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Forschungsschwerpunkt 'Oscar Walter Cisek. Auszüge aus dem II. Kapitel der Dissertation über 'Sprache und Stil in O.W. Ciseks literarischen Werken



Anhand dieses knappen Berichts soll ein allgemeiner Ãoberblick über Leben und Schaffen des Dichters und Schriftstellers geboten werden.
      Oscar Walter Cisek gehört einer Zeit an, in der die beiden Weltkriege entscheidende Zäsuren setzten. Mit seinen literarischen Anfängen zählt er zu den für charakteristische Entwicklungstendenzen der spätbürgerlichen Literatur repräsentativen Autoren unseres Landes.


      Oscar Walter Cisek wurde am 6. Dezember 1897 in Bukarest als Sohn einer Kaufmannsfamilie geboren, die in zweiter Generation hier ansässig war. Der Vater stammte aus einer böhmischen Familie, die Mutter aus Deutschland. Nach Abschluß des Bukarester deutschen Gymnasiums entschied sich Cisek, ab 1921 in München Literatur- und Kunstgeschichte zu studieren. Seine publizistische Tätigkeit begann bereits 1919, als er in der Hermannstädter 'Deutschen Tagespost" gemeinsam mit einem Aufsatz über Henri Barbusse eine Ãobersetzung aus dessen Roman Le Feu veröffentlichte. Darauf folgten Essays über Franz Werfel und Leonid An-drejew und 1920 in der Temeswarer 'Arbeiterzeitung" über Maxim Gorki. Ab 1920 publizierte er seine Literaturbriefe im Berliner 'Literarischen Echo", um dem deutschen Leser die Gegenwartsliteratur Rumäniens bekannt zu machen.
      Im Jahre 1923 kehrte Cisek nach Bukarest zurück und veröffentlichte zahlreiche Aufsätze über bildende Kunst und Literatur in den Zeitschriften 'Ideea europeanä", 'Contemporanul", 'Cugetul romä-nesc", 'Gändirea", 'Klingsor".
      Besondere Erwähnung verdienen seine Essays Theodor Aman , Romantis-mul german , Criza epicului in romanul contemporan , Mihail Sadoveanu und Im Verweilen vor Goethes Gesichtsmaske .
      Als Ãobersetzer spielte er eine bedeutende Rolle in der Vermittlung geistiger und kultureller Güter; er übertrug in der Zwischenkriegszeit Georg Trakl.Tudor Arghezi, Adrian Maniu und Lucian Blaga. In Bukarest übte Cisek einige Jahre den Beruf eines Beamten aus. Danach trat er als Kulturrat in den diplomatischen Dienst in Wien, Prag und Berlin. Als Generalkonsul war er in Bern tätig. Ãoberall machte er sich um die Verbreitung rumänischer Literatur und Kunst verdient. Nach 1944 war er bis zu seinem Tode am 28. Mai 1966 in Bukarest freischaffender Schriftsteller. Für seine Verdienste wurden ihm zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen zuteil. Er war korrespondierendes Mitglied der 'Deutschen Akademie der Künste zu Berlin", erhielt den 'Ion Creangä"-Preis der rumänischen Akademie, den 'Stern der Sozialistischen Republik Rumänien" und den 'Arbeitsorden".
      In Oscar Walter Ciseks . Zwischen beiden gibt es aber keine Zäsur, in Ciseks Gesamtschaffen ist vielmehr eine folgerichtige linear-aufsteigende Entwicklung zu verzeichnen. In seiner Lyrik kann man deutlich mehrere Etappen erkennen: Seine künstlerische Entwicklung geht aus von neuromantisch-impressionistischen Anfängen über ein längeres Verweilen in expressionistischem Fahrwasser bis zu einem Verharren in einer naturmagischen Fiktionswelt. Der junge Dichter blieb von den damaligen literarischen Zeiterscheinungen nicht unberührt. Seine ersten literarischen Versuche fallen in die Zeitspanne des lauten expressionistischen Sturms . Obwohl seine Gedichte schon in der Zeit vor dem ErstenWeltkrieg entstanden sind , finden wir sie erst nach Beendigung des Krieges in den bedeutendsten deutschsprachigen Publikationen unseres Landes veröffentlicht, deren ständiger Mitarbeiter Cisek ab 1918 war. Ciseks literarisches Debüt fällt in das Jahr 1920, in dem er in den Zeitschriften 'Frühling" und 'Ostland" mit Gedichten vertreten war.
