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Erfahrungen eines Autors mit Verlagen



Mir durch allzu freimütige Ã"ußerungen hier vor Ihnen nicht potentielle Wege der Veröffentlichung zu verbauen - ich bin ein gebranntes Kind -, ist eine Absicht, für deren Gründe ich Sie um Verständnis bitte. Daher werde ich im folgenden sparsam mit Namensnennungen umgehen.
      Dessen ungeachtet ist dies Symposion durchaus das richtige Forum für meine Mitteilungen: weil es sich als international versteht. Und international ist, wie Sie sehen werden, der Gegenstand meiner Darlegung. Als Autor von über zwanzig Büchern, dazu von über dreißig als Mitautor, sammelte ich Erfahrungen in drei grundlegend unterschiedlichen, in bestimmter Hinsicht aber wieder nicht so ganz unterschiedlichen Ländern. Dabei hatte ich mich - ich bitte Sie, das als meine erste Information zum Thema entgegenzunehmen - in all diesen Ländern mit Verlegern und Lektoren ausgiebig über politische, ideologische, sozialkritische, über sozio- und politkultu-relle, sogar über finanz- und wirtschaftsphilosophische Fragen zu unterhalten, hingegen erstaunlich wenig über literarische, obgleich ich kein Sachbuchautor, sondern Erzähler und Essayist bin. Das ist ein aus meiner Sicht bedauerlicher Umstand, da ich in Sachen Literatur, Poesie zu den vorbehaltlos Lernbegierigen gehöre. Das Wetterleuchten geisterhellender Kritik und Belehrung empfand ich meiner Anlage von jeher angemessener als die Schnulze des Lobs. Anders ausgedrückt: Für mein Leben gern wäre ich von gescheiten und gebildeten Lektoren über Ã"sthetisches, über dieTechnik des Schreibens u. ä. unterrichtet worden. Wir Schriftsteller sind ja keine Intellektuellen, und so sind auch - Sie ahnen es - meine Erfahrungen mit Verlagen nicht problemlos. Lassen Sie mich sagen: Sie sind aufschlußreich.

      Daß ich die frühesten in einem Staat der politischen Diktatur und des Literaturterrors machte - in Rumänien -, gegen den ich schon zu einem Zeitpunkt offen rebellierte, als andere, sei es aus Neigung, aus Dummheit, Angst oder Opportunismus, Hochzeit mit ihm feierten, bestimmt einenTeil meines Daseinscredos. Es besteht u.a. darin, auf keinen Fall zum wie immer gearteten Establishment zu gehören. Dabei festigte sich meine Lust an Opposition wie Ironie, und ich wurde - so sehe ich es heute - rechtzeitig auf die Notwendigkeit des heilsamen existentiellen Konflikts mit allem Herrschenden hingewiesen. Ich verwende die etwa seit Jean-Paul Sartre allgemein geläufige Vokabel 'existentiell", weil es mir bei all dem in des Wortes brutalstem Sinn an die Lebenswurzel ging: an die Existenz.
      Und eben dies war eine meiner ersten Grundlagenerfahrungen im Umgang mit Verlagen: Das Feilschen und Schachern mit dem Verlagslektor oder gar Verlagsleiter Satz für Satz um jedes Stück Text, nicht etwa angetrieben vom schönen Eifer nach künstlerischer Verbesserung, sondern Aug in Aug mit dem die Literatur demütigenden wie herausfordernden Diktat ideologischer Korsettierung des Gedankens und unter dem Fallbeil inquisitorisch seine klassenkämpferische Reinheit überwachender Staats- und Parteidiener. Wer solcherlei nicht erlebte, vermag sich weder Situation noch Hergang auszumalen, ihm fehlt die unmittelbare Kenntnis von einem wesentlichen Stück europäischer Realität des 20. Jahrhunderts. Dies Abklopfen jedes Substantivs auf den in ihm enthaltenen staatsfeindlichen Sprengstoff und die röntgeni-sierende Hinterfragung jedes Adjektivs auf dieTendenz verbrecherischer Unterwühlung der etatisierten proletarischen Moral bedeuteten die Verkörperung der Gefahr an sich: als ertappter Autor hintersinniger Gehalte entlarvt und dem Sicherheitsdienst 'zugespielt" zu werden. Die Gefahr lauerte fast in jeder Silbe. Den Gewinn aus solcher Begegnung mit der Sprache erachtete ich als beträchtlich, und um nichts in der Welt gäbe ich diesen besonderen Einblick in die Kraft ihres Vermögens her, wenn er mich auch Jahre meines Lebens kostete. Sicherlich, unter den besagten Umständen richtete sich auf mich ein schärferes Auge als auf glücklichere Autorenkollegen - ich war aktenkundiger Wiederholungstäter in politicis. Doch ändert das nichts am Grundsatz. Eine Literaturgeschichte unserer Jahrzehnte ohne die unumwundene Berücksichtigung dieses Instrumentariums, an dem Autorenschicksale zerbrachen, ist unvollkommen.
