Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Sonstige

Index
» Sonstige
» Figurationen mitteleuropäischer Geistigkeit. Versuch einer literarhistorischen Periodisierung

Figurationen mitteleuropäischer Geistigkeit. Versuch einer literarhistorischen Periodisierung



In den Roman des großen kroatischen Schriftstellers Miroslav Krleza Povratak Filipa La-tinovicza ist auch eine Szene eingebaut, in der Filip, nach längerem Aufenthalt in Paris, der Metropole europäischer Kultur, nun wieder in seine periphere - wie es heißt - ,pannonische Heimat' zurückgekehrt, bei einem seiner Streifzüge durch die Waldungen und Fluren um diese kleine kroatische Provinzstadt auf den Kuhhirten Mirko stößt, der ihm eine zierliche antike Frauenfigur zeigt, auf die er zufällig gestoßen war, als er sich an einem der Abende zuvor eine Feuerstätte zurechtrich-ten wollte. Zurückgelehnt an den Zaun eines blühenden Obstgartens, betrachtet Filip nun dieses gediegene Kunstwerk und, ganz in sich versunken, läßt er all jene Jahrhunderte wieder lebendig werden, die seither über diesen Raum hinweggegangen waren.-Eigentlich, so die Schlußfolgerung seiner Betrachtungen - und dies ist zweifellos eine der ureigensten Überlegungen von Krleza selbst -, hat dieser Raum niemals von sich aus Geschichte gemacht, sondern in ihm haben sich immer nur - wie auch in dieser Figurine weiblicher Schönheit - in befruchtender Weise geistig und künstlerisch gestaltend jene Kräfte niedergeschlagen, die so stürmisch durch ihn hindurchgezogen sind.

      Der Gedanke von einem spezifischen Kulturraum als Überbau zur geographischen Mitte Europas, hier literarisch nur in einer Episode zur Anschauung gebracht, bildet aber auch den Inhalt sehr umfassender kulturwissenschaftlicher Bemühungen, die in diesem Überbau, neuesten methodologischen Erkenntnissen folgend, ein System zu erkennen glauben und dabei versuchen, aus der Diachronie und Synchronie dieses Systems gemeinsame Strukturen offenzulegen und auf entsprechende, für den gesamten Raum gültige Modelle auch in der Literatur hinzuweisen. Je nachdem, wo und wie diese Gedankengänge aufgegriffen wurden, spricht man dabei, natürlich mit gewissen Überschneidungen oder auch Abweichungen, sowohl von Mitteleuropa als auch vom Pannonischen Raum oder vom Donauraum, für die Ungarn ist es Ostmitteleuropa, und von Deutschland aus gesehen hat sich vor allem Südosteuropa als entsprechende Blickrichtung ergeben.
      In Österreich überwiegt die Vorstellung von Mitteleuropa, und durch gewisse politische Implikationen hat diese Bezeichnung noch einen zusätzlichen Stellenwert erhalten. Wie immer man jedoch an diese Bezeichnung auch herantreten mag, so erweist sich doch jeder Versuch, genauere Grenzlinien zu ziehen, als schwer durchführbar. Kulturräume besitzen ihre Ausstrahlungspunkte und Übergangsgebiete, sie verändern sich auch im Laufe der Zeit unter dem Einfluß unterschiedlichster Einwirkungen, so daß sie sich an bestimmten Stellen ausweiten oder anderwärts auch einschrumpfen. So würde auch für unsere Betrachtungen eine Gleichsetzung mit den Gebieten der ehemaligen Österreichisch-Ungarischen Monarchie ein nur vordergründiges und nicht immer völlig stichhaltiges Bild ergeben. Denn das Reich der Habsburger hat sich gleichfalls und sogar des öfteren in seinen Grenzen verschoben, beträchtliche Gebiete gingen verloren, neue wiederum wurden hinzugewonnen. Andererseits aber hat vom geteilten Polen nur Galizicn durch anderthalb Jahrhunderte zu Österreich gehört, doch wohl niemand dürfte es wagen zu behaupten, daß nicht ganz Polen zu Mitteleuropa gehöre. Dafür aber wäre es wohl zuviel verlangt, wollte man Bosnien und die Herzegowina schon 1918, also im Augenblick des Zerfalls des Habsburgerreiches, als zu Mitteleuropa gehörig betrachten. In einem allerweitesten Rückblick könnte zudem auch nicht bestritten werden, daß sich ein solcher geistiger Überbau zweifellos schon vor den Habsburgern herauszubilden begann, zur Zeit der Pfe-mysliden, der Luxemburger und der Jagelionen, und zwar sowohl der polnischen als auch der tschechischen Jagellonen.
