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Erläuterung der zweiten Variante



Als Beispiele der zweiten Variante des Grundmusters Walter Mitty waren Oscar Wildes Salome und Franz Kafkas Die Verwandlung benannt worden. In beiden Fällen fehlt die Erlebnisebene I. An die Konstruktionsfreudigkeit des Lesers werden hohe Anforderungen gestellt, ohne dass jedoch Willkür ins Spiel kommen dürfte.
      Wildes Salome als geträumte Realität zu erkennen, macht keine Schwierigkeit, denn der traumhafte Charakter des Geschehens, das sofort mit den Dramen Maeterlincks verglichen wurde, liegt auf der Hand. Nicht auf der Hand liegt die Antwort auf die Frage, wer hier träumt. Gewiss nicht Oscar Wilde, aber auch nicht Salome in ihrer Welt. Vielmehr haben wir uns ein junges Mädchen zur viktorianisch geprägten Zeit Oscar Wildes vorzustellen, das seine eigene Initiation wünscht und fürchtet und sich in die Salome, wie sie literarisch und in der bildenden Kunst gegeben ist, hineinträumt. Es findet also eine Identifikation mit einer vorgegebenen weiblichen Heldin statt, deren Identität offenbar bewundert und doch bemerkenswert abgewandelt wird. In Wildes Bühnenstück fordert Salome von Herodes aus freien Stücken das Haupt Jochanaans, nicht auf Betreiben ihrer Mutter, die sich an dem Täufer rächen will, weil er sie zurückwies. Mutter, Vater, Verehrer und Idealpartner sind Salomes Bezugspersonen.
      Wilde fordert vom Leser , Salome als Setzung eines impliziten weiblichen Bewusstseins aufzufassen, das sich den idealen Geliebten erträumt: einen Heiligen, der sie ablehnt und sich damit nachweislich als gefeit gegen alle Versuchung erweist. Mit ihm vereinigt sie sich, indem sie sein abgeschlagenes Haupt einfordert, küsst und für ihr Verhalten, durch das Herodes sich zu politischer Unklugheit hinreißen ließ, auf dessen Geheiß getötet wird. Der Text sagt nirgends etwas über das implizite jungfräuliche, auf Reinheit und Treue ausgehende Bewusstsein. Wir, die Leser, sehen es >am Werkeinspuren< lassen .
      Eine ähnliche Ãoberlegung ist für Kafkas Verwandlung durchzuführen. Auch hier haben wir uns ein implizites Bewusstsein zu denken, das seine Metamorphose zum »Ungeziefer« imaginiert, immer hässlicher und unerträglicher wird und das Gehäuse seines Zuhauses sprengt: als sado-ma-sochistische Selbstverhöhnung inmitten der Atem nehmenden Stickluft der Normalität: mit Schwester, Mutter und Vater als zentralen Bezugspersonen -nicht zu vergessen den Prokuristen als Repräsentanten der Berufswelt.
      Beide Male, im Falle Salomes wie im Falle der Verwandlung, wird uns also der Tagtraum eines impliziten Bewusstseins dargeboten, das dem literarischen Gebilde als Ganzem vorgeschaltet ist. Dieses träumende Bewusstsein ist mithin aus diesem Ganzen zu erschließen, nicht aus einer Fiktion innerhalb der Fiktion wie bei der ersten Variante. Das träumende Bewusstsein hat jetzt seine Welt in eine andere Welt >übersetzt

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