      All dies ist vielfach belegbar. Und ich erinnere hier, mit Ihrer Erlaubnis, deshalb an das fünfstündige 'Gespräch" in fast nahtloser Fortsetzung der tags zuvor in einer Bukarester Verlagsniederlassung anno 1958 geführten Debatte mit einem Hauptmann der rumänischen Securitate, weil diese Arbeitskoordinierung zweier so verschiedener Institutionen einen Blick in den komplexen Mechanismus totalitärer Systeme gestattet. Es ging beide Male um einen soeben abgeschlossenen Roman, den auf einigen wesentlichen Strecken anders zu schreiben der Verlag erfolglos von mir gefordert hatte. Er, der Verlag, reichte mich daraufhin gleichsam an die Securitate weiter. Und das war nun nicht mehr allein eine Frage meiner geistigen, sondern auch meiner physischen Freiheit. Beachten Sie, bitte, bei diesem Aspekt aus der Geschichte des Verhältnisses Autor -Verlag im 20. Jahrhundert unbedingt die Nahtlosigkeit der Kooperation zwischen Verlag und Staatssicherheitsdienst. Hatte mich jener mit seinem ideologischen Gebrabbel nicht von der Ã"nderungsbedürftigkeit des Romantextes überzeugen können, so wirkte dieser mit der Wucht militärisch uniformierten Nachdrucks auf mich ein - er war die System typische Steigerung des marxistischen Arguments. Was dabei herausschaute, war die Beschlagnahme des 1500-Seiten-Typo-skripts, das ich seither nicht mehr sah, das jedoch wiederzusehen mir seit einiger Zeit im nachrevolutionären Rumänien Hoffnung gemacht wird - ich bleibe skeptisch. Damit ich aber seinerzeit wegen des beschlagnahmten Typoskripts nicht allzu publik würde, wurde ich bald danach der Einfachheit halber selber 'beschlagnahmt", d.h. verhaftet - die ingeniöse Lösung gründet in der Regel im Einfachen. Ich hatte dann, wie gesagt, einige Jahre Zeit, in einsamer Klausur über die Abgründigkeit dieser frühen Erfahrung eines jungen, das Außenseitertum der kollektiven Marschordnung und jeglichem Gruppengefühl von Kindesbeinen an vorziehenden Autors in der Begegnung mit dem Phänomen 'Verlag" nachzudenken.
      Nun wäre es eine Unterlassung, die ebenfalls in jenem diktatorischen Staatsgebilde gemachte andere Erfahrung hier zu übergehen. Ich meine das flüsternd geführte Gespräch mit dem gutgesinnten Lektor oder Verlagsleiter. Ich meine dessen Warnung, dieses oder jenes Manuskript sofort wieder mit nach Hause zu nehmen, es zu vergraben, es zu verbrennen oder im Keller einzumauern. Ich meine das erschreckte Finger-auf-den-Mund-Legen bei einer zu kühnen, zu rebellischen Formulierung, u. ä. m. Ein solches Manuskript versteckte ich daher bei einem Freund. Der freilich verbrannte dies einzige Exemplar bei der Nachricht von meiner Verhaftung. Mein Verständnis dafür enthielt ich ihm schon allein aus Gründen historischer Bildung nicht vor - hat es doch Bücher- und Schriftenverbrennungen von jeher gegeben. 