      Deswegen in unseren Ausführungen auch der Rückgriff auf Figurationen, einen Begriff, den der bekannte Sozialwissenschaftler Norbert Elias eingeführt hat, im Sinne nämlich von geistigen Bewegungszusammenhängen, die sich unserem rückblickenden Bewußtsein besonders klar zu erkennen geben und uns zur Erstellung von Perio-disierungen berechtigen, zugleich aber auf diese Weise das sich immer wieder Verändernde geistiger Konstrukte zur Anschauung bringen.
      Eine erste solche, diesen Raum bestimmende Konfiguration läßt sich schon in einem spezifischen Zusammenfließen von Renaissance und Barock beobachten. "Quod legerent omnes quondam dabat Italia ...", verkündet Janus Pannonius, einer der bedeutenden Humanisten des 15. Jahrhunderts, gebürtiger Kroate und ungarischer Bischof. Es ist dies sein Dank an das Italien der Renaissance als befruchtende Quelle. Nun aber, so setzt der Dichter stolz fort, - und er fühlt sich hier als Vertreter eines größeren Raumes - bringt dieses Pannonien auch eine eigene Dichtung hervor. So war vom Mediterran her aus dem wiedergeborenen Geist der griechischen Antike, vermittelt jedoch durch das lateinische Rom, der Gedanke vom Menschen als dem Mittelpunkt des irdischen Daseins wie ein zündender Funke auch in diesen Raum gedrungen.
      Drei Momente scheinen dabei besonders auf seine spezifische Herausformung und erkennbare Abgrenzung zum Mediterran gewirkt zu haben. So kann vorerst von einer Renaissance im ursprünglichen Sinne des Begriffes nur für jene frühen Mittelpunkte diesseits der Alpen gesprochen werden, die vom 15. Jahrhundert an engere Bindungen zu Italien unterhielten, wie dies an den Höfen in Wien, Prag, Krakau oder Ofen der Fall war, die zugleich aber auch Zentren einer weltlichen Macht darstellten, von denen aus man das neue Menschenbild und die damit verbundenen Maximen nicht nur der eigenen Individualität, sondern auch von der Verpflichtung zum gesellschaftlichen Handeln zu verwirklichen bemüht war. In diesem Sinne dürfte Enea Silvio wohl der erste jener großen Lehrmeister sein, die Italien dem mitteleuropäischen Raum gegeben hat. In den weiten Gebieten jedoch, die zwischen diesen Mittelpunkten liegen, beginnen dann schon die Anregungen des Barocks mit der nachhaltigen Wirkung der Renaissance zu einer Einheit zusammenzufließen, die spanischen Einflüsse mit der von Italien übertragenen Grundschicht, so daß letztlich sowohl im Stil als auch im Denken eine für Mitteleuropa charakteristische Tradition entsteht, die in derart ausgeprägter Form bis in das 18. Jahrhunder hineinreicht, jedoch auch später noch nachwirkt. So ist auch die Bemerkung Hofmannsthals in seinem Essay Grillpar-zers politisches Vermächtnis ganz im Sinne der sich verändernden geistigen Strukturen zu verstehen, daß nämlich damals, zu Grillparzers Zeiten, Spanien durch seine unmittelbare kulturelle Präsenz auch geographisch dem mitteleuropäischen Raum viel näher lag, und aus dem Verständnis der auf solch damaliger Nähe gründenden Tradition wird uns auch das verschnörkelte barocke Spiel mit der Sprache sowohl in Herz-manovsky-Orlandos Gaulschreck im Rosennetz und in Krlezas Balladen des Perica Kerempuh als auch darüber hinaus, bis zu Schriftstellern unserer Tage, in mancher Hinsicht verständlicher.