      Alfred Kittner beurteilt den Einfluß des großen Frühexpressionisten Georg Heym auf Ciseks literarische Anfänge als ausschlaggebend. Oscar Walter Ciseks lyrisches Werk ist nicht umfangreich, doch wirkt seine Poesie weniger durch ihr Ausmaß als durch ihre Kraft neuen Fühlens und Gestaltens. 1934 brachte Cisek eine Auswahl von Gedichten, die in den Jahren 1925-1933 entstanden sind, unter demTitel Die andere Stimme bei Wolfgang Jess in Dresden heraus. Danach hat der Dichter keine Lyrik mehr veröffentlicht. Seine frühen und seine späten Gedichte erschienen nach seinem Tode in Buchform .
      Großstadteindrücke im Wortrausch, ekstatisch gesteigerte Naturvisionen in bildüberladener Sprache kennzeichnen seine lyrischen Anfänge. Obzwar Oscar Walter Cisek in seinem frühen literarischen Schaffen vom Expressionismus stark beeinflußt ist, würde es gewagt sein, ihn als expressionistischen Dichter zu bezeichnen. Er schafft wohl aus dem Gefühlsrausch heraus, Phantasie und visionäre Bildkraft sind seiner Jugendlyrik eigen, doch findet er immer auch das richtige Maß an Ausgeglichenheit. Schwermut,Tod und Verzweiflung sind Lieblingsthemen seiner Frühdichtung, es überwiegt in ihr aber nicht die Darstellung der Sinnlosigkeit des Lebens wie beiTrakl, vielmehr strebt Cisek aus diesen erdrückenden Situationen nach einem lebensbejahenden Ausweg.
      Cisek ist ein überzeugter Kriegsgegner undVerkünder der Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Brüderlichkeit, aber nicht im Sinne des überlauten Aktivismus. Ciseks Humanismus erwächst aus seinem tiefen Gefühl der Eintracht, aus seinem ausgeprägten Sinn für Harmonie. Seine Pathetik überschlägt sich niemals in tosendem Wortschwall oder ekstatischem Schrei, obwohl Verdichtung, Knappheit, Einfachheit, Konzentration in ausdrucksstarken Versen von elementarer Wucht geballt werden, welche die Form oft sprengt. Schon die Titel sind bezeichnend für den aufbegehrenden Geist und Gehalt der Verse: Verzweiflung, Aufschrei zur Sonne, Meeresaufruhr, Die Gewitterwolke, Nervöser Abend, Bruder!, Hei!, Großstadtgram u.a. Der Drang nach Selbständigkeit und Auflehnung kommt in einer Fülle von Neubildungen im Wortschatz, die charakteristisch für seine eigenwillige Gestaltungskraft sind, zum Ausdruck. Eine visionäre Bildersprache von symbolischen Farbwerten kennzeichnet seine Dichtung. Durch die Klangwirkung und Musikalität seiner reifen Lyrik steht Cisek in der Nachfolge seines großen VorbildesTheodor Däubler.
      In den Frühgedichten klingen bereits alle Motive an, die auch in der späten Lyrik anzutreffen sind: Schlaf, Traum, Schmerz, Einsamkeit, Lust und Tod, Liebe zu Frau und Kindern. Die Gedichte aus den Jahren 1947-1955, die Cisek in vier Zyklen zusammenfaßte, die aber erst nach seinem Tod 1972 in einer bibliophilen Aufmachung im Kriterion Verlag erschienen sind, sprechen wieder eine andere Sprache. Es sind abgeklärte Verse eines Reifen, Wissenden, der Rückschau hält. Es sind besinnliche Selbstgespräche, in ebenmäßige, strenge Formen gebannt. Kittner ordnet sie dem Tonfall Hugo von Hofmannsthals und Hans Carossas zu.