'Der Umgang mit der Wahrheit ist immer gefährlich", schrieb Ernest Hemingway. Unerläßlich also erscheint mir die Erwähnung der Verlagslektoren oder -leiter, die nicht zögerten, mit dem aufmüpfigen Autor die Konspiration einzugehen, um gemeinsam mit ihm seinenTexten jene verkappte Eindeutigkeit zu geben, die wohl den allmächtigen Bütteln, nicht aber dem Leser verborgen blieb. Welch herrliche Ãobereinkunft zwischen Autor, Verlag und Leser! Derlei Delikatessen sind Autoren, Verlagen und Lesern in der Hemisphäre westlicher demokratischer Narrenfreiheit unbekannt. Und so gehört denn auch die Erkenntnis hierher, daß alle politisch angestrebte Unfreiheit die Freiheit des Autors nicht anzutasten vermag, solange dieser sich selber nicht preisgibt. Ist denn der vor 600 Jahren geborene Jan von Eyck - erlauben Sie den Griff nach dem großen Beispiel - nicht bis heute ein überragender europäischer Maler, obgleich er sich starren kanonischen Vorschriften in der Bildauffassung und scholastisch festgelegten kirchlichen Symbolgehalten fügen mußte? Blieb Johann Sebastian Bachs Kunst der Fuge nicht bis heute die Krönung europäischer Musik, obgleich sich ihr Schöpfer, wie die moderne Bach-Forschung nachwies, buchstäblich bis in den letztenTakt des Riesenwerks an die strengen Vorgaben der Fugenform band? Und stellte nicht Goethe in einem Sonett fest: 'In der Beschränkung erst zeigt sich der Meister"? Ohne in die Maßstablosigkeit abzugleiten, sei hier zu unserem Thema gesagt: Was sich aus jener Geheimbündelei Autor -Verlag im kommunistischen Totalitarismus mitunter an meisterhafter Aussage, die aus der Beschränkung wuchs, herauskristallisierte, erscheint mir nicht nur der besonderen politischen Umstände wegen erwähnenswert, unter denen dort Literatur und Dichtung entstanden, sondern vor allem wegen deren Auswirkung u.a. auf das Sprachverständnis des Autors. So habe ich in diesem Sinne gelegentlich Betrachtungen darüber angestellt, daß z.B. das ebenso verklausulierte wie vertrackt sensible, im Grunde aus lauter Verstecken bestehende Kunstidiom meines Freundes 'Ossi" Pastior anders denn als eine Spielform der Reaktion auf jenen Literaturterror kaum denkbar ist, auch wenn Pastior es erst im Westen entwickeln konnte. Die andere Spielform aber: die Ubertölpelung der inquisitorischen Zensur mit der Pirouette der inhaltlichen Inversion, ist etwa, pars pro toto, in Christa Wolfs Kassandra nachzulesen. Ich habe vor Jahren angemerkt, daß hier Lyrik und Prosa in denTerrorstaaten des Ostens zweierleiWege einschlugen.
      Ausschließlich deshalb, weil ich vom Veranstalter expressis verbis aufgefordert worden bin, über das Persönliche meiner Erfahrungen zu sprechen, verweise ich an dieser Stelle die Kundigen auf meine 1957 in Bukarest erschienene, kurz davor preisgekrönte Novelle Fürst und Lautenschläger1, nicht nur m. E. ein klassischer Fall die Mächtigen mit den eigenen Waffen übertölpelnder Prosa; in irreführende Umstände eingebettet, ist in ihr der Satz zu lesen: 'Ich bin keine Hure und meine Kunst erst recht nicht!" - der aus meiner Sicht selbstmörderische Schlüsselsatz der Novelle. Männer wie der Germanist, Literatur- und Kunsthistoriker Harald Krasser und der Dichter Alfred Margul-Sperber, die als Jury-Mitglieder den Satz nicht nur durchgehen, sondern die Arbeit mit einer Preiszuerkennung honorieren ließen, riskierten ebenso wie nachher die verantwortliche Verlagsredakteurin M. Großmann in stummer Solidarität mit dem Autor Kopf und Kragen. Mein Respekt ist ihnen umso sicherer, als ich sie niemals zur Ãobereinstimmung aufgefordert hatte. Auch dies meinte ich, als ich von der Geheimbündelei zwischen Autor, Lektor und Verleger im totalitären Staat sprach.