      Als zweites kennzeichnendes Moment wäre ferner hervorzuheben, daß die Strömungen mediterraner Geistigkeit, durch eine gewaltige historische Erschütterung bedingt, in diesem Raum ganz spezifische Formen annehmen mußten. Der Einfall der Türken und ihre Jahrhunderte währende Herrschaft bildeten in entscheidenderWeise das historische Bewußtsein seiner Menschen. Vom übrigen Europa getrennt, wahrten diese die Eigenschaften eines abgesonderten patriarchalischen Lebens. Im noch verbliebenen freien Teil Mitteleuropas aber fühlt sich der Dichter nicht nur als humanistischer ,poeta doctus', sondern er ruft auch zum Kampf gegen die türkische Gefahr auf. Eine gemeinsame mitteleuropäische Verpflichtung offenbart sich in diesem Sinne zum Beispiel schon in der von Conrad Celtis um 1500 begründeten "Sodalitas Litteraria Danubiana", die erstmals deutsche, ungarische, südslawische, böhmische und walachische Humanisten zur Pflege der Literatur, aber zugleich auch zur Verteidigung des christlichen Glaubens miteinander in Verbindung brachte. Vor allem fühlten sich die Polen und die Kroaten als "antimurale christianitatis" in dieser europaweiten Abwehr derTürkengefahr.
      Als drittes Moment wäre hervorzuheben, daß sich auch mit dem Verlauf von Reformation und Gegenreformation eine spezifische Konsistenz im Unterschied zum Mediterran erkennen läßt. Italien kannte keine Reformation, zum deutschen Norden hin zeichnet sich seitdem eine geistige Grenze ab. Während die Reformation im Norden sich vor allem als eine ethische Verhaltensweise äußerte, hat sie in Mitteleuropa ihre Spuren vorwiegend in der Förderung nationaler Kulturen durch Verwendung der Muttersprache im Gottesdienst und für die Drucklegung religiöser Bücher hinterlassen, besonders bei den Tschechen und bei den Slowenen. Insgesamt aber ist Mitteleuropa geradezu Teil der verwirklichten Gegenreformation, ausgedrückt und festgehalten durch die Kunst des Barocks, die sich mit ihren Bauten auf sichtbarste Weise mit der Landschaft verbindet, so daß man sogar von einer barocken Landschaft sprechen kann. Eine solche barocke Landschaft erstreckt sich zwar auch auf den gesamten Westen, vor allem auf Frankreich und Spanien, aber trotzdem läßt sich von Mitteleuropa zum Westen hin ein Unterschied erkennen. Denn im Vergleich zum kartesianischen Denken der Franzosen, das sich in seiner höchsten Ausdrucksform vor allem in der Philosophie Descartes' artikulierte und immer mehr der Literatur zugewandt blieb, überwiegt in Mitteleuropa der Hang zum Irrationalen, und dieser findet seinen Ausdruck vor allem in der Musik und in der bildenden Kunst, wo er sich in der spielerischen Auflösung festgefügter Formen und klarer Konturen äußert. Zugleich versteht es dieser Raum doch auch, in seinem barocken Lebensgefühl den Jenseitsglauben über die Vanitas hinaus, über die Vorstellung von der Unzulänglichkeit alles Irdischen, mit einer ausgesprochenen Diesseitsfreudigkeit zu verbinden. Dies wohl aus einer nicht zu leugnenden Schlußfolgerung heraus, daß dort, wo es nur einen Schein geben mag, letztlich doch ein Sein verborgen liegen muß.
      In den derart umrissenen Raum aber wachsen vom Südosten her auch die vor den Türken auf österreichisches Gebiet geflüchteten Serben hinein, und in ihm entfalten sich in ähnlicher Weise die gleichfalls orthodoxen Rumänen. Charakteristisch für ein solches Hineinwachsen in den mitteleuropäischen Kulturraum sind auch die westlichen, unierten Ukrainer. Damit ist aber zugleich die Grenze der mitteleuropäischen, aus der Renaissance und dem Barock zusammenfließenden Figuration zum Osten und zu Byzanz hin angedeutet. Wenn daher in diesem Augenblick die unierten Ukrainer wieder das Recht auf Ausübung ihres Glaubensbekenntnisses zurückerhalten haben und sich im Sinne ihrer Kirche erneut kulturell betätigen können, so bedeutet das zugleich, daß Mitteleuropa, von dieser Seite für eine lange Zeit zurückgedrängt, nun wieder zu jenen Grenzen vordringt, die es noch im 14. Jahrhundert durch die polnische Erwerbung Ostgaliziens, eine Tat der beiden Piastenkönige Wladislaw und Kasimir, zu erreichen vermochte. Diese Grenzen sind durch die am weitesten vorgedrungenen barocken Kirchenbauten der unierten Christen bis zum heutigen Tage sichtbar geblieben. Im Unterschied zu den serbischen Kirchen und Klöstern der Militärgrenze und derWojwodina im Südosten, die eine orthodoxe Verbindung von Gotik und Barock bilden, verwirklicht die barocke Ausdrucksform bei den unierten Ukrainern das erste Sich-selbst-Ausdrücken dieses Volkes in Kunst und Literatur, das über die einfache Volkskultur hinausgeht und das sich in der Baukunst als Synthese aus polnisch-jesuitischen, also westlich-formalen Anregungen, die aus Rom hereinflossen, und aus Elementen der byzantinischen Tradition verwirklicht. Diese Synthese steht seitdem als Merkmal eines westlichen Ukrainertums der Kosaken-Kultur der Zentralukraine gegenüber.