      Die Literaturkritik hat beim Erscheinen dieser Gedichte einen 'großen Unbekannten" wiederentdeckt und den Dichter als 'Klassiker" bezeichnet. Peter Motzan äußerte sich wie folgt: 'Auch gehaltlich sind es Gedichte eines Alternden, sie kreisen um das Imperfekt, teils melodisch konzentriert, teils elegisch ausschwingend. Feste metrische Strukturen und liedhafte Rhythmik kommen zu ihrem Recht. Am gelungensten sind die heiter-schwermütigen Selbstgespräche, die in ihrer Verquickung von Versöhnung und Verzicht, von Trauer und Würde an Alfred Margul-Sperbers Todesgedichte erinnern."
Zwischen dem Lyriker Cisek und dem Epiker Cisek läßt sich nur schwer eine innere Beziehung herstellen. Die augenfälligste Gemeinsamkeit wäre die überschäumende Bildhaftigkeit, die in der Sprache ihren Niederschlag findet. 1921 erschien Ciseks erste Erzählung Die letzten Verwandlungen im 'Ostlandjahrbuch". Seine Novelle Die Tatarin wurde 1929 durch Arnold Zweigs Vermittlung in Deutschland in der 'Neuen Rundschau" gedruckt und erregte Aufsehen. Im selben Jahr noch kam im Hamburger Verlag Gebrüder Enoch ein Band seiner Erzählungen heraus. Weitere Erzählungen entstanden später. Borum Humarians Liebestod , Auf dem Steg der Einfalt , Das Ellenmaß , Am neuen Ufer . Obzwar Ciseks frühe Prosa einer Zeitspanne zuzuordnen ist, in der der Expressionismus in Europa leise abflaute , sind darin doch noch starke Einflüsse dieser Richtung zu erkennen. In Ciseks Erzählungen geht es einerseits um das Ringen triebhaft angelegter, in eine exotische Landschaft eingefügter, einfacher Menschen, um ihre Lebensexistenz oder um die Erfüllung eines inneren Dranges; andererseits um die Schilderung einer verkommenen, lethargischen, lüsternen Kleinbürgerexistenz. DieseWelt wird in seinem Erstlingsroman Vermenschung, entstanden 1920/21, sowie in dem erstveröffentlichten Roman Unbequeme Liebe zu einem scharf gezeichneten Bild bürgerlicher Lebens- und Sittenzerrüttung. Die Stoffwahl ist auch aus einem expressionistischen Streben heraus zu erklären: aus dem Hang zum Absonderlichen, Exotischen, Ãobertriebenen. Dadurch unterscheidet sich auch Ciseks Schaffen grundsätzlich von dem der einheimischen Siebenbürger oder Banater Erzähler. Während jene stets Sprachrohr ihrer siebenbürgisch-sächsischen oder banat-schwäbischen Landsleute sind, deren Heimatwelt sie spiegeln, schöpft Cisek den Stoff, der seinenWerken zugrunde liegt, nicht aus dem Leben der deutschen, sondern der rumänischen Bevölkerung und anderer Nationalitäten, wieTataren, Lipowener, Juden; die Welt, die er schildert, ist jener des rumänischen Altreichs, der Dobrudscha oder der kleinbürgerlichen Vorstadtatmosphäre Bukarests entnommen.
