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Erzählzeit und erzählte Zeit



Es gibt offensichtlich ganz verschiedene Möglichkeiten, Zeit durch literarische Darstellung bewusst zu machen. So hat etwa der Germanist Günther Müller zwischen »Erzählzeit« und »erzählter Zeit« unterschieden. Unter »Erzählzeit« wird die Zeitspanne verstanden, die der Dichter für das Erzählen benötigt und die wir, die Leser, darum für die Lektüre benötigen: Erzählzeit ist die Dauer des Erzählens - oder, aufs Drama übertragen, die Dauer der Aufführung. Unter »erzählter Zeit« hingegen wird die Dauer der geschilderten Ereignisse verstanden . Es liegt auf der Hand, dass jeder Autor frei darüber verfügen kann, wie viel an erzählter Zeit innerhalb einer bestimmten Strecke der Erzählzeit untergebracht wird. In einem Roman Balzacs etwa -denken wir an Verlorene Illusionen - ist die Erzählzeit viel kürzer als die erzählte Zeit, während im Ulysses von James Joyce die Erzählzeit mindestens so lange dauert wie die erzählte Zeit, denn es wird ja in diesem Roman, der über siebenhundert Seiten lang ist, nur ein einziger Tag geschildert: Donnerstag, der 16. Juni 1904, in Dublin.

      Eine solche Dehnung der erzählten Zeit ist in beschränkterem Ausmaß bereits für die Romane Dostojewskijs typisch, die immer nur eine Reihe von wenigen Tagen ausführlich schildern - so wird etwa im ersten Teil des Romans Der Idiot auf über zweihundert Seiten nur ein einziger Tag beschrieben: der 27. November 1867. Das Verhältnis von Erzählzeit und erzählter Zeit lässt also, sobald unser Auge dafür geschult worden ist, literaturgeschichtlich relevante Beobachtungen zu. So wird aus diesen kurzen Hinweisen bereits deutlich, dass von Balzac über DostojewskI) zu Joyce die Lebensbeschreibung des Helden im Roman durch Ausschnittvergrößerungen nur weniger, meist dicht aufeinander liegender Situationen ersetzt wird. Man denke insbesondere an Faulkners Vorgehen in seinem Roman Schall und Wahn aus dem Jahre 1929, dessen vier einzelne Teile mit Datumsangaben überschrieben sind: 7. April 1928,2. Juni 1910,6. April 1928,8. April 1928 ...
     
Günther Müllers Begriffspaar »Erzählzeit« und »erzählte Zeit«, das innerhalb der Literaturwissenschaft Geschichte gemacht hat, lässt deutlich werden, dass sich sowohl die Dauer des Erzählens als auch die Dauer der erzählten Ereignisse messen lassen; ja, wir sind jedes Mal überrascht, wenn wir uns nach der Lektüre der Differenz zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit messend zuwenden. Das aber heißt: Wir nehmen diese Differenz nur mit Hilfe einer wissenschaftlichen Einstellung wahr; wir müssen durch die Literaturwissenschaft überhaupt erst dazu gebracht werden, diese Differenz wahrzunehmen, sonst würden wir an ihr vorbeilesen. Die Unterscheidung zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit mutet uns etwas zu, das wir während der Lektüre nicht unbedingt durchführen: nämlich gleichzeitig nachzuerleben, was die Gestalten der Fiktion erleben, und darauf zu achten, wie lange wir für die Lektüre brauchen und in welchem Verhältnis diese Zeitspanne zur Dauer der geschilderten Ereignisse steht. Mit einem Wort: Die Literaturwissenschaft pocht hier auf die vorzunehmende Thematisierung der messbaren Zeit, sei es nun die Dauer der Erzählzeit oder die Dauer der erzählten Zeit.
      Zeit als literarisches Thema kann grundsätzlich zweierlei bedeuten: einmal Zeit als explizites Thema eines literarischen Textes , zum anderen aber Zeit als das, was unter einem spezifischen literaturwissenschaftlichen Aspekt an einem literarischen Text zum Thema wird: die vom Leser erlebte Zeit der Lektüre in ihrer Differenz zur erzählten Zeit. Solches Erleben ist an die Einnahme eines außerfiktionalen Standpunkts gebunden.
     

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