      In einer solchen als Verschmelzung von Renaissance und Barock entstandenen Figuration waren aber auch schon, ausgelöst durch die Reformation, die ersten Ansätze zu einer nationalen Selbstentdeckung gegeben, zur Erkenntnis demnach vom Volk als einer Individualität, so wie man ebenso der Individualität des einzelnen bewußt geworden war. Denn schon allein jede Übersetzung kirchlicher Texte in diesem Raum mußte unweigerlich zu einer Selbstentdeckung der nationalen Individualität als sprachlicher Eigenart führen. Zwei Jahrhunderte nach der Reformation werden sich diese inzwischen verschütteten Ansätze durch die Anregungen Herders ganz plötzlich in stürmischer Weise entfalten. Die in den westeuropäischen Literaturgeschichten üblichen Bezeichnungen wie Aufklärung, Klassizismus, Sentimentalismus, Romantik und Biedermeier fließen nun in diesem Raum ineinander und unterwerfen sich insgesamt einer großen Aufgabe, nämlich der nationalen Wiedergeburt. Die Literatur hat zu ihrer Verwirklichung in Mitteleuropa wesentlich beigetragen, und es kann sogar behauptet werden, daß ohne den jeweiligen Beitrag der Literatur das ethnische Bild Mitteleuropas heute anders aussehen würde.
      Es ist vorerst das Gedankengut der Aufklärung, das die Voraussetzung für eine solche Entwicklung schafft. In ihrer philosophischen Grundhaltung jedoch trägt die Aufklärung außerdem auch zu einer Vertiefung der geistigen Abgrenzung zum protestantischen Norden bei. Denn im Unterschied zu Kants kategorischem Imperativ, der von der Aufklärung dann zum Idealismus führen wird, bleibt in Mitteleuropa das aufklärerische Bemühen vorwiegend utilitaristisch ausgerichtet - auf Reformen in der Verwaltung und im Schulwesen, die im Josephinismus ihren pragmatischen Ausdruck finden und auch über die Grenzen der habsburgischen Länder wirksam werden. So hat das mediterrane Italien vorerst dem mitteleuropäischen Raum die frühesten Konturen seiner Geistigkeit vorgezeichnet, nun aber bringt der Josephinismus den nördlichen italienischen Fürstentümern die Wohltaten einer aufgeklärten Verwaltung und eines fortschrittlichen Denkens. Triest aber wird daraufhin im Laufe der Zeit zu einer der ausgeprägtesten mitteleuropäischen Städte heranwachsen und in typischster Form auch eine mitteleuropäische Identität entwickeln.
      Zuvor jedoch durchliefen die einzelnen Ethnitäten dieses Raumes eine Phase, die durch die gegenseitige Durchdringung von Aufklärung und der von Herder angeregten Besinnung auf das eigene Volkstum geprägt ist. Um Wissen als höchstes Gut der Vernunft verbreiten zu können, benötigt man die Sprache, lehrten die Aufklärer. Das Interesse an der Sprache, verbunden mit dem Interesse an den geschichtlichen Denkmälern der Sprache und der Geschichte überhaupt, führt zu einer Besinnung auf das eigene Volkstum. Durch den Sentimentalismus beeinflußt, schlägt die vernunftmäßig angeregte Besinnung nun ins Gefühlsmäßige um. Was der Sentimentalismus als individuellen Gefühlsausbruch zum Ausdruck gebracht hatte, weitet sich nun aus zum Fühlen auch für dieses Volkstum. Damit ist der Weg zur Entfaltung eines modernen Nationalbewußtseins beschritten.