      Nach einem neuen Menschheitsideal strebt Cisek in seinem unveröffentlichten Roman Vermenschung,' der unter dem Einfluß des Expressionismus steht. Im Klima der Weltwirtschaftskrise läßt sich Peter Rufer, ein kleiner Bankbeamter, im Fahrwasser seiner Gefühle, des Nichtstuns treiben, bis er vomWirrsal seines Innenlebens überwältigt wird. Er steht am Anfang als ein einsamer, von Trieben beherrschter Mensch da. Im Bestreben nach Befreiung aus seiner quälenden Wirrnis kommt er in immer verzwicktere Situationen. Sein einziger Ausweg ist nicht das Ãoberwinden der gesellschaftlichen Widerprüche, sondern sein Rückzug in die Symbolik einer heilen, unverfälschten, imaginären Welt, die Natur, die alles heilende Liebe. Die Ãoberbetonung desTriebhaften, die Vorliebe für sexualpathologische Fälle, die Verlegung des Schwergewichts der Handlung auf psychologische Sondierungen sind hier auf den Einfluß der psychoanalytischen Schriften Sigmund Freuds zurückzuführen. Im zweiten Teil des Romans, der den Revolutionsereignissen in Deutschland gewidmet ist, teilt Cisek dem Dichter und Literaten eine bedeutende Rolle zu: Sie werden Weltverbesserer, Weltvorwärtstreibende im Sinne der Aktivisten Kurt Hiller und Ludwig Rubiner, der Wortführer des Proletariats im revolutionären Kampf zur Veränderung der Welt.
      In seiner Prosa werden mit Ausdrucksleidenschaft innere Zustände, innere Vorgänge geschildert, extreme, geradezu pathologische 'Fälle" dargestellt. Doch dieses Streben nach Ãobertreibung und Ãobersteigerung, nach Groteskem wird bei Cisek nie auf die Spitze getrieben. Im Inhalt und in der Form seiner Epik erkennen wir zwar einen Protest gegen die bürgerlichen Konventionen, die Auflehnung tritt uns aber niemals als nackte Brutalität oder revolutionäre Formgestaltung entgegen. Das Unmenschliche dient Cisek vielmehr als Ausgangspunkt für seine Auseinandersetzung und Positionsbestimmung innerhalb der gesellschaftlichen Widersprüche der ersten Jahrhunderthälfte.
      In Ciseks epischem Werk lassen sich zwei Ausgangspositionen deutlich voneinander unterscheiden: Einerseits hat er die gesellschaftliche Realität erfaßt, als unangemessen, als Qual empfunden und in ohnmächtiger, hilfloser Weise dieser Situation Ausdruck verliehen, aber keinen Ausweg gefunden als den, in eine fremdartige Welt südöstlicher Landschaft zu flüchten. Andererseits kann man in seinem Werk ernste Ansätze einer Kritik an der bürgerlich-städtischen Welt und ihrer Wirklichkeitsentfremdung erkennen. Als erster gesellschaftskritischer Ansatz ist sein Jugendroman Ver-menschung zu nennen. Aus diesem Ansatz entwickelt sich einThema, das sich in der Erzählung Spiel in der Sonne und im Roman Unbequeme Liebe wiederholt. Der Roman ist nicht nur eine Chronik des weiblichen Herzens, sondern auch eine schonungslose, bis ins kleinste Detail gezeichnete Milieuschilderung einer in Verderbtheit, Schlaffheit und Untätigkeit vegetierenden bürgerlichenWelt. In beiden Romanen wie in der Erzählung erreicht die Kritik des in seiner Lethargie dem animalisch Triebhaften verfallenen Parasitendaseins der bürgerlichen Gesellschaftsklasse ihren Höhepunkt.
      Oscar Walter Cisek war nicht nur Verkünder expressionistischer Gefühle und Gedanken durch sein dichterisches Frühwerk, sondern er hat andererseits als Essayist und Publizist reichlich dazu beigetragen, die rumänischen Intellektuellen mit dem Expressionismus bekannt zu machen. Dies zwar etwas verspätet, denn die Zeitspanne seiner Entdeckung in unserem Lande fällt schon mit der beginnenden Agonie zusammen. 'Die Flammen des Expressionismus sind in der Asche der Realität erloschen", schrieb Cisek zu einer Zeit , als der Expressionismus auf internationaler Ebene abgeflaut war, bei uns aber erst recht diskutiert wurde.
