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Etappen in Agathons Entwicklung



Der Text des Romans selbst macht in einer Erzähler-Reflexion am Ende der Syrakusaner Episode klar, daß Agathons Abenteuer als eine sich steigernde Folge von Desillusionierungen zu verstehen sind, die seinen schönen Glauben an die Güte des Menschen in Frage stellen:
'Es ist oben schon bemerkt worden, daß Agathon bey seinem Auftritt auf dem Schauplatz, von dem er nun wieder abgetreten ist, lange nicht mehr so erhaben und idealisch von der menschlichen Natur dachte, als zu Delphi [...]; aber nachdem er die Beobachtungen, die er zu Athen und Smyrna schon gesammelt, noch dutch die nähere Bekanntschaft mit den Grossen, und mit den Hofleuten bereichert hatte, sank seine Meynung von der ange-bohrnen Schönheit und Würde dieser menschlichen Natur, von Grade zu Grade so tief, daß er zuweilen in Versuchung gerieth, gegen die Stimme seines Herzens [...] alles was der göttliche Plato erhabenes und herrliches davon gesagt und geschrieben hatte, für Mährchen aus einer andern Welt zu halten" .
      Der Roman ist so aufgebaut, daß die Erzählung der einzelnen Lebensepisoden jeweils mit längeren reflektierenden Abschnitten schließt, in denen der innere Zustand des Helden erörtert wird. Der Blick auf diese resümierenden Passagen erlaubt es, den Bildungsgang Agathons, das heißt: die fortschreitende Ernüchterung des Schwärmers durch Erfahrung genauer zu erfassen.
      Die Resultate seiner Erlebnisse in Athen formuliert Agathon selbst, als er Danae über diese Epoche seines Lebens berichtet. Er spricht von vielen nützlichen Kenntnissen, die er gewonnen habe, aber auch von der desillusionierenden Aufklärung über die selbstsüchtige und skrupellose Natur der meisten Menschen . Er betont indessen nachdrücklich, daß ihn seine Erfahrungen nicht zu einem grundsätzlichen Zweifel an der moralischen Bestimmung des Menschen geführt haben:
'Kurz, ich dachte darum nicht schlimmer von der Menschheit, weil sich die Athenienser unbeständig, ungerecht und undankbar gegen mich bewiesen hatten; aber ich faßte einen desto stärkeren Widerwillen gegen eine jede andere Gesellschaft, als eine solche, welche sich auf übereinstimmende Grundsäze, Tugend und Bestrebung nach moralischer Vollkommenheit gründete" .
      Bitterkeit und Resignation sind dann allerdings in Agathons Entschluß zu spüren, der undankbaren Welt den Rücken zu kehren, sich nur noch der 'eigenen Glükseligkeit" zuzuwenden und nach Indien, zu den 'Quellen der morgenländischen Weisheit" aufzubrechen . Schon in dieser Weltflucht, die das Ideal gegen die Erfahrung retten soll, zeigt sich das Fortdauern von Agathons Schwärmerei. Wie wenig er diese Schwäche abgestreift hat, wird vollends deutlich, als er von seiner überschwenglichen Liebe zu Danae spricht:
'Er überredete sie mit eben der Aufrichtigkeit, womit er es zu empfinden glaubte, daß sie allein dazu gemacht gewesen sey, seine Begriffe von idealischen Vollkommenheiten und einem überirdischen Grade von Glükseligkeit zu realisieren" .
      Solch enthusiasmierte Reden kommentiert der Erzähler sehr trocken: 'Agathon hatte vielleicht in seinem Leben nie so sehr geschwärmt, als izt" . Damit ist auf das nächste Desillusionierungs-Erlebnis schon vorausgedeutet: Es tritt ein, als Agathon einsehen muß, daß er sich in Danae getäuscht hat und somit zum Narren seiner verliebten Begeisterung geworden ist. Er muß zugeben, daß Hippias so unrecht nicht hatte und 'daß dieses innerliche Gefühl, durch dessen Zeugniß er die Schlüsse des Sophisten zu entkräften vermeynt hatte, nur ein sehr zweydeutiges Kennzeichen der Wahrheit sey" .
      Das Resultat der Erlebnisse in Smyrna besteht, wie der Erzähler konstatiert, in einer moralischen Irritation: Es gelingt Agathon jetzt nicht mehr wie noch am Ende der Athener Episode, seinen Glauben gegen die Erfahrung zu verteidigen. Ein Zweifel beschleicht ihn, dem er allerdings nicht nachgeht und über den er offenbar hinwegleben zu können glaubt:
'Kurz, seine Erfahrungen machten ihm die Wahrheit seiner ehemaligen Denkungs-Art verdächtig, ohne ihm einen gewissen geheimen Hang zu seinen alten Lieblings-Ideen benehmen zu können. Seine Vernunft konnte in diesem Stüke mit seinem Herzen und sein Herz mit sich selbst nicht recht einig werden" .
      So sehr der Erzähler diese moralische Irritation des Helden betont, so deutlich weist er doch auch auf die positiven Resultate des Aufenthaltes in Smyrna hin, nämlich auf den Zugewinn an Welterfahrung, an Gewandtheit und weltmännischer Politur . Diese äußerlichen Fortschritte sind Voraussetzung für die Karriere Agathons am Hof des Dionysius in Syrakus, durch deren dramatisches Ende er in seine tiefste Krise stürzt. In einem ausführlichen Kapitel mit dem Titel 'Moralischer Zustand unsers Helden" resümiert der Erzähler die Wirkungen dieser Lebensepisode: Agathon steht jetzt in der Gefahr, seinen Glauben an die sittliche Bestimmung des Menschen preiszugeben und sich den skeptischen Auffassungen des Hippias anzuschließen . Aber seine innere Stimme hält ihn dann doch vor dem Absturz in Hedonismus und Immora-lismus zurück, - gerade wie seinerzeit schon bei dem Bekehrungsversuch des Hippias:
'Diese Betrachtungen führten unsern Helden bis an die äusserste Spize des tiefen Abgrunds, der zwischen dem System der Tugend, und dem System des Hippias liegt; aber der erste schüchterne Buk, den er hinunter wagte, war genug, ihn mit Entsezen zurükfahren zu machen [...] Die Tugend hatte bey ihm keinen anderen Sachwalter nötig als sein eignes Herz" .
      Alle schlimmen Erfahrungen haben Agathon seinen 'eingewurzelten Hang zu dem idealischen Schönen" nicht austreiben können, auch wenn er der Misan-thropie, der Verbitterung und der Preisgabe seines schönen Glaubens an das Gute bedenklich nahe war. Der Erzähler beschwört daher die Hoffnung, 'aus dem Streit der beyden widerwärtigen und feindlichen Geister, wodurch seine ganze innerliche Verfassung seit einiger Zeit erschüttert, verwirrt und in Gäh-rung gesezt worden, zulezt eine eben so schöne Harmonie von Weisheit und Tugend hervorkommen zu sehen, wie nach dem System der alten Morgenländischen Weisen, aus dem Streit der Finsterniß und des Lichts, diese schöne Welt hervorgegangen seyn soll" .
     

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Etappen  Agathons  Entwicklung    

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