ebenfalls arbiträr? Keineswegs. Noch einmal kann uns Elektra helfen. Ihre Hass- und Rachegefühle werden zwar, weil es die Sprache nicht anders erlaubt, mit arbiträren Begriffen bezeichnet, ihre Inhalte, Erscheinungsweisen und Ausmaße aber stehen in einem Entsprechungsverhältnis zu dem, was wir unter diesen Begriffen kennen. Die Art, wie Elektra sich verhält, zeigt unter verschiedenen Perspektiven immer dasselbe: ihren Hass. Wir könnten das Stück gar nicht verstehen, gäbe es nicht eine notwendige Beziehung zwischen ihrem Verhalten und dem, was wir als Hass und Rache lebensweltlich erfahren haben. In literarischen Texten entsteht zwischen dem Dargestellten und der Darstellung ein Verhältnis der Entsprechung. Wir erkennen die Darstellung der Rache und des Hasses, weil wir das manische Verbohrtsein, das An-nichts-anderes-denken-Können kennen; wir wissen, dass Hass und Rache, geben wir ihnen Raum, unser Leben beherrschen und es schließlich sogar, im äußeren oder nur inneren Sinne, vereinnahmen oder sogar auslöschen - wir wissen es oder haben es aus Elektra erfahren. Wir erkennen nur, was wir kennen, und gewinnen doch tiefere Einsichten durch die Literatur , weil sie das, was wir kennen, zuspitzt und uns seine Extremformen einsichtig macht. So verdanken wir der Literatur eine erhöhte Erkenntnis, auf die wir uns um so mehr einlassen können, je weniger die Darstellung, der wie sie verdanken, Wirkliches umfasst.
      Fiktionale Texte setzen, in anderer Weise als pragmatische, Bedeutungen. Sie können nicht nur, wie die Texte der Alll.igskom-munikation, entschlüsselt und verstanden werden,sondern auch gedeutet. Nun sind Interpretationen nicht das ausschließliche Vorrecht der Kunst; der Unterschied zu den Formen der pragmatischen Kommunikation besteht vielmehr darin, dass fiktionale Texte eine Interpretation erfordern; das bloße Entschlüsseln des Gesagten im Sinne seiner Inhalte reicht zu ihrem Verständnis nicht aus. Das mag auch für bestimmte Situationen des Alltagslebens gelten, denen wir, zu Recht oder zu Unrecht, Bedeutungen unterstellen. In den Werken der Kunst jedoch sind die Darstellungsmittel selbst bedeutungsträchtig oder mit anderen Worten: Hier wird Interpretation zugleich eingefordert und durch Bedeutungssignale gesteuert. Die besondere Art der Sprachverwendung - außergewöhnliche Begriffe, Rekurrenzen, klangliche Strukturen, Satzbau - gibt Hinweise auf die Lesarten, die der jeweilige Text ermöglicht und auf die Bedeutungen, die er enthält. Zusätzlich zu der Ebene des unmittelbar Gesagten schafft ein literarischer Text eine zweite Ebene, ein sekundäres Sinnsystem . Am Beispiel des Hasses der Elektra und der Sinnebene des Tierischen wird das theoretisch Ausgeführte begreiflich. Diese zweite, konnotative Sinnebene literarischer Texte verhält sich zur ersten, der Bedeutungsebene eben nicht arbiträr, sondern steht zu ihr in einem Verhältnis der Entsprechung und der Verwandtschaft'.
      Diese Betrachtung literarischer Zeichenhaftigkeit, die, so paradox es scheinen mag, eng mit der Fiktionalität der Literatur verbunden ist, verlangt nach einem Fazit. Was die Literatur uns zumutet, ist nicht selten erschreckend, dramatisch, tragisch. Die Frage, was uns eigentlich bewege, uns auf Fiktionen einzulassen, gewinnt an Brisanz vor dem Hintergrund der in literarischen Texten, und den besten zumal, nicht selten dargestellten Schrecken . Das Entsetzliche in fiktio-nalen Texten unterscheidet sich von den Schrecken der Wirklichkeit auf beruhigende Weise dadurch, dass es nicht real ist. Wir können deshalb in der Fiktion durchlaufen und erproben, was in der Realität mit großen Risiken verbunden wäre. Auch unter diesem Aspekt eröffnet sich noch einmal der Freiraum des Fiktionalen.