      In der Zeitschrift 'Gändirea", um die sich eine der bedeutendsten literarischen Gruppen scharte und deren Direktor Ciseks und Lucian Blagas Freund, der Dichter Nichifor Crainic war, veröffentlichte Cisek Beiträge über den Expressionismus und vor allem seine hervorragenden Essays über plastische Kunst. In der Zeitschrift 'Cu-getul Romänesc" war er mit Porträts deutscher Dichterpersönlichkeiten vertreten. Seine kompetenten Ausführungen sind durch eine reiche Auswahl aus deren Lyrik - sowohl in eigener als auch in Ion Pillats Ãobersetzung - illustriert. Bevorzugt wurde von Cisek Georg Trakl, der meistverbreitete deutsche Dichter dieser Zeitspanne innerhalb der rumänischen literarischen Kreise unseres Landes. Trakls Vorzugsstellung ist teils auch auf den Einfluß, den die Zeitschrift 'Der Brenner" im deutschen literarischen und künstlerischen Milieu Rumäniens hatte, zurückzuführen. Zwischen der tonangebenden rumäniendeutschen Literaturzeitschrift 'Klingsor" und der Innsbrucker Zeitschrift 'Der Brenner" gab es enge Beziehungen. So standen Heinrich Zillich, der Herausgeber des 'Klingsor", und seine Mitarbeiter Oscar Walter Cisek, Erwin Reisner und Adolf Meschendörfer in Briefwechsel mit Ludwig von Ficker, Trakls Freund und Begründer des berühmtenTiroler Literaturkreises. In seinem Brief vom 12. November 1925 berichtet Oscar Walter Cisek an Ludwig von Ficker folgendes: 'Hier in Rumänien ist Trakl ziemlich bekannt geworden; vielleicht weil es auch einen rumänischen Dichter gibt, mit dem er innerlich verwandt erscheint."
Mit besonderer Vorliebe zeichnet Cisek Theodor Däublers Porträt. Den Dichter des Nordlichts, den bild- und sprachgewaltigen, visionärenTheodor Däubler, lernt Cisek im Jahre 1925 auch persönlich kennen. Ãober diese Begegnung schreibt er voller Begeisterung an seinen Freund Blaga: 'Däubler war, auf einem rumänischen Schiff gekommen, einige Tage hier in Bukarest, und wir führten ihn auch nach Sinaia und Curtea de Arge§. Er ist ein herrlicher Mensch von ganz ungewöhnlichem Ausmaß, einer, der aus dem Ãoberflusse schafft. Man fühlt in seiner Nähe so sehr die Güte seines ruhigen geistigen Auges [...]. Mir war sein Besuch ein unsäglich wundervolles Erleb-ms.
      Oscar Walter Cisek hatte sich in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nicht nur als Wortführer des neuen KunstwoUens einen Namen gemacht, sondern sich vor allem auch durch seine Novellen und Erstlingsromane als Erzähler europäischen Formats durchgesetzt. 'Cisek hat den wunderbaren Vorzug, daß er erzählen kann mit einer in Deutschland seltener und selten geübten Kultur", schrieb Arno Schirokauer in der 'Neuen Leipziger Zeitung" beim Erscheinen des Novellenbandes, und Paul Wiegler prophezeite: 'Ciseks großesTalent wird sich rasch durchsetzen, [wird rasch] in der ersten Reihe stehen."

   Die schönste Würdigung erfuhr Cisek für seine Gabe des Erzählens durch Gerhart Hauptmann, der zu ihm gesagt hatte: 'Sie sind ein sehr großer Erzähler, auf den die rumänische Literatur und die Literatur in deutscher Sprache stolz sein können."

   An die Spitze der rumäniendeutschen Prosaschriftsteller setzte sich Cisek aber vor allem durch drei Romanwerke seiner Reifeperiode : Der Strom ohne Ende, Berlin 1937, Vor den Toren, Frankfurt 1950, und Reisigfeuer, Bukarest 1960/64. Wie in Ciseks Erzählungen, so ist auch in ihnen der epische Ausgangspunkt niemals das Ich: Nicht Autobiographisches, sondern Distanz zum Stoff ist für Cisek kennzeichnend. Mit kritisch-wißbegieriger Intensität wird der Stoff in sprachlich-künstlerischer Vollendung aufgearbeitet. Das Verhältnis Mensch - Natur, das Cisek schon in seinen Erzählungen mit viel Können dargelegt hat, wird ihm nun in seinen beiden Siedlungsromanen zum Hauptanliegen.