      Dadurch, daß die Idee einer geschichtlich gewachsenen, durch die gleiche Sprache verbundenen Gemeinschaft eine so überragende Bedeutung zu gewinnen vermochte, erhielten auch die Bemühungen dieser kleinen Ethnitäten, zu einer kodifizierten Schriftsprache zu gelangen, einen starken Antrieb. Denn im Unterschied zu den Deutschen, Franzosen, Engländern oder Italienern, die auf eine schon lange sich entwickelnde Schriftsprache zurückblicken konnten, besaßen diese Ethnitäten ein so unerläßliches Element nationaler Selbständigkeit und nationaler Selbstentwicklung damals noch nicht. Die vom Volk gesprochene Sprache befand sich außerdem in einer untergeordneten Stellung gegenüber einer fremden Sprache, sei es als Sprache der Verwaltung oder der Bildung, oder auch als Sprache der Kirche. So mußte Vuk Karadzic der Sprache des einfachen Vokes den Weg zur Schriftsprache über einen erbitterten Kampf mit der geistlichen Obrigkeit der serbischen Orthodoxie ebnen, die auf einer, nur von einer dünnen Bürgerschicht verwendeten hybriden Form des Kirchenslawischen bestand. Gleichfalls nur unter sehr schweren Kämpfen wird es der Stür-Genera-tion gelingen, den westslowakischen Dialekt zur Schriftsprache zu erhöhen und auf diese Weise auch die konfessionelleTrennung dieser Ethnität zu überwinden, die ihrerseits wohl zu nationalen Eigenentwicklungen auf konfessioneller Grundlage hätte führen können. Dabei aber gab es bei den Slowaken bedeutende Persönlichkeiten, die sich für eine gemeinsame Schriftsprache mit den Tschechen einsetzten. In diese Zeit fällt ebenso die Entscheidung der Kroaten, angeführt von Ljudevit Gaj und der geistigen Bewegung der Illyrier, für eine gemeinsame Schriftsprache mit den Serben. Zu ihr fühlten sich auch die Slowenen hingezogen, entschlossen sich letztlich aber doch für eine eigene slowenische Schriftsprache .Bei denTschechen wiederum war die Vorherrschaft des Deutschen so weit fortgeschritten, daß Josef Dobrovsky, Begründer der slawischen Philologie, als er sich mit der Geschichte der tschechischen Sprache zu befassen begann, dieser keine Zukunft mehr einräumte. Aber auch die ungarische Sprache, obwohl sich die Ungarn noch am frciesten zu entwickeln vermochten, war in ihrem Bestehen durch die Dominanz der deutschen und der lateinischen Sprache schwerstens gefährdet. Das Reformwerk von Ferenc Kazinczy bedeutete ihre Rettung, interessanterweise eher sogar als bei den Rumänen, wo dieTranssylvanische Schule schon die Grundlagen des Rumänischen gesichert hatte, so daß sich die rumänische Sprache von nun an vor allem aus der Umklammerung durch das Russische zu lösen suchen mußte.
      Allen diesen Bemühungen und Entscheidungen jedoch war letztlich Erfolg beschieden einzig und allein durch die Tatsache, daß sie von einer jungen, äußerst talentierten Dichtergeneration bei allen den sich zu einem modernen Nationalbewußtsein herausbildenden Völkern aufgegriffen wurden und daß den kodifizierten Sprachen nun durch die Dichtung ein blühendes Leben eingehaucht wurde: Bei den Ungarn durch Ferenc Kölc-sey und Mihäly Vörösmarty, dann jedoch vor allem durch den größten Dichter dieses Raumes, durch Alexander Petöfi, bei denTschechen durch Karel Hynek Mächa, bei den Polen durch Adam Mickiewicz, bei den Slowaken durch SlädkoviC, Chalupka, Janko Kral' und Jan Botto, bei den Slowenen durch France Presern, bei den Kroaten durch Pe-tar PreradoviC, bei den Serben durch Branko Radicevic und bei den Rumänen durch Va-sile Alecsandri, Alecu Russo, Dimitrie Bolintineanu und Heliade Rädulescu.