      Es ist also, wie Sie sehen, ungemein schwierig, selbst unter besagten Umständen die eindeutige Grenze zwischen Verlag und Staatsgewalt, Lektor und Sicherheitsdienst-Offizier, literarischem und ideologischem Befinden, kurz: zwischen Kunst und Inquisition nachzuzeichnen. Gegebenenfalls aber haben wir es dabei mit einer Koppelung zu tun, die zu allen Zeiten ihre schauerliche Spur hinterließ. Eine erschrek-kende Erkenntnis, zeigt sie doch den Geist in der unmittelbaren Nähe der nackten Gewalt. Ich gebe zu, das Geheimnis der Möglichkeit einer Harmonisierung dieser Polarität oder deren Umschiffung niemals begriffen und mir dadurch immer wieder Bles-suren geholt zu haben. Doch ich gewann, ins Spannungsfeld hineingestellt, aufschlußreiche Einblicke nicht nur in Lektoren-, Verleger-, Zensoren- und Securitateoffiziers-, sondern überhaupt in Menschenseelen. Und ein erzählender Autor, der es ja mit Menschen zu tun hat, muß dafür dankbar sein. Ich bin es.
      Dann hatte mich freilich, 1968, der freie Westen. Als Autor Zwängen entronnen zu sein, die mir die Luft abgeschnürt hatten, beflügelte mich. Ich begann, gleichzeitig an zwei Büchern zu arbeiten. Ich machte mich an die von Grund auf neue Formulierung eines schon in Bukarest veröffentlichten Jugendromans, der dort in der Presse breit, genüßlich und, versteht sich, ausschließlich mit polit-ideologischem Argument bis zur Neige verrissen worden war: um die Ã-ffentlichkeit auf meine dritte Verhaftung vorzubereiten. D.h., der Verriß war vom Staatssicherheitsdienst angeordnet worden. Und ich begann außerdem, den Roman der Bewältigung meines Vierteljahrhunderts im alleinseligmachenden kommunistischen Sozialismus niederzuschreiben.
      Der Jugendroman. - Das Manuskript lag ein Jahr lang in einem Münchner Verlagshaus und verschaffte mir dann die Ehre einer Einladung ins Cheflektorat. Wo denn ich, der Rumäne, lautete die wesentliche Frage, 'ein so ausgezeichnetes Deutsch" gelernt hätte? . . . Bitte, das war 1968. Heute, 1990, weiß fast jeder Feuilletonist in Deutschlands Westen, daß es in Rumänien Deutsche gibt - unter ihnen eine Gruppe mit der ältesten europäischen Schulpflichttradition -. beziehungsweise bald gegeben haben wird, daß sie lesen, daß sie sogar schreiben können und, in Siebenbürgen, belegbar seit dem 15. Jahrhundert europaweit erfolgreiche Schriftsteller hervorbringen. Diese Entdeckungen sind sogar seit einigen Jahren für gewisse Feuilletonchefs und Verleger in Deutschland zu einer Modesache geworden. Damals aber, 1968, war das anders: Die Deutschen in und aus Rumänien hatten hierzulande keine oder lediglich eine miserable Presse - sicherlich auch eine Reaktion auf ihre propagandistische Ãoberzeichnung in den Jahren 1933-1945 -, man hatte hierzulande vergessen, daß sie das Opfer unseliger deutscher Politik waren, und man rief ihnen in jenen Jahren gelegentlich zu: In einer Welt derTendenz zum Internationalismus steht es euch Deutschrumänen gut an, keine Deutschen, sondern Rumänen zu sein ... Kurz, der Verlag legte mir nahe, mich aus Gründen der Buchreklameeffizienz als Rumäne bezeichnen zu lassen: 'Blendend deutschschreibender Rumäne ..." U. ä. m. Nun bin ich den Rumänen gut gesinnt, doch bin ich selber keiner. Mein uneinsichtiges Beharren auf den Realitäten verärgerte die Verlagsleute. Das Manuskript unter dem Arm, verließ ich das Haus und machte auf dem Heimweg eine Bekanntschaft, die es mir wieder abnahm. Zehn Tage später saß ich dem Cheflektor eines großen Münchner Hauses gegenüber. Das Buch erschien - auch hier allerdings nach einiger Verblüffung über den 'deutschschreibenden Rumänen" - und erreichte etwa zehn Auflagen. Diese neue Erfahrung im Umgang mit der Institution Verlag verwirrte mich erst recht: In Rumänien als Autor potentiell verdächtig, weil ich der Nation der Hitleristen angehörte, erwogen nun die Werbefachleute des deutschen Verlags, mich als Rumänen an den Mann zu bringen.