      Cisek zeichnet in seinem ersten Prosaepos ein großangelegtes Bild einer im Schwemmlandgebiet des Donaudeltas gelegenen Störjägersiedlung. Die Handlung des Romans spielt sich innerhalb eines ereignisreichen Jahres ab. In der episch breit entfalteten Großform des Romans stellt Cisek das Leben der einfachen, erdverbundenen Menschen, das Leben der Lipowenischen Fischer aus dem Donaudelta dar, einer Landschaft, die für manchen westeuropäischen Leser eine exotisch anmutende Welt sein dürfte; es ist ein Gebiet seiner rumänischen Heimat, die Cisek künstlerisch gestaltet.
      Die Handlungsträger des Romans Der Strom ohne Ende sind die kräftestrotzenden Störjäger einerseits, die Natur als großer Gegenspieler andererseits. Aus der Masse der Störjäger ragen drei Hauptfiguren heraus: Der gute, arbeitsame und wortkarge Firs, der um Dunjas Gunst wirbt und sie am Ende des Jahres als Frau heimführt; der langsame, sensible, stets träumende Pimen, den selbst die tollsten Liebesgeschichten seiner Frau Gascha nicht aus der Ruhe bringen, es sei denn, daß er gezwungen wird, dazu Stellung zu nehmen, weil die Ehre der Siedlung auf dem Spiel steht; der unbeschwerte, lebensfrohe, tüchtige und geschickte Ssawel, der stets dem Leben etwas abgewinnen will: Anfangs nimmt er sich bei Gascha seinenTeil, da ihn die Treulose aber bald verläßt, findet er Trost und Zuflucht bei Anissja. In ihm erwacht ein soziales Bewußtsein. Er ist bestrebt, sich ein besseres Dasein zu errichten, und es gelingt ihm, die erste Bootswerft in der Fischersiedlung zu bauen. Ssawels symbolischer Doppelgänger ist dessen Zwillingsbruder, der lebensverneinende Akim. Er ist die Verkörperung alles Bösen, in ihm werden alle Kräfte des Unterbewußtseins wach, die ihm etwas Unheimliches verleihen. Die Geschwisterliebe Akims zu Dunja reicht ins Pathologische. Er ist der unheimliche Nebenbuhler Firs', den er ständig bewacht und verfolgt, während er seinen Bruder Ssawel beneidet, sich selbst hingegen nicht leiden kann. Nachdem er sich an Dunja zu vergreifen versuchte, findet er in einem Zweikampf mit Firs, den er beim Fischfang beseitigen wollte, denTod in den Wellen. Eine ebenfalls pathologisch gezeichnete Nebenfigur des Romans ist die des lüsternen Popen, dem zwei minderjährige Mädchen zum Opfer fallen und den die Störjäger richten, indem sie ihn in den Sumpf treiben.
      Den drei positiven Gestalten stehen die drei Frauengestalten des Romans gegenüber: Dunja, Gascha und Anissja - Dunja, das edle, bescheidene, gutherzige Mädchen; Gascha, die lebenslustige, nimmersatte, liebeshungrige Frau; Anissja, die ruhige, geduldige, vom Leben gedemütigte Witwe. Ganz aus der Reihe dieser Gestalten fällt das Tatarenweib Mara, die Hellseherin; sie wird von Cisek mit übernatürlichen Kräften ausgestattet und spielt eine symbolische Rolle; sie greift in die Handlung ein, wenn es um das Schicksal der Personen geht, sie lenkt es, sie warnt vor dem Bösen und hilft dem Guten. Ihr ausgeprägter Spürsinn trügt sie nie; nicht zufällig stellt Cisek ihr als Symbol die Hunde zur Seite, die sie stets umgeben und begleiten. Doch diese Einzelfiguren identifizieren sich mit der Masse der Störjäger; ihre Einzelschicksale fügen sich in die Gesamthandlung ein.
