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Fortschritt und Richtigkeit



Die Tatsache, dass das realistische Erzählen sich am Ideal wissenschaftlicher Exaktheit orientierte, hat nun zweierlei zur Folge gehabt, das sich für die Rezeption der realistischen Texte als Kunstwerke negativ auswirken musste:
1. Der explizite oder implizite Anspruch auf wissenschaftliche Exaktheit unterwirft die Darstellung dem Fortschrittsglauben;
2. der Realismus sensibilisiert den Leser für die Richtigkeit der Darstellung. Die Wahrheit der Dichtung tritt hinter der Richtigkeit der Realien, das heißt hinter der Belehrung über spezielle Sachbereiche und Lebenswelten zurück.

      Beides, der vom Realismus vermittelte Fortschrittsgedanke, wie auch die Reduktion der Wahrheit der Dichtung auf die wissenschaftlich überprüfbare Richtigkeit der Darstellung führt zu einem kunstfremden Verstehen, so dass der literarische Text so gelesen wird, als handle es sich um einen nichtliterarischen Text.
      Was den Fortschrittsgedanken anbelangt, so ist festzustellen: Kunst kennt keinen Fortschritt. Jedes Kunstwerk, das gelungen ist, hat seine Vollendung in sich selbst.
      Während die Wissenschaft den hier vorliegenden Sachverhalt formuliert. Dass »die Kunst überall am Ziel« ist, gehörte, nebenbei vermerkt, zu den Lieblingszitaten Rene Welleks, der denn auch in der »Theorie des Realismus« nichts als »schlechte Ã"sthetik« sah {The Concept of Realism in Literary Scholarship; Wellek 1969: 255).
      Und zum anderen animiert die Exaktheit der soziologischen und psychologischen Analysen, die ein realistischer Text aufzuweisen hat, dazu, die künstlerische Darstellung nur noch sachlich zu lesen, als Belehrung, als Summe von Urteilssätzen, die bejaht oder verneint werden können. Keine literarische Gattung hat so viele kunstfremde Diskurse ausgelöst wie der realistische Roman, weil er mit künstlerischen Mitteln zur unkünstlerischen Rezeption regelrecht einlädt.
      Vladimir Nabokov hat Recht, wenn er in seinen Lectures on Literature , anlässlich der Sozialkritik, die Charles Dickens in Bleak House eingebracht hat, Folgendes feststellt:
Das Studium der soziologischen und politischen Bedeutung der Literatur muss hauptsächlich für Leute erfunden werden, die auf Grund ihres Temperaments oder ihrer Erziehung immun sind gegen die ästhetische Faszination, die von authentischer Dichtung ausgeht.
Mit anderen Worten: soziologische oder politische Sachverhalte darzustellen, kann niemals der Zweck eines Kunstwerks sein. Auch wenn sie dargestellt werden, sind sie immer nur Mittel zu einem Zweck. Die Wahrheit der Dichtung hat mit wissenschaftlich fundierter Richtigkeit nichts zu tun. Der künstlerische Rang von Tolstojs Roman Krieg und Frieden, die Wahrheit dieser Dichtung ist unabhängig davon, ob Tolstojs darin gestaltete »Philosophie der Geschichte« falsch oder richtig ist.
      Der Begriff Realismus benennt nur eine einzige Möglichkeit, »objektive Korrelate« im Sinne T. S. Eliots herzustellen, um eine »Emotion« auszulösen . Realistisch im Sinne des Realismus kann immer nur »Seiendes« dargestellt werden, nicht aber »Sein« -so müsste man mit Martin Heidegger sagen. »Sein« kann überhaupt nicht dargestellt werden. »Sein« kann nur ausgelöst werden durch Darstellung eines Sachverhalts, und die Wahrheit der Dichtung kann als formulierte Wahrheit immer nur die Form eines spekulativen Satzes haben, der selbst nicht dasteht, sondern »Wort des Auslegers« ist, wie Hans-Georg Gadamer uns zu denken gibt . Arthur

C. Danto formuliert dies so: Ein Kunstwerk bringt etwas »zum Ausdruck« an dem, »was es zeigt« . Und Ausdruck definiert Danto wie folgt: »Philosophisch gesehen, lässt sich der Begriff des Ausdrucks auf den Begriff der Metapher zurückführen, sobald die Art und Weise, in der etwas dargestellt wird, bezogen auf das dargestellte Thema wahrgenommen wird.«
So ließe sich, um ein Beispiel zu bringen, die Wahrheit der Brüder Kara-masow etwa unter den hegelschen Satz bringen »Was vernünftig ist, das ist wirklich, und was wirklich ist, das ist vernünftig.« Die Vernunft in der Geschichte der Brüder Karamasow sieht so aus, dass das gerichtliche Fehlurteil den gerechten Schuldspruch des »inneren Richters« enthält. Wenn auch Dmitrij Karamasow nicht der Mörder seines Vaters ist, so hat doch einzig und allein seine objektiv dokumentierte Gesinnung den tatsächlichen Mörder in Aktion gesetzt, nämlich Smerdjakow, der seine Tat in der Rolle Dmitrijs begeht und dadurch für das Gericht unsichtbar bleibt. Ohne Dmitrij kein Mord. Erst seine offene Bejahung des bösen Wunsches setzt den Täter in Aktion. Die Gerichtsverhandlung, mit der der Roman endet, wird zur Pictura des Gerichtshofs im Inneren des Menschen. Im Fehlurteil der Geschworenen, das richtig dargestellt wird, zeigt sich die Vernunft in der Geschichte, so lautet die uns von Dostojewskij zugemutete Subscriptio .
     

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