      So wird von nun an die letztlich entstandene, höchstmögliche ethnische Vielfalt auf relativ kleinstmöglichem Raum zu einer klar erkennbaren mitteleuropäischen Figura-tion. Es stellt sich dabei, besonders wenn man den systemhaften Charakter des ganzen Prozesses und die dadurch bedingte, modellartige Möglichkeit der Übertragungen vor Augen hat, die unausweichliche Frage, wieso es nicht auch unter der deutschsprachigen Bevölkerung des Habsburgerreiches zu einer ähnlichen Bewußtseinsbildung gekommen ist, zumindest in dem Ausmaße, wie es bei den Deutschschweizern der Fall ist. Aus dem Rückblick gewinnt diese Frage unter den gegebenen Bedingungen ihr volle Berechtigung, und die Bemühungen, die in dieser Hinsicht vor allem Joseph von Hormayr oder Franz Sartori unternommen haben, sowie dieTätigkeit des Kreises, der bei Karoline Pichler verkehrte, bieten sich uns in einem völlig anderen Licht dar. Daß es letztlich doch nicht zu einer solchen Bewußtseinsbildung gekommen ist, sondern zu einer Option für das deutsche Nationalgefühl, so wie es sich im Reich entwickelte, ist nur aus den späteren Bewegungszusammenhängen zu erklären.
      Wenn nun ein derart entwickeltes Nationalbewußtsein diese Völker in dem stürmischen Wunsch nach Verwirklichung ihrer Unabhängigkeit in den Revolutionsjahren 1848/49 ihr Blut auf den entgegengesetzten Seiten der Barrikaden vergießen ließ, so standen in den Stuben des Bürgertums dieser Völker, das den Kampf der national erwachten Massen anführte, doch überall die gleichen Biedermeiermöbel als Ausdruck einer gemeinsamen geistigen Haltung, die noch viel später Günter Grass so deutlich spüren wird, daß er, vom Norden nach Süden fahrend, in einem seiner Gedichte vermerkt: "Wir nähern uns dem Biedermeier ..."
Jedoch so, wie die Dichtung die nationalen Wogen hochgehen ließ und die mitteleuropäischen Völker zum Kampf aufrief - diesen gemeinsamen Entwicklungsweg in der Poesie dieses Raumes hat der ungarische Literarhistoriker Istvän Söter mit dem Titel "From the Revolution of Poetry to Revolutionary Poetry" in charakteristischerWeise zum Ausdruck gebracht -, waren die Dichter zugleich auch Mittler und Vermittler zwischen den Völkern. Lenau hat als erster in deutscher Sprache und über die deutsche Sprache die Stimmung der ungarischen Landschaft und das Bild des Ungarn in die Weltliteratur eingeführt. Marie Ebner-Eschenbach wird später gleichfalls für die Tschechen eine solche Funktion übernehmen, und diesem gegenseitigen literarischen Entdecken nachzugehen, gehört sicherlich zu einer der schönsten Aufgaben der Mitteleuropa-Forschung.
      Zur Jahrhundertwende jedoch hat sich die einander bekämpfende ethnische Vielfalt doch zu einer Gemeinsamkeit entwickelt, die der ungarische Philosoph Läszlo Mätrai im nachhinein in seinem 1976 erschienenen Buch "Alapjät vestett felepit-meny" mit den Worten definiert: "Die kulturelle Eigenart der Monarchie bestand darin, daß sie weder eine Summe der Kulturen der zusammenlebenden Völker war und auch nicht identisch mit der Kultur der deutschsprachigen Bevölkerung Österreichs, sondern etwas und ein Teil von dem, was dazwischen lag."
Der Titel des vorhin erwähnten Buches von Läszlo Mätrai lautet in deutscher Übersetzung "Der Überbau, der seine Basis verloren hat". Das Interessante darin ist-und das bestätigt auch unseren Gedanken von der Jahrhundertwende als der ausgeprägtesten Figuration in der Strukturierung Mitteleuropas -, daß nämlich auch nach dem Zerfall der Monarchie ein mitteleuropäisches Gemeinschaftsgefühl weiterwirkt, und zwar bei allen diesen Völkern nicht so sehr als rückwärtsgewandte Utopie, wie das in der österreichischen Literatur bei Stefan Zweig, Robert Musil oder Joseph Roth der Fall ist, sondern einfach in der Weise, daß man sich unbewußt noch immer zugehörig fühlt und so die einen auch bei den anderen Zuflucht suchen. Wien wird zum Beispiel in den zwanziger Jahren längere Zeit hindurch zum Mittelpunkt einer sehr bedeutenden ungarischen Exilliteratur, die von Lajos Hatvany gefördert und angeführt wird und zu der auch Andor Gabor sowie Lajos Kassäk sehr viel beigetragen haben. Aus dieser Exilliteratur ist auch Gyula Illyes mit seinen ersten Gedichten hervorgegangen, und György Lukäcs ist während dieser Zeit mit Joseph Roth zusammengetroffen.