      Der Roman meiner Vergangenheitsbewältigung. - Nun ja, bin ich versucht zu sagen, dieses Romans Achillesferse war es, daß er keine nazistische, sondern eine sozialistische Vergangenheit zu bewältigen hatte, da dies dem historisch vorgegebenen Umstand entsprach. In den Augen deutscher Buchmacher so etwas wie ein unerhörtes Genre. Denn so sehr waren die literaturbestimmenden Deutschen auf die eigene düstere Vergangenheit der Jahre 1933-1945 fixiert, daß sie die ebenso düstere Gegenwart in unmittelbarer östlicher Nachbarschaft nicht gelten ließen. Etwa im kommunistischen Rumänien. Zum Hohn, meine ich, der Menschen, die dort litten. So überheblich egozentrisch waren sie von der singulären Wichtigkeit des eigenen Falles durchdrungen, daß sie die Not der anderen als zweitrangig mißachteten. Auch das eine Form der Arroganz, die mich, ähnlich jener der Jahre 1933-1945, schaudern machte. Die haben die geschichtliche Lektion nicht begriffen, dachte ich... Mein Romanmanuskript gammelte fast drei Jahre in einem Münchner Haus vor sich hin. Dann empfingen mich zwei blutjunge Germanisten, des Hauses angesehene Lektoren, und hielten mir einen freundlichen Vortrag über den politischen Zustand derWelt im allgemeinen und in Osteuropa im besonderen und über die ideologische Befruchtung, die dem Westen dorther regenerierend zufließe. Sieh an, dachte ich, wie ich über dieWelt belehrt werde, aus der ich komme. Dies erste Gespräch dauerte zwei, das zehnte und letzte nach drei Wochen fünf Stunden. Dann nahm ich das Manuskript, in dem ich 'einige Passagen" nach dem politischen Dafürhalten der milchbärtigen Lektoren hätte umschreiben müssen - war mir ähnliches nicht schon einmal im kommunistischen Bukarest passiert? -, und warf's vor Zorn daheim in eine Ecke. Nun fragen Sie mich, was denn geschehen war? In der Tat nichts, was mir hätte neu sein dürfen. In zehn Gesprächen - die Zahl belegt das Interesse des renommierten Hauses am Manuskript - war auch hier in München kein Wort zu Fragen derliterarischen Komponente meiner Arbeit gefallen, nein, es wurden ideologische Für und Wider erörtert und Weltanschauungen abgewogen. Jene Passagen umzuschreiben, hatte ich ablehnen müssen, hätte ich doch andernfalls Information, Erkenntnis und Botschaft des Romans im Kern verändert und als ein Gemälde der Realität in einem Land Südosteuropas untauglich, ja zur Farce gemacht. Die Gründe der Verlagsforderung: Es war die Zeit der Ceausescu-Euphorie - man lese die damalige deutsche Presse nach -, die westliche Unbelehrbarkeit hatte kafkaeske Züge. So verließ ich auch dies Haus mit dem Manuskript unter dem Arm. Ich schickte es an ein angesehenes Unternehmen in Frankfurt am Main. Ich erhielt es mit der Antwort wieder: Die von mir gezeichnete Horror-Welt sei zwar gut, doch wohl allzufrei erfunden ... Wie richtig das war! Denn der Securitate-Horror des Dezember 1989 überbot das 1970 in meinem Roman gezeichnete Ausmaß an Grauen ... Der Roman Der Tanz in Ketten erschien sieben Jahre nach seiner Niederschrift durch Zufall - ein Freund in Ã-sterreich hatte einen Verlag gegründet.

     
   Der politischen Belehrungen durch Deutsche überdrüssig, überließ ich ihm das Manuskript. Veröffentlicht, erregte Der Tanz in Ketten einiges Aufsehen und wird zur Zeit ins Rumänische übersetzt14, denn, so der rumänische Verleger, 'er enthält die leidvolle Vorgeschichte der Dezember-1989-Revolution, er enthält all das, was bei uns in Rumänien nicht geschrieben werden konnte".
      Zu dieser neuen Erfahrung aber des Umgangs mit dem PhänomenVerlag gehört noch etwas: Die Wiener AZ bezeichnete den Autor des Romans Der Tanz in Ketten als einen 'Altösterreicher" - gibt doch das Buch Kunde von schrecklichen Zuständen in einer einst glücklicheren habsburgischen Kronprovinz. Die FAZ hingegen zählte mich zur rumänischen Literatur16; u.a.m. Damit erfuhren die Variationen meiner Verwirrung abermalige Bereicherung: War ich in Rumänien als Autor ein mißliebiger Deutscher aus Siebenbürgen gewesen und hatte mich ein westdeutscher Verleger öffentlich zum Rumänen erklären wollen, so erkannte nun eine Wiener Kritikerin in mir einen Altösterreicher wieder, und ein Schweizer Rezensent der FAZ schlug mein Buch dem Schrifttum der Rumänen zu.