      Cisek ersetzt die psychologische Analyse häufig 'durch das menschlich widergespiegelte Naturbild, das Licht der Landschaft, das die seelischen Zusammenhänge erhellend, auf die Gestalten des Romans fällt." Natur und Landschaft werden organisch in die Handlung einbezogen und eng mit den Gestalten verwoben. Der einmaligen Naturszenerie kann 'weniges aus der Naturepik unsererTage gleichwertig an die Seite gestellt werden".
     
   Dem im Existenzkampf gestärkten kollektiven Haupthelden des Romans Der Strom ohne Ende steht im folgenden Roman Vor den Toren das hilflose Individuum Petra, ein vierzehnjähriger Findelknabe, gegenüber, dessen Einzelschicksal den Launen der Natur und der Siedlung preisgegeben ist, dem es beschieden ist, die längste Zeit draußen zu bleiben, vor denToren der Höfe und vor den Toren des Lebens. Aber, obwohl Petra draußen steht, aus dem Daseinsgehalt seiner Mitmenschen und aus ihren häuslichen Bezirken ausgeschlossen ist, ist er dennoch einTeil der Gemeinde. Er wird immer wieder in die Geschicke seiner Umwelt verwickelt.
      Ort der Handlung ist die abgelegene Siedlung Moiseni aus dem Land der Eichen, das unter dem rumänischen Namen als 'Tara Oasului" bekannt ist. Mensch und Natur in ihrem üppigen Werden undWachsen während eines Sommers entwickeln sich als ein Ganzes, ein großartiges Bild, das sich malerisch vor unseren Augen ausbreitet. Mit behutsamer Einfühlung zeichnet der Autor die vielfältigen inneren Regungen der problematischen Reifezeit Petrus. Cisek läßt ein symbolisch-atmosphärisches Zusammenspiel von Umwelt und Geschehen, ein Ineinander von Natur und Erleben vor uns erstehen, wobei die Natur zum inneren Geschehen wird und symbolische Funktionen erhält. Der Wald und die Wiesen, die sommerlich klare Weite des Himmels werden dem schutzlosen Petra zum sichersten Obdach.
      Einen Schlüssel zum tieferen Verständnis von Ciseks Erzählkunst mögen folgende selbstbiographische Ã"ußerungen darstellen: 'Meine Augen wurden nicht satt, weil ich Reisen durch viele Länder unternahm. In jeder Siedlung, in jeder Stadt gab es immer noch jenen verschollenen Winkel, der sozusagen in eine Wildnis führte. Schwarze Büffel oder Sandvipern, Schildkröten oder Eidechsen, Marder oderTurmfalken wohnten dort in der Nachbarschaft jener Menschen, die mehr von den großen Geheimnissen wußten, weil sie nicht so töricht waren, sich selber aus einem umfassenden Daseinskreis auszuschließen. Nur was sich gern und sorglos den Gewalten der Welt überließ, erhielt reine geistige Dimensionen und eine innere Gesetzlichkeit, die gültig blieb." Cisek geht es in seiner Erzählkunst, um ein dem Elementaren nahes Sein des Menschen.
      Die Sujets der beiden Siedlungsromane Der Strom ohne Ende und Vor den Toren, die dem Menschen in seinen ursprünglichen, weder durch Technik noch durch Zivilisation verfälschten Bestimmungen gelten, erhalten Farbe und Kraft durch die urwüchsige Bildersprache von poetischer Dichte. Cisek wendet dabei alle Möglichkeiten traditioneller Erzählkunst virtuos an: Er bekennt sich zum gängigen erzählerischen Aufbau und der normalen zeitlichen Reihenfolge der Handlung. Die künstlerische Komposition hält sich streng an die zeitliche Folge. Der Schwerpunkt wird von der Romanfabel auf die Romanfigur verlegt.