      Dann aber kommt es in den siebziger Jahren zu einem überraschenden Wiederaufleben des Mitteleuropabewußtseins, obwohl sich unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg viele bedeutende Schriftsteller dieses Raumes für die revolutionären Veränderungen in ihren Ländern und somit auch für die auf diese Weise vollzogene Teilung Mitteleuropas ausgesprochen haben, so Tibor Dery, Ion Marin Sadoveanu oder Miroslav Krleza. Im Laufe der Zeit jedoch wurde der Gegensatz zum herrschenden System immer spürbarer, und man begann das auch als Widerspruch zu einer geistigen Tradition zu empfinden. Für diese Tradition artikulierte sich vorerst ganz unbewußt die Bezeichnung "Mitteleuropa", und Schriftsteller wie Milan Kundera, György Konrad, Vaclav Havel, Anton Hykisch, Danilo Ki£ und viele andere beginnen sich nun bewußt als Mitteleuropäer zu bezeichnen. Vladimir Dedijer, der bekannte jugoslawische Historiker, stellt in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe des Romans Die Geburt des Vergessens den Autor Zarko Petan mit den Worten vor: "Mitteleuropa hatte und hat seine Kaiserreiche, mächtige Staaten und große Feldherren. Das alles ist für mich vergänglich, unvergänglich ist jedoch meiner Meinung nach die Kultur und die Zivilisation , die uns Mitteleuropa gab. Würde ich mich fragen, wer von den Slowenen heutzutage der erste Mitteleuropäer ist, würde ich mich, nach langem Überlegen, für Zarko Petan entscheiden." Programmatisch haben diese Frage György Konrad und Milan Kundera in den Essays "Der Traum von Mitteleuropa" und "The Tragedy of Middle Europe" zu beantworten versucht. Sie entwerfen einTraumland der Intellektuellen, und auch Czeslav Milosz bekennt sich in seinen Vorlesungen, die er an der University of Michigan, Ann Arbor hält , zu einem solchen utopischenTraumland.
      Es wäre ein großer Irrtum, dieses utopische Streben mit bestimmten Strukturen der Vergangenheit gleichzusetzen. Am klarsten hat sich in diesem Sinne Milan Kundera ausgesprochen: "Das österreichische Kaiserreich hatte die große Chance, Mitteleuropa zu einem starken geeinten Staat zu machen. Aber die Österreicher waren leider selber hin- und hergerissen zwischen einem arroganten pangermanischen Nationalismus und ihrer eigenen mitteleuropäischen Mission. Es gelang ihnen nicht, eine Föderation gleichberechtigter Nationen zu schaffen." Auch Giuliana Morandini, die Autorin des biographischen Romans ihrer trientinischen Familie / cristalli di Vienna, also aus einem Raum stammend, wo die Nostalgiewelle die höchstenWogen zu schlagen vermochte, distanziert sich in einem Interview von allen restaurativen Bestrebungen, die man aus ihrem Werk herauszulesen versuchen würde, und dies, obwohl sie von den Kritikern ihres Landes als die mitteleuropäischste aller italienischen Schriftsteller bezeichnet wird.
      ,Mitteleuropa' ist demnach auch in dieser Figuration als reine Geistigkeit und kulturelle Gemeinsamkeit zu verstehen.
     
In diesem Augenblick aber üben zwei jener vor nicht allzulanger Zeit als Dissidenten gebrandmarkte Mitteleuropäer -Vaclav Havel und Arpäd Göncz - als Präsidenten das höchste Amt in ihren Ländern aus. Auch ihre übrigen Schriftstellerkollegen wirken in verantwortlichen Positionen am Aufbau einer demokratischen Gesellschaftsordnung mit.Wir stehen demnach wiederum am Beginn der Herausbildung einer neuen mitteleuropäischen Figuration. Oder vielleicht auch nicht? Läßt sich womöglich ein endgültiger Schlußstrich unter die gesamte Mitteleuropa-Forschung setzen - ähnlich dem Titel des Erzählbandes von Miklös Meszöly Es war einmal ein Mitteleuropa, erschienen 1991 in deutscher Übersetzung? Hat der Mitteleuropa-Gedanke als Gärstoff der großen Veränderungen damit auch seine letzte große Aufgabe erfüllt? Der bekannte englische Sozialhistoriker Eric J. Hobsbawm. der den Mitteleuropa-Begriff schon immer als politischen Begriff ablehnte und ihn insgesamt auch für die heutige Kultur als belanglos betrachtete, hat die Behauptung aufgestellt: "Wenn man den Ungarn und den Tschechen die Wahl zwischen einem mitteleuropäischen Block und dem Anschluß an die EG böte, würden sie, ohne einen Augenblick zu zögern, für Brüssel stimmen."