     
Zusammenfassend ist, unter den besonderen Bedingungen des Literarischen, der Textbegriff noch einmal zu überdenken. Ein Text, so hatten wir gesagt, entfaltet eine Sachlage, stellt einen Sachverhalt dar. Ein fiktionaler Text hingegen ist von dieser Bindung an die Wirklichkeit befreit, darf etwas erfinden unter der alleinigen Maßgabe, dass wir es, aufgrund unserer Erfahrung und unserer Vorstellung, auch verstehen können. Der Sachverhalt wird nicht dargestellt, sondern erst, mit unserer Hilfe, durch den Akt der Rezeption, geschaffen. Die Kommunikation, wie sie sich in einem fiktionalen Text vollzieht, wurde von dem englischen Dichter Coleridge einmal als ,willentliche Aufhebung des Unglaubens' beschrieben: Der Leser ist bereit, sich auf die Fiktion einzulassen und seinen Unglauben zeitweilig zu suspendieren. Man kann diese Situation auch anders charakterisieren: Der Autor, sagen wir: Hofmannsthal, begibt sich in die Rolle dessen, der etwas erfindet; auf der anderen Seite der Kommunikation steht der Leser, der sich in die Rolle dessen begibt, der für die Dauer der Fiktion glaubt, was man ihm sagt. Im Rahmen der fiktionalen Kommunikation sehen wir von der uns umgebenden Realität ab und machen allein den Text zu unserer Wirklichkeit. Hieraus mag man verstehen, warum das Lesen so spannend sein kann, wenn die beiderseitigen Rollen ,richtig' besetzt sind. Aus der Besonderheit einer fiktionalen Kommunikationssituation erhellt aber auch der Unterschied zur Lüge. In beiden Fällen steht zwar der Wahrheitsgehalt der Aussage in Frage ; die Lüge aber setzt die Annahme voraus, dass der Belogene den Lügen glaubt. Andernfalls ,misslingt' die Lüge, scheitert der Täuschungsversuch.
      Weil wir uns so uneingeschränkt aui den fiktionalen Text einlassen, sind wir auch offen für jene Gestaltungen, die an literarischen Texten zum Tragen kommen. Wir sehen nicht, wie es bei pragmatischen Texten der Fall ist, durch sie hindurch auf die dargestellten Sachverhalte, sondern richten unsere Aufmerksamkeit auf das gestaltete Sprachmaterial selbst. Literarische Texte sind nicht durchsichtig, transparent für etwas Anderes, sondern opak und lassen uns in einem Raum mit undurchsichtigen Fenstern verharren - gleich dem Bühnenraum, der uns bei der dramati-sehen Gattung umschließt. Wenn wir bereit sind, uns auf diese Weise einsperren zu lassen, muss das gebotene Schauspiel von besonderer Klasse sein - etwas, das man im Leben so leicht nicht erlebt. Es hat seine eigene Logik und seinen eigenen ästhetischen Reiz und entlässt uns aus der Umklammerung mit dem Gefühl, etwas verloren , zugleich aber etwas gewonnen zu haben: Einsicht in fremde Individualität und die eigenen Möglichkeiten eines Verstehens, das nicht nur auf die Literatur beschränkt ist, sondern sich im Leben fortsetzt.
      Nach den Textanalysen dieses Bandes ahnt man eine Frage, die auch oft im akademischen Unterricht gestellt wird: ob denn der Autor das alles bewusst seinem Text mitgegeben und eingeschrieben habe, ob er das ,gewollt' habe. Die Antwort ist einfach: Zumeist wissen wir es nicht. Es ist auch - und das soll kein billiger Trost sein - gar nicht so wichtig. Denn es gibt ein Kraftpotential, mit dem der Text seine Dynamik entfaltet und sich eigenwillig über all unsere Versuche, ihn der Kontrolle zu unterwerfen, hinwegsetzt. Das Medium Sprache entwickelt, zumal dann, wenn es, wie bei einem fiktionalen Text, selbst im Zentrum der Bemühungen steht, eine Eigendynamik, die zu dem Eindruck führen kann, der Text schreibe sich selbst. Das ist kein Mystizismus, sondern für jeden, der schreibt, ein Erfahrungswert. Man gerät schreibend sozusagen in Schwung, legt seine Gedanken nicht im vorhinein zurecht, sondern entwickelt sie schreibend selbst und gerät dabei in Bereiche des Denkens und der Einsicht hinein, die man vorher noch gar nicht erahnte. So kann der Text mehr und sogar anderes zum Ausdruck bringen, als der Autor sagen wollte. Was er sagen wollte, wissen wir nicht, und er mag es, auf Nachfrage, selbst nicht einmal wissen - gleichviel: Wir brauchen es gar nicht zu wissen, denn was der Text sagt, ist allemal genug; und auch wir lassen es jetzt genug sein.
     

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