      Vom Anekdotischen weg: Abgesehen vom Umstand, daß mir, dem belletristischen Autor, nun auch in Deutschland nicht das literarische, sondern das ideologische Verlagsgespräch begegnete, ist hier festzuhalten, daß in den sechziger, siebziger Jahren bei bedeutenden deutschen Verlagen die Zeit offensichtlich nicht reif und ein miserabler Informationsstand für die Aufnahme objektiver Mitteilung über Verhältnisse im Südosten hinderlich war. Gebannt von der Illusion des Arrangements mit dem Kommunismus, waren nicht wenige Verleger und Lektoren, Redakteure und Feuilletonchefs abgeneigt, von uns damals aus dem Südosten eingetroffenen Autoren realistisch informiert zu werden. Unsere Information paßte nicht in ihrWelt- oder Geschäftsbild. Ich erinnere lediglich an die in einem der bekanntesten deutschen Verlagshäuser erschienene, fast hymnische Ceausescu-Biographie. Dabei hatte das Scheusal damals längst blutige Hände: dieToten der unter seiner Federführung in den fünfziger Jahren durchgeführten Landwirtschafts-Kollektivierung, dieToten der von ihm verantwortlich geleiteten Universitätszusammenlegung in Klausenburg, dieToten und Gefolterten der von ihm kontrollierten 'reeducare" studentischer Jugend in den Gefängnissen u. a. In Deutschland wollten die marktbestimmenden Verlage davon nichts hören, als wir paar deutsche Autoren aus Rumänien Ende der sechziger Jahre hier eintrafen und es mitteilten. Ich scheue mich daher nicht zu sagen, daß ich nach der Staatsdiktatur im sozialistischen Rumänien in Deutschlands Westen eine ideologisch motivierte Verlagspolitik von privater Hand kennenlernte, deren Behaf-tung mit autoritär in die Gesellschaft hineinwirkenden Zügen unleugbar ist. Ã"ußert sich darin nicht ein Merkmal deutscher Literatur, das in West und Ost oft als befremdend empfunden wird: die politische Erreiferung sei ihr wichtiger als das reale Faktum und die künstlerische Qualität?
Hier sei aber auch von einem Aspekt die Rede, den die erst in den letzten Jahren aus Rumänien hierher gekommenen jüngeren Autoren ebenfalls nicht mehr kennenlernten. Ich meine die noch Ende der sechziger Jahre in manchem deutschen Verlag wache Erinnerung an NS-Blut-und-Boden-Dichter aus den ehemaligen deutschen Siedlungsgebieten Südosteuropas. Bei einem damals hundert Jahre alten, seit der Nachkriegszeit auch in München vertretenen deutschen Verlag, dem ich ein Buchmanuskript monographischen Inhalts vorlegte, wurde mir einer der um 1900 geborenen südostdeutschen Autoren gleichsam zur Begrüßung maliziös um die Ohren gehauen. Ich überstand die seltsame Sippenhaftung, begriff aber auch diese Spielform des Phänomens Verlag als Einrichtung mit potentieller Machtposition.
      Ich komme abschließend auf Freundlicheres zu sprechen, d. h., ich verschwiege Wesentliches, wollte ich nach dem vorangeganenen Hinweis auf entsprechende Begegnungen in Rumänien nicht ebenso den tröstlichen Umgang mit Verlagsmenschen in Ã-sterreich und Deutschland erwähnen. Sie gaben mir jenseits der kapitalistischen Verlegerfaustregel und der sozialistischen Ideologievernarrtheit das Vertrauen in jene Institution immer wieder, ohne die der Autor ein Manuskriptbesitzer bliebe. Ich lernte Lektoren von immensem Kunstverstand und -gefühl kennen, die in der Behandlung der Skripta behutsam, ja weise vorzugehen vermochten. Sie besprachen mit mir während vieler Stunden oder Tage Genauigkeit und Vibration der Texte, prüften die Kraft ihrer sprachlichen Architektur und eröffneten meinen Gedanken neue Horizonte, indem sie zu Verdichtung oder Auflockerung rieten. Ich bin ihnen nicht allein meinetwegen dankbar, sondern weil sie die Welt der Verlage immer wieder vor derVer-suchung bewahren, zu Buchfabriken zu werden.
     

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