Nur kurz darauf waren diese Völker wirklich vor eine solche Wahl gestellt, und die Befürchtungen, daß Mitteleuropa in jeder Weise von Europa überrannt wird, scheinen nicht unbegründet. Auch Milan Kundera spricht in seinem allerneuestenWerk Die Unsterblichkeit nur noch von einer Stadt, die Paris genannt wird, aber ebenso Rom oder Madrid heißen könnte, und er erwähnt Mitteleuropa überhaupt nicht mehr. Viele bange Fragen stellen sich in Verbindung damit. Werden die mitteleuropäischen Schriftsteller ihre Zukunftsperspektive verlieren, die Gefahren überwinden können, wenn der Dienst an der Wahrheit mit der Ausübung von Macht verbunden ist? Werden sie die vier Jahrzehnte an Vergangenheit in gerechter Weise zu bewältigen vermögen? Werden sie es zulassen, von der Konsumgesellschaft in eine marginale Position abgedrängt zu werden? Wird sie das Mißgeschick, das der Entwurf von Marx erlitten hat, zur Ablehnung jeder Art von Vision führen?
Es wäre sicherlich noch zu früh, auf alle diese Fragen zu antworten. Aber auf eine Tatsache glaube ich gerade hier bei dieser Gelegenheit und aus diesem Anlaß hinweisen zu können. Gewisse Werte, die das Mitteleuropa-Denken bisher entwickelt hat, werden sich zweifellos auch weiterhin entfalten. Ich denke dabei an die multikulturelle Wirklichkeit dieses Raumes, an die Auffassung über die Bedeutung der Minderheiten und die Notwendigkeit der Sicherung ihres Bestandes für die Zukunft. Das hat zugleich auch zur Besinnung auf jene Ethnien geführt, die uns in der Vergangenheit in diesem Raum verlorengegangen sind. Es überrascht zum Beispiel, mit welcher Intensität sich die serbische Literatur in allerjüngster Zeit mit dem Schicksal der Deutschen im Banat nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges auseinandersetzt. Es ist ein zentrales Thema für AleksandarTisma, so in seinen Romanen Vere i zavere und Upotreba coveka , Gegenstand des Romans Tudje godine von Momir Calenic und klingt in ergreifender Weise aus der Erzählung Moj gazda Mihel , wird aber immer wieder auch von Mladen Markov berührt. Danilo Kis aber, hier schon erwähnt als einer der mitteleuropäischen Schriftsteller, hat in einer Fernsehserie, seinem letzten Werk, das er schon dahinsterbend noch zu Ende führen konnte, den Leidensweg einer politisch Verfolgten aus Gesprächen mit ihr, einfach Wort für Wort, wiedergegeben. Sie als Jüdin und eine Volksdeutsche waren die einzigen nichtserbischen und nichtorthodoxen Schülerinnen in einer Belgrader Gymnasialklasse, völlig integriert in diese Gemeinschaft, bis dann der Krieg ausbricht. Der Vater des Volksdeutschen Mädchens verdient als Heizer sein Brot im gleichen Gymnasium, und der erste Akt der empörten Schuljugend äußert sich darin, daß sie diesem armen Menschen die Fenster seiner Kellerwohnung einschlägt. So begann, sagt Kis, der Krieg in der Seele des deutschen Mädchens.
      Dieser noch rasch hinzugefügte Hinweis auf Erinnerungen an eine nicht mehr bestehende Minderheit, so wie sie in der Literatur des Volkes ihren Ausdruck finden, mit dem diese Minderheit mehr als zwei Jahrhunderte friedlich zusammengelebt hat, auf die in dieser Literatur enthaltene geläuterte Erkenntnis, daß es auch hier keine strahlenden Sieger, sondern nur Beschädigte, für immer Verletzte gab, mag aber vielleicht gleichfalls zur Hoffnung auf die Fortsetzung mitteleuropäischer Geistigkeit berechtigen, auf die Herausbildung einer neuen Figuration, in der das Bewußtsein für dieTra-dition und für die Aufgaben der europäischen Mitte auch weiterhin aufgehoben bleibt.
     

 Tags:
Figurationen  mitteleuropäischer  Geistigkeit.  Versuch  einer  literarhistorischen  Periodisierung    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com