      Mit folgenden Verszeilen hat Oskar Loerke den Roman Ciseks Der Strom ohne Ende charakterisiert: 'Im Kreis ein Fragen nach Wohin, Woher,/Ein Sang von Strömen in das große Meer." Oskar Loerke, der beim Erscheinen von Oscar Walter Ciseks Roman im S. Fischer Verlag einen begeisterten Aufsatz darüber in der 'Neuen Rundschau" veröffentlichte, gestand, es sei 'seit manchem Jahr mein schönster Fund", - und als 'Musik des ewigen Anfangs" hat ein Kritiker seine Besprechung des Romans Vor den Toren überschrieben, dessen erste Auflage im Suhrkamp-Verlag erschienen ist.
      Diesen beiden Siedlungsromanen steht der Roman des Fronbauernaufstands Reisigfeuer als weitausholendes geschichtliches Fresko gegenüber: eine Auseinandersetzung mit der Geschichte des 18. Jahrhunderts im siebenbürgischen Erzgebirge, mit einer der dramatischsten Epochen im Freiheitskampf des rumänischen Volkes.
      Cisek stellt die kollektiv agierende Masse in den Mittelpunkt der Handlung. Das aufbegehrende Volk bildet den eigentlichen Haupthelden des Romans Reisigfeuer. Seine Widersacher sind die Ausbeuter. Das Kräftespiel der sozialen Klassen zur Zeit Josephs

II.

wird in großen Zügen entworfen. Die Natur tritt hier in den Hintergrund. Die herbe Landschaft des siebenbürgischen Erzgebirges bildet bloß den äußeren Rahmen im Ablauf der Handlung. Im Vordergrund stehen das Los und 'die Sache" der Leibeigenen.
      Im ersten Buch Crisan gelangt Cisek mit der Schilderung der Ereignisse bis zum Ausbruch der Aufstände von 1784. Der zweite Band, Horia, berichtet über Ablauf und Niederlage des Bauernaufstandes. Ein umfassendes Zeitbild und unmenschliche Zustände, eine Welt der schroffsten Gegensätze, werden darin geschildert. Wir lernen nicht nur die geknechteten Bauern kennen, sondern auch die Grubenarbeiter, Krämer, Handwerker, Kriegskommissare, Komitatshusaren, Landstreicher, Diener, den Gouverneur und den Kaiser, Bürger und Patrizier, hohe Würdenträger. Aus der riesigen Masse der Fronleute ragen Gestalten wie die Horias. Crisans und Neagus hervor. Der Autor strebt eine realistische Typenzeichnung an: Horia, 'der Wortkarge", ist überlegen, klug, tapfer, ein Tatenmensch. Closca fällt durch seine Zähigkeit, Ausdauer und seinen unbeugsamen Gerechtigkeitssinn auf. Crisan ist eine impulsive, kraftvolle Natur, von überströmender Vitalität. Die Charakterzüge dieser drei Personen finden wir im einzelnen Bauern wieder, und ihre Anführer identifzieren sich mit der Volksmasse.
      Kennzeichnend für die epische Gestaltung der Romane Ciseks ist die Gelassenheit der Erzählhaltung, ihre langsam sich entfaltende Führung, welche die Spannung geschickt dosiert und zielbewußt steigert. Die Suggestionskraft seiner Prosa liegt in deren Monumentalität. Cisek baut seine Erzählkunst auf eine solide Basis ausgeformter Traditionen auf, Goethe und Thomas Mann waren seine großen Vorbilder in der sprachlich-künstlerischen Gestaltungsweise seiner Romane. Ciseks Erzähldichtung zeigt eine Variationsbreite, in der die Prosa als Kunst der Sprache empfunden wird. Ãober Ciseks Sprachkultur äußerte sich u.a. Stefan Zweig wie folgt: 'Cisek erzählt außerordentlich intensiv, plastisch und stark"20, und Hermann Hesse hob die 'präzise und dezente Sprache Ciseks" lobend hervor.
     

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